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Staatssekretär Prof. Dr. Ingolf V. Hertel : Statement
Podiumsdiskussion VDI
Wie können Wissenschaft, Wirtschaft und Politik enger verzahnt werden?

Wirtschaft und Gesellschaft unterliegen durch die Globalisierung der Märkte, beschleunigten Innovationsprozessen und Änderungen der Wertschöpfungskette gravierenden Veränderungen und Umbrüchen. Nur mit Innovationen bei Produkten, Prozessen und Dienstleistungen sowie weiterhin hoher Produktivität und Flexibilität kann der Wohlstand unserer Gesellschaft erhalten werden. Wissenschaft, Wirtschaft und Politik sind hierbei gemeinsam herausgefordert. Der Beitrag der Wissenschaft besteht in der Ausbildung leistungsfähiger junger Menschen und in einer starken und attraktiven Forschungslandschaft mit exzellenter und effizienter Forschung. Für Berlin gilt es Stärken in Forschung und Technologie noch weit deutlicher als bislang herauszuarbeiten und zu stärken, also echte Kompetenzzentren zu bilden und diese dann auch angemessen zu vermarkten.

Hauptaufgabe der Politik ist es, Maßnahmen zu realisieren, die zur Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft beitragen. Dafür sehe ich vor allem folgende Maßnahmen und Vorhaben:

1. Identifikation und Konzentration ausgewählter Forschungs- und Innovationsfelder und Aufbau von Netzwerken zwischen Wissenschaft und Wirtschaft auf diesen Feldern.

Wegen der historischen Gegebenheiten verfügt Berlin nicht über ein langfristig gewachsenes arbeitsteiliges Forschungssystem, dass mit der Industrie vernetzt ist. Deshalb besteht die Hauptaufgabe in der Bildung thematischer, wettbewerbsfähiger Strukturen und im Aufbau von Schwerpunkten, die Hochschulen, außeruniversitäre Forschung und Wirtschaft zusammenführen. Wegen der häufig noch fehlenden Wirtschaftspotentiale bedeutet dies in vielen Fällen auch Akquisition neuer Unternehmen oder Ausgründung aus Forschungseinrichtungen und Hochschulen.

Bisherige Diskussionen haben ergeben, dass Berlin große Chancen in der Biotechnologie/Medizintechnik, den Informations- und Kommunikationstechnologien sowie in der Verkehrstechnik hat. Es muss uns aber noch besser gelingen, die Stärken des Berliner Forschungspotentials klarer zu bestimmen. Diese Landesschwerpunkte sind durch Interdisziplinäre Forschungsverbunde, die von meinem Hause gefördert werden, frühzeitig vorbereitet worden.

Ich kann jetzt in der Kürze der Zeit keine Einzelbeschreibung dieser Verbünde geben sondern lediglich soviel sagen: Es handelt sich bei den Verbunden um eine Unterstützung der Selbstorganisation der Wissenschaft, um Potentiale zu bündeln und mit der Wirtschaft zu vernetzen. Derzeit werden noch 11 Verbunde gefördert, davon allein vier in der Biotechnologie und zwei in der Verkehrstechnik.

Der VDI könnte das Zusammenwirken von Wissenschaftlern und Vertretern der Wirtschaft in den Forschungsverbunden und die Zusammenarbeit in Projekten unterstützen.

