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Staatssekretär Prof. Dr. Ingolf V. Hertel: Grußwort
Pressegespräch am 30.09.1999, 10.00 Uhr, zum "Zentrum für Mikrosystemtechnik (ZEMI)"

Meine Damen und Herren,

wir möchten Ihnen heute eine Initiative der Berliner Wissenschaft vorstellen, deren Ziel es ist, ganz konkret die Innovationskraft von Berliner Firmen, insbesondere von KMU´s, zu stärken. Auf die unverzichtbare Bedeutung der Berliner Wissenschaft und Forschung für die Entwicklung künftiger Schlüsseltechnologien wird ja immer wieder hingewiesen: Wissenschaft und Forschung ist in der Tat die wichtigste Ressource für die Zukunft dieser Stadt. Hier und heute geht darum, Ihnen vorzustellen, wie für eine ganz wichtigen Schlüsseltechnologie, deren Wachstumsdynamik nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, die immer wieder beschworenen Synergien zwischen Wissenschaft und Wirtschaft gezielt aktiviert werden können.

An der Vorstellung nehmen zwei Wissenschaftler und zwei Unternehmer teil:

  • Prof. Dr. Lehr, TUB, Stellvertretender Sprecher des Interdisziplinären Forschungsverbundes Mikrosystemtechnik
  • Dr. Tränkle, Direktor des Ferdinand-Braun-Instituts für Höchstfrequenztechnik in Adlershof und Mitglied des Lenkungsausschusses des Interdisziplinären Forschungsverbundes Mikrosystemtechnik
  • Dr. Tschepe, Technischer Leiter der Fa. MGB - Endoskopische Geräte GmbH in Adlershof
  • Dr. Landau, Geschäftsführer der Fa. OTB Berlin, Oberflächentechnik in Berlin GmbH & Co.

Sechs Forschungseinrichtungen wollen ihr technologisches Know-how bündeln und ein Zentrum für Mikrosystemtechnik in Adlershof (ZEMI) aufbauen. Ziel des Aufbaus ist es, vorhandene Stärken im Forschungs- und Entwicklungspotenzial auf dem Gebiet der Mikrosystemtechnik zu konzentrieren, um insbesondere mittelständische und kleine Unternehmen effizient bei der Entwicklung, Prototypenherstellung und Kleinserienfertigung von mikrosystemtechnischen Produkten zu unterstützen.

Das ZEMI soll als Servicecenter zusammen mit lokalen Industriepartnern die Entwicklung miniaturisierter Produkte vorantreiben. Das Konzept der Initiative ist in einem Strategiepapier der beteiligten Einrichtungen zusammengefasst, das Ihnen vorliegt. In der Anlaufphase beteiligen sich zunächst folgende 6 Forschungseinrichtungen am ZEMI:

  • Berliner Elektronenspeicherring-Gesellschaft für Synchrotronstrahlung
    (BESSY II)
  • Ferdinand-Braun-Institut für Höchstfrequenztechnik (FBH)
  • Fraunhofer-Institut für Zuverlässigkeit und Mikrointegration (IZM)
  • Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik (IPK)
  • Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM)
  • Technische Universität Berlin (TUB).


Die folgenden KMU's beteiligen sich schon in der Startphase an dem Vorhaben:

  • MGB - Endoskopische Geräte GmbH in Adlershof
  • OTB Berlin, Oberflächentechnik in Berlin GmbH & Co.
  • ELBAU GmbH Berlin
  • Spree Hybrid Kommunikationstechnik GmbH & Co
  • Silicon-Sensor-GmbH Berlin
  • BOS Berlin-Oberspree Sondermaschinenbau GmbH.

Die Bedeutung dieser Initiative sehe ich vor allem unter den folgenden drei Gesichtspunkten:

  1. Weltweite Entwicklungstrends verdeutlichen, dass die Mikrosystemtechnik als eine Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts angesehen wird. Die wirtschaftliche Bedeutung der Mirkosystemtechnik ist in der Ihnen vorliegenden Broschüre "Mikrosystemtechnik 2000+" der Fraunhofer Gesellschaft dargestellt. Es ist einfach so, dass der Trend moderner Technik nicht nur zum immer schnelleren geht, sondern auch zum immer kleineren - und damit letztlich auch zu einer kontinuierlichen Reduktion des Verbrauchs an Rohstoffen und Energie bei gleichzeitig immer wachsenden Komfort auch für das tägliche Leben.

