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Staatssekretär Prof. Dr. Ingolf Hertel: Perspektiven der Wissenschaftspolitik in Berlin
Referat bei Sitzung des Landeskuratoriums Berlin-Brandenburg Stifterverbands für die deutsche Wissenschaft, 7.10.1998

Sehr geehrter Herr Professor Winje,
lieber Herr Professor Erhardt,
sehr verehrte Mitglieder des Landeskuratoriums Berlin-Brandenburg,

ich danke Ihnen sehr herzlich für die Einladung, hier bei Ihrer heutigen Jahressitzung einen ersten Versuch zum Überblick über "Ziele und Schwerpunkte meiner wissenschaftspolitischen Bemühungen" zu wagen, wie es im Einladungsschreiben heißt.

Dies stellt natürlich eine große Herausforderung für mich dar, zumal Herr Erhardt mich vorab ermuntert hat, hier ganz offen - wenn ich es einmal salopp sagen darf "ohne diplomatische Sprechblasen" - zu artikulieren, wo ich Akzente setzen möchte und was ich hoffe bewegen zu können. Ich tue dies besonders gern vor Ihnen als den Vertretern einer Berliner Wirtschaft, die der Wissenschaft nicht nur ideell verbunden sind, sondern diese auch materiell erheblich fördert. Ich werde die Gelegenheit schamlos missbrauchen, um an Ihre Stifterherzen für spezifische Anliegen zu appellieren. Herzlichen Dank also nochmals für diese, der Berliner Wissenschaftspolitik gebotene Plattform.

Sie dürfen dabei versichert sein, dass ich nach erst knapp einwöchiger Amtszeit als neuer Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung in Berlin, noch hinreichend unkonditioniert bin, um in der Tat offen und ehrlich auszusprechen, wo wir stehen und in welche Richtung ich gerne einige Anstöße geben möchte. Auf mehr darf ich für dieses eine Jahr, welches mir bis zur nächsten Wahl in Berlin zur Verfügung steht, ohnehin nicht zu hoffen wagen.

Zunächst sei in 8 Punkten an die Ausgangslage erinnert:

  1. Berlin ist eine Wissenschaftsmetropole von europäischem Rang mit internationaler Ausstrahlung. Seine universitären und ausseruniversitären Potentiale sind einzigartig: 3 Universitäten, 7 Fachhochschulen, 4 Künstlerische Hochschulen, 6 Einrichtungen der Max-Planck-Gesellschaft, 3 Helmholtz-Zentren sowie 2 weitere HGF Institute, 4 Fraunhoferinstitute, 13 Leibnizinstitute, 1 Akademie der Wissenschaften, mehrere forschende Bundesanstalten u.v.a.m.
    • Aber: Dieses Potential hat, unbeschadet einzelner Spitzenleistungen, noch nicht die Weltgeltung erlangt, die dem dabei getriebenen Aufwand gerecht würde. Wie also gilt es, dieses Potential zu strukturieren, wie bilden wir überzeugende Schwerpunkte aus, wie machen wir es nutzbar für die technolgogische aber auch für die geistige und gesellschaftliche Innovation unseres Landes und wie wird diese Kraft wirksam für die Hauptstadtfunktion von Berlin?
  2. Berlin gibt, trotz extremer Haushaltsprobleme nach wie vor überproportional viel Geld für Wissenschaft und Forschung aus: rund 2,2 Milliarden Mark jährlich für die Berliner Hochschulen. Hinzu kommen 600 Mio. DM für bauliche Investitionen. Eine weitere Milliarde wird in dem Bereich der ausseruniversitären Forschungseinrichtungen investiert (wovon der Bund über 2/3 zahlt). Berlin gibt damit für den gesamten Wissenschaftsbereich jährlich über 3,5 Milliarden Mark aus. Zusätzlich werben die Universitäten Drittmittel in Höhe von rund 484 Millionen ein. In Berlin dürfte es die wohl höchste Wissenschaftlerdichte pro Kopf der Bevölkerung in unserer Republik geben. 130.000 Industriearbeitsplätzen stehen bereits jetzt mehr als 100.000 Arbeitsplätze in Wissenschaft, Forschung und Kultur gegenüber. Ausgaben für Kultur, Wissenschaft und Forschung sind damit klare Wirtschafts- und Standortfaktoren.

