Ansprache zur Festversammlung am 30.11. 1997 anläßlich der Jahrestagung der WBL in Köln

Authorisierte Fassung des gesprochenen Wortes

Sehr geehrter Herr Staatssekretär Neumann, sehr geehrter Herr Staatssekretär Lieb, lieber Herr Kollege Frühwald,

ich möchte zunächst Ihnen sehr herzlich für Ihre freundlichen, ermunternden z.T. auch kritisch ermahnenden Grußworte danken. Wir brauchen solche Anregung, kritische Wegweisung und Unterstützung und fühlen uns bestärkt in unserer Anstrengung, einen anerkannten Platz und ein eigenes Profil mit hohem Qualitätsstandards unter den Wissenschaftsorganisationen zu erringen. Als vierter Redner in dieser Reihe hat man es natürlich stets etwas schwerer, ist doch meist das Wichtigste schon gesagt. Vieles von dem aber, was Sie angesprochen haben, ist für die Wissenschaftsgemeinschaft Blaue Liste so bedeutend, daß ich eine gewisse Wiederholung nicht scheuen muß.

Werte Festversammlung, liebe Kollegen und Kolleginnen, verehrte Gäste,

Jahrestagungen und Mitgliederversammlungen von Wissenschaftsorganisationen geben stets Anlaß zu Rückblick und Ausblick, zu Besinnung und Planung, aber auch zum Austausch von Meinungen und Ideen. Bei unserer jungen Organisation, die sich bislang noch nicht in eingefahrenen Gleisen bewegt, sind Jahrestagungen stets auch Meilen- und Prüfsteine unserer Entwicklung und wollen eine Stimmung des Aufbruchs und der Zuversicht verbreiten.

Dies ist um so wichtiger als der Wissenschaft ein harter Wind ins Gesicht bläst in diesem Lande. Trotz verbaler Bekenntnisse hochrangiger Politiker und Repräsentanten der Wirtschaft zur Bedeutung der Wissenschaft für unsere Innovationsfähigkeit, sinken die Aufwendungen für Forschung und Entwicklung, orientiert sich die Industrie zunehmend ins Ausland, wird es für Wissenschaftspolitiker immer schwieriger. Die Zahlen sind bekannt: Von 2.9% BIP sind wir auf unter 2.3% bei F&E gesunken, von Platz zwei oder drei der Weltrangliste auf Platz 7 bis 9.

Die Finanznöte der öffentlichen Haushalte füllen täglich die Leitartikel, mit Steigerungen im Forschungssektor ist derzeit gewiß nicht zu rechnen und nur wer eine starke Lobby hat, kann überhaupt überleben. Am stärksten getroffen sind die Hochschulen, selbst in reichen Bundesländern, vom desaströsen Abbau in Ländern wie Berlin gar nicht zu reden. Da richtet sich natürlich der Blick auf die außeruniversitäre Forschung, der es vermeintlich so viel besser gehe, und die man entsprechend beschneiden müsse. Die Einrichtungen der Blauen Liste, in der wissenschaftlichen Öffentlichkeit vielfach noch immer als leicht disponibles Sammelkonto der Unzulänglichkeiten mißverstanden, geraten da als erste ins Visier.

Um nicht als mißgünstig mißverstanden zu werden, und ich spreche hier die Vertreter der anderen außeruniversitären Forschungseinrichtungen unter unseren Festgästen an: Wir wollen unser Verhältnis zu Ihnen nicht durch Neidgefühle trüben lassen, zumal die Lage überall wenig erfreulich ist.

Besonders problematisch ist dabei die Reduzierung des Zuwachses bei der DFG von 5 auf unter 4 %, wenn der Bundestag nicht in letzter Minute das Ruder noch umkehrt, was wir alle hoffen. Dies nicht rückgängig zu machen, wäre schwer vermittelbar, zumal es offenbar keine unmittelbaren finanziellen Zwänge an dieser Stelle gab. Schließlich kommen doch die der DFG zugewiesenen Mittel letztlich der gesamten Wissenschaft zugute und an Stelle von Lippenbekenntnissen zur Bedeutung der Forschung und zu mehr Wettbewerb ließe sich dort doch besonders preiswert und überzeugend eine wirkliche Entschlossenheit zum Handeln dokumentieren. Vor allem, wenn man bedenkt, daß die DFG derzeit nur etwa 7-8% aller öffentlichen Forschungsmittel vergibt, und mit welch unübertroffener, weltweit bewunderter Effizienz sie dies tut.

Der Ruf nach mehr Wettbewerb und nach Beseitigung von erstarrten Strukturen ist dennoch massiv, und gewiß auch berechtigt. Die Vorsitzende des Wissenschaftsrats prägt das Wort von einer 'Kultur der Schließungen', welche nötig sei, um die Forschungslandschaft gerade in Zeiten des knappen Geldes effizienter und effektiver zu gestalten, wichtiges Neues zu ermöglichen und weniger Ertragreiches zu beenden. Eng damit verbunden ist aber auch die, insbesondere aus Kreisen der Industrie, lautstark vorgetragene Forderung nach Abbau der institutionellen Förderung, nach Zielorientierung der Forschungsanstrengungen, nach wirtschaftswirksamen Einsatz der Forschungsmittel, nach der viel beschworenen 'raschen Umsetzung von Forschungsergebnissen in neue Produkte', nach Konzentration der Mittel auf Schlüsselthemen und Kompetenzfelder.

