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Staatssekretär Prof. Dr. Ingolf V. Hertel: Grußwort
Eröffnung des Sonderforschungsbereiches "Kulturen des Performativen" am 5. Mai 1999 in der Freien Universität Berlin

Sehr geehrte Frau Fischer-Lichte,
dear Stephen Greenblatt,
liebe Kollegen, meine Damen und Herren,

in seiner Rede auf dem "IT-Forum des Bundespräsidenten: Fit fürs Informationszeitalter" hat Hubert Markl Anfang dieser Woche daran erinnert, dass - ich zitiere - "Politiker oder Verbandslobbyisten gelegentlich bei ihren Ansprachen bedenken sollten: Das sicher Vorhersagbare kann gerade so gut ungesagt bleiben".

Dennoch, meine Damen und Herren, Sie werden es mir - vielleicht als eine Art Unkultur des Performativen - verzeihen, wenn ich nun das von Ihnen ohne Zweifel Erwartete an den Anfang meines Grußwortes stelle: ich bin Ihrer Einladung zu dieser festlichen Eröffnungsveranstaltung schon deshalb gerne gefolgt, weil Berlin mit dem neuen Sonderforschungsbereich 447 "Kulturen des Performativen" seit Beginn dieses Jahres seinen ersten geisteswissenschaftlichen Sonderforschungsbereich hat. Möglichst viele weitere mögen ihm folgen!

Die FU/Nachrichten 3-4/99 resümieren, dass in der Entwicklungsgeschichte der Freien Universität ein geisteswissenschaftlicher Sonderforschungsbereich längst überfällig sei, da die FU in den Geistes- und Sozialwissenschaften ja immer noch zu den größten in Deutschland gehöre. - Wie wahr! Und wie lang hat gerade die Berliner Wissenschaftspolitik auf dieses Ereignis gewartet. Ich möchte Ihnen, Frau Fischer-Lichte und all den am SFB 447 beteiligten Wissenschaftlern und Mitarbeitern zu diesem Erfolg gratulieren.

Um fair zu sein: Die DFG versucht seit geraumer Zeit die Geistes-, Kultur und Sozialwissenschaften dazu zu bewegen, verstärkt von diesem großartigen Förderinstrument Sonderforschungsbereich (SFB) Gebrauch zu machen (mir ist diese Thematik noch aus meiner Zeit als Berichterstatter der DFG für die Sonderforschungsbereiche vor etwa 10 Jahren gut in Erinnerung). Aber von den insgesamt 266 Sonderforschungsbereichen, welche die Deutsche Forschungsgemeinschaft derzeit fördert, gehören gerade mal 21 zu den Geistes- und Kulturwissenschaften im engeren Sinne - darunter seit Januar 1999 der Ihre. Noch einmal 9 stammen aus den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (darunter ist ebenfalls einer in Berlin, an der HU nämlich, angesiedelt). Für Berlin also gar keine so schlechte Bilanz.

SFBe sind typischerweise für 12 bis 15 Jahre angelegt und erhalten Ihre Förderung für jeweils drei Jahre auf der Basis einer sehr stringenten Begutachtung. Dies bedeutet gerade in Zeiten knapper Grundfinanzierung im Hochschulbereich ein besonders zu schätzendes, hohes Maß an Planungssicherheit und finanzieller Flexibilität für kohärent angelegte, kooperative wissenschaftliche Arbeit. Ein SFB stellt zugleich so etwas wie ein Qualitätssiegel für herausragende, exzellente Forschung dar, das auch für die jeweiligen institutionellen Finanziers wichtig ist, also hier für das Land Berlin bzw. im direkten Zugriff für die beteiligten Universitäten: als hervorragendes Indiz dafür, dass an dieser Stelle die knappen Ressourcen für die Forschung optimal angelegt sind.

Als die Gutachter der Deutschen Forschungsgemeinschaft der Förderung dieses Sonderforschungsbereichs zustimmten, betonten sie, dass hier eine sowohl interessante und spannende als auch aktuelle und zukunftsträchtige Fragestellung aufgegriffen worden sei. Denn es gehe um nicht weniger als um einen grundlegenden Wandel des Kulturbegriffes und eine Neudeutung der europäischen Kulturgeschichte vom Mittelalter über die frühe Neuzeit bis in die Gegenwart. Dass Sie gleichzeitig durch die enge Verknüpfung mit zwei Graduiertenkollegs - "Körper-Inszenierungen" an der FU und "Codierung von Gewalt im medialen Wandel" an der HU aktuelle Forschung mit modernen Formen in der Lehre zu verknüpfen wissen, finde ich besonders bemerkenswert.