    Derzeit studieren hier ca. 134.000 Studenten. Davon kommen ca. 50 % aus anderen Bundesländern und 12 % aus dem Ausland. Die Stadt leistet damit einen weit überproportionalen Beitrag für die Ausbildung der jungen Generation.

    • Aber: Rechnerische Ausgangsgröße für diese Zahlen, waren in der Vergangenheit 100.000 finanzierte Studienplätze. Aufgrund von Haushaltsrestriktionen muss diese Zahl auf 85.000 abgesenkt werden. Dies verdeutlicht den gewaltigen Umgestaltungszwang, dem sich die Berliner Hochschulen ausgesetzt sehen, der zu extrem schmerzlichen Einschnitten führen muss und schon geführt hat.

  3. Solch erzwungener Umbruch signalisiert freilich auch ein Chance zum Neubeginn: längst überfällige Reformen sind eben gerade nicht in den guten Jahren durchgeführt worden, sondern müssen jetzt als Möglichkeit begriffen werden, um die Qualität in Forschung und Lehre auch in Zeiten knapper Kassen zu erhalten oder gar zu stärken. Das Instrument hierfür - in Deutschland in dieser Ausprägung wohl einzigartig - sind die sogenannten Hochschulverträge. Diese Verträge geben den Hochschulen, zunächst bis zum Jahre 2000, die notwendige Planungssicherheit. Im Gegenzug dazu verpflichten sich die Hochschulen, bereits beschlossene Einsparungen umzusetzen, Strukturen zu verändern und Reformen durchzuführen.
    • Aber: schon werden von den kritischen Haushaltsexperten, vor allem in den Hochschulen, gewichtige Zweifel an der Stimmigkeit der Zahlenwerke geäußert. Die Verhandlungen für die Fortschreibung der Verträge ins Jahr 2001, die zur Zeit geführt werden, offenbaren Risiken, die je nach individueller Verortung der Verhandelnden unterschiedlich bewertet werden, und die den Fortgang eines heftigen Verteilungskampfes befürchten lassen.
  4. Weitsichtige Politiker in Berlin haben die Bedeutung von Wissenschaft und Forschung für die notwendige geistige und technologische Innovation dieser Stadt seit langem erkannt. So weist der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen (wie auch Senator Radunski) spätestens seit Beginn dieser Legislaturperiode immer wieder darauf hin, dass unsere Hochschulen, dass Wissenschaft und Forschung zu den wichtigsten Aktivposten der Stadt gehören und somit die wertvollsten Pfunde sind, mit denen wir wuchern können. Daher ist es in Berlin gelungen, in Zeiten einer ausgeprägten strukturellen Finanzkrise der öffentlichen Hand, die jeder Fachpolitik ein haushaltspolitisches „stop and go" und kurzfristige, pauschale Einsparungen diktiert, Rahmenbedingungen zu schaffen innerhalb derer sich Wissenschaft und Forschung erhalten, reformieren und entwickeln können.
    • Aber: wie weit ist dieses Wissen um die zentrale Bedeutung von Wissenschaft und Forschung für die Zukunft unserer Gesellschaft denn Allgemeingut aller wichtigen Entscheidungsträger oder gar der Bürger dieser Stadt geworden? Und wer organisiert eigentlich ein Wissenschaftsmarketing, das eine wirkliche Bewusstseinsbildung voran bringt?
  5. Die Hochschulen müssen zu Organisationen werden, die verantwortlich wirtschaften können und ihre Mittel optimal einsetzen. Sie müssen Abschied nehmen von mentalen Verkrustungen, alten Besitzständen und liebgewordenen Privilegien. Dass Berlin mit dieser Zielsetzung auf dem richtigen Weg ist, zeigt auch das am 25. August 1998 in Kraft getretene neue Hochschulrahmengesetz. Seine wesentlichen Elemente heißen: mehr Freiheit für die einzelnen Hochschulen, mehr Wettbewerb zwischen ihnen und mehr Internationalität in der Ausbildung. Auch die Erprobung und Entwicklung innovativer Hochschulstrukturen ist ein Kernbestandteil des neuen HRG. Die Berliner Hochschulen könnten sich dem dazu vom BMBF ausgeschriebenen