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Staatssekretär Prof. Dr. Ingolf V. Hertel : Grußwort
Festkolloquium zum 60. Geburtstag von Prof. Dr. Dr. h.c. Karl-Heinz Hoffmann am 2.7.1999 an der Technischen Universität München

Lieber Herr Kollege Hoffmann, sehr geehrter Herr Präsident Landfried, werte Festgäste,

der eine oder andere von Ihnen mag sich wohl fragen, wie es kommt, dass sich hier ein Berliner Staatssekretär in die umfängliche und stattliche Reihe der Gratulanten für einen Münchner Mathematikprofessor mit künftigem Arbeitsschwerpunkt in Bonn einreiht. - Eingeweihte wissen freilich, dass Sie, lieber Herr Hoffmann, seit vielen Jahren auf vielfältige Weise mit Berlin verbunden sind. Zum einen waren Sie ja von 1975 bis 1981 o. Professor an der Freien Universität und dort - wie könnte es angesichts ihrer gesamten Biographie anders sein - auch in einer Reihe wichtiger Funktionen in der akademischen Selbstverwaltung tätig und haben für Berlin Wichtiges bewegt. Vor allem aber sind Sie seit der deutschen Wende und der darauf folgenden intensiven Welle der Evaluierung und Neustrukturierung der Berliner Forschungslandschaft praktisch kontinuierlich und richtungsweisend für den Wissenschaftsstandort Berlin tätig.

Sie waren ganz entscheidend mit dabei, als es 1990/91 um die Evaluierung der ehemaligen Akademie der Wissenschaften der DDR ging, wovon Berlin natürlich besonders betroffen war. Dies war eine gewaltige und erfolgreiche Arbeit, und ich darf Ihnen noch einmal den herzlichen Dank des Landes Berlin dafür aussprechen, dass Sie sich damals dieser großen Aufgabe mit sicherem Urteil und Entschlossenheit aber auch mit Feinfühligkeit engagiert gewidmet - ja ich darf wohl sagen - hingegeben haben. Dieser Dank sei hier auch stellvertretend ausgesprochen für all die vielen weiteren Kollegen, die mit ihrer jeweils spezifischen Erfahrung damals zum Gelingen beigetragen haben. Das Ergebnis ist eine Erfolgsgeschichte!

Ein daraus für Berlin erwachsenes besonderes Glanzlicht, das ganz wesentlich unter Ihrer Regie entstand, ist das Weierstraß-Institut für Angewandt Analysis und Stochastik, dessen Beirat Sie ja seit 1992, anfangs als Gründungsvorsitzender, angehören. Das WIAS hat sich - wie übrigens alle 8 neu gegründeten Berliner Institute der heutigen Leibnizgemeinschaft - sehr gut entwickelt und hat internationales Ansehen errungen. Dies hat auch der Wissenschaftsrat nach der erneuten Evaluierungsrunde 1997/98 für die Berliner Leibniz Institute ausdrücklich bestätigt.

Das bringt mich zu dem Kontext, in welchem ich selbst Ihnen erstmals persönlich begegnen durfte - nämlich nicht während unserer gemeinsamen Studienjahre in Freiburg, wo gerade mit dem Vordiplom beschäftigt war, als Sie Staatsexamen machten, und auch nicht während unserer Zeit an der Freien Universität Berlin, wo wir für ein paar Jahre Kollegen und praktisch Hausnachbarn waren - nein, wir sind uns erstmals Anfang 1995 begegnet, wo Sie als Vorsitzender des Wissenschaftsrates mit Umsicht und Weitblick die umfassende Gesamtevaluierung aller Institute der damals (und leider manchmal auch noch heute) sog. Blauen Liste einleiteten, also der Institute der heutigen Leibnizgesellschaft (WGL). Ich saß damals auf der Seite der sozusagen "Beklagten" - so jedenfalls fühlten sich viele der betroffenen Institute (vor allem die "West"-Institute hatteN gewisse Anpassungsprobleme; die "Ost"-Institute waren ja von Kopf bis Fuß auf Evaluierung eingestellt schon durch Ihre Erfahrungen 90/91). Sie, Herr Hoffmann, haben es aber verstanden, damals ein sehr effizientes und heute in der gesamten deutschen Wissenschaftslandschaft (auch innerhalb der Leibnizgemeinschaft) hoch angesehenes und akzeptiertes Bewertungsverfahren zu entwickeln, welches in seiner Stringenz, Tiefe und Vollständigkeit beispielgebend sein könnte/sollte. Sie haben damals die entscheidenden Weichen gestellt. Die Evaluierung der Leibniz-Institute wird im nächsten Jahr abgeschlossen sein, d. h. es werden dann über 90 Institute (einschließlich der potenziellen Neuaufnahmen) nach einem einheitlichen, transparenten Kriterien bewertet worden sein. Eine Systemevaluierung wird den Abschluss bilden - manche Wissenschaftsorganisationen begnügen sich überwiegend mit einer solchen. Danach, so ist es derzeit geplant, wird das Verfahren in die Hände des extern besetzten WGL-Senats übergehen.

