Ansprache zum Festakt bei der 2. Mitgliederversammlung der WBL

Auditorium Maximum der Universität Potsdam - 7.11.1996

Begrüßung

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Stolpe, sehr geehrter Herr Minister Reiche, sehr geehrter Herr Staatssekretär Schaumann, sehr geehrter Herr Staatssekretär Noack, liebe Kollegen, meine Damen und Herren,

ich möchte Sie zu diesem Festakt anläßlich der Jahresversammlung der Wissenschaftsgemeinschaft Blaue Liste (WBL) hier in der wunderschönen, traditionsreichen Stadt Potsdam sehr herzlich willkommen heißen und Ihnen dafür danken, daß Sie sich die Zeit für diese Veranstaltung genommen haben. Begrüßungen beginnen ja stets mit dem Ausdruck der Genugtuung über die zahlreich erschienenen prominenten Gäste. Wie kann ich also meine, - unser aller weit über das übliche Maß hinausgehende Freude über das unerwartet große Interesse so vieler Entscheidungsträger und Meinungmultiplikatoren aus Politik, Wissenschaft, Verwaltung und Öffentlichkeit bei dieser Veranstaltung vermitteln? Wir sind ja eine noch junge Wissenschaftsgesellschaft im Um- und Aufbruch und Ihr Interesse, meine Damen und Herren, an unserer erst 2. Mitgliederversammlung macht uns Mut, auf dem eingeschlagenen Wege beherzt fortzuschreiten.

Unmöglich werde ich alle bedeutenden Gäste erwähnen können, und ich bitte Sie schon jetzt, mir zu verzeihen, wenn ich nur stellvertetend einige wenige persönlich ansprechen werde. Daß Sie, Herr Ministerpräsident Stolpe uns die Ehre geben und ein Grußwort sprechen werden und daß gleichzeitig auch Sie, Herr Minister Reiche als der für Wissenschaft im Lande Brandenburg Zuständige bei uns sein können, dokumentiert in eindrucksvoller Weise nicht nur den hohen Stellenwert, den Wissenschaft und Forschung in Brandenburg genießen, sondern auch die besondere Bedeutung gerade der Institute der Wissenschaftsgemeinschaft Blaue Liste für die aufblühende Wissenschaft in Ihrem Land. Wir bedanken uns für diesen Beweis des Vertrauens und der Wertschätzung. Mit Ihnen, Herr Staatssekretär Schaumann und mit Ihrem Hause, dem Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie verbindet uns ja ein ganz besonderes Band, das durch die jüngste, von Bundesminister Rüttgers angestoßene, stürmische Bewegung der Forschungslandschaft in besonderer Weise beansprucht, ich hoffe schlußendlich aber gerade dadurch auch gestärkt wird. Ich vermute, daß Sie in Ihrem Grußwort darauf näher eingehen werden. Ich freue mich, den Generalsekretär der Bund-Länder-Kommission für Forschungsförderung und Bildungsplanung (BLK), Herrn MinDir Schlegel begrüßen zu können, der in der Brückenfunktion zwischen Bund und den Ländern stets unser erster Ansprechpartner für alle Fragen ist, die diese, unsere beiden Zuwendungsgeber, gemeinsam betreffen. Er hat es, das glaube ich wohl sagen zu dürfen, in dieser bewegten Zeit nicht immer leicht mit uns und den vielen Interessenssträngen, die an ihm und an uns zerren. Wir sind gespannt auf sein Grußwort. Auch der Wissenschaftsrat, unser kritisch konstruktiver Qualitätswächter, steht uns sehr nahe und ich freue mich, Sie, Herr Benz, als seinen Generalsekretär hier begrüßen zu können. Auch Ihr Grußwort wird uns Wegweisung sein. Ich begrüße herzlich als Stellvertreter des Hausherrn, den Prorektor der Universität Potsdam, Herrn Kollegen Menzel. Ich möchte Ihnen und der Universität Potsdam an dieser Stelle herzlich dafür danken, daß wir unsere Mitgliederversammlung in Ihren ehrwürdigen Räumen abhalten dürfen. Dieser Dank gilt schließlich auch der Stadt Potsdam, welcher die Teilnehmer dieser Jahrestagung gewiß einen Teil ihrer Aufmerksamkeit widmen werden. Ich freue mich, daß Sie, Herr Dobberke, als Beigeordneter für Bildung und Kunst die Grüße des leider verhinderten Oberbürgermeisters überbringen werden.

