Aktuell | Reden | Archiv : Staatssekretär
Staatssekretär Prof. Dr. Ingolf V. Hertel
Einführungsstatement zur Podiumsdiskussion Arbeitsplatzpotenziale im High-tech Bereich Siemensforum Berlin, 13. Juli 1999, 18.30 Uhr

Berlin ist von den großen politischen Umwälzungen in besonderer Weise begünstigt und gebeutelt, vom Strukturwandel aufgrund der Nachkriegsgeschichte besonders betroffen. 482.300 Arbeitslose = 16,1 % in Berlin-Brandenburg, sprechen eine deutliche Sprache und das sind 482.300 Einzelschicksale. Berlin besinnt sich auf seine Stärken, dazu gehört ohne Zweifel in erster Linie eine einzigartige Wissenschaftslandschaft, einzigartig was Umfang und Vielfalt betrifft und - in einer Reihe von Feldern auch in Hinblick auf wissenschaftliche Exzellenz. Dies ist der Nährboden für die strategische Innovationspolitik des Senats auf, für die Bildung von Kompetenzfeldern, für die Beschleunigung des Umsetzungsprozesses von Forschungsergebnissen in die Praxis, für produktionsnahe Dienstleistung aber auch für soziale Innovationen. Bei einem Bevölkerungsanteil von 4,2 % und einem Anteil an Bruttoinlandsprodukten von 4,3 % liegt der Anteil an F & E-Ausgaben in Berlin bei 6 % (Faktenbericht des BMBF) - sogar noch etwas mehr wenn man den gesamten öffentlich geförderten Sektor Wissenschaft und Forschung nimmt.

Für dieses Einführungsstatement zu unserem heutigen Gespräch will ich vier Handlungsfelder umreißen, die sich meiner Meinung nach als nachhaltig arbeitsplatzwirksam erweisen werden.

  1. Profilierung und konzentrierte Förderung unserer Forschungslandschaft
  2. Reformen und neue Ansätze zur Verbesserung unseres Ausbildungssystems
  3. Wissensmanagement
  4. Wissenschaftsmarketing

Ad 1 - Unsere Forschungslandschaft muss ein noch viel deutlicheres Profil erhalten.

Im Vordergrund der politischen Anstrengungen muss dabei stehen, dass wir im Vorfeld einiger künftiger Schlüsseltechnologien eine international anerkannte Spitzenposition einnehmen. So zum Beispiel im Bereich der Biotechnologie, Informationstechnik, Verkehrstechnik, Werkstoff-Forschung, Optische Technologien, also dort, wo schon jetzt unsere besonderen Stärken liegen. Sie basieren auf unseren drei Universitäten und 8 Fachhochschulen, auf unseren starken außeruniversitären Forschungsinstituten wie z.B. BESSY II und weiteren 12 Instituten in Adlershof, dem Max-Delbrück-Centrum in Buch, dem Hahn-Meitner-Institut und vielen anderen.

Nun werden häufig etwas sehr verkürzt "neue Jobs" als unmittelbare Folge der Investition in Wissenschaft und Forschung in Aussicht dargestellt. Ich persönlich glaube jedoch nicht an eine solche unmittelbare "Wertschöpfungskette" - und setze vielmehr auf Netzwerkbildung und vielfältige Interaktion der drei Bereiche Grundlagenforschung, Anwendungsforschung und industrielle Entwicklung. Auch muss man darauf hinweisen - wie es das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung getan hat, ohne diese technologiebasierte Innovationspolitik in irgend einer Weise in Frage zu stellen - dass technologische Innovationen zunächst einmal auch Arbeitsplätze vernichten können, aber - und das "Aber" ist wichtig -: Ohne diese Innovationen würden noch viel mehr Arbeitsplätze verloren gehen! Es geht also zunächst darum, international wettbewerbsfähig zu sein und alte Technologien durch neue zu ersetzen. Wer meint, daß er hier eine Wahl hat, der irrt ! Und in diesem Zusammenhang ist auf ein bemerkenswertes Defizit des deutschen Technologiemarktes hinzuweisen: Gerade in den sich besonders dynamisch entwickelnden Technologiebereichen, also der Informationstechnik und der Biotechnologie haben wir noch Aufholbedarf. Deshalb stehen diese Bereiche auch auf der Prioritätenliste des Senats an vorderster Stelle.

