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Staatssekretär Prof. Dr. Ingolf V. Hertel : Eingangs-Statement
Gespräch zu den "ZVEI Impulsen - Die deutsche Forschungslandschaft muss sich ändern"; 2.3.1999 am WISTA, Berlin-Adlershof

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich möchte mich zunächst bei Ihnen dafür bedanken, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind, heute dieses Gespräch über die jüngsten "ZVEI Impulse" zum Thema "Die deutsche Forschungslandschaft muss sich ändern" zu führen. Das Thema ist gewichtig - ganz unabhängig davon, wie man nun diese Thesen des ZVEI bewerten mag - und Veränderung gehört allemal zur Essenz von Wissenschaft.

So ist es denn sehr angemessen, ein paar Stunden darauf zu verwenden, um in diesem Kreis darüber nachzusinnen, wie viel Veränderung wir brauchen und wie viel Stabilität wir sichern müssen; wie viel Veränderung zum gegenwärtigen Zeitpunkt in der deutschen Forschungslandschaft wünschenswert, möglich und effizient sein sollte und wie wir den ggf. als notwendig erkannten Wechsel evolutionär gestalten können. Wir, das sind auf der einen Seite die Mitglieder des ZVEI, auf der anderen Seite Repräsentanten derjenigen Wissenschaftsorganisationen, die im genannten Thesenpapier als überflüssig charakterisiert wurden. Und schließlich - quasi als Adressaten des Gesprächs - eine Reihe von Verantwortlichen der Wissenschaftspolitik in Bund und Ländern.

Wir hätten uns gewiss eine frühere Diskussion einiger Kernthesen gewünscht, die uns immerhin freundlicherweise noch vor ihrer Veröffentlichung übersandt wurden. Wenn man etwa fordert:

  • Abschaffung der gemeinsamen Forschungsförderung von Bund und Ländern
  • Finanzierung von Forschungsaufgaben und nicht von Forschungseinrichtungen,
  • Überführung der Helmholtz-Zentren und Leibniz-Institute in die Max-Planck- bzw. Fraunhofer-Gesellschaft,

so wäre eine sorgfältige Hintergrundrecherche und gründliche Analyse des Geforderten, vielleicht auch eine Rückkopplung mit den jeweils Zuständigen bzw. Betroffenen, gewiss sehr förderlich gewesen, ehe man solches auf Hochglanzpapier einem breiten Interessentenkreis zugänglich macht. Aber zukunftsweisende Einsichten können ja oft auch noch im laufenden Prozess nützlich sein, und ich hoffe, unser heutiges Gespräch möge möglichst viele zielführende Einsichten auf allen Seiten erwecken.

Ohne dass ich der Diskussion vorgreifen will, eher um ein wenig zu provozieren, lassen Sie mich kurz an einige Randbedingungen erinnern:

Deutschland ist ein föderativ gegliederter Staat. Um das daraus resultierende Gestaltungsprinzip beneiden uns viele in der Welt, auch wenn diese zunehmend globaler wird. Natürlich sind unsere öffentlich geförderten Institutionen, und ganz besonders unser Wissenschaftssystem, auch Ausdruck dieser föderalen Ordnung. Diese ermöglicht zugleich einen sehr spezifischen Wettbewerb der Forschungssysteme, der sich ja eigentlich nahtlos in den aktuellen Trend der Deregulierungsdebatte für praktisch alle Lebensbereiche einfügt. Ich brauche Ihnen in diesem Kontext nicht zu erläutern, dass Wettbewerb im wohlverstandenen Sinne durchaus zweckgebundene Kooperationen einschließen und die Bildung von Netzwerken und strategischer Allianzen stimulieren kann. Daher verwundert die Forderung nach Einengung dieser bewährten Pluralität schon sehr - jedenfalls scheint mir die implizierte Vermutung, die Vielfalt unseres Forschungssystems wirke sich negativ auf seine Effizienz und Effektivität aus, durch nichts begründet zu sein - solange es flexibel genug ist, um (ggf. schnell) jeweils hinreichend große kritische Massen für einen gewünschten Forschungszweck bilden und auf aktuelle Probleme reagieren zu können.

Dieses Wissenschafts- und Forschungssystem ist naturgemäß multidimensional - da spielen die Koordinaten "Grundlagenforschung vs. Anwendungorientierung", "Forscherpersönlichkeiten vs. Themenfelder", "universitär vs. außeruniversitär (also unterschiedlich mit akadmischer Bildung und Ausbildung durchsetzt)", "langfristige, umfangreiche Daueraufgabe vs. kurzfristige Projektorientierung" oder "bundesdominiert (z. B. Helmholtz-Zentren) vs. länderorientiert (Leibniz-Institute)" eine Rolle, um nur einige der wichtigsten Pole zu nennen.

Lassen Sie mich an dieser Stelle ganz nachdrücklich auf den §91b des Grundgesetzes hinweisen, wonach Bund und Länder "... bei der Förderung von Einrichtungen und Vorhaben der wissenschaftlichen Forschung von überregionaler Bedeutung zusammenwirken". (Ansonsten ist die Förderung der Wissenschaft - bis auf die Kernenergie u.ä. - Aufgabe der Länder). Dieses bewährte System der gemeinsamen Forschungsförderung durch Bund und Länder war gerade nach dem politischen Umbruch in der ehemaligen DDR und auf dem Weg zu einer einheitlichen Forschungslandschaft ein ganz wesentlicher stabilisierender Faktor und zugleich ein zum raschen politischen Handeln befähigendes Instrumentarium. Das gilt auch heute weiterhin ohne wenn und aber, und ich sehe keine Notwendigkeit dieses Instrumentarium grundlegend zu verändern - auch wenn es an der einen oder anderen Stelle gewiss optimiert werden kann.