Ich begrüße Herrn Staatssekretär Noack vom Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Freistaats Sachsen sowie zahlreiche leitende Verwaltungsbeamte aus den neuen und den alten Ländern. Ihre Anwesenheit dokumentiert die besondere Bedeutung des Forschungssystems WBL im Kontext unserer föderalen Verfassung. Ganz besonders freuen wir uns auch, zahlreiche Repräsentanten der großen Forschungsorganisationen hier begrüßen zu können, insbesondere Herrn Kollegen Trautner, als Vertreter des Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft, Herrn Grunwald, den Generalsekretär der Deutschen Forschungsgemeinschaft, mit der wir ja in zunehmend intensiver werdender Verbindung stehen, sowie zahlreiche Kollegen aus den Hochschulen Berlins und Brandenburgs.

Und nun möchte ich Sie, Herr Ministerpräsident, um Ihr Grußwort bitten.

Weiterer Verlauf, siehe Programm zum Festakt

Die Wissenschaftsgemeinschaft Blaue Liste vor neuen Herausforderungen

Nach diesen instruktiven und praktisch alle wichtigen Aspekte der WBL ansprechenden Grußworten, für die ich herzlich danke, möchte ich jetzt den Versuch einer Ortsbestimmung in bewegter Zeit machen und eine Vision für die Weiterentwicklung der WBL wagen. Die Grußworte haben ja schon etwas von den Spannungsverhältnissen, oder sollte ich vorwärtsgerichtet besser sagen: Herausforderungen anklingen lassen, welche die WBL zu bewältigen hat. Wir sind Ihnen für die klaren Worte sehr dankbar.

So wird der Rahmen, in welchem wir uns bewegen, deutlich. Und dies ist allemal natürlich ein föderaler Rahmen. Wir können, ob wir es nun wollen oder nicht, uns nur im Einklang mit Bund und Ländern bewegen. Bei der Gestaltung und Weiterentwicklung der äußeren Rahmenbedingungen für unsere inhaltliche Arbeit muß es daher -ich betone dies ganz nachdrücklich- eines unser vordringlichsten wissenschaftspolitischen Anliegen sein, unsere Zuwendungsgeber über die Zukunft der WBL einig und in Harmonie zu wissen! Die Wissenschaftsgemeinschaft Blaue Liste mit ihren derzeit 76 von Bund und Ländern finanzierten Forschungs- und Dienstleistungseinrichtungen ist ja von ihrer Definition her wie kein anderes der deutschen Forschungssysteme ein Instrument der föderalen Forschungspolitik. Gerade dieser Organisationsansatz, der auf Pluralität der Meinungsbildung, auf Flexibilität und unternehmerisches Handeln selbständiger, in ihrer Größe noch gut überschaubarer Institute und auf den Konsens von Bund und Ländern baut, ist unserem politischen föderalen System in besonderer Weise angemessen und wird sich bewähren, wenn wir ihn in vernünftiger Weise weiterentwickeln.

Ortsbestimmung

Lassen Sie mich mit der Ortsbestimmung beginnen, die neben der eben skizzierten organisatorischen Komponente vor allem eine inhaltliche erfordert. Ich halte diese für eine Grundvoraussetzung unserer Existenz als Forschungsorganisation (und damit auch jedes einzelnen Instituts) in einer Zeit, wo der Kampf um die immer knapper werdenden Ressourcen für die Forschung fast täglich virulenter wird. Wir sind eine noch junge Wissenschaftsorganisation, die gerade ihre 2. Mitgliederversammlung durchführt und ihre genuine Position im Forschungssytem noch zu finden hat - auch wenn einige unserer Mitglieder auf über 100 Jahre Geschichte zurückblicken können, während am anderen Ende der Skala die nach der deutschen Wende gegründeten 31 Institute stehen, die derzeit, ich darf es mal salopp sagen, zwar schon recht stramm laufen können, das Jagen aber z.T. erst noch lernen müssen. Schon diese Alterskoordinate ist ein Spannungsfeld, das es sehr umsichtig zu berücksichtigen gilt, wenn man das Forschungssystem als Ganzes erfolgreich weiterentwickeln möchte und nicht vieles, was im Osten hoffnungsvoll neu im Entstehen ist, gleich wieder in Frage stellen will.