Wir haben in unseren Forschungsbericht 1998 einmal die Schwerpunkte und Stärken der Berliner Wissenschaft mit dem sogenannten Delphibericht 1998 "Studie zur globalen Entwicklung von Wissenschaft und Technik" des Fraunhofer-Instituts für Systemtechnik und Innovationsforschung im Auftrage des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, der internationale Entwicklungstrends abschätzt, verglichen. Dabei wurde deutlich, daß diese globalen Innovationsfelder in Berlin gut vertreten sind.

Wir liegen also voll "im Trend". Dennoch: Forschung in der deutschen Hauptstadt muss weit mehr als einfach nur gut im Trend liegen. Wir dürfen hier nicht einfach nur von Mitnahmeeffekten leben - wir müssen also unser eigenes, spezifisches Profil entwickeln und fördern - und wir müssen weit in die Zukunft blicken. Wirkliche Innovation entsteht nicht aus dem im Tagesgeschehen befangenen Blick auf die Produkte von morgen, sondern erfordet auch in Wissenschaft und Forschung eine hohe Risikobereitschaft. Und dies führt dann langfristig auch zu neuen Arbeitsplätzen.

Wir sind also gut beraten, unsere Investitionen in den Wissenschafts- und Technologiebereich fortzusetzen und zu verstärken und unsere Instrumente zu verbessern, insbesondere bessere Steuerungsinstrumente zu entwickeln, die über eine rein institutionelle Finanzierungen hinaus gehen. Berlin gibt derzeit ca. 3.5 Mrd. DM für Wissenschaft und Forschung aus - steuerbare, d. h. im Sinne einer konzertierten Wissenschaftspolitik einsetzbar sind aber weniger als nur 1 Mio. DM. Das ist für eine künftige Metropole des Wissens auf Dauer nicht akzeptabel und muss verändert werden. Die Voraussetzungen dafür werden mit dem vom Regierenden Bürgermeister von Berlin nachhaltig unterstützten und jetzt endlich beschlossen Zukunftsfonds deutlich verbessert. Ein international besetzter Beirat wird den strategischen Einsatz der Mittel unterstützen. Ich glaube aber, dass wir noch weit mehr tun müssen um wirklich nachhaltig zukunftsfähig zu werden. Wichtig ist auch, dass wir uns auf einige wenige, besonders zukunftsträchtige Felder Bereiche konzentrieren, dort aber durch internationale Verknüpfung und auch die anderenorts geltenden Standards erfüllen und wettbewerbsfähig auftreten, das gilt auch für den Mitteleinsatz: Klotzen statt Kleckern!

Ad 2 - zum Bereich Aus- und Weiterbildung im tertiären Sektor.

Der Senat von Berlin steht zu 85 000 Studienplätzen, die es auch in Zukunft auszufinanzieren gilt. Diese Zahl darf auch nicht einfach durch Billigangebote belegt werden: wir brauchen insbesondere auch gut ausgebildete Informatiker, Ingenieure und Naturwissenschaftler. Derzeit ist eine der Hauptbremsen für die Entstehung neuer Arbeitsplätze gerade ein Mangel an gut ausgebildetem Nachwuchs in diesen Sektoren, der sich unmittelbar auf die wichtigsten Wachstumsbranchen auswirkt. Wir würden uns dabei freilich ein bisschen mehr an mittelfristiger, kluger Voraussicht aus der Wirtschaft wünschen, denn es waren gerade deren negative Prognosen Anfang der 90iger Jahre, die viele junge Menschen davon abgehalten haben, diese schwierigen Fächer zu studieren.

Natürlich gehört zu einer zukunftsweisenden Ausbildungspolitik auch eine gehörige Portion an Reform in unseren Hochschulen. Die Lehre muss insgesamt wichtiger genommen werden, sie muss sich der neuen Medien bedienen, wir müssen dem Aspekt "Lernen wie man Lernt" eine viel größere Aufmerksamkeit widmen, unsere Hochschulen müssen Weiterbildung als eine ganz zentrale Zukunftsaufgabe begreifen und lebenslanges Lernen aktiv propagieren und ermöglichen. Wir müssen uns überlegen, wie wir zu neuen Finanzierungsformen der Hochschulen kommen, Ausbildung als solche muss ein Wirtschaftsfaktor werden. Dabei darf auch das Nachdenken über sozialverträgliche Studiengebühren nicht tabu sein. Damit verbunden sein muss mehr Wettbewerb der öffentlich finanzierten Hochschulen untereinander und in zunehmenden Masse auch mit privaten Angeboten - als stimulierendes Element, als Sauerteig im Bildungskuchen. Einhergehen muss damit wieder in verstärktem Masse eine gezielte Elitebildung und natürlich die Auswahl der Studierenden durch die Hochschulen selbst.