bundesweiten Wettbewerb an die Spitze setzen, denn die Berliner Hochschulverträge haben genau an dieser Stelle den Hochschulen ein bisher in Deutschland beispielloses Experimentieren ermöglicht. Mit Hilfe der sogenannten Erprobungsklausel ist das hochschulrechtliche Korsett auf vielerlei Weise gelockert worden. Fast 60 §§ des Berliner Hochschulgesetzes können über einen befristeten Zeitraum außer Kraft gesetzt werden. Jede Hochschule hat dabei die Möglichkeit ihren ganz eigenen Weg des Experimentierens mit neuen Strukturen der Leitung, Organisation und Finanzierung zu gehen. Mit der Erprobungsklausel können die Berliner Hochschulen ihr eigenes Reformkleid maßschneidern.
    • Aber: wird sie dies auch befähigen, sich untereinander abzustimmen, ihre je eigenen Profile mit Blick auf die anderen und ggf. auch durch Austausch von Ressourcen zu schärfen?
  6. Erste Ansätze zu einer umfassenden Evaluierung sind im Bereich der Hochschulforschung mit den Naturwissenschaften gemacht. In Umsetzung der Hochschulverträge haben die Berliner Hochschulen mittlerweile ihre Strukturpläne bis zum Jahre 2001 vorgelegt. Der Berliner Senat hat den Wissenschaftsrat gebeten, diese Strukturpläne zu evaluieren. Auch das ist ein Novum, denn erstmals begutachtet damit der Wissenschaftsrat die gesamte Hochschulstruktur eines Landes.
    • Aber: haben wir auch die Kraft, die richtigen Schlüsse aus diesen Evaluierungen zu ziehen und konsequent umzusetzen? Wie setzen wir etwa die Empfehlung des Wissenschaftsrats um, dass in Adlershof alle Berliner Universitäten zu gemeinsamem Handeln, zur Kooperation mit der Wirtschaft und zur Gestaltung innovativer Studiengängen aufgerufen werden?
  7. Im außeruniversitären Bereich ist ebenfalls eine flächendeckende Evaluierung im Gange: die 13 Leibnizinstitute sind inzwischen sämtlich vom Wissenschaftsrat im Zuge seiner bundesweiten Gesamtevaluierung der Blauen Liste begangen worden, einige Abschlussberichte stehen noch aus, aber insgesamt kann man erwarten, dass alle Berliner Einrichtungen (bis auf das DBI, welche aus der Liste herausgenommen werden musste) das Gütesiegel des Wissenschaftsrats erhalten werden. Und mit den Empfehlungen zweier speziell für die Einbindung des Hahn-Meitner-Instituts in die Berliner Forschungslandschaft eingesetzten Kommissionen sind wesentliche Schritte zur weiteren Profilierung der Forschungslandschaft getan: Struktur- und Materialforschung sowie Solarforschung heißen die zukunftsweisenden Schwerpunkte einer künftigen Achse von Wannsee nach Adlershof.
    • Aber: noch immer wird die ausseruniversitäre Forschung von vielen Hochschul-leh-rern mehr als bedrohliche Konkurrenz denn als Chance und Verpflichtung zur Zusammenarbeit aufgefaßt, welche effizientes Ressourcensharing ermöglicht und so Mittel sparen hilft.
  8. Dies bringt mich zum letzten Punkt der Bestandsaufnahme, den zwei großen Zukunftsprojekten Berlins: i.) der Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Adlershof und ii.) der biomedizinische Campus Buch. An beiden Orten sind Großprojekte von überregionaler Bedeutung initiiert worden, die sich jetzt in einem kritischen Reifestadium befinden. Ihr Gelingen wird für die Zukunft Berlins und für die Region von zentraler Signalwirkung sein. Hier soll, im Bereich jeweils ausgewählter Schlüsseltechnologien Kompetenzzentren geschaffen werden, die ein Klima der Innovation und ein neuen Gründergeist kultivieren, der auf der Ressource Wissenschaft und Forschung aufbaut. Universität, außeruniversitäre Forschung und Wirtschaftsunternehmen sollen gemeinsam eine neue Begegnungskultur entwickeln, welche für alle Seiten höchsten Ertrag und gesellschaftlichen Nutzen verspricht.