Die fachliche Bestimmungskoordinate, welche uns als Vielfalt gerne attestiert wird -fast alle unsere Institute sind ja Unikate- bietet nur wenig Ansätze für eine überzeugende Definition unseres Selbstverständnisses. - Allerdings sollten wir gerade diese Vielfalt wirklich als eine große Stärke der WBL begreifen, wie dies ja gestern die Konferenz Globaler und Regionaler Wandel in, wie ich meine, sehr überzeugender Weise gezeigt hat.

Die dritte Koordinate dieser Ortsbestimmung wird sich als ergiebiger erweisen. Im öffentlichen Verständnis von Forschung findet derzeit ein Paradigmawechsel statt: weg von der Angebotsorientierung hin zur Nachfrageorientierung. Dies führt zu einem Wandel in unserer gesamten Forschungslandschaft und erfordert von der WBL stärker noch als von den anderen Forschungsorganisationen (MPG, FhG, HGF) eben diese hier gesuchte Definition ihres spezifischen Platzes im Forschungssystem. Für das einzelne Institut genügt es eben nicht mehr, exzellente Forschung zu betreiben oder hervorragende Dienstleistungen für die Forschung zu erbringen - wiewohl dies natürlich eine Grundvoraussetzung seiner Existenz ist. Die Frage nach dem Sinn und Zweck des jeweiligen Forschungsprofils und seiner Bedeutung für die Gesellschaft - für den Kunden - wird in zunehmendem Maße gestellt. Das Wirken der WBL-Institute bezieht sich auf einen dreifachen Kundenkreis: 1. Die Wissenschaft und dabei insbesondere die Hochschulen - und ich bin Ihnen, Herr Kollege Menzel sehr dankbar, daß Sie am Beispiel der Universität Potsdam dieses Potential so deutlich gemacht haben. 2. Die Wirtschaft und die Öffentlichkeit, für die sie technische bzw. gesellschaftliche Innovation bereit stellen. 3. Die Politik und die öffentliche Verwaltung, der sie mit wissenschaftlicher Politikberatung zur Seite stehen.

Die WBL als Ganze möchte in diesem Prozeß dazu beitragen, die Zusammenarbeit der an verwandten Themen arbeitenden Disziplinen zu organisieren und auf einen klar identifizierbaren Wirkungsbereich zu fokussieren. Wir müssen die Frage nach der Kohärenz, nach der spezifischen Rolle der WBL im Forschungssystem der Bundesrepublik Deutschland überzeugend beantworten, wenn wir auf Dauer bestehen wollen. Ich meine, daß diese spezifische Rolle der WBL im Konzert der Wissenschaftsorganisationen nur darin bestehen kann, den Brückenschlag zwischen Grundlagen und Anwendung gezielt zu organisieren, ein Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage zu sichern, Kompetenzzentren im Vorfeld künftiger Schlüsseltechnologien und gesellschaftlicher Veränderungsprozesse aufzubauen. Die hier gezeigte Abbildung möge diesen Bestimmungsort der WBL im außeruniversitären Bereich schematisch illustrieren, ohne dabei eine scharfe Abgrenzung vornehmen zu wollen.

Nun ist es ja in Deutschland leider oft so, daß man von einem Extrem ins andere verfällt, hier also vom Elfenbeinturm der reinen Wissenschaft in eine Transfermentalität, die nur noch nach kurzfristig vermarktbaren Forschungsergebnissen fragt. Es wird ganz wesentlich eine Rolle der WBL sein, die Balance zwischen diesen beiden Polen zu wahren und den Humus für technische und gesellschaftliche Innovation auf dem Boden einer exzellenten Grundlagenforschung zu kultivieren.