Freilich sind selbst in den eigenen Reihen heute nur wenige noch Willens oder in der Lage zu vertreten und zu vermitteln, was den Wesenskern von Forschung im Vergleich zur Produktentwicklung, was Wissenschaft im Gegensatz zu Marketing ausmacht: die Bedingtheiten und Unwägbarkeiten für wirkliche wissenschaftliche Kreativität, die Notwendigkeiten von langfristiger Kontinuität und Verläßlichkeit von Infrastrukturen und Netzwerken, die Unabhängigkeit von kurzfristigen Modetrends, die Neugierde auf das Unbekannte, auch Unvermutete, das Risiko beim Betreten von Neuland, die glückliche Überraschung (die Serendipity, wie es auf Englisch so schön heißt) und vor allem auch die Bedeutung von gesellschaftlicher und geistiger Innovation als unverzichtbares Gegenstück zum technischen Fortschritt. Allzu leichtfertig verkünden auch Kollegen zunehmend die Notwendigkeit der Marktorientiertheit unserer Forschungsansätze, stimmen in den Chor des Nützlichkeitsdenkens ein - so als ob dies allein unser Land im allgemeinen und die deutsche Wirtschaft im besonderen retten könnte.

Um nicht mißverstanden zu werden: ich plädiere nachdrücklich dafür, die Anwendung und gesellschaftliche Relevanz von Forschung und Wissenschaft stets im Auge zu haben, den Brückenschlag zwischen Erkenntnissuche und technischer Entwicklung mit neuen Ansätzen zu vollziehen, Offenheit und Kontaktfreudigkeit von Forschern mit der Praxis zu fördern, ich freue mich, wenn wir viele Patente machen und möchte dazu beitragen, jungen Menschen zu vermitteln, daß unternehmerische Selbständigkeit eine spannende Alternative zum Lebenszeitbeamten oder -angestellten ist, daß wir einen neuen Gründergeist brauchen. Ich warne aber nachdrücklich davor, dies als einzigen Heilsweg für die deutschen Wissenschaftslandschaft zu sehen und damit die Grundbedingungen für deren langfristige gedeihliche Entwicklung zu zerstören.

Lassen Sie mich hierzu einen Zeitzeugen der großen Epoche der Erfindungen und Unternehmensgründungen zu Worte kommen, den Physiker Ernst Mach, der 1895 in Wien seine Antrittsvorlesung über das Thema "Der Einfluß zufälliger Umstände auf die Entwicklung von Erfindungen und Entdeckungen" hielt. Zwar könne der Zufall allein keine Erfindung zu stande bringen. Der Mensch müsse die Fähigkeit haben, Erfahrungen zu machen. Wir würden dies heute bei hinreichender institutioneller Forschungsförderung als gegeben ansehen. Aber: "Die Erschließung neuer, bislang unbekannter Thatsachengebiete kann nur durch zufällige Umstände herbeigeführt werden, unter welchen eben die gewöhnlich unbemerkten Thatsachen merkbar werden. Die Leistung des Entdeckers liegt hier in der scharfen Aufmerksamkeit, welche das Ungewöhnliche des Vorkommnisses und der bedingten Umstände schon in den Spuren wahrnimmt und die Wege erkennt, auf welchen man zur vollen Beobachtung kommt." Dies, so Mach, sei seit Anbeginn der Technikentwicklung der Menschheit, also seit der ersten Feuerstelle nicht anders gewesen.

Dem ist auch heute nichts hinzuzufügen. Wer also von 'Outputsteuerung' im Bereich der Forschung spricht und damit glaubt, den Verwertbarkeitsanteil von Forschungsergebnissen erhöhen zu können, ist nicht ultramodern, sondern vergißt oder will es nicht wahr haben, daß die meisten wirklich wichtigen Entdeckungen und Erfindungen nicht gemacht worden wären, hätte man zunächst eine Marktanalyse vorgenommen, - das Telefon, die Radiowellen, der Personalcomputer, ja selbst die schlichte Büroklammer ebenso wie das schon hinlänglich besprochene FAX sind beredte Beispiele hierfür.

Viel Beifall fand die Berliner Rede des Bundespräsidenten, in welcher Roman Herzog die Notwendigkeit von Veränderung, von Veränderungswilligkeit ('Es muß ein Ruck durch unser Land gehen) beschwor. An welchem Beispiel aber könnte eindrucksvoller dokumentiert werden, wie schwierig solches Unterfangen in diesem Lande ist, als gerade an der Blauen Liste in all ihrer Vielfalt und Abhängigkeit von politischen Einflüssen und Befindlichkeiten. Die Diskussion um die Umsetzungen der Rüttgers'schen Leitlinien, der massive Widerstand der Finanzseite gegen selbst marginale Verbesserungen der für ein modernes Wissenschaftsmanagment unbrauchbaren, verkrampften fiskalischen Haushaltsregeln, das zähe Ringen zwischen Bund und Ländern - nicht um die inhaltlichen Notwendigkeiten, sondern um die Details des Vollzuges und die Verkündung des Erfolgs - ist bester Beleg dafür. Wir stecken also mitten drin in der Debatte um den Standort Deutschland. An uns und mit uns, der angreifbaren, noch wenig geschlossenen und verfaßten Wissenschaftsgemeinschaft kann man tunlichst erproben, was man anderenorts nicht zu versuchen wagt. Dies ist Gefahr, Chance und Herausforderung zugleich für die Blaue Liste!