Die Einrichtung eines Runden Tisches Wissenschaft, Forschung und Innovation wird ein wichtiges Instrument dieser Profilbildung werden. Hier sollen die wichtigsten Repräsentanten der Berliner Wissenschaft und Forschung gemeinsam mit höchstkarätigen Experten aus der Wirtschaft und der Verwaltung die Chancen und Risiken einer Innovationsstrategie abstimmen und ein möglichst verbindliches, abgestimmtes Handeln auf folgenden Gebieten vereinbaren:

  • Leistungsprofile, Schwerpunktbildung

    Die Berliner Wissenschaft selbst muss zu dazu ihren Beitrag leisten, indem sie ihre spezifischen Leistungsprofile deutlich macht und untereinander abstimmt. Dieser Prozess hat, nicht zuletzt mit den Strukturplänen der Berliner Universitäten, bereits begonnen, ist aber noch viel zu schwach ausgeprägt. Es muss viel deutlicher werden, wer wo wie kompetent ist, und wodurch sich die Profile unterscheiden oder wo sie zusammenwirken. In diesen Fokussierungs- und Strukturierungsprozess muss die gesamte Berliner Forschungslandschaft eingebunden werden. Berlin muss so wieder eine Wissenschaftsstadt von höchstem internationalen Rang werden.

  • Wissenschaftsmarketing


    Wissenschaft und Forschung müssen in dieser Stadt die Priorität erhalten, die ihrer Bedeutung als wichtigstes Gut für die Zukunft, als das Innovationspotential zukommt. Dies muss zum herausragenden Thema für Politik und Öffentlichkeit avancieren und als komplexer, nichtlinearer Prozess begriffen werden, und nicht einfach als lineare Transferkette vom Forschungsergebnis zum Produkt missverstanden werden.
  • Anreize

    Wo nichts zu verteilen ist, muss man auf Netzwerke, Schwerpunkte und Struktur setzen. Erfahrungsgemäß erfordert aber auch dies ein Minimum an materiellen Anreizen. Im Haushalt meiner Senatsverwaltung sind praktisch keinerlei disponible Mittel vorgesehen, um solch abgestimmtes gemeinsames Tun durch verstärkte Fördermittel zu honorieren. Hier könnten private Initiativen Wunder wirken, hier möchte ich mich also mit der Bitte an Sie wenden, über Ihren möglichen Beitrag zu dieser konzertierten Aktion nachzudenken. Stiftungsprofessuren sind z.B. ein wichtiges Instrument. Eine Einbindung in eine umfassendes Programm zur Schärfung der Leistungsprofile Berliner Forschungseinrichtungen und kohärenten Schwerpunktsetzung wäre aber möglicherweise noch wirkungsvoller. Beispielhaft sei etwa die Stiftungsprofessur für Entrepreneurship/ Innovationsmanagement an der Humboldt-Universität, gefördert über SAP oder eine jetzt für Adlershof diskutierte Stiftungsprofessur im Bereich der angewandten Optik erwähnt, für welche es positive Signale aus der optischen Industrie gibt.

2. Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Berlin Adlershof und Biomedizinischer Forschungscampus Buch

Das wichtigste Innovationsvorhaben Berlins ist die Entwicklung des Wissenschafts- und Wirtschaftsstandortes Adlershof (WISTA).

Hier soll eine integrierte Landschaft aus Wissenschaft und Wirtschaft entstehen, die Spitzenleistungen der Forschung in Naturwissenschaft und Technik katalysiert und eine Ideenwerkstatt für innovative Produkte mit zukunftssicheren, intelligenten Arbeitsplätzen im Bereich der Schlüsseltechnologien für das 21. Jahrhundert ist. Der integrierten Ansiedlung der Humboldt-Universität, von außeruniversitären Forschungseinrichtungen und Industrieunternehmen soll ein zukunftsweisendes und innovatives Konzept zugrundegelegt werden.

Derzeit sind 13 wissenschaftliche Einrichtungen mit rd. 1.400 Beschäftigten und 250 Unternehmen angesiedelt. Schwerpunkte sind folgende Forschungs- und Technologiebereiche:

  • Photonik (Lasertechnik/Optoelektronik/Photovoltaik)
  • Umwelttechnologie
  • Informations- und Kommunikationstechnologien und
  • Neue Materialien und Verfahren

Die Ansiedlung der mathematisch-naturwissenschaftlichen Institute der Humboldt-Universität wird jetzt vorrangig betrieben. Deshalb wird das Institut für Informatik, das zum Wintersemester 1998/99 den Studienbetrieb aufgenommen hat, am Standort für den Übergang mietweise untergebracht. Ihm soll die Mathematik schnellstmöglich folgen. Der Grundstein für den Neubau des Instituts für Chemie wurde gelegt. Der Neubau der Physik wird 1999 begonnen. Weitere Institutsneubauten sind ab 2000 in der Planung. Davon unabhängig wird geprüft, ob für einzelne Institute ein vorzeitiger Umzug in angemietete Räume realisierbar ist.

