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Staatssekretär Prof. Dr. Ingolf V. Hertel : Grußwort zur Eröffnung der 30. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Verkehrsmedizin
11. März 1999, Kaiserin-Friedrich-Haus in Berlin-Mitte

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich freue mich, Sie im Namen des Berliner Senats hier in Berlin begrüßen zu dürfen. Vor 17 Jahren, im Jahre 1982, hat Ihre Fachgesellschaft Berlin anlässlich des 25 jährigen Bestehens bereits einmal als Tagungsort gewählt. Heute werden viele von Ihnen unser Neues Berlin kaum noch wiedererkennen: Die einstige "Mauerstadt" befindet sich im Um- und Aufbruch. Zwar sind bei weitem noch nicht alle notwendigen Operationen abgeschlossen (ob Sie gelungen sind, wird man eh erst in 10 oder 20 Jahren sehen), nur ein Teil der Wunden ist versorgt und ganz wenige erst sind bereits gut verheilt. Dennoch, es ist nicht zu übersehen, dass sich diese Stadt mit riesigem Tempo zu einer lebendigen Metropole im Herzen Europas wandelt und .. dies ist mir als für Wissenschaft und Forschung zuständigem Staatssekretär besonders wichtig ... sich auf dem Wege zu einer "Global City des Wissens" befindet, die über eine einzigartige Universitäts- und Forschungslandschaft verfügt, in welcher die Berliner Politik das wichtigstes Kapital, den "feinsten Rohstoff" für die Zukunft sieht.

Sie veranstalten Ihre Tagung heute im alten Zentrum Berlins, wo nach dem Mauerfall die historische Stätte medizinischer Forschung und Entwicklung wieder zu neuem Leben erwacht. In unmittelbarer Nähe zur Charité gelegen, ist dieses kurz nach der Jahrhundertwende gebaute Kaiserin-Friedrich-Haus in einer Zeit entstanden, in der hier wirkende Wissenschaftler wie Robert Koch, Rudolf Virchow und Emil von Behring - um nur die Bekanntesten zu nennen - den Ruf Berlins als bedeutende Stätte medizinischer Forschung begründet haben. Leider gibt es auch eine sehr tragische Verbindung zur Verkehrsmedizin: der berühmte Pathologe Rudolf Virchow erlag hier den Spätfolgen eines Ver-kehrs-unfalls: eines Sturzes aus der Straßenbahn.

Doch fehlt es nicht an positiven Bezügen, findet doch Ihre Jahrestagung in der Nähe des Potsdamer Platzes statt, der zur Zeit "größten Baustelle Europas". Bis zum Fall der Mauer war dieses Areal Ödnis im Grenzgebiet. Vor dem zweiten Weltkrieg aber war der Potsdamer Platz der "verkehrs-reichste Platz Europas". 1924 wurde hier die erste Verkehrsam-pel Europas errichtet, um die Verkehrssicherheit zu erhöhen. An dem bereits fertiggestellten Teil des Potsdamer Plat-zes können Sie heute eine verkleinerte Nach-bildung dieses historischen Objekts finden, die an die damalige Zeit erinnern soll. Darüber hinaus konnten Sie die historische Seite des Berliner Verkehrswe-sens ja bereits gestern beim Eröffnungsabend im Deutschen Technik Mu-seum Berlin kennenlernen.

Dagegen sind die Verkehrsprobleme, die Berlin am Ausgang des 20. Jahrhunderts zu lösen hat, von anderer Dimension - oder werden es in Kürze sein - auch wenn derzeit der Berliner Stadtverkehr für alle, die an die Verkehrsinfarkte großstädtischer Ballungsräume gewöhnt sind, noch eher beschaulich erscheinen mag. Die nun wieder zentrale Lage Berlins und die zunehmende Erschließung in Nord-Süd und Ost-West-Richtung wird die Idylle nur all zu bald beenden. In unmittelbarer Nähe zum Ihrem Tagungsort entsteht der Tiergartentun-nel, Verkehrsknotenpunkt des neuen Berlin, ein "Highlight" der Verkehrs-technik. Hier werden durch aufwendige Tunnelsysteme der Bahnverkehr, die U-Bahn, die Stadtbahn sowie der Autoverkehr in mehreren Ebenen übereinander und nebeneinander geführt. Sogar die Spree mußte für diese Verkehrsplanung einige Monate aus ihrem ange-stammten Flußbett verlegt werden.

