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Staatssekretär Prof. Dr. Ingolf V. Hertel : Eingangs-Statement zum 1. Strategieforum (Runder Tisch) für Wissenschaft, Forschung und Innovation
28.1.1999, WISTA, Adlershof

Meine Damen und Herren, liebe Kollegen,

ich begrüße Sie sehr herzlich zu diesem ersten Berliner Runden Tisch Wissenschaft, Forschung und Innovation. Ich bedanke mich sehr herzlich dafür, dass Sie gekommen sind, um heute gemeinsam über künftige Strategien einer konzertierten Wissenschaftspoltik zu beraten. Es ist meine feste Überzeugung, dass eine tragfähige, kohärente Wissenschaftspolitik, die auf einer gemeinsamen Orientierung der wichtigsten Entscheidungsträger basiert, eine Grundvoraussetzung für künftige, fokussierte Innovationsstrategien für Berlin sein muss. Und ich brauche in diesem Kreise ja nicht zu erläutern, wie dringend notwendig die deutsche Hauptstadt, die Region und die gesamte Republik eine erfolgversprechende Innovationspolitik hat - wobei ich mit Innovation nicht nur die technologische sondern auch die gesellschaftliche Innovation anspreche.

Lassen Sie mich aber gleich zu Anfang klarstellen, dass es hier natürlich nicht um einen weiteren Strategiekreis geht, einen Beirat, Kuratorium oder politischen Beraterkreis in Konkurrenz oder Ergänzung zu den vielfältig in Berlin bestehenden Diskussions- und Entscheidungsgremien, auch nicht um ein neues RITTS-Projekt oder eine Alternative zu einer der vielen, stets neuen und mehr oder weniger lehrreichen Berlin-Studien.

Es geht hier darum, ein offenes Forum für eine repräsentative, in ihrer Zahl noch diskussionsfähige Gruppe von wichtigen Meinungs- und Entscheidungsträgern zu schaffen, welche die Berliner Wissenschafts- und Forschungslandschaft maßgeblich mitgestalten. Gleichzeitig soll der Dialog mit - ebenfalls nur einigen wenigen - Repräsentanten ihres potentiellen Adressatenkreises aus der Wirtschaft ermöglicht werden. Dieser Runde Tisch sollte den Versuch wagen, einen gemeinsamen Orientierungsrahmen des künftigen Handelns für die Berliner Wissenschaft zu entwickeln, gemeinsame Schwerpunktthemen der Forschung zu identifizieren, gemeinsame Strategien für Kooperation und Profilierung zu verabreden, und sich auf ein abgestimmtes Wissenschaftsmarketing zu verständigen. Dies wird erhebliche Anstrengungen erfordern. Wir werden dieses Ziel gewiss nicht an einem Vormittag erreichen. Vielmehr wird unser Gespräch - wenn wir das heutige Treffen denn als nützlich erfahren - in regelmäßigen Abständen, sagen wir alle zwei Monate, fortzusetzen sein. Es wird der Mithilfe vieler Kollegen und Mitarbeiter bedürfen, und wir müssen das, was es hier einzuleiten gilt, ein gemeinsames strategisches Handeln, als Prozess begreifen, der sich entwickelt und stets auf neue Entwicklungen reagieren muß. Der Weg, der sehr anspruchsvolle und schwierige Versuch eines gemeinsamen Weges, wäre also in gewissem Sinne auch das Ziel. Es sollte uns größte Anstrengungen wert sein.

Denn:

Berlins wichtigste Zukunftspotentiale sind Wissenschaft, Forschung und Bildung! Leitbild für das Neue Berlin kann daher die "Global Citiy des Wissens" sein. Es muss die große Vision für die Zukunft Berlins sein, eine jener künftigen, vielleicht 10 weltweit vernetzten Wissensmetropolen, Schaltstellen und Drehscheiben der Wissensgesellschaft des 21ten Jahrhunderts zu werden.

Ich sage Ihnen nichts neues, wenn ich feststelle, dass Berlin die Grundrohstoffe hierfür sehr wohl besitzt - trotz aller aktuellen finanziellen Probleme: eine exzellente Wissenschaftslandschaft von Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen, eine in dieser Dichte wohl einzigartige Konzentration von Forschern, Technikern, Hochschullehrern und Gelehrten, eine hervorragende Infrastruktur von Bibliotheken, Rechenzentren, Datennetzen, Gründerzentren, High-tech Zulieferanten und - potentiell zumindest - exzellenten Verkehrswegen. Auf dieser Basis läßt sich das Neue Berlin bauen, wenn wir es alle gemeinsam anpacken.