    • Aber: haben diese Großprojekte auch optimale Managementstrukturen und sind sie hinreichend finanziert? Wurde bislang alles getan, um im Geflecht überlappender Zuständigkeiten und behördlicher Fürsorge Rahmenbedingungen zu gestalten, die den hoch gesteckten Zielen gerecht wird?

Einer Liste von Positiva, welche die Berliner Wissenschaftspolitik katalysiert und durch geeignete Rahmenbedingungen unterstützt, steht also eine Reihe von möglichen Stolpersteinen gegenüber, welche die ersteren teilweise gefährden. Daraus ergeben sich denn auch die Ansätze zum Handeln und meine ganz persönlichen Hoffnungen, etwas an der einen oder anderen Stelle bewegen zu können. Hierzu möchte ich folgende Punkte nennen:

  • Einrichtung eines Strategieforums für Wissenschaft, Forschung und Innovation, in welchem die wichtigsten Repräsentanten der Berliner Wissenschaft und Forschung gemeinsam mit höchstkarätigen Experten aus der Wirtschaft und der Verwaltung die Chancen und Risiken einer Innovationsstrategie abstimmen und ein möglichst verbindliches, abgestimmtes Handeln auf folgenden Gebieten vereinbaren:
    • Wissenschaftsmarketing
      Wissenschaft und Forschung müssen in dieser Stadt die Priorität erhalten, die ihrer Bedeutung als wichtigstes Gut für die Zukunft, als das Innovationspotential zukommt. Dies muß zum herausragenden Thema für Politik und Öffentlichkeit avancieren und als komplexer, nichtlinearer Prozess begriffen werden, und nicht einfach als lineare Transferkette vom Forschungsergebnis zum Produkt missverstanden werden.
    • Leistungsprofile, Schwerpunktbildung
      Die Berliner Wissenschaft selbst muß zu dazu ihren Beitrag leisten, indem sie ihre spezifischen Leistungsprofile deutlich macht und untereinander abstimmt. Dieser Prozess hat, nicht zuletzt mit den Strukturplänen der Berliner Universitäten, bereits begonnen, ist aber noch viel zu schwach ausgeprägt. Es muß viel deutlicher werden, wer wo wie kompetent ist, und wodurch sich die Profile unterscheiden oder wo sie zusammenwirken. In diesen Fokussierungs- und Strukturierungsprozeß muß die gesamte Berliner Forschungslandschaft eingebunden werden. Berlin muß so wieder eine Wissenschaftsstadt von höchstem internationalen Rang werden.
    • Anreize
      Wo nichts zu verteilen ist, muß man auf Netzwerke, Schwerpunkte und Struktur setzen. Erfahrungsgemäß erfordert aber auch dies ein Minimum an materiellen Anreizen. Im Haushalt meiner Senatsverwaltung sind praktisch keinerlei disponible Mittel vorgesehen, um solch abgestimmtes gemeinsames Tun durch verstärkte Fördermittel zu honorieren. Hier könnten private Initiativen Wunder wirken, hier möchte ich mich also mit der Bitte an Sie wenden, über Ihren möglichen Beitrag zu dieser konzertierten Aktion nachzudenken. Wie im Bericht Ihres Generalsekretärs erläutert, ist der Stifterverband ja in dieser Richtung bereits vielfältig sehr aktiv und wir sind dankbar dafür. Stiftungsprofessuren sind z.B. ein wichtiges Instrument. Eine Einbindung in eine umfassendes Programm zur Schärfung der Leistungsprofile Berliner Forschungseinrichtungen und kohärenten Schwerpunktsetzung wäre aber möglicherweise noch wirkungsvoller. Beispielhaft sei etwa die Stiftungsprofessur für Entrepreneurship/ Innovationsmanagement an der Humboldt-Universität, gefördert über SAP oder eine jetzt für Adlershof diskutierte Stiftungsprofessur im Bereich der angewandten Optik erwähnt, für welche es positive Signale aus der optischen Industrie gibt.
  • Die Verlängerung der Hochschulverträge und die Evaluierung der Strukturpläne durch den Wissenschaftsrat wird uns in den kommenden Wochen und Monaten intensiv beschäftigen. Diese Aufgabe steht in ganz engem Zusammenhang mit dem was eben erläutert wurde. Der Wissenschaftsrat hat betont, daß er es nicht als seine Aufgabe ansieht, für Berlin die Hausaufgaben zu machen und er erwartet vom Berliner Senat klare politische Vorgaben, wo die Berliner Wissenschaft und Forschung hinzielen soll. Es wird also einen intensiven Diskussionsprozeß geben müssen, in welchem sich Hochschulen, außeruniversitäre Einrichtungen und Senatsverwaltung auf ein abgestimmtes Gesamtberliner Forschungskonzept einigen. Angesichts der Hochschulautonomie und der Gremienzuständigkeiten ein extrem schwieriger Prozeß, den ich aber zumindest in Gang bringen möchte.