Was geschieht also mit uns und welche Möglichkeit haben wir, darauf zu reagieren - oder besser: wie können wir von Betroffenen zu Handelnden werden?

Meine Damen und Herren, das Förderinstrument blaue Liste wird nur überleben, wenn es sich als reformwillig und beweglich erweist! Wir müssen uns unmißverständlich, deutlich und öffentlich sichtbar dem Wettbewerb stellen, wie er in dem jetzt zwischen Bund und Ländern gefundenen Konsens vorgezeichnet ist, wir müssen unsere eigenen Qualitätssicherungssysteme aufbauen, eine eigene, ganz spezifische Identität als Wissenschaftsorganisation gewinnen und einen charakteristischen Platz in der Forschungslandschaft überzeugend belegen.

In diesem Sinne haben wir vor einem Jahr darum gerungen, wie wir uns konstruktiv und strategisch wirkungsvoll in die Diskussion um die Entwicklung der deutschen Forschungslandschaft einbringen könnten. Wir haben damals drei wichtige Beschlüsse gefaßt:

  1. Ja zu sagen zu mehr Wettbewerb und Flexibilität in der speziellen, politisch gewollten Ausprägung - gekoppelt mit dem Versuch, finanzielle Einschnitte in unsere Grundausstattung erträglich zu halten;
  2. die Bildung eines Senates, insbesondere für die künftige externe Qualitätssicherung, vorzubereiten;
  3. uns Leibniz, den Philosophen und Naturforscher, als Namenspatron zu zueignen.

Dies in eine Satzung zu fassen und mit Leben zu füllen ist daher Hauptgegenstand unserer diesjährigen Mitgliederversammlung. Sie steht gleichzeitig im Schlaglicht des gerade von den 16 Ministerpräsidenten der Länder zustimmend zur Kenntnis genommenen Beschlusses der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK) zur 'Sicherung der Qualität der Forschung'. Erlauben Sie mir, daß ich zu diesen Themenkreisen einige grundsätzliche Ausführungen mache. Lassen Sie mich mit Leibniz beginnen.

Gottfried Wilhelm Leibniz, 1646-1716, verkörpert als der wohl letzte große Universalgelehrte die ganze Bandbreite der Wissenschaft. Er entspricht damit in einzigartiger Weise der Vielfalt der Forschungs- und Servicetätigkeiten der Institute der künftigen Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz (WGL) – von den Geisteswissenschaften bis zu den Ingenieurwissenschaften. Er war als langjähriger Leiter einer - so würden wir es heute sagen - „Serviceeinrichtung für die Forschung“ (Bibliothekar der Herzöge von Braunschweig-Lüneburg in Hannover, Bibliotheksdirektor in Wolfenbüttel) auch diesem Aspekt der Tätigkeit von 17 unserer Institute verbunden. Leibniz hat als Grundlagenforscher gewirkt, gleichzeitig aber immer wieder auf die Notwendigkeit, auch anwendungsorientiert zu forschen, hingewiesen. Sein theoria cum praxi, wie wir es heute für unsere Wissenschaftsgemeinschaft in Anspruch nehmen, hatte ich schon auf unserer letzten Jahresversammlung mit einem Zitat belegt.

Weniger bekannt ist ein weiterer Aspekt seines Wirkens, der ihn mit uns verbindet: Wissenschaftliche Politikberatung, der ja viele unserer Institute verpflichtet sind, und zu der sich der große Gelehrte stets intensiv hingezogen fühlte. Kaiser Leopold dem I. legte er 1688 in Wien dar, wie er von jugend auff mein gemüth auf labores Reipublicae profuturos gerichtet gehabt, mit hintansezung eitler delectationen, da sonst denen Menschen die zeit wegzunehmen pflegen, und sonderlich dahin bedacht gewesen bin, wie ich etwas außfinden möchte, durch dessen evidenten und großen Nuzen ein hohes Haupt zur protegirung guther gedancken inflammiret werden möchte.

Unsere Wissenschaftsgemeinschaft, noch auf dem Wege ihr Profil zu formen, sichtbar zu machen und sich damit zu identifizieren, braucht so etwas wie ein wissenschaftliches Eros, welches emotional verbindet - auf neudeutsch: wir müssen, eine corporate identity entwickeln. Kein anderer Name wäre dafür geeigneter als Leibniz. Der Qualitätsanspruch, der daraus resultiert, ist freilich eine Herausforderung, der wir uns stellen müssen, an der man uns in Zukunft messen wird. Dies ist Ansporn und Verpflichtung zugleich. Ich betone dies hier ausdrücklich, sozusagen vor Zeugen. Wir sind uns bewußt, daß wir bislang noch nicht in jedem Falle, ja vielleicht oftmals auch erst nur in Ansätzen, dieser Verpflichtung zur Exzellenz gerecht werden, und bitten gleichzeitig um Nachsicht, verehrte Festgäste, für eine gewisse Periode des Werdens, der Wandlung und des Reifens.

