Wieviel außeruniversitäre Forschung brauchen wir?
Konkurrenz oder Chance für die Universitäten

 

Liebe Kollegen, sehr geehrte Damen und Herren,

aus vielerlei Gründen bin ich der Einladung, in meiner Eigenschaft als Präsident der neu formierten WISSENSCHAFTSGEMEINSCHAFT BLAUE LISTE (WBL) auf Ihrer Tagung ein paar Worte zu sprechen gefolgt und bedanke ich mich zunächst sehr herzlich dafür wie auch für Ihr Interesse an meinen Ausführungen:

w Zunächst einmal ist es natürlich eine große Ehre im Anschluß an ein so umfassendes und überzeugendes Grundsatzreferat des Kollegen Treusch zu sprechen, dessen Wirken in verschiedenster Funktion ich, wie die ganze Physiker-Community, seit vielen Jahren mit immer zunehmender Bewunderung verfolge. Dies gibt mir nun auch die Gelegenheit zum Versuch einer Ortsbestimmung der WISSENSCHAFTSGEMEINSCHAFT BLAUE LISTE im Konzert der vier außeruniversitären Forschungssysteme (MPG, FhG, HGF und WBL) und zur Beleuchtung der Schlüsselfrage meines Vortrags: Wozu außeruniversitäre Forschung?

w Gerne nehme ich natürlich die Gelegenheit war (mißbrauche sie vielleicht etwas?), um die Kenntnis von unserer jungen Wissenschaftsgemeinschaft, von ihren Besonderheiten, Zielen und Potentialen nach Kräften zu mehren, zumal die BLAUE LISTE ja gerade in den neuen Bundesländern eine tragende Rolle für die außeruniversitäre Forschung spielt, und - wie ich im folgenden erläutern will - damit auch eine Schlüsselrolle für die fruchtbare Weiterentwicklung der Universitätsforschung übernehmen kann und will.

w Sodann ist es für mich persönlich immer wieder von großem Reiz nach Dresden, in meine Geburtsstadt zu kommen und zu sehen, wie hier die Wissenschaft in besonderer Weise blüht und gedeiht. Man hat das Gefühl, daß die sächsische Landesregierung in geradezu vorbildlicher Weise die große Bedeutung der Forschung für unsere Zukunft erkannt hat und sich folgerichtig mit allen Kräften um gute Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Arbeit der Forschungseinrichtungen bemüht. Daß der Blauen Liste bzw. der WBL gerade hier eine besondere Bedeutung zukommt, hat sicher auch historische Gründe. Doch glauben wir, daß der föderale Aspekt unserer Organisation hier in natürlicher Weise auf besonders fruchtbaren Boden fällt. Auch dazu will ich ein paar Worte sagen.

w Schließlich bin ich mir der großen und stetig wachsenden Bedeutung der Kolloidforschung bewußt, zumal dieses, Ihr Arbeitsgebiet gar nicht so weit von meinem eigenen, der Physik atomarer und molekularer Cluster entfernt ist. Ich freue mich, daß ein Institut der WBL diese Jahrestagung ausrichten darf. Neben viel Arbeit ist das ja auch immer eine hohe Anerkennung der wissenschaftlichen Bedeutung des Gastgeberinstituts und die Sicherung und Stärkung von Qualität und Leistungsfähigkeit der Forschungseinrichtungen allgemein und der WBL im besonderen ist ein zentrales Thema, welches für unsere Gemeinschaft aber wohl für die gesamte Forschungslandschaft in Deutschland in den kommenden Jahren von ganz besonderer Bedeutung sein wird. Auch darauf werde ich zu sprechen kommen.

Somit habe ich Ihnen bereits in großen Zügen angedeutet, womit ich Sie konfrontieren möchte - in der Hoffnung, daß Sie dabei den einen oder anderen Gedanken zu einer konstruktiven Weiterentwicklung der deutschen Wissenschaftslandschaft als bedenkenswert mitnehmen mögen.

1. Wozu brauchen wir außeruniversitäre Forschung?

Es gehört zum unbestrittenen Credo der deutschen Wissenschaft, daß die Einheit von Forschung und Lehre an den wissenschaftlichen Hochschulen der Dreh- und Angelpunkt, das Herzstück für die gesamte Forschungslandschaft darstellt und ihre umfassende, flächendeckende Finanzierung durch die öffentlichen Hände Grundvoraussetzung für Effizienz, Qualität und Effektivität aber auch hinreichender Quantität aller Wissenschaft, Forschung und Entwicklung im Lande ist. Töricht wäre es aber - und geschieht dennoch immer wieder - daraus im Umkehrschluß zu fordern, daß grundsätzlich alle Forschung an Universitäten zu geschehen habe - unabhängig von der Frage nach der jeweils sinnvollsten Organisationsform für einen gegebene Forschungsbedarf.

Lassen Sie mich Ihnen zunächst ein paar Zahlen präsentieren, damit wir wissen, worüber wir eigentlich reden. Die folgende Abbildung gibt Ihnen einen ungefähren Überblick über die Verteilung der institutionellen Förderung der Bundesrepublik Deutschland auf universitäre und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, insbesondere auf die vier großen Organisationen MPG, FhG, HGF und WBL:

Die Drittmittel- und Projektförderung ist in dieser Zusammenstellung nicht enthalten. Sie dürfte sich auf nochmals einige Milliarden belaufen. Ebenfalls unberücksichtigt ist die im unmittelbaren Zugriff von Bundes- oder Landesministerien gestaltete Forschung an deren nachgeordneten Behörden (Resortforschung, Bundes- und Landesanstalten).