    Berlin braucht auch gesellschaftliche und geistige Innovation, also eine exzellente wissenschaftliche Beratungskompetenz für wirtschafts-, sozial- und außenpolitische Fragen, die sog. Fernkompetenz. Diese ist in z.T. guten Ansätzen verfügbar (vor allem außeruniversitär), muß aber koordiniert und sichtbar gemacht werden. Die Sozial- und Geisteswissenschaften müssen hier ihre Rolle neu definieren, und auch die kleinen Fächer an den Universitäten müssen stärker auf dieses Ziel hin abgestimmt werden. Hier hat der Stifterverband durch die Entwicklung und Förderung des Aufbaustudiengangs Europawissenschaften schon beispielhaftes geleistet. Für die besondere Förderung des Berliner Aufbaustudiengangs an dem gemeinsam von den drei Universitäten getragenen Europäischen Zentrum für Staatswissenschaften und Staatspraxis bin ich besonders dankbar.
  • Berlin als Ost-West-Drehscheibe - wie oft wird davon geredet und wie wenig Konkretes ist dazu bekannt. Dabei gibt es eine große, eine wirklich sehr große Zahl von existierenden Kooperationen in von Berliner Universitäten und Forschungseinrichtungen mit den neuen Demokratien. Wissenschaft könnte also eine Schrittmacherfunktion für diese Ost-West Kompetenz Berlins wahrnehmen. Wir stehen dabei ja im Wettbewerb mit Wien, Prag, Budapest u.a. haben aber eigentlich exzellente Startbedingungen, wenn wir sie nur nutzen wollten. Zwei Maßnahmen scheinen mir sinnvoll:
    • Offensivere Öffentlichkeitsarbeit mit bereits bestehenden erfolgreichen Kooperationen. Wir brauchen einen stets aktuellen Wegweiser von Berliner Wissenschaftskontakten in diese Länder. Sodann sollten wir in regelmäßigem Turnus unser Potential demonstrieren, etwa durch kleine Pressekonferenzen (Forum Ost-West Kooperation) mit einer Leistungsschau in den kooperierenden Berliner Einrichtungen - am besten, wenn gerade die Ostpartner zu Gast sind. Unsere Verwaltung und ggf. der Staatssekretär könnte dabei katalytisch wirken.
    • Eine eigene, Berlin bezogene Initiative zur Unterstützung von insbes. jungen Wissenschaftlern in den osteuropäischen Ländern, die von einem Berliner Wissenschaftler betreut werden.
    Leider hat meine Verwaltung auch hierfür keinerlei Haushaltsansätze und ich möchte nochmals an Sie, als private Stifter appellieren. Ich weise darauf hin, dass gerade solche Initiativen wirklich preiswert und ausserordentlich wirkungsvoll sind.
