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Staatssekretär Prof. Dr. Ingolf Hertel am 10.11.1999: Wissenschaftspolitik in Berlin
Referat zum Tag der Chemie (Wissenschaftsstandort Berlin-Adlershof) im Institut für Chemie der Humboldt-Universität zu Berlin
Liebe Kollegen und Kolleginnen, meine Damen und Herren,

da Adlershof schon in den Grußworten behandelt wurde, kann ich mich auf das Thema Wissenschaftspolitik beschränken. Nun war mir, als Kollege Sauer mich vor zwei Monaten um dieses Referat bat, und ich etwas leichtfertig zusagte - nicht bewusst, zu welch besonderem Zeitpunkt ihr Tag der Chemie dieses mal stattfindet:

Zum einen, es wurde schon erwähnt, fiel gestern vor 10 Jahren die Berliner Mauer. - Anlass genug, eine Rückblick auf die Entwicklung in die-sen Jahren zu tun, die ja gerade auch im Wissenschaftsbereich in dieser Stadt ungeheure Umwälzungen gebracht haben. Ja, man kann sagen, dass in Berlin wie in keinem anderen Bundesland die Bildung einer ein-heitlichen Wissenschafts- und Forschungslandschaft eine Herausforderung von exemplarischer Bedeutung, Komplexität und Schwierigkeit war, galt es doch hier innerhalb einer Stadt, sozusagen Tür an Tür und haut-nah für die jeweils andere Seite erfahrbar, die zwei Wissenschaftssysteme zusammenzuführen, zu harmonisieren, die sich über 40 Jahre wahrhaftig unterschiedlich entwickelt hatten.

Der zweite Bezugspunkt, angesichts dessen ich dieses Referat zu hal-ten habe - auch daran hatte ich bei meiner Zusage nicht gedacht - sind die derzeit laufenden Koalitionsverhandlungen zur Bildung einer neuen Landesregierung, bei welchen all das, was ich Ihnen möglicherweise zu sagen habe, ja eine Rolle spielen wird - als Wissenschaftler und Wis-senschaftspolitiker hoffe ich natürlich, dass dies eine bedeutende, zentrale Rolle sein wird.

Denn, meine Damen und Herren,

Wissenschaft und Forschung sind das wichtigste Zukunftskapital Berlins. Praktisch alle Parteien in dieser Stadt haben sich dieses Postulat in der einen oder anderen Form zu eigen gemacht. International herausragende Forschung und Lehre - im Grundlagenbereich wie auch bei der Anwendung - ist die Antwort Berlins auf die Herausforderung der Globalisierung.

In den vergangenen 10 Jahren ist der institutionelle Aufbau dieses Potenzials - wie ich meine - hervorragend, wenn auch gewiss nicht in allen Phasen schmerzlos gelungen. Dabei musste reagiert werden auf die Diskrepanz zwischen massiv gewachsenen Landesaufgaben gerade in diesem Feld einerseits und der drastisch abnehmenden Finanzkraft des Landes mit dem Wegfall der Bundessubventionen andererseits. Dies führte im Hochschulbereich wie bei der außeruniversitären Forschung zu massiven strukturellen Einschnitten, besonders augenfällig bei der Reduzierung der Zahl der Studienplätze von einmal, personalbezogen, 110 000 auf inzwischen politisch dauerhaft garantierte 85.000. Vom Volumen her musste praktisch eine ganze Universität eingespart werden.

Dennoch, auch das, was verblieb kann sich sehen lassen: 3 Volluniversitäten, jede von ihnen - trotz der aus fiskalischen Gründen leider unverzichtbaren Rückschnitte der vergangenen Jahre - von Volumen und Inhalt her beachtliche Größen, die den Vergleich mit anderen Standorten der Bundesrepublik wahrhaftig nicht zu scheuen brauchen. 8 Fachhochschulen, 4 künstlerische Hochschulen. Wie auch immer Sie es rechnen, wir werden bei 85.000 personalbezogenen Studienplätzen auch in Zukunft über 130 000 Studierende in dieser Stadt haben (und stehen mit dieser Überlastquote im Bundesdurchschnitt, wo ja jeder Studienplatz immer doppelt belegt ist, gar nicht einmal so schlecht da).