Die Zahlen basieren weitgehend auf dem Bundesbericht Forschung 1994, der aber z.T. auf verschiedene Jahre für die verschiedenen Einrichtungen verweist, so daß Sie dies Graphik bitte nur als ein Anhaltspunkt für die Größenordnungen sehen wollen. Die Hochschulzahlen beruhen auf einem vom Wissenschaftsrat vor einigen Jahren ermittelten Schlüssel, der pauschal den Forschungsanteil am Gesamthaushalt der Hochschulen berücksichtigt. Folgende Punkte springen ins Auge:

w Die Hochschulforschung ist in der Tat der breiteste Sektor. Berücksichtigt man, daß die DFG, die ja eine Forschungsförderungsorganistation ist, bislang hauptsächlich Universitäten fördert, so dürfte der Hochschulanteil insgesamt bei gut 2/3 aller Aufwendungen liegen. Das o.g. Grund-Credo findet hier seinen deutlichsten Ausdruck.

w Gemessen am Bevölkerungsanteil ist die Universitätsforschung in den neuen Ländern noch drastisch unterausgestattet (ca. Faktor 1/2).

Weniger evident ist die Antwort nach der Frage zum Ost-West Verhältnis bei den außeruniversitären Forschungseinrichtungen gemessen an der Bevölkerungszahl. Ob dieses schon fast ausgeglichen sei oder noch lange nicht, ist Gegenstand anhaltender Dispute und schwer nachvollziehbarer Aufrechnungen zwischen den verschiedenen Interessenträgern. Angesichts der Tatsache, daß der Löwenanteil der außeruniversitären Forschung in den neuen Ländern der WBL zuzurechnen ist und dieser ca. 50% Ihres Gesamtetats, d.h. ca. 650 Mio. DM (1994) ausmacht, ist auch im außeruniversitären Bereich eher noch ein deutlicher Nachholbedarf der neuen Länder zu vermuten.

Die häufig zu hörende Behauptung, das Erstarken der Blauen Liste im Zuge der Wiedervereinigung (nämlich von 600 Mio. DM auf jetzt 1.23 Mrd. Zuwendung pro Jahr) habe zu schlimmen "Verwerfungen" im gesamten Forschungssystem der Bundesrepublik geführt, ist angesichts der Graphik völlig abwegig. Richtig ist dagegen, daß sich gerade das Förderinstrument Blaue Liste als ein (gegenüber möglichen anderen außeruniversitären Trägern) besonders flexibles Element für die Entwicklung der Forschungslandschaft und als unserer föderalen politischen und gesellschaftlichen Struktur besonders angemessen erwiesen hat. Natürlich ist - unabhängig von den gleich zu skizzierenden organisatorischen und inhaltlichen Erwägungen - die WBL auch ein Beispiel für die historische Natur der Tortenverteilung, die dem Kenner eine lange und durchaus wechselvolle Entwicklung altbundesdeutscher Forschungspolitik sehr anschaulich ablesbar macht.

So werden denn massive Begehrlichkeiten und Neidgefühle verschiedener Akteure beim Betrachten der jeweils anderen Tortenstücke verständlich, wenn auch nicht akzeptierbar. Es möge doch bitte niemand glauben, daß die einseitige Reduktion irgendeines der Tortenstücke zu einer Vergrößerung eines der anderen Anteile führen könnte, wie dies z. B. der immer wieder zu hörende Ruf 'Blaue Liste Einrichtungen zurück an die Hochschule' (was heißt hier eigentlich "zurück"?) unterstellt. Viel zu komplex und disjunkt sind die Fördersysteme und Zuständigkeiten im delikaten Abstimmungsprozess zwischen Bund und Ländern, Finanzverwaltungen und Wissenschaftsministerien etc. Ein zunehmender öffentlicher Begründungsdruck auf alle Verbraucher von öffentlichen Forschungsgeldern bei gleichzeitig massiv wachsenden finanziellen Erfordernissen für international konkurrenzfähige moderne Spitzenforschung sollte im Gegenteil dazu ermahnen, Rivalitäten und Spannungen schnellstmöglich abzubauen und zu vernünftigen Absprachen über Aufgabenteiligkeit und Kooperationen, Interessenausgleich und Optimierungsstrategien zwischen den universitären und den verschiedenen außeruniversitären Forschungssystemen zu gelangen und so Schaden vom Gesamtsystem der Forschung abzuwenden.

Es muß das gemeinsame Anliegen aller Wissenschaftsorganisationen sein, den Gesamtanteil am Bruttosozialprodukt, den unser Land für Forschung ausgibt langfristig zu erhalten und zu stärken (er ist ja seit der Wiedervereinigung keineswegs in einem bewunderungswürdigen Zustand) und durch überzeugende Konzepte nachzuweisen, daß es sich dabei um bestens angelegtes Geld handelt, was effizient und effektiv und an höchsten Qualitätsstandards meßbar verausgabt wird. Hierzu gehört auch, daß man sich Gedanken über die jeweils optimale Organisationsform für die als notwendig erkannten Forschungsaufgaben macht und gemeinsam nach Wegen sucht, wie ggf. nicht optimal angepaßte Organisations- und Förderformen in andere überführt werden können.