    Mit Hilfe der Mikrosystemtechnik wird es möglich, derzeit noch unhandliche, teure und relativ schwierig zu bedienende Geräte in leichte, mobile, zuverlässige, preiswerte und einfacher zu handhabende Produkte umzuwandeln. Typische Mikrosystemtechnikprodukte, die inzwischen zum täglichen Leben gehören sind z. B. Abtastsysteme für CD-Player, Mobiltelefone, Geräte für die minimal invasive Therapie und Chirurgie, Mikrorelais, Mikropumpen, Airbagsensoren, Abstandsensoren - überhaupt ist die gesamte Automobiltechnik ein riesiges, ganz rasant wachsendes Einsatzfeld für die Mikrosystemtechnik. Sie dürfen dabei Ihre Phantasie, was die Zukunft auf diesem Gebiet noch alles bringen mag, durchaus von dem inspirieren lassen, was das Leben etwa auf dem Raumschiff Enterprise so offenbar komfortabel gestaltet.

    An mikrosystemtechnischen Lösungen für die verschiedensten Technikfelder wird derzeit weltweit intensiv gearbeitet. Wir beobachten einen enormer Anstieg der Einsatzbeispiele und -gebiete. Im vorliegenden Strategiepapier wird von jährlichen Steigerungsraten zwischen 20 % und 60 % ausgegangen. Schon jetzt beläuft sich der weltweite Umsatz in diesem Gebiet auf ca. 40 Mrd. DM.

  2. In Berlin bestehen hervorragende Voraussetzungen und Kompetenzen zur Entwicklung und Fertigung von Mikrosystemen. Ca. 400 Firmen mit ca. 13.000 Beschäftigten entwickeln und fertigen mikrosystemtechnische Komponenten und Produkte. 24 Forschungseinrichtungen mit ca. 1.200 Mitarbeitern untersuchen und entwickeln mikrosystemtechnische Komponenten, Verfahren, Werkstoffe und Produkte.

    Der Forschungspolitische Dialog zwischen Vertretern von Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zur Mikrosystemtechnik am 22.06.1998 hat belegt, dass in Berlin sehr gute Erfahrungen und Voraussetzungen für die Entwicklung, Fertigung und Anwendung von mikrosystemtechnischen Produkten vor allem in den Branchen

    • Informations- und Kommunikationstechnik und damit teilweise überlappend
    • Mikroelektronikfertigung
    • Bio- und Medizintechnik
    • Automobiltechnik und Verkehrstechnik insgesamt
    • Mess-, Steuer- und Regelungstechnik
    • Maschinen- und Anlagenindustrie

    bestehen. Es gibt also wiederum eine breite Quervernetzung zu einer Reihe von weiteren Forschungs- und Technologiefeldern, in denen Berlin stark ist. In diesem Zusammenhang möchte ich darauf hinweisen, dass die Mikrosystemtechnik einer von derzeit 12 Schwerpunkten ist, welche auch das von mir ins Leben gerufene Strategieforum "Wissenschaft, Forschung, Innovation" als zentrale Themen der Berliner Forschung identifiziert hat.

    Beispiele für neue mikrosystemtechnische Produkte von Berliner Firmen im Zusammenwirken mit Forschungseinrichtungen sind:
    • die Entwicklung des kleinsten Herzschrittmachers der Welt, der in Zusammenarbeit zwischen der Fa. Biotronik GmbH und dem Fraunhofer-Institut für Zuverlässigkeit und Mikrointegration entstanden ist
    • die Entwicklung miniaturisierter Ultraschallsysteme für minimal invasive Diagnosesysteme, die Ergebnis der Zusammenarbeit der Fa. MGB Endoskopische Geräte GmbH und der Technischen Universität Berlin ist.

  3. Die bisherige Zusammenarbeit des IFV Mikrosystemtechnik mit Berliner Firmen und vorliegende bundesweite Analysen haben jedoch deutlich gemacht, dass es eine Reihe von Hindernissen bei der Entwicklung von mikrosystemtechnischen Produkten gibt. Wesentliche Gründe für Innovationsbarrieren sind:

    • Analyse und Bewertung von Anwendungsmöglichkeiten sind größtenteils nicht vorhanden, dadurch ist die Abschätzung des Marktpotenzials sehr schwierig und Entwicklungs- und Finanzierungsrisiken sind sehr hoch. Ein Einstieg in die neue Technik wird häufig hinausgeschoben.
    • Eine hohe Komplexität und damit auch ein hoher Investitionsbedarf der Produktionslinien führt zwangsläufig zur Zusammenarbeit mit Instituten, Dienstleistern und der Großindustrie, wodurch Alleinstellungsansprüche für KMU´s schwer zu realisieren sind. Darüber hinaus ist es nicht möglich, über derartige Kooperationsvereinbarungen bis zur Kleinserie von Produkten zu kommen.
    • Mikrosysteme sind bis heute im Wesentlichen auf einzelne Komponente und Produkte beschränkt, zu selten existieren Standardisierungen und allgemeingültige Konzepte. Systemlösungen sind es aber, welche moderne High-tech Produkte in der Regel erst marktfähig machen. Dies gilt in besonderem Maße für die Mikrosystemtechnik.