Bitte beachten Sie, dass dies etwa 7,4% aller in Deutschland Studierenden sind - bei einem Bevölkerungsanteil von nur 4,3 %. Wenn Sie dies in Relation zu der dramatisch schlechten Finanzlage dieser Stadt sehen, dann erkennen Sie, dass Wissenschaft im Land Berlin in der Tat allerhöchste Priorität genießt. Hinzu kommen etwa zwei Dutzend leistungsfähige außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, viele davon außerhalb der Zuständigkeit des Landes Berlin. Soweit wir aber zuständig bzw. von Einfluss sind, wurden diese Einrichtungen z.T. mehrfach vom Wissenschaftsrat bzw. entsprechenden Gremien durchevaluiert und für gut bis exzellent befunden. Das ist insgesamt schon eine stattliche Bilanz des Aufbaus. Man kann sagen, der institutionelle Aufbau ist gelungen.

Für die Zukunft Berlins ist es nun von entscheidender Bedeutung, das hier verfügbare, in dieser Konzentration in der Bundesrepublik wohl einzigartige Potenzial in den kommenden 5 Jahren konzertiert strategisch auszurichten. Die Leistungen der Berliner Wissenschaft und Forschung müssen nicht zuletzt auch ein zentrales Argument des Berlin-Marketing werden und national wie auch international als wesentliche Triebkraft für die geistige und wirtschaftliche Attraktivität Berlins wahrgenommen werden.

Es muss es jetzt darum gehen, die Wirksamkeit des Standortfaktors Wissenschaft zu optimieren: Profilierung, Bündelung und effiziente Nutzung der Ressourcen sowie konzertiertes Handeln aller Akteure sind erforderlich. Selbst führende Finanzpolitiker des Landes haben inzwischen als Leitbild für Berlin im 21. Jahrhundert die „Stadt des Wissens" entdeckt. Wir gehen also goldenen Zeiten entgegen. Das Neue Berlin will eine "Global City des Wissens" werden, mit der Besonderheit wirklich einmal Drehscheibe zwischen Ost und West im Herzen Europas zu sein. Wissenschaft und Forschung sind die besten Botschafter dieser Stadt in der Welt. Sie sind von Natur aus international angelegt.

Folgende Ziele sind anzustreben:

  1. Wissenschaftliche Exzellenz auf internationalem Niveau in den wichtigsten, aktuellen Schwerpunkten. Dies gilt sowohl für das Vorfeld künftiger Schlüsseltechnologien wie auch für die Entwicklung sogenannter Fernkompetenz und den geistes- und gesellschaftswissenschaftlichen Bereich, für Berlin als Sitz der Bundesregierung von höchster Bedeutung. Berlin muss (neben München, Stuttgart, Heidelberg, Bonn) wieder zur wichtigsten Wissenschaftsregion in Deutschland werden und an seine Tradition der Nobelpreisträger und Unternehmensgründer anknüpfen.
  2. Berlin muss das in der Forschung geschaffene Wissen kompetent, attraktiv und übersichtlich aufbereiten und geeignet vermarkten. Wir werden hierzu eine Wissenschaftsdatenbank aufbauen, die unter Verwendung aller bereits existierenden Internet-Information im interaktiven Zugriff von den Wissenschaftlern dieser Stadt stets aktuell gehalten wird. Sie soll externen Interessenten aus Wissenschaft und Wirtschaft zielgenau und schnell Information über die Leistungsfähigkeit und potentielle Kooperationspartner in Berlin informieren.
  3. In dem rasant expandierenden globalen Markt für Bildung, Ausbildung und Weiterbildung müssen die Berliner Hochschulen eine führende Rolle übernehmen und offensiv agieren. Experten rechnen allein im Weiterbildungsmarkt mit einem jährlichen Umsatzvolumen von ca. 600 Mrd. US$. Deutsche Hochschulen sind daran bislang so gut wie gar nicht beteiligt. Die Themenfelder virtuelle Hochschule, neuen Medien und weltweite Vernetzung stellen unser Bildungssystem vor Herausforderungen, denen die gegenwärtigen Strukturen und Befindlichkeiten der Akteure kaum noch gewachsen sind. Staatliches Handeln muss darauf ausgerichtet sein, die Hochschulen wettbewerbsfähig und wettbewerbswillig zu machen. Ebenso müssen die außeruniversitären Forschungseinrichtungen in Berlin in der Weiterbildung in ihrem jeweiligen Spezialgebiet einen gewichtigen Beitrag leisten.
  4. Neben hervorragender Ausbildung und breit angelegter, exzellenter Grundlagenforschung muss das Berliner Wissenschaftssystem die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft auf ausgewählten Technologiefeldern weiter verstärken. Anwendungsoffenheit muss zu einem Markenzeichen der Berliner Wissenschaft und Forschung werden.