Gegenwärtig, dies ist ja bekannt, evaluiert der Wissenschaftsrat alle Einrichtungen der Blauen Liste in einem transparenten, komparativen und sehr strengen Verfahren. Wir begrüßen diese Bewertung, aus der die künftigen Leibniz-Institute gestärkt und verjüngt hervorgehen werden, nachdrücklich. Eine gewisse, freilich meist respektvolle Kritik wird auf politischer Seite gelegentlich dort artikuliert, wo bereits Negativempfehlungen ausgesprochen wurden. Die Repräsentanten der WBL, die in der einen oder anderen Form als beobachtende Gäste involviert sind, können die große Sorgfalt der Geschäftsstelle des Wissenschaftsrats, das Verantwortungsbewußtsein der Akteure und die Ausgewogenheit des Verfahrens durchweg bestätigen.

Dennoch nehmen wir aus dieser Erfahrung gewisse Verbesserungsvorschläge für die Zukunft mit, die wir in künftige eigene Verfahren einbringen wollen. So muß man doch gelegentlich hinterfragen, ob es wirklich in allen Fällen weise ist, die Blaue-Liste-Institute fast ausschließlich durch (z.T. junge und 'hungrige') Hochschullehrer evaluieren zu lassen - in einer Zeit, wo die gesamte außeruniversitäre Forschung, wie oben skizziert, zunehmend Stein des Anstoßes der von Schrumpfungsprozessen gebeutelten Universitäten wird. Dennoch: Präsident und Präsidium der WBL stehen zur Evaluierung. Deren Umsetzung wird der künftigen WGL das Standing geben, mit welchem sie ihrem Namenspatron zur Ehre gereichen kann!

In diesem Sinne wollen wir diese Jahrestagung nicht nur dazu benutzen, über wissenschaftspolitische und allgemeine Fragen unserer Gemeinschaft zu beraten und zu entscheiden, sondern auch dazu, inhaltlich miteinander über unsere wissenschaftliche Arbeit zu sprechen und gleichzeitig die Öffentlichkeit über das zu informieren, was wir tun und was das Besondere daran ist. Die gestrige wissenschaftliche Tagung 'Globalisierung und Forschung' bot hierfür wieder eine hervorragende Plattform, die wir - so meine ich - mit großem Erfolg und Gewinn für alle Beteiligten und Gäste genutzt haben. Es zeigt sich einmal mehr, daß die oft kritisierte Heterogenität der Blauen Liste - man sollte viel richtiger von 'Vielfalt' sprechen - letztlich eine unserer wesentlichen Stärken ist, die wir sinnvoll nutzen wollen und können, um wichtige, gesellschaftlich besonders relevante und aktuelle Fragen wissenschaftlich zu untersuchen, aufzuarbeiten und zu präsentieren. Wer 'Transdisziplinarität' sagt, der sollte in Zukunft ganz natürlich auf die Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz weisen können und auf deren Bemühen, an ausgewählten Beispielen das Zusammenwirken vieler Wissensgebiete zu demonstrieren und zu dokumentieren.

Schon die Themenspanne der gestrigen Tagung machte deutlich, daß in unserer modernen, wissensbasierten Welt die verschiedenen Akteure der Forschung zunehmend aufeinander angewiesen sind, wenn sie sich nicht in ihren fachlichen Spezialitäten verlieren wollen. Neben den klassischen Begriffen der erkenntnisorientierten und angewandten Forschung, die wir miteinander verbinden, werden auch Kategorien wie Entwicklung und Dienstleistung oder Museum und Öffentlichkeitsarbeit zunehmend unschärfer und müssen letztlich einem global vernetzten Zusammenwirken der Disziplinen und Methoden weichen. In unserer Wissenschaftsgemeinschaft sind all diese Aspekte vereint und wir können darauf aufbauend ein ganz eigenes Selbstverständnis und Selbstbewußtsein entwickeln und eine ganz spezifische Rolle im Konzert der Wissenschaftsorganisationen spielen.

Auch bei diesem Festakt darf ein kleiner Exkurs in die wissenschaftliche Arbeit der Institute nicht fehlen. Natürlich möchte ich die werte Festversammlung nicht mit einer Aufzählung von Forschungsergebnissen und Höhepunkten der Arbeit aus 76 Mitgliedseinrichtungen langweilen - so spannend diese Ergebnisse im einzelnen auch sind, ihre schiere Fülle würde doch erdrücken. Ich möchte also nur stichwortartig einen ganz kleinen Strauß der Früchte unserer Arbeit präsentieren, der wiederum die Vielfalt unseres Tuns illustriert.

