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Staatssekretär Prof. Dr. Ingolf V. Hertel : Grußwort
zum Symposium "Raumfahrt ´98- zum Nutzen der Menschheit", 17.November 1998, Berlin

Sehr geehrte Frau Tereschkowa,
Exzellenz,
meine Damen und Herren,

im Namen des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Eberhard Diepgen, und des Senats von Berlin heiße ich Sie sehr herzlich in der deutschen Hauptstadt willkommen. Wir freuen uns, daß Sie Berlin auch in diesem Jahr zum Veranstaltungsort Ihres Raumfahrt-Symposiums gewählt haben. Raumfahrt gehört zwar nicht zu den Forschungs- und Technologieschwerpunkten des Landes Berlin, genießt aber dennoch einen hohen Stellenwert: Ich verweise auf das hoch renommierte Institut für Luft- und Raumfahrt der Technischen Universität und auf die am Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Adlershof angesiedelten Institute des DLR, das Institut für Planetenerkundung und das Institut für Weltraumsensorik die anläßlich der Pathfindermission in diesem Jahr ja ein großes, auch öffentliches Interesse verzeichnen konnten. Dieses hohe öffentliche Interesse wird ja auch durch die in zweijährigem Rythmus hier abgehaltene Internationale Luft- und Raumfahrt-Ausstellung‚ ILA 98' dokumentiert, die auch 1998 wieder ein großer Erfolg war. Auch der im August 1998 durchgeführten Tag der Raumfahrt fand großes öffentliches Interesse.

Die deutsch-russische Kooperation im Bereich der Raumfahrt hat in Berlin eine sehr bedeutsame Vergangenheit, deren Kontinuität nicht zuletzt durch die beiden genannten Adlershofer Institute dokumentiert wird. Berlin versteht sich ja als eine Drehscheibe zwischen Ost und West, gerade auch im Bereich von Wissenschaft, Forschung und Technologie. Zahlreiche aktive Kooperationen zwischen Berliner Forschungseinrichtungen in und außerhalb der Hochschulen mit Institutionen in Osteuropa, und insbesondere in Russland belegen dies. Die erfolgreiche, tradierte Zusammenarbeit in der Raumfahrt ist ein Eckpfeiler dieser guten Beziehungen. Sie wird in Zukunft an Bedeutung noch weiter gewinnen.

Raumfahrt fasziniert auf eine besondere, ganz herausragende Weise. Letztlich ist es eine der großen Fragen der Menschheit, die hier angesprochen wird, die Frage nach unserem Woher und Wohin - es geht um unsere kosmische Vergangenheit und Zukunft, um die Erforschung immer neuer Welten, um immer tiefere Blicke ins Weltall, um die letzten ungeklärten Fragen der Kosmologie, bei welchen durch die Raumfahrt riesige Fortschritte gemacht werden konnten, ich erinnere nur an zwei besonders herausragende Projekte, an Rosat und an Hubble. Umgekehrt ist es aber gerade die der Blick aus großer Distanz auf unseren eigenen Planeten, der eine völlig neue Dimension unseres Wissens öffnet und eine riesigen Fülle von unmittelbar verfügbarer Daten und Bildern in vielfältigster Weise unser Wissen erweitert und die Basis für heute aus unserem Leben gar nicht mehr wegzudenkende Technolgien liefert, ich nenne die Telekommunikation in allen Schattierungen, die Metereologie, die globalen Navigationssystem als einige wenige Beispiele.

Raumfahrt ist aber auch zunehmend ein Wirtschaftsfaktor. In den USA entspricht ihr ein Umsatz von ca. 60 Mrd. DM. 123.000 Menschen sind in der Raumfahrtindustrie der USA beschäftigt. Neben den USA ist ohne Zweifel Rußland die wichtigste Raumfahrtnation. Es folgen mit Abstand China, Indien und Japan. In Europa steht in diesem Vergleich Frankreich vor Deutschland, Großbritannien und Italien.

In Deutschland sind ca. 5.200 Personen durch Raumfahrtaktivitäten beschäftigt. 1995 belief sich der Umsatz der Branche auf immerhin auf ca. 2,4 Mrd. DM, was aber doch weniger als 1%o unseres Bruttoinlandsprodukts ausmacht. Die Bedeutung der Raumfahrt liegt national gesehen daher weniger in dem von ihr generierten Umsatz oder den geschaffenen Arbeitsplätzen als vielmehr in der Erschließung des marktwirtschaftlichen Potentials raumfahrtgestützter Dienstleistungen und in ihrer Bedeutung für die Raumfahrtpolitik. Ziele der Raumfahrtpolitik sind es, einerseits den Anschluß an den Hochtechnologiebereich nicht zu verlieren und die deutschen Raumfahrtaktivitäten in die europäischen Weltraumaktivitäten so zu integrieren (European Space Agency, ESA), daß damit auch die Beteiligung an größeren - sonst nicht finanzierbaren - Raumfahrtvorhaben möglich wird.