Diese notwendige neue Ausrichtung der Berliner Hochschulen und Forschungseinrichtungen hat bereits an vielen Stellen begonnen, wird aber nur dann eine nachhaltige Dynamik erlangen, wenn sie von der Wissenschafts- und Forschungspolitik Berlins durch verbesserte Rahmenbedingungen und ein kluges Anreizsystem wirksam unterstützt wird. Dabei ist eine gesunde Balance zwischen den Selbstregulierungskräften der Wissenschaft und staatlicher Steuerung zu finden. Der Staat muss sich konsequent weiter vom „Regulator" zum „Moderator" entwickeln. Die Berliner Wissenschaftspolitik braucht aber ein Instrumentarium, um diesen Prozess aktiv zu gestalten und wissenschafts- und innovationspolitische Ziele in das Handeln von Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen einzubringen.

Veränderte Rahmenbedingungen und neue Herausforderungen prägen die derzeitige hochschulpolitische Diskussion nicht nur in Berlin. Mit der Erprobung neuer Organisationsstrukturen und dem Abschluss von Hochschulverträgen, welche mittelfristige, finanzielle Planungssicherheit geben aber auch nachprüfbare Leistungen vereinbaren, hat die Berliner Hochschulpolitik zukunftsweisende Modelle in die aktuelle Entwicklung eingebracht.

Lassen Sie mich stichwortartig eine Bilanz der letzten 10 Jahre Wissenschaftsentwicklung ziehen. Zunächst die Positiva:

  • Die Hochschulverträge: Sie sichern den Hochschulen Planungssicherheit für mehrere Jahre zu und leiten einen internen Reformprozess ein. Trotz erheblicher Reduktion liegen die staatlichen Zuwendungen, gemessen an Bevölkerungszahl und Steueraufkommen, deutlich über dem Bundesdurchschnitt.
  • Die Experimentierklausel gibt 66 Paragraphen des Berliner Hochschulgesetzes von insgesamt 137 zur Erprobung frei - soweit sich die Hochschulorgane darauf einigen können. Dies ermöglicht insbesondere die Erprobung neuer Leitungsstrukturen und erlaubt daher den Hochschulen ihre - auch bisher im Rahmen der Berliner Kuratorialverfassungen vorhandene Autonomie - sehr viel wirksamer und strategischer zu nutzen. Neue Kuratorien, besetzt mit höchstrangigen Persönlichkeiten aus der Wissenschaft und aus dem öffentlichen Leben, sind die Konsequenz. Während man anderenorts noch über die Zweckmäßigkeit von Hochschulräten und deren Befugnisse streitet, haben wir diese mit einem hohen Maß an Entscheidungskompetenz längst eingerichtet.
  • Die Strukturpläne der Berliner Hochschulen sehen 85000 personalbezogene Studienplätze dauerhaft vor. Die derzeit laufende Begutachtung dieser Strukturpläne durch den Wissenschaftsrat wird die weitere Entwicklung positiv beeinflussen. Berlin wird den Empfehlungen des Wissenschaftsrats eine hohe Bedeutung bei der künftigen Weiterentwick-lung der Berliner Wissenschaftslandschaft zumessen.
  • Die institutionelle Aufbauarbeit in den außeruniversitären Forschungseinrichtungen: Sie wurde erfolgreich abgeschlossen, wie dies durch flächendeckende, positive Evaluierungsergebnisse belegt ist. Auch hierbei wurden die Empfehlungen des Wissenschaftsrates sowohl beim Umbau des Wissenschaftssystems als auch im Rahmen der laufenden Evaluierungsverfahren konsequent umgesetzt.
  • Die Finanzierung der Einrichtungen einschließlich der notwendigen Baumaßnahmen konnte gesichert werden. Dies gilt insbesondere auch für die Finanzierung der Synchrotronstrahlungsquelle BESSY II in Berlin-Adlershof.
  • Der weitere Ausbau des Wissenschafts- und Wirtschaftsstandortes Berlin-Adlershof (WISTA) und die Verlagerung der Naturwissenschaften der Humboldt-Universität ist gesichert. Mit den Hochschulbaumaßnahmen wurde begonnen, Informatik und Mathematik sind bereits in Neubauten untergebracht. Nach der 1999 beschlossenen Beschleunigungsplanung wird (bis auf die Biologie) der Umzug bis 2003 abgeschlossen sein. Dies ist eine im Vergleich zu anderen Umzugsprojekten von Hochschulen - etwa in Garching bei München oder in Heidelberg - eine ganz ungewöhnlich kurze Zeit von der Planung bis zur Realisierung.
  • Adlershof ist aber nicht nur ein Hochschulumzugsprojekt sondern auch das wichtigste Innovationsprojekt des Landes Berlin mit weit über Berlin hinaus wirksamer Signalwirkung. Die neue Kultur der Zusammenarbeit zwischen Hochschule, außeruniversitärer Forschung und Wissenschaft beginnt inzwischen zu greifen. Besucher, die Adlershof noch von 1989 kennen und den 1999 erreichten Stand damit vergleichen, zeigen sich immer wieder aufs äußerte beeindruckt von großartigen Aufbauarbeit, die dabei geleistet wurde.
  • Eine thematische Konzentration Berliner Forschungsschwerpunkte wurde begonnen und bildet den Nährboden für die aktuelle Berliner Technologiepolitik. Wissenschaft und Forschung wird als Basis der Innovationspolitik des Landes verstanden.

Wie bereits erwähnt, gibt es bei der Nutzbarmachung der vorhandenen Potenziale und positiven Entwicklungen Defizite und Probleme. Drei davon seien hier thematisiert:

  • Die Hochschulautonomie, welche die Basis für eine dynamische, zukunftsweisende Entwicklung und für ein neues Selbstverständnis unserer Hochschulen ist, hat z.T. auch kuriose Blüten getrieben. Vielfach wurde diese Autonomie lediglich als Entledigung von jedem staatlichen Einfluss missverstanden - und manchmal, so scheint es, wird dem Staat lediglich zugebilligt, dass er den jährlichen Scheck ohne jegliche Auflagen unter dem Hauptportal der Alma Mater durchschiebt. Aber gerade wenn man das Konzept der Hochschule als selbstständiges "Unternehmen" sehr ernst nimmt, so verwundert es doch in höchstem Maße, wenn in den Aufsichtsgremien der Vorstand des Unternehmens den Ton angibt und sich dort offenbar gleich selbst kontrolliert. Und wo in der Welt der Unternehmen, würde der Hauptaktionär - also hier das Land Berlin - darauf verzichten, die Mitglieder des Aufsichtsrats zu stellen und bei der Bestellung von dessen Vorsitzenden einen gewichtiges Wort mitzureden.
  • Das Wissenschafts- und Forschungssystem in Berlin, das sich aus der Zusammenführung beider Stadthälften und der unter großem Zeitdruck ablaufenden Verfahren entwickelt hat, entspricht nicht dem z.B. in Baden-Württemberg in langen Zeiträumen in enger Zusammenarbeit mit der Industrie entstandenen Muster, verfügt nicht über Milliarden an Sondermitteln aus staatlichen Unternehmensverkäufen wie in Bayern. Das Berliner System ist vielmehr aus der Wende mit großer Vielgestaltigkeit ohne einheitliche Muster hervorgegangen. Eine Hightech-Industrie, welche die Ergebnisse Berliner Forschung fruchtbar aufgreifen und neue Entwicklungen stimulieren könnte, existiert nur auf ganz wenigen Feldern. Und die erhoffte Unternehmensansiedlung von auswärts kommt nur langsam voran. Berlin muss auf seine endogenen Potenzial vertrauen und die jungen Gründer fördern.
  • Der Wissenschaftshaushalt des Landes ist mit 3,5 Milliarden DM pro Jahr beachtlich, insbesondere vor dem Hintergrund der schwierigen Haushaltslage Berlins. Doch sind diese Mittel ganz überwiegend institutionell festgelegt. Freie "Steuerungsmitteln" von knapp 1 Mio. DM, also weniger als 0,05% dieses Haushalts, stehen demgegenüber in geradezu groteskem Verhältnis. Dies ist in der deutschen Wissenschaftslandschaft wohl einzigartig. Der Mangel an frei verfügbaren Steuerungsmitteln führt dazu, dass im Rahmen der institutionellen Finanzierung, an der verschiedene Finanzierungspartner beteiligt sind, fast alle Mittel dem wissenschaftlichen Selbstlauf überantwortet bleiben. Auch wenn die Autonomie und Selbstverwaltung der Wissenschaft unverzichtbar für ihr effizientes Wirken ist. Hier fehlt ganz evidenterweise ein wirksames Anreizsystem, um auch die Effektivität im Auge zu behalten. Es geht also darum, die Akteure des Berliner Wissenschaftssystem zum kohärenten Einsatz der hier in einmaliger Dichte verfügbaren Potenziale von Hochschulen und Forschungseinrichtungen zu stimulieren, im lokalen, nationalen und internationalen Wettbewerb spezifische Berliner Stärken zu qualifizieren und schließlich in die Innovations- und Technologiepolitik des Landes programmatisch einzubinden. Hier liegt ein entscheidendes strukturelles Defizit der Berliner Innovationspolitik.

Um die vorhandenen Ressourcen effektiv und wettbewerbswirksam zu nutzen, sind die Strukturen systematisch weiter zu entwickeln. Die thematische Konzentration und eine Netzwerkbildung muss als Innovationsmotor vorangetrieben werden.

Die Berliner Politik unterstützt und fördert die Herausbildung von Technologieschwerpunkten und regionalen Kompetenzzentren durch eine Reihe von Maßnahmen. So werden beispielsweise unter Vorsitz der Regierungschefs von Berlin und Brandenburg - koordiniert durch die Technologiestiftung - die Technologiefelder Biotechnologie und Molekulare Medizin, Informations- und Kommunikationstechnologien, Verkehrstechnik und Umwelttechnologie gefördert. Unsere interdisziplinären Forschungsverbünde bereiten die thematische Konzentration vor und in Public-Private Partnerschaften bilden wir mit den sog. Forschungspolitischen Dialogen erfolgreich strategische Allianzen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft.

Um nicht missverstanden zu werden: Wissenschafts- und Forschungspolitik muss sich zwar als Schlüssel zur Entwicklung dieser Innovationsfelder verstehen - jedoch sind die Schwerpunkte der Berlin Forschung wohl überlappend, aber keineswegs identisch mit den vom Land als prioritär bestimmten Schlüsseltechnologien: Zum einen muss Forschung und Lehre den Nährboden für diese Innovationsfelder liefern und eine breite Palette von sog. "Enabling Technologies", also von Know-how und Methoden aus Nachbargebieten bereitstellen, damit die technologischen "Leuchttürme" überhaupt strahlen können. Zum anderen kann Innovationspolitik langfristig keinen Erfolg haben, wenn sie nicht aus den unvor-hersehbaren Ergebnissen einer deutlich breit angelegte Grundlagenforschung schöpfen kann.