Forschung wird immer von hervorragenden Forschern vorangetrieben. Forschung hat jedoch als 'internationales Großunternehmen' zunehmend den Charakter eines komplexen Systems angenommen. Für die Orientierung, Dynamik und letztendlich den Erfolg von Forschung an ihren verschiedenen Fronten gewinnen daher, neben der zu Recht immer wieder eingeforderten Freiheit und angemessenen Finanzierung, in zunehmendem Maße Strukturen und Organisationsformen sowie politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen eine entscheidende Bedeutung. So ist z.B. der andauernde Erfolg amerikanischer Forschung auf vielen Gebieten nur in geringem Maße, wenn überhaupt, durch bessere Finanzierung oder größere Originalität der Forscher erklärbar. Ähnliches gilt für die Japaner in Bezug auf den inzwischen allzu strapazierten Begriff der 'Umsetzung von Forschungsergebnissen'.

Viel zu wenig ist bislang in der Diskussion über die Forschungslandschaft in Deutschland beachtet worden, daß Erfolge und Probleme der Forschung in nahezu symptomatischer Weise von diversen Struktur- und Organisationsformen der Institutionen abhängen, in welchen Forschung betrieben und kommuniziert wird. Dies scheint unabhängig von der Einordnung der jeweiligen Forschungsziele in die Kategorien Grundlagenforschung einerseits und angewandte Forschung andererseits zuzutreffen. Solche Kategorien stellen heute ohnehin keine adäquate Beschreibungsebene von Forschung mehr dar, sind sie doch stark vom jeweiligen Betrachtungswinkel abhängig und die Übergänge ebenso fließend wie notwendig. Starke Einflüsse auf den Forschungserfolg in gegebenen Strukturen haben hingegen z.B. die Natur des Forschungsgegenstandes, die angemessene Methodologie und der gegenwärtige Stand der Forschung, die in ganz unterschiedlichem Maße z.B. Alleingänge oder Bildung kritischer personeller Masse, investive Anstrengung, interdisziplinäre Brückenschläge, kurzfristige Abklärungen oder langfristige risikoreiche Suche erfordern.

Es soll hier nicht im einzelnen erörtert werden, welche Grade von Angepaßtheit der jeweiligen organisatorischen Strukturen an die verfolgten Forschungsgegenstände in den verschiedenen Forschungssystemen in Deutschland realisiert sind. Doch scheint deutlich, daß z.B. das Harnack-Prinzip der Max-Planck-Gesellschaft (Zuschnitt von Forschungsstrukturen für eine herausragende Forscherpersönlichkeit), das nach dem fachlichen Diversitätsprinzip operierende Arbeitsgruppensystem der Universitäten, die auftragsorientierte Unternehmensstruktur der Fraunhofer-Gesellschaft oder die Gruppierung der Großforschungseinrichtungen um kostspielige aber vielfältig nutzbare Investitionen, jeweils effektive und ökonomische Struktur- und Organisationsformen für manche Forschungsfelder darstellen, aber keineswegs für alle. In einem echten Wettbewerb der Systeme wäre dies für jedes einzelne Forschungsfeld kritisch zu überprüfen.

Die zwingende Notwendigkeit außeruniversitärer Forschung ergibt sich somit nicht zuletzt gerade aus der besonderen Situation der Universitäten. Die Universitäten in Deutschland kommen heute zwischen ihrem eigenen Selbstverständnis, von außen gesetzten Rahmenbedingungen und den Erwartungen der Gesellschaft zunehmend in Bedrängnis. Ohne hier zu erörtern, warum die Einheit von Forschung und Lehre als universelles Konzept von Massenuniversitäten in Gefahr ist, besteht Konsens, daß der Forschungsbedarf der Gesellschaft quantitativ nicht mehr allein von den Universitäten abgedeckt werden kann. Diesem Gesamtbedarf würde weder die Zahl von Forschern an Universitäten in Deutschland, die an Studentenzahlen gekoppelt ist, gerecht, noch die weitgehend an Curricula gebundene Zusammensetzung von Fachbereichen.

Die Prinzipien universitärer Lehre sind (1) Vertretung durch Professoren, die selbst den wissenschaftlichen Fortschritt ihres Fachs mit tragen (Professionalität) und (2) Zusammensetzung des Lehrkörpers durch eine minimale Zahl von Spezialisten, die die Breite eines Fachs in Anpassung an diverse Berufsfelder abdecken können (Diversifikation). Diese Konzeption garantiert eine evolutive Lehre, die aus den Quellen des wissenschaftlichen Fortschritts jedes Fachs schöpft. Gleichzeitig wird jedoch durch die notwendige Diversifikation die Bildung von kritischer Masse für die Forschung in bestimmten Bereichen behindert. Fachbereiche können nur bis zu einem bestimmten Grad in der Zusammensetzung und damit in ihrer Forschung konvergieren, ohne in die Gefahr einseitiger Ausbildung zu geraten. Sie werden weiterhin in ihren Forschungskonzeptionen behindert durch mangelnde Flexibilität in der Besetzung von Mitarbeiterstellen und durch Abhängigkeit von Drittmitteln. Nur in speziell gelagerten Fällen können z.B. Sonderforschungsbereiche diese Problematik teilweise aufheben.