Ich beginne bei unserer Umweltsektion, wo z.B. im Rahmen eines Innovationskollegs das Institut für Agrartechnik Bornim die ökonomischen Auswirkungen der land- und forstwirtschaftlichen Nutzung von ehemaligen Abraumhalden im Lausitzer Bergbaurevier untersucht. Ein Projekt mit weitreichendem Beispielcharakter etwa für die künftige Umgestaltung vergleichbarer Reviere in den mittelosteuropäischen Staaten.

Das Institut für Ostseeforschung in Warnemünde konnte in einem Letter to Nature detailliert berichten, welch massive Effekte auf den Nährstoffeintrag ins schwarze Meer das 'Eiserne Tor', der große Donaustaudamm seit seiner Eröffnung im Jahre 1972 hatte. Das gesamte Nahrungsnetz des Schwarzen Meers bis zu 1000 km von der Donaumündung entfernt, ist vermutlich davon betroffen. Die hier vorgestellten Untersuchungen haben daher globale Bedeutung für Küstenökosysteme.

Viel weiter, nämlich ins Weltall hinein, blickt das Astrophysikalische Institut Potsdam, ein Institut der Sektion, Mathematik, Natur- und Ingenieurwissenschaften. Das AIP bereitet in einer internationalen Kooperation eine Renaissance der erdgebundenen Teleskope den Weg. Mit dem LBT, einem Verbund von zwei 8,4 m Spiegeln, die mit modernster optischer Technik (adaptive Optik, Speckle Interferometrie) ausgestattet auf dem 3230 m hohen Mt. Graham in Arizona aufgestellt werden, kann im Infraroten eine zehnmal bessere Auflösung erreicht werden, als sie das im Weltraum postierte Hubble-Space-Teleskop derzeit erzielt.

Im Forschungszentrum Rossendorf war das wichtigste Highlight, die Eröffnung des ersten PET Zentrums in den neuen Bundesländern, wo mit Positronen-Emissionen-Tomographie Stoffwechselvorgänge im Hirn untersucht werden können. Es wird gemeinsam mit dem Klinikum der TU-Dresden betrieben und dokumentiert in schöner Weise die Zusammenarbeit zwischen Universität und einer WBL-Einrichtung und illustriert zugleich die Anwendung einer hoch komplexen experimentalphysikalischen Methodik in der Krankenversorgung.

Hautnah am technischen Produkt und dennoch auf die Ergebnisse der Grundlagenforschung direkt aufbauend, arbeitet das Dresdner Institut für Polymerforschung, das gemeinsam mit einem namhaften Chemieunternehmen einen neuen, leichteren und besser verarbeitbaren Kunststoff, ELASTOBLEND, für viele Anwendungsbereiche entwickelt hat, der jetzt am Markt eingeführt wird.

Aus der Sektion C, Lebenswissenschaften sei das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg genannt. Hier konnte ein spezielles Molekül identifiziert werden, welches sich auf dem Erreger der Amöbenruhr anfindet. Es wird nur vom Immunsystem solcher Personen erkannt, die immun gegen die Amöbenruhr sind, die also einen Antikörper im Serum haben, der mit diesem Molekül reagiert. Somit ist das Molekül ein potentieller Impfstoffkandidat.

Am Institut für molekulare Biotechnologie in Jena fand man eine schnelle Methode zur Erkennung spezieller Veränderungen der DNA-Sequenzen. Dabei wird die zeitaufgelöste Fluoreszenzspektroskopie benutzt. Die Methode ist für Screeningverfahren geeignet und konnte erfolgreich für den Nachweis der zystischen Fibrose eingesetzt werden.

Magdeburg entwickelt sich zu einem Standort der Neurobiologie. Unser Institut für Neurobiologie spielt dabei eine wichtige Schlüsselrolle. Erforscht werden die sog. limbischen Strukturen des Gehirns. Mit Hilfe der funktionellen Kernspintomographie konnten erstmals Strukturen sichtbar gemacht werden, die an der Erkennung des Emotionsgehalts von Sprache beteiligt sind. Das direkte klinische Interesse hieran ist evident, so etwa bei Störungen dieser Funktionen durch Schizophrenie.

Das Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung ist stolz auf eine noch für dieses Jahr geplante Ausgründung im Bereich der Biotechnologie in Gatersleben. Grundlage dafür ist ein neues, kostengünstiges Herstellungsverfahren für bestimmte Antikörper aus Blättern und Samen von Tabak- und Erbsenpflanzen, das im IPK gefunden wurde.

Aus der Sektion B erfreuen sich die Arbeiten unserer Wirtschaftsforschungsinstitute hoher öffentlicher Aufmerksamkeit. Wichtig wäre freilich noch zu ergänzen, daß zu dieser Sektion auch sozial- und raumwissenschaftliche Institute gehören, die z.B. so praktische Probleme wie "die Zukunft der Platte" behandeln. Hinter diesem Titel verbirgt sich nicht mehr und nicht weniger als eine grundlegende Untersuchung des Instituts für Regionalentwicklung und Strukturplanung in Erkner (Brandenburg) zur künftigen Nutzbarkeit der industriell gefertigten Plattenbauten. Ein Viertel der Bevölkerung in den neuen Bundesländern lebt in solchen Bauten, in Osteuropa sind es ca. 30 Mio. Menschen.