Der Geist, in dem dies geschehen sollte, wird sehr trefflich von Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716), dem zukünftigen Namenspatron der WBL, mit den folgenden Worten beschrieben: „Man muß gleich anfangs dass Werk der Wissenschaft auf Nutzen richten, sonst wird die Regierung ihre Hand zurückziehen; denn reale Ministri werden unnützer Curiositäten bald überdrüssig und rathen keinem großen Fürsten, viel Staat damit zu machen“. Ich verdanke dieses Zitat übrigens einem Kollegen aus der Max-Planck-Gesellschaft, der jüngst öffentlich über den Namen WBL sinnierte.

Ein erster Schritt in Richtung des oben angemahnten, bei aller Einzigartigkeit im Detail unverzichtbaren, kohärenten Handelns war die Gründung der WBL e.V. im vergangenen Jahr, die Bildung von 5 Sektionen, in denen die fachliche Arbeit organisiert werden soll und die Schaffung unserer kleinen, aber wirkungsvollen Geschäftsstelle, die seit Frühjahr 1996 in Bonn ihre Arbeit aufgenommen hat. Dennoch erleben wir derzeit den Paradigmawechsel noch allzusehr als etwas, das mit uns geschieht und das wir weitgehend mit uns geschehen lassen (müssen): der Wissenschaftsrat empfiehlt, die Bund-Länder-Kommission beschließt, welche Institute herausgenommen oder neu aufgenommen werden, der BMBF initiiert mit Leitlinien, auf welche Weise wir uns im Wettbewerb bewähren sollen. - Dies ist natürlich das genaue Gegenteil dessen, was man gemeinhin in Deutschland als das bewährte Prinzip der wissenschaftlichen Selbstverwaltung preist.

Um nicht mißverstanden zu werden: dies ist keine Kritik an den handelnden Institutionen und Personen, sondern die Beschreibung eines unbefriedigenden Zustands der wissenschaftlichen Selbstorganisation der WBL. Unbestritten ist doch, daß sich Wissenschaft am gedeihlichsten und für ihren langfristigen Nutznießer, die Gesellschaft, am wirkungsvollsten in einer Verantwortungsgemeinschaft der Beteiligten und Betroffenen entwickelt. Daher schlägt das Präsidium der WBL die Bildung eines WBL-Senats vor , in welchem

gemeinsam für die WBL Verantwortung übernehmen. Ein solcher Senat sollte meiner Meinung nach insbesondere folgende Aufgaben wahrnehmen:

Hierzu müßte die WBL bzw. dieser Senat natürlich über strategisch einsetzbare Finanzmittel verfügen, über einen Forschungs- und Nachwuchsfonds, wie etwa im Ministerpräsidentenbeschluß zu den Finanzströmen vorgesehen. Ich bin der festen Überzeugung, daß es zur Bildung einer solcher Verantwortungsgemeinschaft keine vernünftige Alternative gibt.

Das Stichwort Evaluierung ist gefallen und bedarf als die zweite große Belastungsprobe, der die WBL unterworfen ist, einiger Anmerkungen: Der Wissenschaftsrat bewertet derzeit innerhalb von 5 Jahren alle 83 Institute der Blauen Liste in einem in dieser Schärfe, Stringenz, Vollständigkeit und Transparenz bislang einmaligen Verfahren: von 15 evaluierten Instituten konnte für 5 die Weiterförderung nicht empfohlen werden, 3 erhielten so etwas wie eine gelbe Karte. Dabei handelt es sich, soweit ich dies als in der Regel ja nur fachferner Beobachter beurteilen kann, um ein durchweg faires, mit großem Ernst und hoher Verantwortlichkeit durchgeführtes Verfahren.

Für die WBL bedeutet dies aber nicht nur eine außerordentliche Belastungs- und Bewährungsprobe, sondern auch eine große Chance, wenn es so gelingt, Flexibilität in die Forschungslandschaft zu bringen, weniger Ertragreiches zu beenden und vielversprechende Neuaufnahmen von Instituten zu realisieren. Ich bin überzeugt, daß die WBL in 5 Jahren eine moderne und besonders leistungsfähige Wissenschaftsorganisation sein wird, sozusagen runderneuert und TÜV geprüft. WBL wird dann für Dynamik und Flexibilität in der Forschungslandschaft stehen.