Allerdings wartet die Welt nicht darauf, dass Berlin sich im globalen Wettbewerb richtig positioniert. Von Außenstehenden wird die Berliner Wissenschaftslandschaft nach wie vor als zwar potent und im Prinzip leistungsstark, gleichzeitig aber auch als weitgehend unstrukturiert und inkohärent wahrgenommen. Das Forschungsgeschehen in Berlin erscheint als unabgestimmt: eine bunte Vielfalt loser Edelsteine - gelegentlich auch belanglosen Flitters. Noch viel zu selten werden Synergiepotentiale, die durch gemeinsames Handeln, Ressourcen-Sharing und interdisziplinäre Zusammenarbeit erschlossen werden könnten, strategisch wirklich genutzt. Und selbst dort, wo dies in Ansätzen bereits geschieht, dominiert noch allzu häufig die "not invented here" Mentalität, eine Haltung die auf "do it yourself" setzt anstatt sich der Mitarbeit der jeweils kompetentesten Partner aus Nachbardisziplinen zu vergewissern. Statt stimulierenden Wettbewerbs und befruchtender Kooperation bestimmt vielfach noch Konkurrenzdenken und Abschottung das Handeln der verschiedenen Akteure. Universitäten und ausseruniversitäre Einrichtungen übertreffen sich gegenseitig in der Sorge, die jeweils andere Seite könne mit spezifischen Wettbewerbsvorteilen ausgestattet sein. Gelegentlich könnte man geradezu vom Wetteifern um die schlechteste Ausstattung sprechen.

Auf diese Weise werden Stärken und Schwächen der Berliner Forschung weder sichtbar, noch lassen sie sich gezielt entwickeln bzw. beseitigen. In der Forschungsförderung lebt Berlin daher noch viel zu sehr von Mitnahmeeffekten und versäumt es bis auf Ausnahmefälle, eigene, ganz spezifische Profile zu bilden und Prioritäten zu setzen. Berlin ist bei der Finanzierung seines Wissenschaftssystems in hohem Maße von überregionalen Finanzierungen abhängig.

Nun ist aber seit geraumer Zeit eine radikale Umsteuerung der Forschungsförderung des Bundes im Rahmen der Standortdebatte zu verzeichnen.
Das heißt:

  • Mittel werden künftig verstärkt thematisch gebündelt und im Wettbewerb vergeben werden
  • Wissenschaft, Industrie und Anwender müssen auf ausgewählten Feldern zusammenwirken und
  • institutionelle Finanzierungen ohne regionale Profilbildung und Eigenleistung der Regionen werden abgebaut.

Die Regionen müssen sich darauf einstellen und ihre Positionen im Standortwettbewerb neu definieren. In vielen Bundesländern wird dies bereits durch eine gezielte Forschungsförderung im Rahmen spezifischer Forschungs- und Innovationsfonds vorangetrieben. In manchen Fällen, im reichen Bayern etwa aber sogar auch im armen Thüringen werden hierfür jährlich dreistellige Millionenbeträge als Anreizsystem zur Verfügung gestellt um so eine rasche Reaktion der regionalen Innovationsbasis auf neue Entwicklungen im weltweiten Wettbewerb zu ermöglichen.

In Berlin, dessen einziger Wettbewerbsvorteil in seiner umfangreichen und vielfältigen Kultur- und Wissenschaftslandschaft liegt, gibt es - trotz eines Gesamtetats für die Wissenschaft von 3.4 Mrd. DM pro Jahr - solchen strategischen Instrumente für eine gezielte Profilierung von Wissenschaft und Forschung derzeit praktisch nicht. Auch in der Diskussion um einen Zukunftsfonds, der durch die Technologiestiftung zu betreuen wäre und dessen rasche Realisierung wir alle nachdrücklich begrüßen würden, spielt die eigentliche Forschungsförderung eine eher untergeordnete Rolle. Im Spannungsfeld zu dem verständlichen Wunsch der Politik, kurzfristig neue Produkte zu kreieren und Arbeitsplätze zu schaffen, wird allzu leicht übersehen, dass es eines breit angelegten, gezielt gedüngten und gut gepflegten wissenschaftlichen Nährbodens bedarf, auf den eine erfolgreiche Technologiepolitik aufbauen müsste.

Nun mag man diese Situation beklagen und auf Abhilfe sinnen. Man kann daraus aber auch schließen, dass es dringend erforderlich sei, die missliche Situation im Rahmen der verfügbaren Ressourcen durch Profilbildung, Kooperation und Marketing gemeinsam strategisch zu überwinden.