Sie, Herr Hoffmann, sind auch nach Ihrem Ausscheiden aus dem Wissenschaftsrat Berlin weiterhin verbunden geblieben. Unter Ihrem Vorsitz hat sich die Kommission zur Struktur und Entwicklung der Naturwissenschaften in Berlin zusammengefunden und hat im April 1997 ihre Empfehlungen verabschiedet, welche dann vom Wissenschaftsrat in die Empfehlungen zu Adlershof ausdrücklich übernommen wurden.

Sie haben damals viele wichtige Hinweise und Empfehlungen gegeben, an deren Umsetzung wir derzeit noch immer arbeiten. Ich verweise beispielhaft auf den Beschluß des Berliner Senats und des Abgeordnetenhauses zur Beschleunigung des Umzugs der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fachbereiche der Humboldt Universität nach Adlershof, der letztlich auf eine Empfehlung des Wissenschaftsrats zurückgeht. Bis auf die Biologie, so sieht es die neue Planung vor, wird das gesamte Umsiedlungsprojekt der HU Naturwissenschaften bis spätestens Ende 2003 abgeschlossen sein.

Zu Recht haben Sie auch angemahnt, dass für eine adäquate Entwicklung der Naturwissenschaften in Berlin (dies gilt natürlich auch für alle Anderen Wissenschaftszweige) Planungssicherheit notwendig ist, ohne die sinnvolle und zukunftsfähige Umstrukturierungen nicht vorgenommen werden können. Das Land Berlin ist diesem Petitum inzwischen sehr nahe gekommen. Wir haben mit den Universitäten und Fachhochschulen 1997 Verträge abgeschlossen mit denen wir ihnen für einen überschaubaren Planungszeitraum finanzielle Sicherheit garantieren - wenn auch auf einem gegenüber den früheren recht auskömmlichen Zuschüssen abgesenkten, der aktuellen Finanzsituation des Landes Berlin eher angepassten Basis. Wir haben gerade die Verlängerung der Hochschulverträge bis 2002 vollzogen und das Abgeordnetenhaus hat in seiner letzten Sitzung vor der Sommerpause die entsprechende Finanzplanung gebilligt: erstmals wird es in 2001 und 2002 wieder eine moderate, nominale Steigerung der Hochschulhaushalte geben - anstelle der ursprünglich vorgesehenen weiteren Kürzung. Damit werden die besonderen Belastungen der Hochschulen durch Tarifanpassungen und steigende Versorgungslasten berücksichtigt und 85 000 personalbezogene Studienplätze gesichert. Dies dokumentiert die hohe Priorität, welche das Land Berlin der Wissenschaft beimißt. Die Hochschulen verpflichten sich im Gegenzug zu umfassenden Reformen und Qualitätssicherungsmaßnahmen.

Zur Zeit sind Sie, lieber Herr Hoffman, wieder intensiv mit dem Wissenschaftsstandort Berlin befaßt. Die Arbeitsgruppe "Strukturplanung in Berlin" des Wissenschaftsrates, der Sie angehören, bewertet derzeit die von den Hochschulen vorgelegten Strukurpläne und wird uns gewiss Empfehlungen zur Weiterentwicklung eines Berliner Gesamtkonzepts geben. Ich weiß, dass insbesondere Sie aus Ihrer profunden Kenntnis die Strukturpläne der Hochschulen und deren Einbettung in die Wissenschaftspolitik des Landes sehr kritisch betrachten. Ich kann Ihnen aber versichern, dass Sie jetzt eine sichere Grundlage für die Weiterentwicklung unserer Hochschulen und Forschungseinrichtungen vorfinden, deren Profil, Kohärenz und Effektivität es freilich weiter zu stärken gilt.