Wenn all diese Bautätigkeit erst einmal beendet sein wird und Berlin die Hauptstadtfunktion voll aufgenommen hat - und das wird in wenigen Jahren der Fall sein - ist mit einer massiven Zunahme der Verkehrsströme zu rechnen. Dies soll aber die Mobilität der Bürger nach Möglichkeit nicht einschränken. Gleichzeitig müssen steigende Umweltbelastungen vermieden und die Verkehrssicherheit erhöht werden.
Diese Zielvorgabe ruft nach intensivsten Anstrengungen in der Forschung in allen hierfür relevanten Feldern. Berlin nutzt und bündelt daher seine schon heute exzellenten Forschungspotenziale im Bereich der Verkehrsforschung mit großem Engagement. Verkehrstechnik im weitesten Sinne ist (neben Biotechnologie und Biomedizin einerseits und Informations- und Kommunikationstechnik andererseits) eines der drei vom Berliner Senat mit höchster Priorität geförderten Technologiefelder, auf denen wir Weltrang erreichen wollen - und in nicht allzu ferner Zukunft gewiss auch erreichen können. Dies wird um so besser gelingen, je engagierter die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Wissenschaftlern und Ingenieuren auf allen für die Verkehrstechnik relevanten Fachgebieten und die Verbindung mit der Industrie und den Anwendern gelingt - von der Meßtechnik über die Logistik, den Fahrzeug-, Schienen- und Straßenbau bis hin eben zur Verkehrsmedizin. Nicht zuletzt durch die z.T. tragischen Zugunglücke in jüngster Zeit ist die Bedeutung von Forschungsarbeiten zur Verkehrssicherheit nachdrücklich verdeutlicht worden. Die Deutschen Bahn AG arbeitet in einem Forschungsverbund Bahntechnik eng mit Berliner Wissenschaftlern an der Erstellung neuer Sicherheitskonzepte zusammen, die einen wesentlichen Beitrag zur Unfallvermeidung leisten werden. Vor allem an der Technischen Universität Berlin haben auch Untersuchungen zur Fahrsicherheit im Auto und zur Sicherheit im Flugverkehr eine lange Tradition. Das renommierte Institut für Fahrzeugtechnik der TU begleitet Ihre diesjäh-rige Jahrestagung mit einem Workshop.

Unser Haus, die Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur unterstützt die fächerübergreifende Forschungskooperation auf diesem Gebiet durch die Förderung des Interdisziplinären Forschungsverbundes Bahntechnik und des Forschungs- und Anwendungsverbunds Verkehrssystemtechnik. Darüber hinaus moderieren die beiden Regierungschefs der Länder Berlin und Brandenburg gemeinsam einen strategischen Prozess, durch welchen sich die Region zu einem zukunftsweisenden Kompetenzzentrum für Verkehr und Mobilität entwickeln soll. Ein Prozess, in welchen neben der Forschung auch die Verkehrsindustrie, die Verkehrsbetriebe und die Verkehrsverwaltungen eingebunden sind.

Für die medizinische Seite des Verkehrs und die daraus entstehenden Folgen sind hier das Institut für Rechtsmedizin der Freien Universität Berlin unter der Leitung Ihres Tagungspräsidenten Prof. Schneider und das Institut für Rechtsmedizin der Humboldt-Universität zu Berlin unter der Leitung von Prof. Geserick zuständig.
Ich freue mich deshalb sehr, dass Sie ihre 30. Jahrestagung in Berlin durchführen und erhoffe mir wichtige neue Erkenntnisse in der Unfallmedizin, die gewiss auch in der Unfallprävention zur Anwendung kommen, sei es bei der technischen Neukonstruktion von Fahrzeugen, sei es bei der Verkehrssicherung im Straßenverkehr.

Mögen die Ergebnisse Ihrer Tagung dazu beitragen, die auch in Berlin und in Deutschland noch viel zu hohen Unfallziffern zu reduzieren. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen einen erfolgreichen Verlauf Ihrer Ta-gung sowie Freude und Entspannung bei den vielfältigen kulturellen Angeboten, die Berlin für Sie bereithält - und natürlich eine möglichst ungestörte Mobilität in unserer Stadt.

Prof. Dr. Ingolf Hertel, e-Mail: Hertel@mbi-berlin.de

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