Weit kontroverer wird in der WBL z.Zt. die dritte große Herausforderung und Belastungsprobe diskutiert. Wie Sie, Herr Staatssekretär Schaumann, ja ausgeführt haben, ringen Bund und Länder inzwischen um die richtige Umsetzung der von Minister Rüttgers formulierten Leitlinien zur strategischen Orientierung der deutschen Forschungslandschaft. Der Präsident der WBL hat schon früh seiner Überzeugung Ausdruck gegeben, daß er die Vorstellungen des BMBF zu Innovation durch mehr Flexibilität und Wettbewerb vom Grundsatz her für sehr vernünftig hält. Zum einen enthalten die Leitlinien eine Reihe von Verbesserungen der Rahmenbedingungen, die von der WBL seit langem nachdrücklich gefordert wurden, so Haushaltsflexibilisierung und volle Öffnung der DFG für Anträge aus der WBL. Und wer könnte schon ernsthaft gegen Wettbewerb und Verwaltungsvereinfachungen sein.

Zum anderen geht es darum, einen am Gesamtaufwand der Institute gemessen ja eher kleinen Anteil von 5% der institutionellen Förderung durch die DFG im Wettbewerb mit den Hochschulen vergeben zu wollen. In einem Markt also, der vielen WBL-Instituten bei der Gründung vom Wissenschaftsrat ins Stammbuch geschrieben wurde oder auf den sie jetzt bei den laufenden Bewertungen verwiesen werden, der ihnen aber nach den bisherigen Spielregeln nur beschränkt offenstand. Wer überdies wie wir, Hochschulnähe, Hochschulpartnerschaft als wichtiges Charakteristikum propagiert, darf sich vor einem Wettbewerb mit eben diesen Hochschulen in einem solch moderaten Umfang nicht scheuen, sondern sollte die Herausforderung, so meine ich, mit Selbstbewußtsein annehmen. Denn Wettbewerb im Forschungssektor impliziert ja immer auch eine Komponente von fachlicher Zusammenarbeit aus der Mehrwert erwächst. Unsere Institute sind zwar insgesamt sehr tüchtig auf dem Drittmittelmarkt, wie die nachstehende Grafik zeigt. Bei der DFG werben sie im Durchschnitt aber nur 1,8% ihrer Haushalte ein. In diesem Sektor des Wettbewerbs scheint also ein gewisser Bewegungsspielraum zu bestehen, wenn man bedenkt, daß die DFG ingesamt etwa 5-6% aller öffentlichen Forschungsmittel vergibt.

Der Teufel steckt allerdings auch hier wieder einmal im Detail: operational ist eine Umwidmung von 5% der Grundfinanzierung der Institutshaushalte zugunsten der DFG kurzfristig nicht umzusetzen und auch längerfristig in dieser Höhe nicht begründbar - wie immer man auch die Perspektiven einschätzen mag. Bei einer gleichmäßigen Abschöpfung von 5% der Grundfinanzierung, sagen wir zum 1.1.1998, wäre ein Großteil der WBL-Institute überhaupt nicht mehr wettbewerbsfähig. Kurz gesagt liegt das daran, daß wegen der Bindung durch Personalkosten, Langfristvorhaben, Bewirtschaftungskosten und Infrastruktur nicht mehr als 5-10 % der Haushaltsmittel für die Forschung überhaupt disponibel sind. Wenn man also 5% umwidmet, sinkt die Grundausstattung der Institute weit unter die Grenze, die für eine effiziente Drittmitteleinwerbung unverzichtbar ist und auch von der DFG vorausgesetzt wird.

So stellt sich die Frage nach der Höhe und Sinnhaftigkeit pauschal angesetzter Umwidmungsmargen, nach einer angemessenen Anlauf und Übergangszeit und nach einer teilweisen Nutzung der bei Evaluierungen frei werdenden Mittel für die wettbewerbliche Vergabe und schließlich nach der Selbstverwaltung solcher Mittel innerhalb der WBL. All dies befindet sich derzeit in intensiver Verhandlung zwischen Bund und Ländern.