Bei der Weiterentwicklung der Rahmenbedingen könnte für die Optimierung dieses Gestaltungsprozesses auch ein aus externen Experten zu berufender Gesamt-Berliner Hochschulrat eine wichtige Schnittstellenfunktion zwischen der Berliner Wissenschaft und Forschung einerseits und der Berliner Wissenschaftspolitik, d. h. dem zuständigen Senator als deren Repräsentanten andererseits übernehmen.

Komplementär dazu müssen wir eine Ebene der Berlin-internen Abstimmung und Konsensbildung etablieren. Das von mir eingerichtete Strategieforum für Wissenschaft, Forschung und Innovation, in welchem die Präsidenten der Hochschulen, führende Repräsentanten der außeruniversitären Forschung, Vertreter der Politik, der Wirtschaft aber auch des Berlin-Marketing vertreten sind, ist hierfür eine geeignete Plattform. Es soll u.a. mit Hilfe von renommierten Fachvertretern das Berliner Forschungsprofil und seine Ergebnisse weiter ausarbeiten und diese stets fortzuschreibende Bestandsaufnahme als Basis für gemeinsames, konzertiertes Handeln nutzen. Berlin, mit dem Anspruch künftig eine Global City des Wissens zu werden, muss dabei auch die "Ware" Wissen durch Forschung, Lehre und Ausbildung offensiv nach außen anbieten und systematisch für sein Standortmarketing nutzen.

Hierzu gehören auch die vielfältigen Potenziale der Berliner Geistes- und Sozialwissenschaften. Noch lässt sich derzeit keine ähnlich scharfe Profilierung wie für die Natur- und Technikwissenschaften formulieren. Es sollen aber künftig unter der Thematik "Kultureller und Sozialer Wandel" Aktivitäten miteinander vernetzt und besonders gefördert werden, die in Berlin institutions- und universitätsübergreifend betrieben werden und von hochrangiger Qualität sind. Ein weiterer Schwerpunkt liegt im Bereich der Wirtschaftswissenschaften. Im Zuge der Hauptstadtwerdung Berlins sind diese Potenziale von herausragender Bedeutung, nicht zuletzt auch als Quelle für eine profunde, wissenschaftsbasierte Politikberatung.

Nicht unerwähnt bleiben darf schließlich der Zukunftsfonds, der aus dem Verkauf der Berliner Wasserwerke 10 % = 310 Mill. DM eingerichtet wird. Er soll der Förderung innovativer Ideen und Vorhaben dienen und konzentriert sich auf die Förderung zukunftsorientierter Leitprojekte aus Wissenschaft und Forschung, Ausbildung und Qualifizierung sowie Technologie und Innovation einschließlich gesellschaftlicher Innovation mit Arbeitsplatz- und Produktionsorientierung. Ich bin sehr zuversichtlich, dass der Zukunftsfonds nach der Senatsneubildung zügig aktiviert wird. Lassen Sie mich zum Abschluss dieser Bilanz auf drei wichtige Aspekte künftiger Wissenschaftspolitik hinweisen, die ich noch nicht einmal ansatzweise diskutieren kann, in deren Thematisierung wir aber aktiv eingebunden sind.

