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Staatssekretär Prof. Dr. Ingolf V. Hertel: Between Dinner Speach
anlässlich der "Queens Lecture" von Anthony Giddens an der Technischen Universität Berlin am 4. November 1999

Der Text wurde auf englisch vorgetragen (frei übersetzt)

Exzellenz, sehr geehrter Sir Paul Lever,
sehr geehrter Kollege Giddens,
meine Damen und Herren,

alle wichtigen Dinge sind heute Nachmittag bereits gesagt worden. Erlauben Sie mir aber, Sie heute auch im Namen des Senators für Wissenschaft, Forschung und Kultur in Berlin sehr herzlich zu begrüßen.

Ihr heutiges Thema, Anthony Giddens, hat uns sehr eindringlich vor Augen geführt, wie lehrreich aus deutscher Sicht der Blick auf das Vereinigte Königreich sein kann. Nicht nur deutsche Parteien schauen interessiert nach Großbritannien und bewundern - hoffnungsvoll - die große Entscheidungsfreude in einem Land, das sich geradezu zum Musterbeispiel für den Aufbruch ins 21. Jahrhundert entwickelt hat. Als ich vor dreißig Jahren meine experimentelle Doktorarbeit in Southampton machte, galt Großbritannien ja noch als "the sick man of Europe". Heute scheint es fast so, als hätte Deutschland diese Rolle übernommen.

Wir können also in der Tat einiges von Großbritannien lernen. Dies gilt ganz besonders auch für die Wissenschaftspolitik in Bund und Ländern, wo Großbritannien gegenwärtig als eine stets zu beachtende Bezugsgröße bei allen Reformbemühungen gilt, die wir derzeit in Deutschland unternehmen. Nicht unbedingt im Sinne eines Modells, das es zu kopieren gelte, Sie haben genau davor ja gewarnt, lieber Herr Giddens. Wohl aber kann man sich inspirieren lassen von dem, was in Ihrem Lande geschieht - und gelegentlich wohl auch einmal lernen, wie man es nicht machen sollte.
Vor zwei Tagen hatten wir im kleineren Kreis Gelegenheit vom Chief Scientist der Britischen Regierung, Sir Robert May, zu hören, dass der Prozess der Erneuerung des Britischen Hochschul- und Forschungssystems immer wieder neu angestoßen wird. Dabei ist die Problemlage an vielen Stellen in Großbritannien und Deutschland durchaus vergleichbar. So zeigt etwa der 1997 veröffentlichten Bericht der sog. Dearing-Kommission über "Higher Education in the learning society", dass die Hochschulen in Großbritannien wie die in Deutschland unter einer besorgniserregenden Unterfinanzierung leiden, die sich von Jahr zu Jahr verschärft. Die Regierung Großbritanniens hat daraus die Konsequenz gezogen, dass Bildung höchste Priorität haben muss. Auch in Deutschland wächst im öffentlichen Bewusstsein Zug um Zug die Erkenntnis, dass Wissenschaft und Forschung, Bildung und Ausbildung unsere wertvollsten Ressourcen sind.

Dass wir von Großbritannien lernen können, wenn es um den effektiven und effizienten Einsatz dieser Ressourcen und Potenziale geht, zeigen schon die wichtigsten Stichworte, welche derzeit die deutsche Reformdebatte bestimmen. Sie sind allesamt in Großbritannien mit interessanten Modellen belegt: Public Understanding of Science - dem unsere großen Wissenschaftsorganisationen ein sehr berechtigtes "and humanities" hinzugefügt haben. Bachelor und Mastergrade, mit denen wir die Internationalisierung des Hochschulstudiums angehen, New Public Management - was in Berlin gelegentlich als völlige Befreiung von allen staatlichen Einflüssen missverstanden wird, Hochschulen als Unternehmen am Bildungsmarkt, teaching assessment sowie leistungs- und belastungsgerechte Hochschulfinanzierung, Auswahl der Studierenden durch die Hochschulen und last but not least das Thema Studiengebühren. Sie, lieber Kollege Giddens, haben dieses Thema ja heute in Ihrem Vortrag ganz deutlich angesprochen und darauf hingewiesen, dass wir aus vielerlei Gründen darauf nicht verzichten können.

Es ist ja schon bemerkenswert, dass in Großbritannien eine Labor-Regierung flächendeckend Studiengebühren auch für den ersten berufsqualifizierenden Studienabschluss einführt und somit ein Markt- und Anreizsystem im Bereich Lehre schafft und zugleich die im Sinne liberaler Ordnungsprinzipien wünschenswerte Annäherung von Kostenträgern und Nutznießern staatlich vorgehaltener Dienstleistungen anstößt. Mit großem Interesse haben wir die Werbekampagne englischer Hochschulen um deutsche Studenten verfolgt, die dort als zahlende Kunden gesucht werden - und mit Staunen haben wir vernommen, dass ein Bachelor Studium etwa 1000 Pfund pro Jahr, die Masterausbildung 2600 kostet. Mit Staunen, denn in Deutschland kämpft derzeit noch eine sozialdemokratische geführte Bundesregierung für eine generelles Verbot von Studiengebühren.

Für jemanden, der wie ich, eher einer konservativen Partei nahe steht, Es ist also eine sehr spannende Sache zu verfolgen, ob und wie denn auch in Deutschland der "Dritte Weg" aufgegriffen wird, wie also - mit den Worten von Anthony Giddens - "social democracy revised and modernised" werden kann.

Meine Damen und Herren,
Großbritannien und Berlin - ein Thema, das zu vielen fruchtbaren Vergleichen anregt. Die Queens Lecture knüpft ein weiteres enges Band zwischen unseren Ländern. Lassen Sie uns dies an dieser festlichen Tafel bekräftigen. Ihnen, lieber Herr Giddens nochmals herzlich für Ihren anregenden Vortrag danken. Ihnen Exzellenz und Ihnen Lady Lever gilt unser besonderer Dank für die Gastfreundschaft in Ihrem Hause.

Prof. Dr. Ingolf Hertel, e-Mail: Hertel@mbi-berlin.de

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