Gravierender ist freilich die Frage, nach der grundsätzlichen Eignung der DFG-Verfahren für die typischen Belange der außeruniversitären Forschung. Viele von uns haben ja eine lange DFG-Erfahrung hinter sich, auch ich war 5 Jahre lang Mitglied im Ausschuß für die Sonderforschungsbereiche der DFG, und wir haben daher gewisse Zweifel an der Zweckmäßigkeit des überwiegend von Universitätsprofessoren bestimmten Gutachtersystems für eine zielgerichtete Förderung der WBL. Mir stellt sich dies in erster Linie als die Frage nach der Anpassungsfähigkeit des DFG Systems an eine neue Herausforderung. Man mag vielleicht auch fragen, ob diese Änderung der DFG - seit über 40 Jahren weltweit als die Garantin von Qualität und Effizienz in der deutschen Forschungslandschaft gerühmt - überhaupt wünschenswert sei. All dies wird ebenfalls sehr lebhaft diskutiert, zwischen Bund und Ländern und natürlich auch hier auf unserer Mitgliederversammlung. Ich kann schon aus Zeitgründen an dieser Stelle nicht weiter auf die verschiedenen Argumentationslinien eingehen, bin aber zuversichtlich, daß die von mir hier hochgehaltene Verantwortungspartnerschaft aller Beteiligten letztlich greifen wird und zu allseits zufriedenstellenden Regelungen und ggf. Kompromissen führen wird.

Ich möchte aber an dieser Stelle doch deutlich machen, daß ich persönlich die große Chance, die sich aus der vollen Öffnung der DFG für die WBL ergäbe, weit höher bewerte als eine gewiß schmerzhafte Umwidmung eines noch näher auszuhandelnden Prozentsatzes an die DFG (sehr deutlich unter 5% freilich, nicht mit dem Rasenmäher und auch unter Einbeziehung von freigesetzten Mitteln). Ich bin in zahlreichen Gesprächen mit dem Präsdidenten der DFG, Herrn Kollegen Frühwald, und der Leitung der DFG zu der festen Überzeugung gelangt, daß die DFG sich in der Vergangenheit bereits bewegt hat und weiter in eine Richtung bewegen wird, die nicht nur für die Arbeitsweisen der WBL angemessen ist, sondern in der Rückwirkung auch wichtige, innovative Impulse für die Hochschulforschung setzen kann.

Selbst dann wird es in der praktischen Umsetzungen einer kontinuierlichen Überprüfung bedürfen und der Bereitschaft bei Mißlingen ggf. umzusteuern. Ein solch potentiell gravierender Eingriff in ein im Prinzip bewährtes Forschungssytem muß zumindest in seiner Anfangsphase unbedingt reversibel gehalten werden. Parallel dazu müssen wir, die WBL, die eingangs erwähnte Stärkung der Selbstverwaltung mutig in die Tat umsetzen, nicht nur, aber auch, um ggf. für weitere Stürme gerüstet zu sein.

Ausblick

Erlauben Sie mir nun etwas Vision, eine Skizze der Rahmenbedingungen und Arbeitsweisen für eine künftige WGL (sie führt jetzt den Namen Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibnizii), sagen wir im Jahre 2003. Ich überspringe dabei verständlicherweise die lästigen Details des Wegs dahin:

Die WGL umfaßt noch immer eine Zahl von ca. 80 wirtschaftlich, wissenschaftlich und rechtlich selbständigen Instituten, worunter sich freilich eine größere Zahl von Neuaufnahmen befindet. Auch die Bezeichnungen der Fachgebiete in den 5 Sektionen haben sich nur unwesentlich verändert, wohl aber ihre geographische Verteilung, die jetzt deutlich ausgeglichener ist als im Jahre 1996. Die jährliche institutionelle Förderung beläuft sich unverändert auf ca. 1,3 Mrd. DM, jedoch hat der unerwartet rasche wirtschaftliche Aufschwung der WGL vom Jahr 1999 an eine 5x5% Regelung gebracht, welche die Bildung eines Forschungs- und Nachwuchsfonds (im folgenden kurz ‘Fonds’) von 360 Millionen ermöglichte. (Kleine Anmerkung: ich habe diese ökonomische Perspektive nicht mit unseren wirtschaftswissenschaftlichen Einrichtungen abgestimmt, vermute aber, daß der Prognosezeitraum für belastbare Aussagen ohnedies zu weit gesteckt wäre). Die Wissenschaftspolitik hat dabei den insgesamt überzeugenden Ergebnissen der 1995 begonnenen, umfassenden Wissenschaftsratsbewertung Rechnung getragen, aber auch die großen Verdienste der WGL-Einrichtungen bei der Bildung von Kompetenzzentren für Schlüsseltechnologien gewürdigt, insbesondere im Bereich Biotechnologie, Umwelttechnik, Materialforschung und Informationstechnologie, die ihrerseits eine erhebliche, positive Rückwirkung auf die wirtschaftliche Entwicklung ausüben.