Für die in Adlershof angebotenen Studiengänge strebt die Universität internationale Öffnung an. Es sollen ein sechssemestriges Bakkalaureat modulartigen Aufbaus und projektbezogene Hauptstudien eingeführt werden.

  • International Graduate School Adlershof: Unter Beteiligung möglichst aller Berliner Universitäten sollte dies baldmöglichst angeschoben werden. Dabei sind die außeruniversitären Potentiale intensiv zu nutzen, wie das der Wissenschaftsrat fordert. Berührungsängste müssen verschwinden, wir müssen zusätzliche gemeinsame Berufungen (auch auf C3 Ebene) machen, die nicht auf die Lehrkontingent der Hochschulen angerechnet werden. Die Labors der außeruniversitären Forschungsinstitute sollten dabei genutzt werden. Die Wirtschaft sollte sich mit Lehrangeboten, aber nach Möglichkeit auch finanziell daran beteiligen. Adlershof hat hierfür eine Fülle interessanter Potentiale und ist eingebettet in die gesamte Berliner Forschungslandschaft mit ihrem viel größeren wissenschaftliches Potential. Wenn wir uns richtig beeilen, könnte das schon im WS 1999/2000 losgehen.


Die besondere Bedeutung des Campus Buch ist die Verbindung von Grundlagenforschung mit klinischer und angewandter Forschung.

Auf dem Gelände (ca. 32 ha Gesamtgelände, ca. 3,5 ha Wirtschaftsgelände) befinden sich in unmittelbarer Nähe zueinander das Max-Delbrück-Centrum für molekulare Medizin, eine Einrichtung der Hermann von Helmholtz-Gemeinschaft sowie die Robert-Rössle-Krebs-Klinik und die Franz-Volhard-Herz-Kreislaufklinik der Humboldt-Universität/Charité sowie eine Vielzahl biotechnologischer Firmen.

Als Problem erweist sich, dass es bisher kein vom Land Berlin beschlossenes Entwicklungskonzept für den Campus gibt. Das ist jedoch dringend erforderlich, um langfristig eine kokurrenzfähige Entwicklung zu sichern.

3. Aufbau eines dialogorientierten regionalen Innovationsmanagements

Durch die Vereinigung der Technologievermittlungsagentur (TVA) mit der Technologiestiftung Innovationszentrum Berlin (TSB) Ende des Jahres wird ein Beratungs- Know-how für eine wirkungsvollere Innovationspolitik gebündelt.

Die neue TSB übernimmt eine zentrale Management- und Strategiefunktion für den Innovationsprozess und wird dazu mit allen Akteuren aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zusammenarbeiten. Eine wichtige Aufgabe wird darin bestehen, den Dialog zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zu fördern.

Die gemeinsam von der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur, der TSB und dem Veranstaltungsforum der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck getragene Veranstaltungsreihe "Forschungspolitische Dialoge in Berlin" kann dazu einen Beitrag leisten.

Ein wichtiger Arbeitsschwerpunkt der neuen TSB wird die Übernahme der Verantwortung für einen Zukunftsfonds sein, der aus 10 % der Privatisierungserlöse der Berliner Wasserbetriebe eingerichtet werden soll. Aus diesem Zukunftsfonds sollen Projekte aus zukunftsorientierten Wachstumsfeldern finanziert werden.