Ich ende diesen Reigen mit unserem Institut für Deutsche Sprache (IdS), einem Beispiel aus unserer Sektion A, Geisteswissenschaften und Bildungsforschung. Ich bin mir dabei sehr wohl der Emotionalitäten bewußt, die ich damit wecken könnte. Gerade dieses Beispiel illustriert aber nachdrücklich - Sie können es täglich in der Zeitung verfolgen - wie schwierig es heute ist, so etwas wie wissenschaftliche Politikberatung sachbezogen, qualitätsvoll und konfliktfrei zu leisten. Am IdS ist nicht nur gerade mit der "Grammatik der deutschen Sprache" die umfangreichste moderne wissenschaftliche Beschreibung der deutschen Sprache erfolgreich abgeschlossen worden (das Werk erscheint in diesem Herbst in drei Bänden im Buchhandel), das IdS ist auch - Sie werden es schon erraten haben- maßgeblich an der Reform der deutschen Rechtschreibung beteiligt und ist Sitz der zwischenstaatlichen Kommission, welche die Umsetzung der Reform wissenschaftlich begleiten soll. Ich versage mir hier einen Kommentar zur Reformfähigkeit unseres Landes, wir haben das Thema vorhin ja in anderem Zusammenhang schon gestreift, erlaube mir aber zu erwähnen, daß das derzeit gebotene Schauspiel für ein auf Internationalisierung bedachtes Land wenig hilfreich ist. Ausländische Mitarbeiter und Gäste (deutschsprachig oder nicht) verfolgen diese Version des Model Deutschland entweder mit ungläubigem Staunen oder schadenfroher Häme. Wir hatten verstanden, daß hier in jahrelanger Arbeit die besten Experten aus drei Ländern ein maßvolles, und wie die erste Erprobung in den Schulen zeigt auch sinnvolles, Reförmchen vorgeschlagen hatten. Vergleicht man dieses etwa mit der Orthographie unseres designierten Namenspatrons vor 300 Jahren oder mit der von Ernst Mach vor 100 Jahren, so fällt es wahrhaftig schwer zu verstehen, was da Land auf Land ab z.Zt. die Gerichte bewegt, ansonsten als progressiv bekannte Dichter zum Bannstrahl greifen läßt, 16 Ministerpräsidenten einen halben Tag lang beschäftigt und die Beratung der 'Sicherung der Qualität der Forschung' darob zur Nebensächlichkeit deklassiert.

Dies bringt uns also zurück zur aktuellen Forschungspolitik.

Die Ministerpräsidenten der Länder haben sich in ihrer Sitzung am 22./23. Oktober auf den Beschluß der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung vom 2. Juni 1997 in einer leicht modifizierten Fassung geeinigt. Ich gehe davon aus, daß der Bundeskanzler dem zeitnah ebenfalls zustimmt, so daß der Weg für eine zügige Umsetzung ab 1998 jetzt endgültig frei ist. Dies bedeutet für die Mitglieder der WBL zusammenfassend folgendes:

  1. Öffnung der DFG und Abgabe von 2,5% der Haushaltsmittel.
  2. Stärkere Haushaltsflexibilisierung.
  3. Zuweisungsverfahren an die Länder.
  4. Einführung von Instrumenten zur verstärkten Qualitätsbewertung.

Ich will kurz auf einige wichtige Aspekte eingehen.

Die Verfahren der DFG sollen für Anträge der WBL Institute auch auf dem jeweiligen Hauptarbeitsgebiet geöffnet werden. Anträge aus WBL-Einrichtungen werden in Zukunft wie solche aus den Hochschulen behandelt. Damit verbunden ist die Abgabe von 2,5 % der gemeinsamen Haushaltszuwendungen von Bund und Ländern (abzüglich Bauinvestitionen) an die DFG mit gewissen Ausnahmen. Die Regelung gilt zunächst für 3 Jahre. Eine Erprobungsphase also!

Erlaubt sei hier der Hinweis, daß diese Reduktion der ursprünglich avisierten Umwidmung von Mitteln in Höhe von 5 % auf jetzt 2,5 % ein ganz wichtiges Ergebnis der Verhandlungen war. Auch 2,5 % Abgabe fallen uns immer noch sehr schwer. Nicht nur sind unsere Institutshaushalte über viele Jahre hinweg ausgetrocknet (vornehm: überrollt) worden, wir erleiden auch jährlich in vollem Umfang die finanzpolitisch vorgegebene Stellenabgabe von 1-2 % - und sind somit seit 1990 effektiv um 10 bis 20 % reduziert worden. Und gerade eben im Oktober wurden wir wiederum von einer Minderabgabe in Höhe von 1% des Jahresetats überrascht. Die Grundausstattung liegt also am unteren Anschlag. Gerade die DFG macht diese aber ja stets zur Voraussetzung ihrer Förderung. Dies soll dennoch kein Klaglied werden!