An Ihnen und Ihren Kollegen in der Arbeitsgruppe des Wissenschaftsrats ist es nun, auf der Basis dieser wissenschaftspolitischen Eckpunkte Verbesserungsvorschläge zu machen, die es ermöglichen, Berlin als einen international renommierten Wissenschaftsstandort nicht nur zu erhalten, sondern weiter auszubauen, mit einem unverkennbaren Profil zu versehen und an seine alte Tradition wieder anzuknüpfen zu lassen.

Sie haben, lieber Herr Kollege Hoffmann, bei allen Empfehlungen, an denen Sie im Berliner Kontext mitgearbeitet haben, immer wieder auch eine enge Verflechtung und Kooperation von universitärer Forschung und Lehre mit der außeruniversitären Forschung angemahnt. Sie wissen, das dies auch eine meiner Herzensangelegenheiten ist. Wir wären Ihnen und der Arbeitsgruppe des Wissenschaftsrats sehr dankbar, wenn Sie Ihre Erfahrungen und Überlegungen hierzu in konkrete, instrumentelle Handlungsvorschläge für die Zukunft fassen könnten, die auch politisch durchsetzbar sind. Bei all dem müssen wir aber zweierlei im Auge behalten: die strukturelle Effizienz und die Finanzierbarkeit der Forschung in Berlin und in der Bundesrepublik Deutschland.

Meine Damen und Herren,

vor diesem Hintergrund betrachten wir die derzeit laufende, breite Diskussion über eine Neuordnung der "gesamtstaatlichen, föderalen Ordnung" mit großer Sorge - so richtig und wichtig es natürlich ist, einzelne, möglicherweise ineffiziente Aspekte unseres föderalen System hin und wieder auf den Prüfstand zu stellen. Diese Diskussion, die vor allem auch zwischen den Staatskanzleien des Bundes und der Länder derzeit sehr intensiv erfolgt, wurde ja aber nicht zuletzt ausgelöst durch die einschlägigen Verfassungsklagen von drei süddeutschen Ländern. Dabei geht es in erster Linie um Geld. Soweit ich es verfolgen konnte, werden daher meine Sorgen, dass diese Diskussion letztlich zu Lasten von Wissenschaft und Forschung in unserem gesamten Staatswesen geführt werden könnte, von den meisten Wissenschaftspolitikern fast aller Länder geteilt - insbesondere natürlich von denen in den Neuen Bundesländern.

Wir müssen also alles daran setzen, dass die gemeinsame Hochschul- und Forschungsfinanzierung von Bund- und Ländern nach §91a und 91b GG als unverzichtbares Grundelement eines leistungsfähigen Wissenschafts- und damit auch Wirtschaftsstandorts Deutschland begriffen wird. Ich befürchte, dass deren auch nur teilweise Abschaffung überwiegend zur Haushaltskonsolidierung des Bundes und einiger reicher Länder führen und unübersehbaren Schaden für die deutsche Wissenschaft anrichten würde - sowohl im Bereich der Hochschulen als auch der außeruniversitären Forschung. Wir sind daher gut beraten, nicht zur Unzeit von uns aus eine Diskussion über die Neuordnung der Wissenschaftslandschaft vom Zaume zu brechen, die derlei Bestrebungen weiteren Anlass bietet.

Sie, lieber Herr Hoffmann, haben ja nun Gelegenheit, Ihre Vision für Kohärenz, Konzentration und Kooperation zwischen Universität, ausseruniversitärer Forschung und Wirtschaft als Steuermann von caesar direkt umzusetzen. Wir sind sehr gespannt darauf, wie Ihnen das gelingt. Wir wünschen Ihnen dabei viel Erfolg und hoffen daraus lernen zu können. In jedem Falle werden Ihre Erfahrung und Ihr Rat auch in Zukunft weiterhin auch für das Land Berlin sehr wichtig und gewichtig sein - in welcher Funktion auch immer! Ich möchte Ihnen an dieser Stelle nochmals herzlich für Ihr Engagement danken und wünsche Ihnen noch viele ertragreiche, gesunde Jahre voller Schaffenskraft und Lebensfreude.

Prof. Dr. Ingolf Hertel, e-Mail: Hertel@mbi-berlin.de

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