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Staatssekretär Prof. Dr. Ingolf V. Hertel : Statement
Pressekonferenz der "Berliner WissensWerte 1999"

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich sehr, dass wir Ihnen heute ein sehr inhaltsreiches Veranstaltungsprogramm mit dem vielversprechenden Namen "Berliner WissensWerte 1999" präsentieren können - eine Veranstaltungsreihe zu Wissenschaft, Forschung und Technologie in Berlin, die nicht zuletzt auch durch Initiative meiner Senatsverwaltung zustande gekommen ist und die an sich schon eine "Innovation" darstellt. Hier zeigen nicht nur die drei für dieses Weite Feld zuständigen Berliner Senatsverwaltungen, dass sie - allen gelegentlichen öffentlichen Ukenrufen zum Trotz - gemeinsam und wohl abgestimmt Beachtliches auf den Weg bringen können. Das Ihnen vorliegende Programm zeigt auch, wie ertragreich das Zusammenwirken von Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen mit den für die Technologieentwicklung und für das Berlin Marketing zuständigen Institutionen in dieser Stadt sein kann.

Verschiedene Veranstalter haben in der Vergangenheit immer wieder versucht, in einzelnen Aktionen und Veranstaltungen einer breiten Bevölkerung Wissenschaft, Technik und Forschung nahe zu bringen. Eine echte Tradition des "Public Understandig of Science", wie es im angelsächsischen Raum genannt wird, gibt es bei uns freilich bislang kaum. Gerade auch vor dem Hintergrund knapper werdender öffentlicher Kassen wächst jedoch unter den verantwortlichen Akteuren das Bewußtsein, dass Wissenschaft und Forschung eine Rechenschaftspflicht gegenüber jenen haben, welche ihre Arbeit letztlich finanzieren. Die Öffentlichkeit will verstehen was und vor allem warum sie dieses Tun finanziert, finanzieren soll. Und dabei reicht es eben nicht aus, Wissenschaft und Forschung als ein Stück Kultur darzustellen - was sie zweifellos ja auch ist. Die Öffentlichkeit möchte im Idealfalle wenigstens ansatzweise verstehen, was Wissenschaft und Wissenschaftler treiben und was sie umtreibt, sie möchte erfahren, erleben und womöglich anfassen, möchte auf jeden Fall auch wissen, wozu das alles ggf. nützlich ist, nützlich sein kann. Dies zu vermitteln ist heute mehr als je zuvor eine wichtige Aufgabe jedes Wissenschaftlers und jeder Wissenschaftlerin.

Mit den Berliner WissensWerten entsteht in diesem Jahr erstmals eine gemeinsame Plattform, auf der sich Forschung, Technologie und Innovation aus der Bundeshauptstadt einem breiten Publikum präsentieren können. Hier beginnt, so hoffen wir, eine Tradition gemeinsamen Handelns der Verantwortlichen für ein zukunftsweisendes "Wissenschaftsmarketing" in und für Berlin: dies könnte der Beginn einer langen, schönen Freundschaft sein. Berlin, das Neue Berlin, verfolgt ja das ehrgeizige Ziel eine "Global City des Wissens" zu werden, also eine weltweit vernetzte und international wirksame Drehscheibe der anbrechenden Wissensgesellschaft. Dies kann nur gelingen, wenn das Bewusstsein hierfür auch in breiten Teilen der Bevölkerung verankert ist. Dabei müssen wir unserer ja doch sehr stark an raschem Konsum orientierten modernen Gesellschaft deutlich machen, dass "wirtschaftliche Prosperität und Lebensqualität auch und vor allem eine Funktion wissenschaftlicher Kreativität ist" - so formulierte es kürzlich der in Berlin ja gut bekannte Generalsekretär des Stifterverbands, Manfred Erhardt, und ich füge hinzu, dass dies keineswegs ein nach fiskalpolitischem Belieben kurzfristig regulierbarer, linearer Zusammenhang ist, dass es vielmehr darauf ankommt, einen langen Atem für die Förderung von Wissenschaft und Forschung zu haben, dass eine breit angelegte Grundlagenforschung Voraussetzung für das Gelingen ist, dass wir aber gleichwohl stets ein waches Auge für die konkrete Anwendung von Forschungsergebnissen haben müssen und dies im Rahmen einer neuen Kultur der Netzwerke zwischen Forschern, Entwicklern und der produzierenden Industrie bis hin zum Markt brauchen, welche uns flexibel und rasch handlungsfähig macht. Ich gebrauche dabei bewusst nicht das heute so modisch gewordene Wort "Wertschöpfungskette" sondern betone die Notwendigkeit der Netzwerkbildung.

All dies ist für Berlin von ganz besonderer Bedeutung. Berlin steckt mitten im Strukturwandel und muss diesen erfolgreich bewältigen. Eine leistungsfähige, stabile aber flexible Wissenschafts- und Forschungslandschaft mit der dazu gehörigen und breit nutzbaren Infrastruktur, ein exzellentes System der Bildung und Ausbildung - das Humankapital - bildet gerade in Berlin die unverzichtbare Basis, wenn es darum geht die Wirtschaftskraft der Stadt zu stärken, Arbeitsplätze zu erhalten und viele neue zu schaffen. Berlin wendet für Wissenschaft und Forschung über 3,5 Mrd. DM jährlich auf. Über 50.000 Beschäftigte arbeiten im öffentlich finanzierten Wissenschaftssystem des Landes und ich verzichte jetzt auf die bekannte Auflistung der über zweihundert Einrichtungen, in welchen dieses Potenzial institutionalisiert ist. Wissenschaft und Forschung sind in der Tat die Standortvorteile der deutschen Hauptstadt. Sie müssen aber noch weit offensiver und effektiver als bislang für das Berlin Marketing eingesetzt und gleichzeitig zur Stärkung der endogenen Kräfte genutzt werden.