Wenn man, und diese Beispiele liegen mir natürlich besonders nahe, einige typische Arbeitsfelder von Einrichtungen der WBL dagegen hält wird deutlich, daß sie nur durch außeruniversitäre Forschung abgedeckt werden können: Man denke etwa an Forschungseinrichtungen mit einem hohem Serviceanteil (Bsp.: Institut für Kristallzüchtung, Deutsches Primatenzentrum, FIZ-Chemie) oder mit geforderter Langfrist-Kontinuität (Institut für Deutsche Sprache) oder aufwendige physikalische Methodenentwicklung im Vorfeld zukünftiger Schlüsseltechnologien wie z.B. Erprobung und Bereitstellung von teuren Lasersystemen für eine Nutzercommunity (Ultrakurzzeitlasermeßtechnik), langfristige Wahrnehmung zielgerichteter Aufgaben bei der Entwicklung moderner Materialien (z.B. die zwei Dresdner Institute), langfristig und interdisziplinär angelegte Raum- und Umweltforschung (Dresden, Warnemünde etc.), die forschenden Museen (z.B. Deutsches Museum München, Senkenbergmuseum Frankfurt etc.).

2. WBL als Partner der Universitäten

Die Gefahr der zunehmenden Schwächung der Universitätsforschung ist also durchaus real und es gilt, dem entschieden entgegenzuwirken. Das 'Auswandern' der Spitzenforschung aus den Universitäten muß verhindert werden. Freilich ist die in diesem Zusammenhang häufig vertretenen These, daß die außeruniversitären Forschungsorganisationen und im besonderen die WBL diese Schwächung bewirkten, kurzsichtig und verkehrt Ursache und Wirkung.

So beleuchten schlaglichtartig die inzwischen vielerorts auftauchenden Probleme bei der Übernahme bzw. Weiterfinanzierung der zu Nachwendezeiten großzügig von der MPG geschaffenen "Max-Planck-Arbeitsgruppen" an den Universitäten der neuen Bundesländer oder die Problematik des Wissenschaftler-Integrationsprogramms oder die außerordentlich schwierige Geburt der Geisteswissenschaftlichen Zentren (vom Scheitern der ursprünglich den Universitäten zugedachten chemischen Zentren gar nicht zu sprechen), wie sehr sich - ich möchte es einmal etwas salopp ausdrücken - die Universitäten übernehmen würden, wollten sie auch nur einen kleinen Teil etwa der derzeitigen WBL -Einrichtungen in den neuen Bundesländern in ihr System eingliedern.

Interessanterweise werden solche Forderungen ja auch gerade nicht von den Universitäten der neuen Bundesländer gestellt. Im Gegenteil, hier hat man die große Chance längst erkannt, die sich aus der Nähe eines WBL Instituts für die Universitätsforschung durch aktive Nutzung der von der WBL angebotenen Partnerschaft ergibt. Ganz allgemein sollten die Universitäten gemeinsam mit den Einrichtungen der WBL nach Wegen suchen, das vorhandene Potential für die Hochschulforschung effizient nutzbar zu machen. Die Institute der können für verschiedene Arten der Kooperation Ressourcen bereitstellen, die für Universitäten aufgrund ihrer Finanzierungsart und Aufgabenstellungen nicht zugänglich sind, die ihnen aber in Kooperation mit der Einrichtungen der WBL zugänglich werden.

Die oben skizzierten und eine Reihe weiterer Probleme universitärer Forschungsstrukturen erfordern komplexe Kompensationsmaßnahmen, für die es kein Patentrezept gibt, insbesondere da Forschungsfelder fachspezifische und aufgabenorientierte Akzentsetzungen erfordern. Es erscheint deshalb besonders vielversprechend, Konzentrationen in der Forschungslandschaft der Universitäten durch lokale Zusammenarbeit mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen vorzunehmen. Dafür sind in Deutschland im Prinzip durch die Max-Planck-Gesellschaft, die Fraunhofer-Gesellschaft, Großforschungseinrichtungen, aber insbesondere heute durch die Wissenschaftsgemeinschaft Blaue Liste gute Voraussetzungen gegeben. Neben der Verfolgung spezifischer Ziele muß es ein zentrales Anliegen aller außeruniversitären Organisationen sein, die zentrale Rolle der Universitäten als Treibhaus für wissenschaftliche Innovation durch forschungsorientierte Ausbildung des Nachwuchses zu erhalten und zu stärken. Dazu müssen die außeruniversitären Forschungseinrichtungen ihr Verhältnis zu den Universitäten durch eigene Strukturanpassungen verbessern. Dieses Verhältnis ist nur dann ausgewogen, wenn es neben der üblichen Abnahme eines Teils des wissenschaftlichen Nachwuchses die Universitäten dabei unterstützt, forschungsnahe Ausbildung zu betreiben, und der universitären Forschung Möglichkeiten bietet, durch Kooperationen die kritische Schwelle der Schwerpunktbildung auch in aufwendigen Spezialdisziplinen zu erreichen. Dazu ist die Wissenschaftsgemeinschaft Blaue Liste vorzüglich geeignet.