Der naturwissenschaftlich-technische Fortschritt wurde dabei in einem transdisziplinären Kommunikations- und Bewertungsprozeß zwischen allen Sektionen der WGL, gemeinsam mit den Hochschulen und anderen Forschungssystemen, stets auch mit geistes-, sozial-, bildungs-, wirtschafts- und raumwissenschaftlichen Instrumentarien kritisch begleitet. Die technologische Innovation muß, so die allgemein akzeptierte Grundthese, von gesellschaftlicher Innovation begleitet sein.

Die strategische Gesamtentwicklung der WGL wird von einem Senat gesteuert, dessen Mitglieder ein breites Spektrum von gesellschaftlichen Kräften und insbesondere auch Bundes- und Ländervertreter repräsentieren. Der Senat ist für die umfassende, komparative Bewertung aller WGL Einrichtungen zuständig und hat hierfür einen Forschungsausschuß gebildet. Ihm gehören überwiegend Experten aus anderen außeruniversitären Forschungssystemen und aus den Hochschulen an. Auf der Basis der Empfehlungen des Forschungsausschusses wird über die Neuaufnahme bzw. Schließung von Instituten in den Sektionen vorberaten und vom Senat beschlossen

Auch die Mittelvergabe aus dem Fonds wird vom Senat gesteuert. Zu diesem Zweck entwickelt er Leitthemen und Schwerpunkte. Die Durchführung der Verfahren liegt wiederum in den Händen des Forschungsausschusses. Es haben sich eine Reihe von sinnvoll aufeinander abgestimmten Verfahren für diese Mittelvergabe aus dem Fonds eingespielt.

Ihre Forschungsprogramme entscheiden die Mitgliedsinstitute unverändert in eigener Verantwortung. Ihre wissenschaftlichen Beiräte sind hochkarätig besetzt und sorgen für Exzellenz in der laufenden Arbeit. Die Möglichkeit, beim WGL-Fonds Mittel einzuwerben, ist nur eine von vielen Varianten der Drittmittelförderung. Das deutsche Forschungsförderungsystem ist wesentlich vielfältiger geworden. Die Bundes- und Länderministerien sind überwiegend dazu übergegangen, ihre Projekt- und Auftragsmittel durch unabhängige Forschungsagenturen vergeben zu lassen, zwar nach ihren forschungspolitischen Vorgaben im übrigen aber ausschließlich nach Qualtitäts- und Effektivitätskriterien, die von unabhängigen Gutachterpanels bewertet werden. Für wirtschaftsnahe Projekte hat der Begriff ‘Industriepartnerschaft’ die früher benutzte Vorgabe der ‘Industrieführerschaft’ abgelöst. Zahlreiche Verbände und private Initiativen vergeben ebenfalls Forschungsaufträge.

Insbesondere steht es den Instituten auch frei, ohne inhaltliche oder strukturelle Beschränkung, Mittel bei der DFG entsprechend deren Spielregeln einzuwerben. Die WGL ist inzwischen Vollmitglied bei der DFG, sie ist in allen Gremien der DFG sowie durch Fachgutachter in angemessener Weise vertreten und stellt einen der Vizepräsidenten. In der Regel werden Anträge von WGL-Einrichtungen an die DFG wegen ihres Umfangs und ihres hohen Koordinierungsgrades in Panelverfahren begutachtet. Auch für Sonderforschungsbereiche können WGL-Einrichtungen inzwischen selbst federführend Anträge stellen, wenn eine hinreichende Anzahl von Hochschulprojekten beteiligt ist.