Raumfahrttechnik gehört zu den Spitzentechnologien. Sie erfordert hohe Aufwendungen für Forschung und Entwicklung, die fast ausschließlich aus Zuwendungen der öffentlichen Hand finanziert werden. Diese Aufwendungen werden erbracht, weil Raumfahrt ein vielfältiges öffentliches Interesse genießt und weil ihre immer komplexeren Entwicklungs- und Anwendungsperspektiven erkannt werden.

Die Raumfahrt ist Schrittmacher für technologische Innovationen, die auch auf der Erde zum Einsatz kommen: Von der Industrierobotik bis zur Medizintechnik, von High-Tech-Materialien zu Kommunikationstechnologien.

Sie werden im Rahmen der Konferenz zwei wichtige Anwendungsbereiche aus dem Raumfahrtbereich thematisieren: Die Bereiche Medizin und Ökologie.

Der Weltraum bietet einzigartige Möglichkeiten für die Forschung, wie sie auf der Erde auch nicht simuliert werden können. Die Medizin beobachtet Veränderungen, die sich im menschlichen Organismus vollziehen und die Hinweise für Diagnose und Therapien zulassen für Erkrankungen auf der Erde. Ein sehr wichtiges Aktionsfeld der Raumfahrt zum Nutzen der Menschheit ist die Entwicklung von Schlüsseltechnologien für eine moderne Umwelt-, Klima-, Atmosphären- und Meeresforschung. Einen Teil der Antworten auf unsere akuten globalen Umweltprobleme (Ozonloch, Treibhauseffekt, Entwaldung, Erosionen) gibt uns die Raumfahrt, da nur Satelliten den globalen Überblick und die kontinuierlichen Datensätze gewährleisten, die wir brauchen, um das Ökosystem der Erde besser zu verstehen.

Raumfahrt wird auch in unserer neuen Regierung einen unverändert hohen Stellenwert haben, da sie durch ihre zukunftsfähigen Technologien zur nachhaltigen Verbesserung der Lebensgrundlagen der Menschen beitragen kann.

Wir sehen mit großen Erwartungen den Vorbereitungen und ersten Aktionen zum Bau der Internationalen Raumstation ALPHA entgegen. Die erste Phase der Vorbereitungen läuft bereits in Zusammenarbeit mit anderen Staaten der EU, USA, Rußland, Kanada und Japan. Deutschland wird ca. 2,5 Mrd. DM bis zum Jahr 2004 investieren. Auch hier werden Rußland und Deutschland wieder zusammenarbeiten. Die Internationale Raumstation ALPHA gehört zu den hervorragendsten wissenschaftlichen Projekten an der Schwelle zum 3. Jahrtausend. Wissenschaftler und Ingenieure aus 14 Nationen sind an Planung, Bau und Betrieb der einmaligen Forschungsplattform beteiligt, einer Forschungsaußenstelle im Weltall. Das druckgeregelte Labormodul, das ständig an den Kern der Raumstation angedockt werden soll, ist u.a. ein europäischer Beitrag. Europa benötigt für die Raumstation ein gut ausgebildetes, starkes ESA-Astronauten-Team. Mit Blick auf die Etablierung der Internationalen Raumstation haben 1998 die ESA-Mitgliedstaaten beschlossen, das europäische Astronauten-Team in Köln-Porz zu stationieren, um sie auf ihre zukünftigen Aufgaben optimal vorzubereiten. Wir sind natürlich stolz darauf, daß wir also auch in Deutschland ein gutes Astronauten-Ausbildungs- und Trainingszentrum haben. Um allerdings die Erfahrungen Europas auf dem Gebiet der bemannten Raumfahrt zu erweitern und die Nutzung der künftigen Raumstation ALPHA gesichert vorzubereiten, ist die Kooperation mit russischen Kosmonauten unerläßlich.

Russland und Deutschland haben im Bereich Raumfahrt viel Berührungspunkte. Ich möchte nur kurz auf das in Federführung des Auswärtigen Amtes in Vorbereitung befindliche deutsch-russische Regierungsabkommen zur kooperativen Erforschung und zur friedlichen Nutzung des Weltraumes hinweisen. Das Regierungsabkommen wird unterlegt mit 74 Kooperationsvorschlägen zu den Bereichen Wissenschaft und Wirtschaft.

Auch Nachwuchsförderung ist für uns ein weiterer ganz wichtiger Aspekt, um die zunehmende Nachfrage nach qualifizierten jungen Ingenieuren im Bereich der Raumfahrttechnik künftig bedienen zu können.

Mit ihrer technologischen Schrittmacherfunktion kommt der Raumfahrt eine zunehmend größere Bedeutung zu, die sich in vielen Bereiche zum Teil wie eine Initialzündung auswirkt. Im Zusammenwirken von Politik, Industrie, Forschung und Raumfahrtmanagement könnten damit für ökonomische, ökologische und technologische Anforderungen Lösungen für das 21. Jahrhundert gefunden werden.

Ich finde Ihre Arbeit außerordentlich spannend und wünsche Ihnen einen erfolgreichen Verlauf Ihres Symposiums und einen guten Aufenthalt in Berlin.

Prof. Dr. Ingolf Hertel, e-Mail: Hertel@mbi-berlin.de

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