4. Förderung von Existenzgründungen und des Personaltransfers zwischen Wissenschaft und Wirtschaft

Existenzgründungen aus Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen haben einen hohen Stellenwert beim Technologietransfer, da sie neue Beschäftigungsmöglichkeiten eröffnen.

Mit 279 Ausgründungen aus Berliner Hochschulen im Zeitraum von 1990 bis 1997 und 64 aus außeruniversitären Forschungseinrichtungen sind wir von einer neuen Gründerzeit in Berlin noch weit entfernt. Es geht vor allem darum,

  • dauerhaft eine "Culture of Entrepreneurship" in Lehre, Forschung und Verwaltung der Hochschulen zu etablieren;
  • zielgerichtet das Potential an Gründern und an Geschäftsideen, die sich für Unternehmensgründungen eignen, an den Hochschulen zu fördern .

Mein Haus unterstützt tragfähige Ideen für Ausgründungen aus außeruniversitären Forschungseinrichtungen und ist jeweils um konkrete Lösungen bemüht, wenn Probleme auftreten.

Unzufrieden bin ich über den erreichten Stand des Personaltransfers zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Hier gibt es lediglich Einzelbeispiele. Ich hoffe, daß hier auch die neue Bundesforschungsministerin hilft, Barrieren zu beseitigen. Das hat sie angekündigt.

5. Erarbeitung neuer Studienangebote

Meine Grundposition ist, daß Studiengänge und ihre Inhalte nicht das spiegelgetreue Abbild des aktuellen Qualifikationsbedarfs der Wirtschaft sein können. "Praxisnähe" der Ausbildung ist nicht allein durch eine Orientierung der Studieninhalte an bestimmten Tätigkeitsfeldern zu erreichen.

Ein wichtiger Ansatzpunkt zur engeren Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Hochschulen ist die Einrichtung von Stiftungsprofessuren. An der TUB gibt es gegenwärtig 6, eine weitere ist geplant, 5 an der HU und 2 an der FUB. Insbesondere an Fachhochschulen wurde eine Vielzahl von Studiengängen inhaltlich verändert, mit neuen Schwerpunkten oder mit erweiterter Ausrichtung versehen oder auch anstelle bestehender Studiengänge neue eingerichtet. Diesen Veränderungsprozessen liegen in der Regel Anstöße aus der Wirtschaft zugrunde. Beispiele dafür sind:

  • dualer Studiengang Betriebswirtschaft (TFH) mit wechselnden Theorie- und Praxisphasen;
  • Studiengang Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt Banken (FHTW), berufsbegleitendes Studium für Studierende mit abgeschlossener Lehre als Bankkaufmann und mit gleichzeitigem Teilzeitarbeitsvertrag mit einem Unternehmen des Finanzdienstleistungsbereichs;
  • Einrichtung eines Pilotprojekts an der TUB mit Unterstützung der Siemens AG "Center für Wandel und Wissensmanagement (CWW)". In diesem Kooperationsprojekt sollen die Studierenden an Beispielen aus der Praxis lernen, wie sich Unternehmen flexibel auf Marktveränderungen einstellen und dann die geeigneten Maßnahmen ergreifen. Sie sollen Wissen erfolgreich in die Praxis umsetzen können. Andererseits soll das Erfahrungswissen aus der Wirtschaft in die Lehre einbezogen werden.

Eine wichtige Zielsetzung ist die weitere Internationalisierung von Studienangeboten. Hierzu gibt es an allen Universitäten und Fachschulen Beispiele:

Einrichtung von Masterstudiengängen,

  • Deutsch-Chinesisches MBA-Managementfortbildungsprogramm an der FHW ab 01.09.98
  • Planung eines grundständigen Studienganges "Internationale Medienformatik" an der FHTW.

Es sind aber weitergehende Anstrengungen erforderlich, um die Attraktivität von Aus- und Weiterbildung an Berliner Hochschulen weiter zu verbessern.

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