Es liegt jetzt an uns, das beste daraus zu machen und dies als neue Chance zu verstehen. Der dadurch stimulierte Wettbewerb untereinander wie auch mit den Hochschulen wird, - davon bin ich überzeugt - nicht ruinös sein. Gerade die Hochschulen möchte ich beruhigen. Wir sind, dies läßt sich durch Zahlen belegen, keineswegs wesentlich besser ausgestattet als der Durchschnitt der Universitäten. So sind insbesondere in den neuen Bundesländern die Institute bei ihrer Gründung meist nur mit einer Minimalaustattung versehen worden, mit dem Hinweis, daß sie einen erheblichen Teil ihres Haushalts über Drittmittel einwerben sollen, insbesondere auch bei den großen Drittmittelgebern. Mit der Möglichkeit, nun erstmals auch in den Hauptarbeitsgebieten Anträge bei der DFG stellen zu dürfen, entfällt also geradezu ein Geburtsfehler vieler WBL-Institute.

Lassen Sie mich auf einen weiteren Aspekt hinweisen: mehr Wettbewerb bedeutet zugleich immer auch ein mehr an Kooperation, etwa durch Bildung regionaler strategischer Allianzen zwischen WBL-Instituten und Hochschulen. Auch das Stichwort 'Ressourcensharing' - in manchen Hochschulen hört man es aus vielerlei Gründen leider noch nicht so gerne - muß hier immer wieder betont werden. Beide Seiten werden im wohl verstandenen Sinne also als Gewinner aus diesem Prozeß hervorgehen.

In der Vergangenheit haben die WBL-Institute im Durchschnitt ca. 2 % ihrer Forschungsmittel bei der DFG eingeworben. Wir sollten anstreben, dies mindestens zu verdoppeln. Ein schönes Ergebnis für 1998 wäre es, wenn wir uns auf 5 % steigern könnten. Mittelfristig sollten wir mindestens den o.g. bundesweiten Durchschnittswert des DFG-Anteils an den öffentlichen Forschungsausgaben, also 7-8 % anstreben. Auch das werden, angesichts des vernachlässigbaren Gesamtvolumens der künftigen Leibniz-Institute, die Hochschulen noch kaum spüren. Für uns wird es aber ganz erheblicher Anstrengungen bedürfen. Dabei sind wir auch gemeinsam gefordert: Die Sektionen können ggf. konzertiert handeln und z.B. helfen, Forschergruppen und Schwerpunkte zu etablieren.

Die gleichzeitig von den Ministerpräsidenten verabschiedeten Regelungen für eine stärkere Haushaltsflexibilisierung lassen immer noch viele Wünsche offen, aber insgesamt werden sich für die meisten unserer Institute doch erhebliche Erleichterungen bei der flexiblen Haushaltsbewirtschaftung ergeben. Flexibilität im Personalbereich sowie weitgehende Deckungsfähigkeit und Übertragbarkeit der Haushaltstitel ('soweit im jeweiligen Mittelplan nichts anderes vorgesehen ist' !! ) sind die wichtigsten Fortschritte. Wir haben stets darauf hingewiesen, daß wir ohne hinreichende Instrumente der Haushaltsflexibilisierung weder eine DFG-Abgabe leisten, noch eine sinnvolle Kostenrechnung einführen können. Wir sind vom Klassenziel einer nach betriebswirtschaftlichen, unternehmerischen Gesichtspunkten angelegten Haushaltsführung noch weit entfernt. Dies zu erreichen wäre aber die Grundvoraussetzung für ein modernes Forschungsmanagement. Es zeigt sich, daß gerade die Finanzstrukturen in unserem Lande am verkrustetsten und die überkommenen Regeln kaum wirklich aufzubrechen sind.

Ganz wichtig ist es daher, jetzt darauf zu achten, daß die Finanzseite in den einzelnen Ländern wenigstens das, was erreicht wurde, konsequent an die Institute weitergibt. Unverzichtbar ist es vor allem, daß die 2,5 %ige DFG-Abgabe als globale Minderausgabe von den Instituten im Haushaltsvollzug so erwirtschaftet werden darf, wie dies aus Sicht der Institute am wenigsten schmerzlich ist. Es sollte hierzu also von der Länderseite keine zusätzlichen Auflagen oder gar Fixierungen auf einzelne Haushaltstitel geben! Vermutlich müssen wir hier noch einiges an Überzeugungsarbeit leisten. Es sind ja nur Scheinrationalitäten, die mit dem System der Kameralistik gepflegt werden. Sie verhindern wirtschaftliches Denken in den Instituten, das wir bei der sparsamen Verwendung der Mittel doch so dringend brauchen!

Je größer aber die Fachferne, desto größer das Bedürfnis, sich an formalen Zuordnungen, Aufteilungen oder Rechengrößen festzuhalten. Diese Wahrnehmung gilt ganz uneingeschränkt auch für die quasi als Ersatz für die Kameralistik diskutierten Instrumente des Wissenschaftscontrolling. Es besteht die große Gefahr, daß eine Scheinrationalität durch eine andere ersetzt wird und das eigentlich erstrebte Ziel, nämlich eine wissenschaftsgerechte Ausprägung von unternehmerischer Verantwortung und wirtschaftlichem Denken darüber wiederum auf der Strecke bleibt.