  • EDV Fähigkeit der Verwaltung, Internetpräsentation der Berliner Wissenschaft: Das oben beklagte Defizit beim Wissenschaftsmarketing geht einher mit einem erheblichen Defizit in der EDV-Fähigkeit der Senatsverwaltung und konsequenterweise dem Fehlen einer attraktiven Gesamtdarstellung der Berliner Wissenschaftslandschaft im Internet. (Der bislang betriebene Server BERLIN.DE schöpft die sich hier im Prinzip verfügbaren Möglichkeiten auch nicht ansatzweise aus). Verwaltungsintern will ich darauf hinwirken, daß der Schritt ins Informationszeitalter auch innerhalb der Behörde vollzogen wird: Internetanschluß mit e-Mail und WWW - Zugang in jedes Referat und die Entwicklung eines effizienten Intranets sollte ein vorrangiges Ziel sein, wenn man den "Berliner Weg in die Informationsgesellschaft" glaubhaft verdeutlichen will. Angesichts der Berliner Potentiale in den Forschungs- und Hochschuleinrichtungen ist es geradezu abenteuerlich auf welchem technischen Stand die Berliner Verwaltungen sind, die gleichzeitig (SenWiBe) jährlich zweistellige Millionienbeträge für die Förderung eben solcher Technologien ausgeben.
  • Adlershof und Buch als herausragenden Projekte, an welchen deutlich werden muß, wie Berlin den Aufbruch ins 21. Jahrhundert angeht, erfordern ein wirksames, einfallsreiches Kooperationsmanagement, ein effizientes Faciltiy-Managment und absolut professionelles Marketing. Für Adlershof muß dazu noch eine klar strukturierte und effiziente Organisation aus einer Hand geschaffen werden, welche die Kompetenz und Resourcen aller Akteure miteinander verbindet (WISTA MG, BAAG, Humboldt Universität, IGAFA, IZBM). Wir brauchen dazu auch eine Persönlichkeit, die authorisiert, fähig und angemessen ausgestattet ist, um das wichtigste Innovationsprojekt Berlins nach innen und außen überzeugend zu repräsentieren und erfolgreich zu vermarkten. Dabei darf man die Bedeutung der Akquisition nicht unterschätzen, aber auch nicht überschätzen. Es wird uns so bald nicht gelingen in großer Zahl die Forschungsabteilungen großer Unternehmen für den Standort zu gewinnen. Ein oder zwei schöne Beispiele wären schon Signalwirkung genug. Was wir vor allem brauchen ist die Netzwerkbildung vor Ort und die Stärkung der endogenen Kräfte: wir brauchen Gründerpotential, Aufbruchstimmung, Coaches für Jungunternehmer und mutige Wissenschaftler, Plattformen auf denen sich die am Standort angesiedelten Unternehmen mit den Forschungseinrichtungen und der Universität treffen, eine Ideenbörse und vor allem: zufriedene Firmen am Standort, die eine exzellent funktionierende Infrastruktur genießen, die Ansprechpartner für jedes wichtige Thema finden, wann immer sie diese suchen etc. etc.