Einrichtungen der Wissenschaftsgemeinschaft Blaue Liste haben die strukturelle und finanzielle Unabhängigkeit, sich flexibel an die Bedürfnisse einer Forschungskooperation anzupassen. Dies betrifft nicht nur den Bereich von Drittmittelprojekten, sondern im besonderen Maße auch den institutionellen Bereich. Durch Verlegung personeller Schwerpunkte und durch Beteiligung an Großgeräten und Serviceeinrichtungen können WBL-Institute universitäre Kooperationspartner entscheidend stärken. Durch ein Entwicklungspotential im institutionellen Bereich, das risikobehaftete Langzeitprojekte unabhängig von der Kurzatmigkeit der meisten Drittmittelvorhaben erlaubt, sind Einrichtungen der WISSENSCHAFTSGEMEINSCHAFT BLAUE LISTE deshalb die Partner, die eine neue Qualität in die Zusammenarbeit mit Universitäten einbringen können und z.B. das für die Einwerbung größerer Drittmittelprojekte erforderliche, innerhalb der Universitäten oft nicht verfügbare Potential sinnvoll ergänzen. In diesem letzten Zusammenhang können sie Keimzellen sein für die Bildung von Sonderforschungsbereichen durch Einbringen von hochwertiger Grundausstattung und anderem Forschungspotential.

Durch die direkte Länderbeteiligung an den Instituten der WBL sowie durch gemeinsame Berufungen und Kooperationsverträge ist stärker als bei der Max-Planck-Gesellschaft, der Fraunhofer-Gesellschaft oder den Großforschungseinrichtungen gewährleistet, daß sich lokale Koalitionen zwischen WBL-Instituten und Universitäten bilden. Letztlich können und wollen die Mitglieder der WISSENSCHAFTSGEMEINSCHAFT BLAUE LISTE durch ihre Spezialisierung Elemente in die Lehre der Universitäten einbringen, die stärker von der Forschungspraxis getragen sind als es in Pflichtveranstaltungen der Universitäten immer möglich ist.

Ein Wort der Warnung sei hier freilich angebracht. In der Regel werden WBL Einrichtungen zu je 50% vom Bund und vom Sitzland finanziert (dies ist für die Länder ja gerade der Charme des Finanzierungsmodells). Mit zunehmender Sorge beobachten wir nun eine Tendenz auf der Bundesseite, Abschläge bei den Zuwendungen für einen Lehranteil von Angehörigen der WBL Einrichtungen zu fordern. Dies betrifft nicht nur die gemeinsam berufenen Hochschullehrer, (wo sich die Regelung einer Erstattung von je 7.5% des Gehaltes pro Std. Lehrdeputat durch die Hochschule seit langem bewährt hat), sondern auch dann, wenn andere Mitarbeiter am Hochschullehrbetrieb teilnehmen. Ja, es gibt sogar Fälle, wo darüber hinaus eine reduzierte Sachmittelförderung durch den Bund angestrebt wurde, weil man davon ausgeht, daß Teile der Institutsausstattung für Lehrzwecke verwendet werden. Ebenfalls verstärkt sich der Druck von Seiten des Bundes, für Dienstleistungen (also etwa die Nutzung von Geräten durch Gäste) eine substantielle Kostenerstattung zu fordern, die Institute also zu zwingen in zunehmenden Maße wie Wirtschaftsbetriebe "Forschungs-Ware" zu verkaufen.

Umgekehrt konterkarrieren massive Bestrebungen, außeruniversitäre Potentiale auf die Lehrkapazität der Hochschulen anzurechenen, gerade den gewünschten Effekt spezialisierter Unterstützung der Hochschulforschung und Ausbildung durch außeruniversitäre Einrichtungen, die ja gerade nicht auf die Bedürfnisse der Lehre ausgerichtet werden, sondern zur Förderung der Konkurrenzfähigkeit und Effizienz in speziellen Forschungsdisziplinen an den Hochschulen beitragen können und damit vor allem einen Beitrag zur Strärkung der Tiefe der damit verknüpften Ausbildung leisten können.

Sollten diese Tendenzen und der Druck, nachweisbare Einnahmen einzutreiben und Verrechnungen von Angeboten zuungunsten der Hochschulen vorzunehmen, sich verstärken, so wäre dies in höchstem Maße kontraproduktiv für die von der WBL angestrebte Partnerschaft zu den Hochschulen, die sich kaum in der Lage sehen werden, solche Kosten zu erstatten oder auf das anderenorts dringend benötigte Personal zu verzichten, um etwa gemeinsame Berufungen für eine aus curricularer Sicht nicht im Zentrum stehende Forschungsdisziplin zu ermöglichen. Hingegen wird eine Partnerschaft, welche die weitgehend kostenneutrale gegenseitige Nutzung von Ressourcen auch im Lehrbereich impliziert, ein zentrales, innovatives Element für die zukünftige Entwicklung der Forschungslandschaft in Deutschland sein. Ich möchte nachdrücklich an die verantwortlichen Politiker appellieren, die Weichen hierfür so zu stellen, daß einem Auswandern von wichtigen Teilen der Spitzenforschung aus den Hochschulen massiv entgegengewirkt werden kann.