Berlin (wie auch unser Nachbar Brandenburg) hat nun freilich ein weiteres Problem: Im Gegensatz zu anderen Regionen, insbesondere im Vergleich zu einigen süddeutschen Ländern existieren in Berlin - mit Ausnahme der Firma Schering - keine Unternehmen, die in nennenswertem Umfang langfristig orientierte Forschung betreiben; im Bereich der Klein- und Mittelbetriebe sind auch die fehlenden Entwicklungskapazitäten und die daraus resultierende Innovationsschwäche nicht zu übersehen.

Daher müssen für Berlin nicht nur das fehlende Anreizsystem für eine längerfristig orientierte Forschung sondern auch ausgeprägte Defizite bei der Industrieforschung durch strategische Ansätze zur thematischen Fokussierung der Forschungslandschaft und durch die Bildung strategischer Allianzen im Wissenschaftsbereich kompensiert werden.

Der institutionell gut ausgestattete Wissenschaftsstandort Berlin ist gefährdet, soweit er auf Mitnahmeeffekte im Rahmen überregionaler Finanzierungen ohne eigene forschungspolitische Strategien setzt, da die gegenwärtige Ausstattung wesentlich Ergebnis politischer Konstellationen ist, die der Vergangenheit angehören.

Nun sind freilich in den letzten Jahren sind Grundlagen geschaffen worden, die Berlin nicht gänzlich unvorbereitet einer veränderten überregionalen Forschungspolitik aussetzen. Es wurde begonnen, zu wichtigen Themenbereichen leistungsfähige Kompetenzzentren zu entwickeln, die auch attraktiv für eine Kooperation mit der Wirtschaft sind.

Es sind Ressourcen, zum Beispiel durch Forschungsverbunde, strukturiert und gebündelt worden. Die Technologiestiftung Innovationszentrum Berlin hat wichtige Initiativen angeschoben.

Aus Sicht unseres Hauses ergeben sich jetzt darauf aufbauend u.a. folgende Handlungsnotwendigkeiten:

  • Eine starke thematsiche Fokussierung muß die strukturellen Schwächen kompensieren. Eine wirksame gemeinsame Gestaltung der Berliner Wissenschaft und Forschung durch alle beteiligten Akteure muss auf den Weg gebracht werden.
  • Die Universitäten müssen gemeinsam mit den außeruniversitären Forschungseinrichtungen auch in strukturpolitische Konzepte des Landes eingebunden werden und dementsprechend handlungsfähig sein.
  • Die in Berlin vorgehaltenen Forschungspotentiale dürfen sich nicht ausschließlich an den in aller Regel kurzfristig orientierten Vermarktungsinteressen der derzeit in Berlin angesiedelten Unternehmen orientieren, sondern müssen im Vorfeld künftiger Schlüsseltechnologien auf ausgewählten Gebieten Kompetenzzentren bilden.
  • Die Vernetzung mit der Wirtschaft muss vorangetrieben werden, wofür die Verkehrsforschung, BioTechnologie und der IuK Bereich gute Beispiele bildet. Bei der Berliner Industrie muss aber weiterhin für eine stärkere finanzielle Unterstützung der Forschung geworben werden. Solange aus der Wirtschaft allerdings keine hinreichende Unterstützung erfolgt, muß der Mangel an Industrieforschung weiterhin durch öffentlich finanzierte Forschung ausgeglichen werden.
  • Dort, wo Berlin herausragende Forschungspotentiale aufzuweisen hat oder andere strukturelle Vorteile bietet, müssen diese auch offensiv vermarktet werden.
  • Das World-Wide-Web (Internet) als Kommunikationsforum für Wissenschaft, Forschung und Innovation muss zielgerichtet und strategisch eingesetzt werden. Es sollte gleichzeitig als Instrument für eine rasche Kommunikation innerhalb der Berliner Wissenschaft, für die Profilierung und Koordinierung der Forschungslandschaft und für die zeitgemäße Vermittlung eines attraktiven Angebots an die Wirtschaft genutzt werden.

Das alles kann aber nur erreicht werden, wenn Forschungspolitik als gemeinsame Verpflichtung aller beteiligten Berliner Akteure verstanden wird. Universitäten, außeruniversitäre Forschung, die Wirtschaft und die betroffenen Verwaltungen sollten sich daher auf gemeinsame Strategien verständigen, nach denen sie ihr Handeln in Zukunft ausrichten wollen.