Ad 3 - Wissensmanagement

Für das Neue Berlin als Stadt des Wissens wird die Fähigkeit, Informationen zu selektieren, zu nutzen und Wissen zu systematisieren zu der Schlüsselqualifikation im weltweiten Wettbewerb. Hier sind unsere Universitäten, Hochschulen und Forschungsinstitute in besonderem Maße aufgerufen, herausragendes zu leisten! Aus Daten muss durch konzertie

Jeder an Berlin Interessierte, sei es ein Wissenschaftler aus Australien oder ein Investor aus Japan oder die Forschungsabteilung eines deutschen Unternehmens, muss sich schnell, zielsicher, klar und an seinen jeweiligen Bedürfnissen orientiert über die Leistungen und Angebote der Berliner Wissenschaft informieren können. Wir brauchen in Berlin also a) eine erstklassige Darstellung unserer Potentiale unter Nutzung aller verfügbaren modernen Medien und b) die Bereitschaft aller wichtigen Akteure, ihr Wissen und ihr Know-how weltweit zu kommunizieren, anzubieten und zu vermarkten.

Ad 4 - Wissenschaftsmarketing

Die heutige Veranstaltung im Siemensforum findet im Rahmen eines Gesamtprogramms mit dem vielversprechenden Namen "Berliner WissensWerte 1999" statt - eine Veranstaltungsreihe zu Wissenschaft, Forschung und Technologie in Berlin, die nicht zuletzt auch durch Initiative meiner Senatsverwaltung zustande gekommen ist und die an sich schon eine "Innovation" darstellt. Hier zeigen nicht nur die drei für dieses Weite Feld zuständigen Berliner Senatsverwaltungen, dass sie - allen gelegentlichen öffentlichen Ukenrufen zum Trotz - gemeinsam und wohl abgestimmt Beachtliches auf den Weg bringen können. Verschiedene Veranstalter haben in der Vergangenheit immer wieder versucht, in einzelnen Aktionen und Veranstaltungen einer breiten Bevölkerung Wissenschaft, Technik und Forschung nahe zu bringen. Eine echte Tradition des "Public Understandig of Science and Humanities" (PUSH), wie es gerade die Vorsitzenden und Präsidenten der großen deutschen Wissenschaftsorganisationen gefordert haben, gibt es in Deutschland ja freilich bislang kaum. Gerade auch vor dem Hintergrund knapper werdender öffentlicher Kassen wächst jedoch unter den verantwortlichen Akteuren das Bewusstsein, dass Wissenschaft und Forschung eine Rechenschaftspflicht gegenüber jenen haben, welche ihre Arbeit letztlich finanzieren. Die Öffentlichkeit will verstehen was und vor allem warum sie dieses Tun finanziert, finanzieren soll. Und dabei reicht es eben nicht aus, Wissenschaft und Forschung als ein Stück Kultur darzustellen - was sie zweifellos ja auch ist. Die Öffentlichkeit möchte im Idealfalle wenigstens ansatzweise verstehen, was Wissenschaft und Wissenschaftler treiben und was sie umtreibt, sie möchte erfahren, erleben und womöglich anfassen, möchte auf jeden Fall auch wissen, wozu das alles ggf. nützlich ist, nützlich sein kann. Dies zu vermitteln ist heute mehr als je zuvor eine wichtige Aufgabe jedes Wissenschaftlers und jeder Wissenschaftlerin.

Berlin, das Neue Berlin, verfolgt ja das ehrgeizige Ziel eine "Global City des Wissens" zu werden, also eine weltweit vernetzte und international wirksame Drehscheibe der anbrechenden Wissensgesellschaft. Dies kann nur gelingen, wenn das Bewusstsein hierfür auch in breiten Teilen der Bevölkerung verankert ist. Dabei müssen wir unserer ja doch sehr stark an raschem Konsum orientierten modernen Gesellschaft deutlich machen, dass wirtschaftliche Prosperität und Lebensqualität auch und vor allem eine Funktion wissenschaftlicher Kreativität ist.