Eine ganz wesentliche Rolle bei der Ausgestaltung dieser Partnerschaft wird der Deutschen Forschungsgemeinschaft zukommen. Von ihrer geschickten, leistungs- und qualtitätsorientierten Unterstützung dieser Entwicklung wird die Akzeptanz und der wissenschaftliche Erfolg großer und kleiner Gemeinschaftsprojekte ganz entscheidend abhängen. Die WBL hat hierzu eine Reihe von Vorschlägen vorgelegt, auf die im Einzelnen hier nicht eingegangen werden kann, die bei der DFG durchaus auf Verständnis zu stoßen scheinen. Erste Modellvorhaben, die in diese Richtung zielen, befinden sich bereits in der Vorbereitung und der Präsident der DFG, Prof. Frühwald hat sich hierzu verschiedentlich sehr positiv geäußert. Er spricht von einer Entwicklung, die der Situation bei der Einführung der Sonderforschungsbereiche vor 25 Jahren vergleichbar sei.

Eine entscheidende Voraussetzung für eine quantitative Umsetzung ist freilich der sog. neue 5x5 Beschluß (5 Jahre je 5% Etatsteigerung für die DFG) durch Bundesregierung, Bundestag und Bundesländer. Im Interesse einer qualitätsbezogenen, kompetitiven Weiterentwicklung der deutschen Forschungslandschaft möchten wir nachdrücklich an die verantwortlichen Politiker appellieren, die Signale hierfür auf Grün zu stellen.

3. Standortbestimmung für die WBL

Im Lichte der gerade angestellten Betrachtungen fällt es leicht, die oft kritisierte Heterogenität der Blauen Liste im Sinne einer anpassungsfähigen Vielfalt von Strukturen und Forschungsgegenständen als ihre eigentliche Stärke zu erkennen. Die in der Rahmenvereinbarungen Forschungsförderung und ihrer Ausführungsverordnung für die Forschungseinrichtungen postulierte gesamtstaatliche Aufgabe läßt sich daher etwa wie folgt definieren:

Eine Einrichtung der Wissenschaftsgemeinschaft Blaue Liste ist ein relativ selbständiges mittelgroßes Forschungsunternehmen, welches mit solider Finanzbasis und großer struktureller Flexibilität kritische Masse in einem langfristig aussichtsreichen und für die Gesellschaft wichtigen Forschungsfeld bilden und dieses möglichst umfassend besetzen kann.

In der Regel ist hierbei ein hohes Maß an fachübergreifender Arbeitsweise verbunden mit fachlicher Breite und methodischer Tiefe Voraussetzung für erfolgreiche Arbeit. Solche synergieschaffende Interdisziplinarität stellt erhebliche Ansprüche an den Willen zur Kohärenz bei den leitendenden Wissenschaftlern und an die langfristige Kooperationsfähigkeit jedes einzelnen Wissenschaftlers, neigen diese doch traditionsgemäß eher zur schöpferischen Individualität als zum gemeinsamen Handeln im Dienste eines Widmungsauftrags. Das so begründete Selbstverständnis der WBL und die Geschlossenheit bei der Besetzung eines Themas unterscheidet sich im Regelfall grundsätzlich von der Forschungsphilosophie für Institute der Max-Planck-Gesellschaft und in der erforderlichen personellen und finanziellen Größenordnung von der Universitätsforschung -auch unter Einschluß von Sonderforschungs- bereichen.

Es ist also keineswegs primär die Finanzierungsform, welche die Einrichtungen der WBL von anderen Forschungssystemen unterscheidet, sondern vielmehr die nur zum Teil davon abhängige Struktur und Organisationsform, die - gepaart mit neuen Ansätzen zur Förderung des Zusammenwirkens der Institute untereinander und zur Sicherung ihrer Leistungsfähigkeit und Außenwirksamkeit - eine neue, vielversprechende Qualität in die Forschungslandschaft Deutschlands einbringen und diese international konkurrenzfähiger machen kann.

Für die vier Säulen der außeruniversitären Forschung ergäbe sich sodann eine sinnvolle Abgrenzung der Arbeitsfelder und Bestimmungsgrößen, ohne eine völlige Überschneidungsfreiheit fordern zu müssen, die wenig zweckmäßig, kaum quantifizierbar und im Interesse eines Wettbewerbs der Systeme auch kaum wünschenswert wäre: In der folgenden Tabelle wird eine solche Strukturierung der deutschen Forschungslandschaft ansatzweise versucht, erhebt aber keinerlei Anspruch auf Verbindlichkeit.

Während die Max-Planck-Gesellschaft sich vorwiegend der reinen erkenntnisorientierten Grundlagenforschung widmet steht am anderen Ende der Skala die sehr wirtschafts- und produktnah operierende Fraunhofer-Gesellschaft. Die WBL überdeckt dazwischen ein breites Spektrum an Forschungsbedarfen im langfristigen Vorfeld zukünftiger Schlüsseltechnolgien (Natur-, Ingenieur- und Lebenswissenschaften), bei der wissenschaftlichen Politikberatung (Wirtschaft, Sozialforschung, Raumwissenschaft, Umweltforschung) sowie bei der Aufarbeitung und Präsentation wissenschaftlicher Informationen (Informationseinrichtungen, Forschungsmuseen) für eine breite Öffentlichkeit.

 

Aufgabenspektrum und Einordung der Forschungseinrichtungen in Deutschland

Die besondere Stärke der WBL liegt in der Fähigkeit ihrer Einrichtungen, bei der Bearbeitung reiner Grundlagenforschungsthemen auch die potentiellen Anwendungen im Auge behalten und ggf. verfolgen zu können, andererseits aber bei der Untersuchung eher praxisnaher Fragen stets auch in der Lage zu sein, eine sich ergebende Fragestellung von grundsätzlichem Interesse auch ohne unmittelbaren praktischen Bezug vertiefend aufzugreifen.