Der Runde Tisch soll eine Plattform für einen intensiven Diskurs unter den wichtigen Akteuren bieten und dabei helfen, eine gemeinsame Orientierung und engere Kooperation in Wissenschaft und Forschung für die künftige Innovation der deutschen Hauptstadt zu erreichen.


Es wird dabei zunächst einmal darum gehen,

  • Stärken und ggf. zu beseitigende Schwächen der Berliner Forschung zu ermitteln und zu analysieren;
  • darauf aufbauend gemeinsame Vorschläge für eine künftige Wissenschaftspolitik in Berlin zu formulieren, strategische Allianzen zu bilden und Netzwerke zu knüpfen bzw. zu vertiefen und eine koordinierte Akquisitionsstrategie zu entwickeln (von der gemeinsamen Beantragung großer Forschungsprojekte bis hin zur angebotsorientierten Berufungspolitik) und schließlich
  • ein abgestimmtes Wissenschaftsmarketing für Berlin zu organisieren (vom gemeinsamen Wissenschaftsserver Science-berlin.de über eine abgestimmte Pressearbeit bis hin zur Mithilfe bei der Ansiedlung forschungsorientierter Unternehmen).

Vielleicht greifen aber all diese Begrifflichkeiten zu kurz, wenn wir es mit der Global City des Wissens wirklich ernst nehmen. Herr Ganten wird mir erlauben, wenn ich hierzu aus seiner Rede vor der GdNÄ im Sommer letzten Jahres zitiere:

"Soweit ich die Lage übersehe, herrscht wirklich kein Mangel an Informationen über die Wissenschaft im Sinne von bedrucktem Papier bzw. elektronischen Dateien, aber ich habe dabei den Verdacht, daß derjenige, der sich damit zufrieden gibt, die Gefahren des Plastikworts Information unterschätzt hat und die irreführende Umdeutung zur materiellen Substanz vollzogen hat. Ihm reicht, daß es Informationen als abrufbare Quantitäten gibt, und ihn kümmert nicht, ob sie begriffen, ob sie verstanden werden.....Die Frage lautet nun, durch welche Ausbildung diese Einbildung zu erreichen ist. Was müssen wir anbieten, damit sich die Menschen nicht nur äußerlich mit Nachrichten über Wissenschaft informieren können, sondern daß sie auch Gelegenheit bekommen, wirklich informiert und im Bilde zu sein?"

Mit dieser Art Innovation müssen wir uns künftig kontinuierlich auseinandersetzen. Der Runde Tisch könnte dafür ein geeignetes Forum sein. Doch lassen Sie, ehe ich jetzt Sie um jeweils kurze Statements bitte, für die heutige Diskussion einige eher pragmatische und, so hoffe ich, in überschaubarem Zeitraum beantwortbare Fragen aufwerfen:

  • Wie gelangen wir zu einem inhaltlich und quantitativ unterlegten Gesamtüberblick über Stärken und Schwächen der Berliner Wissenschaft?
  • Sind die vorgelegten Schwerpunkte richtig benannt?
  • Inwieweit eignen sich die Ihnen vorgelegten Materialien als Ausgangsbasis für die Erstellung eines regionalen Forschungsprofils?
  • Ist der am Beispiel Biotechnologie entwickelte Fragebogen zur Erhebung weiterer Information geeignet?
  • Hat Berlin ausreichende, eine Profilbildung unterstützende Instrumente (Forschungsfonds)? Ist der geplante Zukunftsfonds nur ein technologiepolitisches oder auch ein wissenschaftspolitisches Instrument?
  • Wie können Synergieeffekte zwischen Hochschulen und außeruniversitärer Forschung besser erschlossen werden?
  • Welche konkreten Maßnahmen des Wissenschaftsmarketing können/sollen wir gemeinsam verabreden und ggf. finanzieren? Dabei wäre auf die derzeit schon von Partner für Berlin koordinierten Aktivitäten aufzubauen.
  • Wer hilft unserer armen Wissenschaftsverwaltung, den Berliner Wissenschaftsserver im Internet attraktiv zu gestalten?
  • Welche Rolle könnte in Zukunft der Runde Tisch spielen, ist er richtig besetzt, ist der gewählte Name zweckmäßig?*

*Infolge der sich anschließenden Diskussion wurde der Arbeitname "Runder Tisch für ..." des Gremiums schließlich in "Strategieforum für Wissenschaft, Forschung und Innovation" geändert.

Prof. Dr. Ingolf Hertel, e-Mail: Hertel@mbi-berlin.de

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