Im Gegenzug erstattet die WGL nach einem schon früh festgelegten System jährlich 50% der von ihren Mitgliedern eingeworbenen Förderung an die DFG zurück. Der Fonds trägt diese Summe, die sich z.Zt. auf etwa 60 Mio. DM pro Jahr beläuft, problemlos.

Die Geschäftsstelle der WGL wurde durch Rückübernahme der bis 1999 beim Wissenschaftsrat angesiedelten 15 Stellen und der zugeordneten Sachmittel sowie durch eine Verwaltungsabgabe in Höhe von 0,6% des Fonds in die Lage versetzt, den Senat bei seinen Aufgaben wirksam zu unterstützen, für eine schlagkräftige Repräsentanz der WGL zu sorgen und eine hervorragende Dokumentation und Öffentlichkeitsarbeit zu leisten. Ihre Ausstattung ist dennoch weit davon entfernt, alle anfallenden und wünschenswerten Aufgaben für die Gemeinschaft zu erledigen. Es hat sich aber ein sehr wirkungsvolles Austauschsystem zwischen den Instituten entwickelt, die gegenseitig und für die WGL insgesamt spezielle Arbeitskapazität abstellen: Lean Management und Ressourcen Sharing sind die bewährten Prinzipien.

Die Zusammenarbeit mit den Hochschulen hat sich massiv weiter verbessert. Sie schlägt sich nicht nur in fast durchgängig gemeinsamen Berufung der Institutsdirektoren und Abteilungsleiter nieder und beim Diplomanden- und Doktorandentransfer. Die leitenden, aber auch viele jüngere Wissenschaftler der WGL-Institute nehmen viele Lehrtätigkeiten wahr. Es gibt zahlreiche gemeinsame Forschungsprojekte, Sonderforschungs- und Transferbereiche sowie Graduiertenkollegs. Die Universitäten haben gerade in den Zeiten knapper Kassen WGL-Einrichtungen als verläßliche und gleichzeitig flexible Partner zu schätzen gelernt. Hochschulwissenschaftler nehmen intensiv Serviceangebote aus den Instituten wahr und nutzen die Möglichkeit, an aufwendigen Anlagen und Geräten der Institute arbeiten zu können. Sie betrachten die WGL-Institute als ihre engsten Partner und sehen in ihnen eine ganz wesentliche Bereicherung ihres eigenen Angebotes in Lehre und Forschung. - Wie wir vorhin im Grußwort des Prorektors der Universität Potsdam gehört haben, ist diese Vision hier bereits im Jahre 1996 Realität!

Die wissenschaftliche Zusammenarbeit in den Sektionen ist inzwischen eine Selbstverständlichkeit. Sie beschränkt sich nicht nur auf Kontakte der Institutsleitungen, sondern durchdringt alle Hierarchieebenen der Institute. Zahlreiche gemeinsame DFG-Projekte im Normal- und Schwerpunktverfahren wie auch in Sonderforschungsbereichen haben dies nachdrücklich gefördert. Interdisziplinäre Forschergruppen zwischen den Sektionen veranstalten jährliche Ergebnistagungen, wobei sie ein weites öffentliches Echo finden.
Einen guten Vorgeschmack davon konnten wir gerade gestern auf unserer Tagung Globaler und Regionaler Wandel erleben, die von der Sektion E, Umweltwissenschaften organisiert wurde, aber auch alle anderen Sektionen der WBL einbinden konnte. Sie hat eindrucksvoll die spezifische Fähigkeit der WBL dokumentiert, solche komplexen Themen transdiziplinär und umfassend zu behandeln. Auch hier also hat in Potsdam die Zukunft schon begonnen. Lassen Sie uns mutig weiter voranschreiten und durch entschlossenes Handeln und Mitgestalten auch scheinbar bedrohliche äußere Umstände für die WBL zum Positiven wenden. Allen, die uns dabei konstruktiv kritisch begleiten wollen und werden, sei hierfür schon jetzt herzlich Dank gesagt.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.