      Diese Innovationshemmnisse können nicht durch eine Forschungseinrichtung allein beseitigt werden. Für ihre Beseitigung ist interdisziplinäres Handeln und Arbeiten erforderlich. Genau das ist das Anliegen des ZEMI.

Für den Aufbau von ZEMI ist ein Stufenplan ausgearbeitet worden. Als Arbeitsbeginn des Zentrums ist der 01. Juli 2000 mit der Gründung einer Arbeitsgemeinschaft vorgesehen. Ein Produktmanager wird als Koordinator zwischen der Industrie und dem ZEMI wirken. Nach der Erreichung der vollen Leistungsfähigkeit wird zum Jahr 2005 die Gründung einer GmbH vorbereitet.

Der Startschuss für ZEMI erfolgte bereits. Die TUB und BESSY haben einen Kooperationsvertrag über den Aufbau und Betrieb eines Anwendungszentrums für Mikrotechnik bei BESSY in Adlershof abgeschlossen. Die Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur stellt aus Mitteln des Europäischen Strukturfonds (EFRE) aus dem laufenden Programm 8,2 Mio DM an Komplementärmitteln zur Verfügung.

Für den weiteren Aufbau des ZEMI werden Gesamtkosten von 46,7 Mio DM veranschlagt. Davon sind ca. 20.2 Mio für Geräteinvestitionen erforderlich. Hierfür sehen wir generell zwei Finanzierungswege:

  • 60 - 65 % der Kosten könnten über EFRE-Mittel kofinanziert werden, die unserem Haus für Infrastruktur im Bereich der Wissenschaft, Forschung und Entwicklung für den Zeitraum 2000 bis 2006 zur Verfügung gestellt werden oder
  • über den Zukunftsfonds, wenn die erforderlichen Voraussetzungen geklärt sind.


Für Betriebskosten (Personal- und Sachkosten) werden bis 2003 26,5 Mio DM benötigt. Diese Kosten wollen die beteiligten Einrichtungen durch Projekteinnahmen aus der Industrie, dem Land Berlin und des Bundes finanzieren.

ZEMI ist das Ergebnis der Kooperation und Selbstorganisation der Wissenschaft und der Netzwerkbildung mit der Wirtschaft. Sie wurde unterstützt durch die Förderung des Interdisziplinären Forschungsverbundes (IFV) Mikrosystemtechnik seit 01.02.1997 durch unsere Senatsverwaltung.

ZEMI ist auch Resultat der konsequenten Umsetzung der Ideen des Forschungspolitischen Dialogs zum Thema "Mikrosystemtechnik - Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts", der auf Initiative unseres Hauses mit der Technologiestiftung, dem Veranstaltungsforum der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck und Partner für Berlin am 22.06.1998 durchgeführt wurde.

Dies sind die beiden einzigen und im Vergleich zu anderen Ländern äußerst bescheidenen Steuerungsinstrumente, über die unser Haus derzeit verfügt - wie Sie sehen werden führen sie gleichwohl zu sehr konkreten und erfreulichen Ergebnissen.

Warum stellen wir Ihnen diese Initiative heute vor? Nun, das Konzept - die Beteiligten werden es Ihnen gleich noch genauer vorstellen- steht jetzt. Unser Haus hat die notwendigen EFRE Mittel in die mittelfristige Planung eingestellt (wissenschaftsnahe Infrastruktur für die Wirtschaft). Und schließlich planen die Initiatoren des ZIME eine große Veranstaltung mit 160 Teilnehmern aus der Industrie, vornehmlich aus KMU's im November, wo dieses Konzept einem potentiell interessierten Anwenderkreis erstmals als konkretes Angebot vorgestellt werden soll. Um hierfür möglichst intensives Interesse auch in der Öffentlichkeit zu erwecken, möchten wir Sie um ihre Mithilfe bitten, denn wir brauchen die Presse, um Forschungsergebnisse und ihre Anwendungspotenziale für einem möglichst breiten, öffentlichen Interessentenkreis bekannt zu machen und Inhalte attraktiv zu vermitteln.

Ich danke Ihnen schon heute für Ihr Engagement.

Prof. Dr. Ingolf Hertel, e-Mail: Hertel@mbi-berlin.de

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