  1. Studienreform und Attraktivität der Lehre: Nach wie vor hat Lehre einen geringeren Stellenwert an unseren Hochschulen als die Forschung. Wenn wir aber unseren Humboldt wirklich ernst nehmen, dann muss Lehre und Forschung gleiches Gewicht an den Hochschulen haben. Vielleicht nicht auf allen Ebenen einer Hochschule, aber gewiss insgesamt. Interessanterweise wirkt inzwischen die sogenannte Internationalisierung der Studiengänge, also die Einführung der angelsächsischen Grade Bachelor und Master als Innovationsmotor in der Lehre. Wir dürfen auf die Entwicklung gespannt sein. Auch darauf, wie diese neuen Konzept etwa zu einer Kanalisierung des Massenbetriebs an den Hochschulen führen können, indem sie frühzeitig einen ersten Berufsqualifizierenden Abschluss anbieten. Die Themen Credit Point System, Modularisierung der Studiengänge, Lehrevaluation und Akkreditierung ergänzen die Palette der Reforminstrumente.
  2. Wir brauchen unterstützend hierzu ein neues System der Hochschulfinanzierung, ein leistungs- und belastungsgerechtes, budgetiertes Finanzierungssystem, welches neben Zuteilungen auch Sanktionen im Falle der Nichterreichens von vereinbarten Zielen in Lehre und Forschung beinhaltet. Natürlich gehört in diesen Komplex auch das Thema sozialverträgliche Studiengebühren, die ausschließlich den Hochschulen zufließen und teilweise für Stipendien benutzt werden. Komplementär dazu muss die freie Studienplatzwahl im Rahmen einer ausschließlich an der Studierfähigkeit orientierten Auswahl der Studierenden durch die Hochschule diskutiert werden. Dies wird die Lehre massiv verbessern und gewiss auch die schon sprichwörtliche Forderung nach der Pflege der Allgemeinkompetenz, also Teamfähigkeit, das Lernen zu Lernen, Modellhaftes Denken in Realität verwandeln. Auch das Coaching der Absolventen nach dem Studienabschluss mit dem Ziel optimaler Beschäftigung und späterem Wirkens als Alumni wird künftig zu den selbstverständlichen Verpflichtungen der deutschen Hochschulen gehören, wenn sie sich wie ihre internationalen Konkurrenten erfolgreich am Bildungsmarkt behaupten wollen.
  3. Das Dienst- und Besoldungsrecht, die leistungsgerechte Hochschullehrerbesoldung und einen angemessenen Wissenschaftstarif brauche ich ja schon fast nicht mehr zu erwähnen, so oft wird darüber in der Presse berichtet. Berlin ist in die überregionale Diskussion intensiv eingebunden. In diesen Themenkomplex gehören auch die Überlegungen zu einer deutlichen Verjüngung des Hochschullehrernachwuchses, die Stichworte Assistenzprofessur und "Tenure Track" Positionen mögen andeuten, wohin die Reise gehen wird. Ich persönlich plädiere darüber hinaus für eine vollständige Abschaffung der Habilitation. Sie ist in vielen Fällen ein Disziplinierungsinstrument, was die frühzeitige kreative Entfaltung des wissenschaftlichen Nachwuchses eher behindert als fördert.
  4. All dieses und mehr wir schließlich auch seinen Niederschlag in einer grundlegenden Reform des Berliner Hochschulgesetzes finden müssen. Dabei geht es um eine deutliche Verringerung der Regelungsdichte aber auch um Klarheit bei der Definition des Handlungsrahmens. Auch über leistungsfähige Leitungsstrukturen wird dabei zu befinden sein. Ohne sie wird es keine zukunftsfähige deutsche Hochschule geben, keine wirksame Autonomie, kein unternehmerisches Handeln. - Ein Alptraum etwa, daran zu denken, die künftige leistungsbezogene Hochschullehrerbesoldung alljährlich in viertelparitätisch besetzten Gremien zu beraten oder sie im Rahmen eines Punktesystems von Evaluierungsoberräten errechnen zu lassen.

Meine Damen und Herren,

ich hoffe Ihnen mit diesem Rundblick einen gewissen Einblick gegeben zu haben in das, was Berliner Wissenschaftspolitik ist und was sie werden sollte. Ich bin - ebenso wie gewiss auch Sie - sehr gespannt, wann und wie die notwendigen Schritte hierzu eingeleitet werden kšnnen, und ob die Berliner Politik auch den Mut zu teilweise unpopulŠren und kontroversen Entscheidungen auf diesem Felde findet.

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Prof. Dr. Ingolf Hertel, e-Mail: Hertel@mbi-berlin.de

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