Dieses differenzierte System mit unterschiedlichen Identitäten ist ausgesprochen leistungsfähig, wie die intensiven Evaluierungen die seit der deutschen Vereinigung z.T. mehrfach über die Einrichtungen gerollt sind, deutlich gezeigt haben. In Berlin haben wir nicht nur die Einrichtungen der Leibniz-Gemeinschaft vom Wissenschaftsrat untersuchen lassen, sondern auch die Landesinstitute. Auch das Hahn-Meitner-Institut (ein HGF - Zentrum) wurde durch eine Expertenkommission begutachtet, die interessante, zukunftsweisende Empfehlungen abgegeben hat. Die übrigen Helmholtz-Zentren unterliegen ebenfalls einer kontinuierlichen Evaluierung. Die Berliner Forschungseinrichtungen haben dabei insgesamt sehr gut abgeschnitten. Die Empfehlungen des Wissenschaftsrats werden konsequent umgesetzt. Über die bundesweit angelegten organisatorischen und inhaltlichen Neuentwicklungen in der HGF und in der WGL werden Ihnen Herr Ganten und Herr Pobell berichten.

Hier nur soviel: Der Staat stellt mit diesem sehr differenzierten System die Basis für die künftige Innovationsfähigkeit unserer Gesellschaft, indem er einerseits die Wissensproduktion im Bereich der erkenntnisorientierten Grundlagenforschung und der langfristig ausgerichteten anwendungsorientierten Vorsorgeforschung finanziert und strukturell absichert. Andererseits stellt er auf diese Weise leistungsfähige Kooperationspartner für KMU´s wie auch für die Großindustrie zur Verfügung. Damit gleicht er die immer deutlicher kurzfristige Orientierung der FuE Vorhaben in der Wirtschaft aus, die auf schnelle Gewinnerzielung und ökonomische Modeströmungen wie Shareholden Value setzt, und hält langfristig unverzichtbares strategisches Potenzial vor. Ich habe dies vor Kurzem in einem Zeitungsinterview schon einmal deutlich gemacht:

Wenn wir immer darauf gesetzt hätten, was die Industrie empfiehlt, hätten wir viele wichtige Neuerungen in Forschung und Technik verfehlt. Auf allen Gebieten hat sich gezeigt, dass die einschneidenden, wirklich innovativen Impulse und Ideen von Forschern kamen, die kein bestimmtes Produkt vor Augen hatten, das im nächsten Jahr marktfähig sein sollte. Sie gingen Gedanken nach, die andere für Spinnerei hielten. Neue, richtungsweisende Entwicklungen kamen - zwangsläufig - nur selten von marktführenden Unternehmen. ... Staatliche Mittel für Forschungsförderungen müssen auch in Zukunft der Allgemeinheit zugute kommen und nicht einzelnen Industrieunternehmen. Unsere Forschungsförderung darf nicht kurzatmig werden, so wichtig die rasche Anwendung von Forschungsergebnissen auch ist, sondern wir müssen im Bereich der Vorsorgeforschung Zielperspektiven von 10 oder 20 Jahren akzeptieren, wie dies etwa in Japan selbstverständlich ist. Vorbildlich scheint mir in diesem Kontext die Chemische Industrie in Deutschland zu sein, die etwa mit ihrem Fonds Forschungsmittel an eine große Zahl von, insbes. auch jüngeren Forschern verteilt, ohne eine Zweckbindung vorzugeben. Als Physiker habe ich es immer bedauert, dass ähnliche Instrumente nicht in der eher physikalisch orientierten Industrie, wie etwa in der Elektroindustrie, gepflegt werden. Vielleicht ist auf das Fehlen solcher Kultur ja gerade das häufig beklagte Umsetzungsdefizit zurückzuführen. Denn wer nur das zu erforschen trachtet, was er schon vermutet, bewegt sich bestenfalls im dicht belegten innovativen Mittelfeld mit mäßiger Gewinnaussicht, hat aber nur eine minimale Chance eine wirkliche Goldader zu finden.

Leider kann die deutsche Industrie ja nicht auf sehr viele Beispiele von wegweisenden innovativen Produkten verweisen, während der deutschen Forschung durchweg hohes internationales Niveau bescheinigt wird. Man muss sich also doch sehr intensiv mit dem immer wieder geäußerten Vorwurf auseinandersetzen, dass die Wirtschaft nicht hinreichend "abholt".

Für mich stellt sich an dieser Stelle die Frage nach den Kommunikations-kanälen zwischen dem industriellem, vom Markt bestimmten Entwicklungsingenieur in der privaten Wirtschaft und dem von Neugier getriebenen Forscher in einer öffentlich finanzierten Forschungseinrichtung. Sind diese beiden Spezies überhaupt noch kommunikationsfähig und wenn ja, auf welchen dafür besonders geeigneten Plattformen? Ich wage die These, dass die erkennbaren Defizite am besten im Kontext der vom ZVEI so geschmähten Einrichtungen der HGF und der WGL zu überwinden wären, weil sie Anwendungsoffenheit mit Grundlagennähe verbinden, Unternehmergeist mit institutioneller Stabilität. Ich meine, dass die Chancen für mehr Effektivität und Effizienz nicht im Umbau des Systems liegen, sondern in der Optimierung der Schnittstellen für Kooperationen und Netzwerkbildung zwischen den Einrichtungen und mit der Wirtschaft. Die Grundvoraussetzung hierfür ist natürlich wissenschaftliche Exzellenz. Hierfür bietet sich der Wirtschaft das positiv evaluierte außeruniversitäre Wissenschaftssystem Deutschlands in all seinen Facetten an.

Prof. Dr. Ingolf Hertel, e-Mail: Hertel@mbi-berlin.de

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