Die Begriffe Grundlagenforschung und anwendungsnahe Forschung (zielorientierte Grundlagenforschung) werden hier fließend, erscheinen schließlich nur als zwei Seiten der gleichen Medaille. Ohne die Absicht des "treshpassing" ins Feld des Kollegen Treusch würde ich in diesem Kontext das Selbstverständnis der Großforschungszentren vom Inhalt her als ähnlich vermuten: nur daß hierbei freilich der Begriff "Groß" sehr wörtlich zu nehmen wäre.

4. Ausdruck föderaler Forschungspolitik

Ein weiterer Aspekt unterscheidet die WBL , so meine ich, ganz wesentlich von den anderen Einrichtungen und insbesondere von den Großforschungseinrichtungen, die ja dem Bund recht nahe stehen: wir sehen uns als Ausdruck föderaler Forschungspolitik.

Der sächsische Ministerpräsident, und hier in diesem Lande darf man ihn ja gewiß zitieren (im folgenden z.T. leicht adaptiert), ohne sich dem Verdacht parteipolitischer Einseitigkeit auszusetzen, hat in jüngsten Zeit sehr lehrreiche Betrachtungen zum Thema 'Vollendung der deutschen Einheit' angestellt. Einheit sei als Vielfalt zu sehen, und man müsse sich darüber bewußt werden, daß diese Einheit in Vielfalt kein statischer Zustand, sondern ein dynamischer Vorgang sei und damit eine Aufgabe, an der wir dauerhaft zu arbeiten hätten. Dies gilt unzweifelhaft auch für die Gestaltung der Forschungslandschaft im vereinten Deutschland.

Wissenschaft und Forschung sind in besonderem Maße auf ein ausgewogenes Verhältnis zwischen der kultur- und wissenschaftspolitischen Kompetenz der Länder einerseits und der Wahrnehmung gesamtstaatlicher Aufgaben durch den Bund andererseits angewiesen. Die lange, wechselvolle Geschichte der deutschen Kleinstaatlichkeit und des deutschen Zentralismus' zeigt, daß es immer ein Problem staatlicher Verfaßtheit des deutschen Volkes war, ein stabiles Gleichgewicht zwischen Einheit und Vielfalt zu finden. Als besonderer Glücksfall der Geschichte nach dem zweiten Weltkrieg ist die in der Bundesrepublik Deutschland gewachsene lebendige bundesstaatliche Ordnung zu sehen, die aber der kontinuierlichen Pflege und dauernden Erneuerung bedarf. Es ist eine der entscheidenden Langzeitaufgaben der Politik aber auch Aufgabe aller im weitesten Sinne öffentliche Verantwortung Tragenden, dabei die Balance zwischen Einheit und Vielfalt zu wahren und das Bewährte stets mit neuem Leben zu füllen. Gerade auch vor dem Hintergrund der gesamteuropäischen Entwicklung muß diese bundesstaatliche Ordnung so weiterentwickelt werden, daß sie nicht einerseits in einen neuen bürokratischen, womöglich supranationalen Zentralismus steuern, andererseits aber auch nicht in einen Separatismus übertriebener Egoismen der verschieden Bundesländer verfallen kann.

Diese politische Aufgabe spiegelt sich in der Forschungslandschaft wieder. Gerade die jüngste Debatte um die Weiterführung der gemeinsamen Forschungsförderung von Bund- und Ländern und die im Vorfeld einer Kompromißlösung für die "Finanzstromdebatte" geäußerten Kündigungsabsichten verschiedener Länder zeigen, daß die skizzierten Gefahren durchaus gegeben sind, und engagiertes Eintreten für die Solidarität unter den Ländern dringend geboten ist. Die Wissenschaftsgemeinschaft Blaue Liste fühlt sich hier in besonderer Weise angesprochen und herausgefordert:

Gemeinsames Charakteristikum aller Einrichtungen des Wissenschaftsgemeinschaft Blaue Liste ist ihre überregionale Bedeutung und das gesamtstaatliche wissenschaftspolitische Interesse bei institutioneller Selbständigkeit, getragen von einem spezifischen Forschungsinteresse des jeweiligen Sitzlandes. Sie werden daher in der Regel zu je 50% vom Bund und dem jeweiligen Sitzland finanziert, wobei das Sitzland primärer Ansprechpartner ist.

Sie sind somit ein entscheidender Ausdruck der föderal gegliederten Forschungslandschaft in der Bundesrepublik Deutschland, und bieten optimale Voraussetzungen für ein rasches, flexibles Aufgreifen des aktuellen Forschungsbedarfs. Sie reflektieren die bewährte dezentrale Arbeitsteiligkeit und breitgefächerte Verantwortlichkeit, die unser Gesellschafts- und Wirtschaftssystem auszeichnet und erfolgreich macht. Ein zentrales Anliegen der hier vorgestellten Arbeitsgrundsätze und der geplanten Organisationsform ist es gerade, die Balance zwischen Vielfalt und Einheit, zwischen Eigenständigkeit der Mitglieder und gemeinsamem Handeln, zwischen regionalen Bezügen und gesamtstaatlicher Verantwortung, zwischen fachlicher Spezialisierung und Unterschiedlichkeit der Einrichtungstypen zu gewährleisten, und die sich daraus ergebenden Synergien zu erschließen.