Dennoch, erste, vielversprechende Ansätze sind gemacht und aus Sicht der Finanzseite ist Ungeheures bewegt worden. Seien wir daher zuversichtlich!

Erlauben Sie mir aber einige grundsätzliche Anmerkungen zum Komplex des Forschungscontrolling, der in den BLK Beschlüssen aufgerufen wird:

a) Rechenschaftslegung über die wissenschaftliche Leistung und Qualitätsbewertung staatlich geförderter Forschungseinrichtungen und Dienstleistungseinrichtungen für die Forschung ist unverzichtbar.

b) Kostentransparenz und Kostenwahrhaftigkeit sind wichtige Grundlagen für verantwortliches Handeln von Institutsleitungen ebenso wie für die Bewertung der erzielten Gesamtergebnisse wissenschaftlichen Tuns.

c) Evaluierung von Forschungseinrichtungen und Forschungsergebnissen durch kompetente, dem Gemeinwohl verpflichtete externe Gutachtergruppen in einem komparativen Rahmen - mit allen daraus abzuleitenden Konsequenzen - gehört heute mehr denn je zum Selbstverständnis qualitätsbewußter Forschungsförderung.

d) Die WBL als Wissenschaftsorganisation kann und muß sich den daraus resultierenden Anforderungen und den darauf gegründeten politischen Geboten konsequent stellen und wird hierfür wissenschaftsgerechte, mit möglichst geringem Aufwand praktizierbare und konsensfähige Instrumente vorschlagen. Ein erster Entwurf liegt vor.

e) Im Bereich der Forschung, d.h. da wo wissenschaftliches Neuland betreten wird, sind Begriffe wie Kosten-/Leistungsrechnung im Sinne von betriebswirtschaftlichen Steuerungsinstrumenten extrem problematisch. Dieses Begriffspaar sollte differenzierter durch Kostenrechnung und Leistungsbewertung ersetzt werden. Dabei gilt es, eine kleinteilige, lediglich rechnerische Zuordnung von Kostenfaktoren zu quantifizierten Leistungsindikatoren zu vermeiden. Gerade in den neuen Bundesländern, in denen eine große Zahl unserer Institute beheimatet ist, gibt es noch hinreichend Erinnerung an die Unfruchtbarkeit quantitativer Planvorgaben für die Forschung und rechnerischer Schemata zur Qualitätsüberwachung.

Leistung und Qualität von Wissenschaft und Forschung kann nur im Gesamtkontext ihrer vielschichtigen Entstehungsbedingungen und vor dem Hintergrund potentieller und tatsächlicher Adressaten und Anwendungen bewertet werden. Nach wie vor ist dabei das Instrument des peer review der Königsweg, auf dessen Ergebnisse die politischen Entscheidungsinstanzen bei ihrer Kontroll- und Steuerungsaufgabe angewiesen sind. Nur so kann Kreativität und Innovation optimal entfaltet werden.

Angesichts der eben skizzierten Situation des Umbruchs wird es von zentraler Bedeutung sein, Bundes- und Länderinteressen auf höchstem Kompetenz- und Verantwortungsniveau mit den Anliegen der Wissenschaft im allgemeinen und denen der WGL-Institute im besonderen zusammenzuführen. Es darf hier kein Vakuum entstehen.

Gleichzeitig müssen wir den eingeschlagenen Weg der Stärkung von Qualität und Leistungsfähigkeit, wie er in den letzten drei Jahren vom Wissenschaftsrat gewiesen und gesteuert wurde, konsequent weitergehen. Allein schon die Existenz eines externen Bewertungsverfahrens hat dabei ein hohes Maß an Regelungkraft bewiesen und hat Bewegung, Reflexion des eigenen Standorts und des künftigen Weges in unseren Instituten ausgelöst. Dies darf mit Abschluß der Arbeit des Wissenschaftsrates, etwa Ende 1999, auf keinen Fall wegbrechen!

Der aktuelle Anlaß wird durch die Leitliniendiskussion dokumentiert. Der Beschluß der BLK vom 2. Juli 1997 konstituiert einen konkreten politischen Auftrag an ‚die Gremien der Wissenschaftsgemeinschaft Blaue Liste‘. Aus dem Auftrag, der BLK im Jahr 2000 hierüber zu berichten und der Notwendigkeit, die neuen Verfahren wegen der Beendigung des Wissenschaftsauftrages Ende 1999 zügig zu entwickeln, ergibt sich jetzt ein dringender Handlungsbedarf.

Ich bin überzeugt, daß am Ende des jetzt eingeleiteten Prozesses eine Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz steht, die Partner der Universitäten, der Wirtschaft und der Politik ist, die sich im freundschaftlichen Wettbewerb mit den anderen Forschungsorganisationen bewährt, und ihr eigenes spezifisches Profil zwischen Grundlagenforschung und Anwendungsforschung ausgebildet hat. Und deren wissenschaftliche Exzellenz ihrem Namenspatron zur Ehre gereicht.