Die historische Entwicklung der letzten 40 Jahre hat bewirkt, dass die Berliner Forschungslandschaft nicht organisch und strukturell gewachsen ist, sondern in beiden Stadthälften unter unterschiedlichen Voraussetzungen entwickelt wurde. Erst mit der Zusammenführung der Stadt entstand die Chance zur Profil- und Schwerpunktbildung. Diesen Prozess der Profilierung müssen wir jetzt nach dem gelungenen institutionellen Aufbau mit aller Kraft gemeinsam vorantreiben.

In einer ersten groben Übersicht lassen sich derzeit etwa 12 Forschungsfelder identifizieren, auf denen die Berliner Wissenschaft exzellent ist, oder doch zumindest exzellente Potenziale besitzt, die es weiterzuentwickeln gilt. Sie reichen von ... bis...

  • Molekulare Medizin und Biotechnologie (einschließlich der Bioinformatik und Strukturbiologie);
  • Informations- und Kommunikationstechnik
  • Verkehrsforschung- und -technik (einschließlich Luft- und Raumfahrt)
  • Neue Materialien und Verfahren (einschließlich Oberflächen und Grenzflächen, Katalyse und Photovoltaik)
  • Strukturforschung
  • Optik und Optische Technologien
  • Mikrosystemtechnik
  • Produktionstechnik und Maschinenbau
  • Umweltforschung
  • Geowissenschaften sowie
  • Angewandte Mathematik.


Auf dieser Basis, auf diesem Humus an international konkurrenzfähiger Forschung kann die Berliner Technologiepolitik gedeihen und interdisziplinäre Chancen nützen, wie sie keine andere Forschungsregion in diesem Lande bietet. Die drei herausragenden Leitthemen, die es nun auch in wirtschaftliche Prosperität umzusetzen gilt, werden ja von der Technologiestiftung Berlin koordiniert: Biotechnologie/Molekulare Medizin, Informations- und Kommunikationstechnologien, Verkehrstechnik. Wir werden weiterhin sehen, wie sich auch unsere Forschungspotenziale im Bereich Umwelttechnologie und Materialwissenschaften technologisch nutzen lassen.

Ganz wesentlich sind aber auch die geistes- und sozialwissenschaftlichen Potenziale, über welche dies Stadt verfügt und welche sie in ihrer Hauptstadtfunktion wirksam unterstützen werden. Beispielhaft sei hier die sogenannte Fernkompetenz, also das Wissen über andere Sprachen, Kulturen und Wirtschaftsräume, genannt.

Ich weise auch auf die umfangreichen Sammlungen, Museen und Bibliotheken hin, die in Berlin verfügbar sind.

Um die Profilbildung zu forcieren, habe ich ein Strategieforum für Wissenschaft, Forschung und Innovation ins Leben gerufen. Der Gesprächskreis, an dem hochrangige Vertreter aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Stadtmarketing beteiligt sind, hat soll einen umfassenden Orientierungsrahmen für die Berliner Wissenschaft entwickelt werden. Dazu werden erstens Schwerpunktthemen der Forschung gemeinsam identifiziert und dokumentiert (Internet). Daraus werden zweitens Strategien für Kooperationen und Profilierung entwickelt. Drittens soll ein abgestimmtes Wissenschaftsmarketing erarbeitet werden, das sich dem Leitbild Berlins als eine "Global City des Wissens" verpflichtet.

Schwerpunktbildungen und die weitere Profilierung des Berliner Innovationspotenzials setzen gezielte und flexibel einsetzbare Fördermittel für innovative, zukunftsweisende Entwicklungen voraus. Daran mangelt es bisher. Mit dem Zukunftsfonds Berlin, der gerade jetzt durch den Verkauf von Anteilen der Berliner Wasserbetriebe mit nicht unerheblichen Mitteln ausgestattet werden soll, wird Berlin in Zukunft in der Lage sein, solche neuen, zukunftsweisenden Weichenstellungen gezielt vorzunehmen.

Vor zwei Wochen hat der Berliner Senat die Verlängerung der Hochschulverträge für die Jahre 2001 und 2002 beschlossen. Das Vertragspaket garantiert den Hochschulen für die Jahre 2001 und 2002 insgesamt 4,4 Milliarden DM. Durch die Hochschulverträge und die Einrichtung eines Zukunftsfonds bekennt sich der Senat ganz eindeutig zur Bedeutung von Wissenschaft, Forschung und Innovation. Um so wichtiger ist es, dass der Steuerzahler erlebt und erfährt, was mit seinen Geldern geleistet wird.

Deshalb ist Wissenschaftsmarketing so wichtig! Veranstaltungen wie heute sind gute und wichtige Schritte auf diesem Wege. WissensWerte wollen zeigen, welche Werke diese Stadt anbieten kann. Die Berliner Wissenswerte wollen Brücken bauen und allen Interessierten zeigen, welchen Wert das in der Stadt versammelte Wissen hat, welche "Werte" es hervorbringt.

Prof. Dr. Ingolf Hertel, e-Mail: Hertel@mbi-berlin.de

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