Im Wissenschaftsbereich ist die jüngste deutsche Geschichte nicht zuletzt auch ein Stück Geschichte der Blauen Liste. Die Wissenschaftsgemeinschaft Blaue Liste kann daher, wie keine andere der großen Wissenschaftsorganisationen, daraus Gewinn ziehen, daß diese Vielfalt durch die Einheit mit den neuen Bundesländern bereichert wurde, und daß wir uns auch in der wissenschaftlichen Arbeit wieder gegenseitig erfahren können. Daß diese Erfahrbarkeit keineswegs ein selbstverständlicher, ja häufig sogar ein schmerzhafter Prozeß ist, der uns zwingt, von eingefahrenen Denkweisen und Vorurteilen Abschied zu nehmen, steht dem nicht entgegen, im Gegenteil: die Möglichkeit voneinander lernen zu können und die Erfahrungen des jeweils anderen als valide und bedenkenswert zu erleben, ist ein Gewinn der Einheit. Auch dies ist ein Stück Programm bei der Ortsbestimmung im Gefüge der deutschen Wissenschaftssysteme, in welchem sich die WBL mit ihrer föderalen, kooperativen Struktur der kollegialen Konkurrenz stellen möchte.

5. Bewertung und Sicherung von Qualtiät und Leistungsfähigkeit

Lassen Sie mich zum Schluß noch in der hier gebotenen Kürze auf ein besonders wichtiges Thema eingehen: die Sicherung und Stärkung von Qualität und Leistungsfähigkeit von Forschungsstrukturen, ggf. auch deren Auflösung oder bei Bedarf Neuaufnahme.

Alle großen Wissenschaftsorganisationen haben hierzu Mechanismen unterschiedlicher Transparenz entwickelt. Wenn z.B. der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft hierfür 'ein komparatives System' fordert, so meint er damit wohl die selbstkonsistente Vergabe der Ressourcen innerhalb der MPG aus einem endlichen Gesamtvolumen heraus, bei welcher 'das Gute dem Hervorragenden' zu weichen habe.

Demgegenüber kritisiert Zacher die Entwicklung in den neuen Bundesländern. "Der Umbau in den neuen Ländern und die Bedrängnis der universitären Forschung lassen die außeruniversitäre Forschung immer weiter anwachsen. Und sie wächst gerade dort am meisten, wo es wirklich komparative Rahmenbedingungen am schwersten haben sich zu entwickeln". Ich habe meinerseits große Schwierigkeiten eine solche Bemerkung zu verstehen. Für die WBL jedenfalls ist für die nächsten fünf Jahre ein in dieser Art, Totalität und Transparenz bislang beispielloses Verfahren der Qualitätsbewertung angesetzt. Alle (derzeit 82) Einrichtungen werden in der Regie des Wissenschaftsrates von ausschließlich externenen Gutachtergruppen auf Herz und Nieren durchleuchtet. Sodann wird eine komparative Wertung von einem dafür zuständigen ständigen Ausschuß des Wissenschaftsrates vorgenommen, wobei auch all die Institute berücksichtigt werden, die gerne in die Blaue Liste aufgenommen werden wollen (bzw. die andere uns zugedenken wie etwa das traditionsreiche Gmehlin Institut, welches die MPG nicht mehr finanzieren will). Dabei wird auf äußerste Transparenz geachtet, die Originalgutachtervoten werden am Ende mit den Empfehlungen des Wissenschaftsrats veröffentlicht. Auch eine Bewertung der Angemessenheit des Förderinstruments Blaue-Liste wird hierbei erwartet. Die ersten 8 Institute werden dieses Jahr evaluiert, weitere 15 sind für nächstes Jahr schon eingeplant: Eine Gewaltaktion, an deren Ende eine sozusagen 'TÜV' geprüfte WISSENSCHAFTSGEMEINSCHAFT BLAUE LISTE stehen wird. Bei Bewährung wird das Verfahren danach in der einen oder anderen Form fortgestetzt werden.
Wir begrüßen diesen so eingeleiteten Erneuerungs- und Qualitätssteigerungs-Prozess und messen ihm Modellcharakter zu. Wir meinen, daß auf ähnliche Weise die gesamte außeruniversitäre Forschungslandschaft bewertet werden sollte: in einem extern gesteuerten, in jedem Fall extrem transparenten Verfahren, welches der Öffentlichkeit voll zugänglich gemacht wird. Wir meinen, daß der Steuerzahler ein Recht darauf hat, zu erfahren, ob das Geld, das er für die Forschung aufbringt auch wirklich gut und effizient angelegt ist.
Erst, wenn es gelingt, ein solches Verfahren für die gesamte außeruniversitäre Forschung zu realisieren, können wir von einem echt 'komparativen' System sprechen, einem System nämlich, in welchem der stimulierende Wettbewerb auch zwischen den Forschungsorganisationen zum Motor der Qualitäts- und Leistungssteigerung in der Forschung wird.
Auch die Universitäten werden sich schließlich diesem Anspruch stellen müssen, - erste Modellversuche haben ja bereits begonnen, auch wenn sie weit weniger stringent sind, als das hier für die WBL geschilderte. Ich glaube, daß wir insgesamt aber sehr gespannt sein dürfen auf die Entwicklung der Deutschen Forschungslandschaft in den nächsten 5 bis 10 Jahren.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.

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