    Ich bin in diesem Kontext ein wenig erstaunt, dass die sehr attraktiv erscheinende Berlin-Brandenburgische-Gründerinitiative BINGO keine der beiden Standorte Buch und Adlerhof auch nur in ihren Werbebroschüren erwähnt. Könnte dies ein Grund für die nicht ganz erfolgreiche Bewerbung beim Bundesweiten EXIST Wettbewerb gewesen sein?

    Eine vielleicht eher periphere, möglicherweise aber doch zusätzliche Attraktivität schaffende Initiative sollte Adlershof, ähnlich wie dies in Buch versucht wird, auch zu einem Ort der Begegnung von Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur machen. Eine Reihe interessanter Baudenkmäler bieten hierfür einen interessanten Ansatzpunkt. Das Thema Kunst am Bau ist bereits von SenBauWohn aufgriffen worden. Ich meine aber, daß die im Hause SenWissForschKult denkbaren Möglichkeiten des Zusammenwirken noch viel intensiver als in der Vergangenheit genutzt werden sollten. Dieser Aspekt muß auch in die Vorbereitungen von Expo2000 eingebracht werden, wobei Adlershof ja einer der 4 externen Standorte in Berlin sein wird. Hier besteht dringender Handlungsbedarf.
  • International Graduate School Adlershof: Unter Federführung der Humboldt Universität, mit Beteiligung zumindest der TU, nach Möglichkeit auch der FU sollte dies baldmöglichst angeschoben werden. Dabei sind die Außeruniversitären Potentiale intensiv zu nutzen, wie das der Wissenschaftsrat fordert. Berührungsängste müssen verschwinden, wir müssen zusätzliche gemeinsame Berufungen (auch auf C3 Ebene) machen, die nicht auf die Lehrkontingent der Hochschulen angerechnet werden. Die Labors der außeruniversitären Forschungsinstitute sollten dabei genutzt werden. Die Wirtschaft sollte sich mit Lehrangeboten, aber nach Möglichkeit auch finanziell daran beteiligen (ich appelliere hier also zum dritten mal an Sie als Stifter). Ein sehr überzeugendes Konzept bietet die Uni-Hamburg, wo der Stifterverband sich ja ebenfalls beteiligt. Adlershof hat noch viel interessantere Potentiale und ist eingebettet in die gesamte Berliner Forschungslandschaft mit ihrem viel größeren wissenschaftliches Potential. Wenn wir uns richtig beeilen, könnte das schon im WS 1999/2000 losgehen.

Meine Damen und Herren,

ich habe schon viel zu lange geredet, wir wollen ja noch ein wenig diskutieren. Und doch habe ich den Katalog an möglichen, wichtigen Handlungslinien für die Berliner Wissenschaftspolitik noch bei weitem nicht erschöpft. Mir war es wichtig, aufzuzeigen, wie groß die Potentiale der vielfältigen Berliner Wissenschaftslandschaft sind und wo man ggf. mit Engagement und Geduld neue Schätze heben, und einen überzeugenen Gesamtkontext schaffen kann, aus welchem heraus Wissenschaft und Forschung in dieser Stadt den ihrem Gewicht zukommenden Beitrag für das 21. Jahrhundert leisten wird. Ich persönlich möchte dies an einigen Stellen zumindest anschieben. Wenn Sie dies für ebenso dringlich halten wie ich, so möchte ich Sie sehr herzlich um Ihre ideelle und besser noch materialle Unterstützung bitten.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Prof. Dr. Ingolf Hertel, e-Mail: Hertel@mbi-berlin.de

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