Perspektive

Wo also stehen wir heute und wie kann Wissenschafts- und Technolgiepolitik daran mitwirken ganz konkret hier in Berlin neue Arbeitsplätze zu schaffen? In Berlin arbeiten etwa 50.000 Personen im Wissenschaftsbereich. Dabei sind die "mittelbaren Job-Effekte" noch nicht mitgerechnet:

  • Jeder Wissenschaftler ist ein potentieller Arbeitgeber, wenn er zum Beispiel Drittmittel einwirbt. Dazu weise ich nur auf die in Bericht "Forschung in Berlin" ausgewiesenen Drittmittel der Hochschulen in Höhe von rd. 350 Mio DM hin
  • Beschaffungen der Einrichtungen, Kaufkraft, Steueraufkommen
  • Veranstaltungen, Kongresse
  • Transfer und Serviceleistungen

Allein in Adlershof arbeiten wieder fast 5 000 Menschen, in Buch sind 30 innovative kleine Firmen entstanden mit jetzt 270 Mitarbeitern, ohne die Beschäftigten der Forschungsin-stitute. Diese Entwicklung muss konsequent fortgesetzt werden. Durch intensive Förde-rung von Gründerinitiativen durch die Wirtschaftsverwaltung und unsere Transferstellen im Hochschulbereich muß langsam die Lücke bei den Selbständigen geschlossen werden. Gemessen am OECD-Durchschnitt fehlen in Deutschland noch immer eine halbe Million Selbständige. Da jeder Gründer im Durchschnitt 4 - 5 neue Arbeitsplätze schafft, sind die Folgen für den Arbeitsmarkt beträchtlich. Dies ist für Berlin besonders wichtig, da wir kaum hoffen dürfen, dass sich hier in naher Zukunft Produktionsstätten großer Industrie-betriebe ansiedeln werden. Wir müssen auf die Wachstumsbranchen setzen und auf viele kleine Gründerfirmen.

Im Bereich der Biotechnologie rechnet man nach einer Studie der Prognos AG mit einer Umsatzsteigerung weltweit von 75 Mrd. DM im Jahre 1997 auf 185 Mrd. DM im Jahre
2000 und einer Zunahme von Arbeitsplätzen in der Bundesrepublik um 30 - 40.000, also etwa 40 %. In der Region Berlin-Brandenburg gibt es ohne die Schering AG ca. 100
biotechnologische Firmen, jährlich entstehen ca. 10 neue Unternehmen. Der Zuwachs in der Bundesrepublik Deutschland liegt über dem europäischen Durchschnitt.

Ich nenne diese Zahlen beispielhaft für ein Wachstumsfeld im Bereich der neuen Technologien. Entsprechende Entwicklungen gibt es im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie. Die Berliner Bankgesellschaft hält in Berlin bis zum Jahre 2005 etwa 27.000 neue Arbeitsplätze im Medienbereich für denkbar.
Schließlich müssen wir uns an den Märkten und Marktbedingungen orientieren und die Märkte sind nicht nur in Europa. Etwas mehr Internationalität und Weltläufigkeit kann uns nur gut tun. Die weltweite Netzwerkbildung der Wissenschaft, in welche die Berliner Forschung exzellent eingebunden ist, könnte dabei für die Wirtschaft Schrittmacher und Wegbereiter sein.

Durch intensive Förderung von Gründerinitiativen durch die Wirtschaftsverwaltung sowie im Hochschulbereich muss langsam die Lücke bei den Selbständigen geschlossen werden. Gemessen am OECD-Durchschnitt fehlen in Deutschland eine halbe Million Selbständige. Da jeder Gründer im Durchschnitt 4 - 5 neue Arbeitsplätze schafft, sind die Folgen für den Arbeitsmarkt beträchtlich.

Entscheidend dafür, dass der Impuls aus den neuen Technologien auch zu Unternehmensgründungen und Arbeitsplätzen führt, sind entsprechende Rahmenbedingungen, d. h. Rahmenbedingungen, die den kreativen unternehmerischen Kräften einen entsprechenden Rahmen für die Entfaltung ihrer Talente geben. Das heißt vor allem, dass wir unsere Überregulierung zurückfahren müssen, vom Ladenschluss bis zu den Berufskarrieren in der Wissenschaft, mit ihren zu langen Ausbildungszeiten und Zeiten der Unselbständigkeit und schließlich, wir müssen vordringlich in neue Strukturen, nicht in Strukturerhalt investieren.

Prof. Dr. Ingolf Hertel, e-Mail: Hertel@mbi-berlin.de

Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur
Presse - und Öffentlichkeitsarbeit (Wissenschaft, Forschung)
  Brunnenstraße 188 | 190
10119 Berlin
Tel: (030) 90 228 - 208 | 206 | 207
Fax: (030) 90 228 - 450 | 451
e-Mail Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Kerstin.Schneider@senwfk.verwalt-berlin.de