Aus forschungspolitischer Perspektive stellt der neue SFB die gelungene Verbindung interdisziplinärer und interuniversitärer Forschungsarbeiten von drei Hochschulen der Region Berlin-Brandenburg dar - es beteiligen sich neben Wissenschaftlern der Sprecheruniversität FU auch Wissenschaftler der HU und der Universität Potsdam. Ein insgesamt bemerkenswertes Potential im Bereich des Performativen, wie es derart gebündelt sonst nirgendwo - man hat mir aufgeschrieben: auch nicht im englischsprachigen Raum - vorliegt. 50 Wissenschaftler gehören zum diesem neuen Sonderforschungsbereich, zwanzig Stellen finanziert die DFG. Insgesamt vierzehn Fachdisziplinen sind an den Arbeiten beteiligt. Ihr besonderes Verdienst, Frau Professor Fischer-Lichte, ist es, das ehemalige Orchideenfach Theaterwissenschaft gewissermaßen als eine Art Leitwissenschaft für die Kooperation dieser Disziplinen nutzbar gemacht zu haben.

Eines Ihrer besonderen Verdienste, sollte ich betonen. Sie sind, ich darf dies zum heutigen Anlass wohl einmal sagen, ein besonderer Glücksfall für die FU und für Berlin. Als ich Ihren Namen kürzlich im gelegentlichen Gespräch über die Kooperationsfähigkeit von Geisteswissenschaftlern einem meiner Amtskollegen gegenüber erwähnte, ich erinnere mich nicht mehr genau - kam er aus Mainz oder Stuttgart oder wo auch immer her - da erntete ich ein andächtiges Nicken: ja mit Berlin könne man eben doch nicht mehr so ohne weiteres konkurrieren im Berufungsgeschäft. Das zu hören, hat mich natürlich gefreut.

Verstehen Sie daher bitte diesen neuen SFB auch als einen Kristallisationskeim für den gerade im so umfangreichen geisteswissenschaftlichen Bereich dringend notwendigen Strukturierungs- und Profilierungsprozess der Berliner Wissenschaftslandschaft - als nachahmenswertes Beispiel für Netzwerkbildung, Kooperation und Bündelung von Ressourcen. Forschung und Lehre konstituieren das wichtigste Innovationspotential für diese Stadt, für dieses Neue Berlin, welches ja eine Metropole des Wissens, ein Global Player im Wissenswettbewerb des anbrechenden Informationszeitalters werden möchte. Sie sollen wissen, dass der Berliner Senat zu diesem Wissenspotenzial keineswegs nur die Natur- und Technikwissenschaften zählt, wie man es angesichts der weiter andauernden forschungspolitischen "Standort"-Diskussion in unserem Lande gelegentlich meinen könnte. Nein, die Geistes-, Kultur-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften gehören ganz unverzichtbar zu diesem Innovationspotenzial, gerade auch in Hinblick auf Hauptstadtfunktion Berlins.

Wir brauchen freilich auf diesen Feldern - wie in allen Bereichen der öffentlich finanzierten Wissenschaft - nur wirklich exzellente Forschung. Und wir brauchen eine deutliche Wahrnehmbarkeit dieser Forschung im nationalen und internationalen gesellschaftlichen Dialog. Genauer gesagt: auch in Zeiten knapper Kassen ist genug Geld für hervorragende wissenschaftliche Arbeit vorhanden, wenn wir es lernen, auf lediglich Mittelmäßiges zu verzichten. Derzeit bewertet, wie Sie wissen, der Wissenschaftsrat auf Bitte des Berliner Senats die Strukturpläne der Berliner Hochschulen. Wir erwarten davon wichtige Hinweise auf die Stimmigkeit bzw. auf den noch vorhandenen Abstimmungsbedarf in der Gesamtplanung der Hochschul- und Forschungslandschaft Berlins, auf Kohärenzen und Divergenzen, auf sinnhafte Komplementarität bzw. auf ggf. überflüssige Duplikate sowie auffällige Defizite. Vielleicht erhalten wir auch erste Hinweise auf besondere Stärken und Schwächen in Forschung und Lehre.

Wir brauchen aber darüber hinaus dringend auch eine umfassende, wissenschaftlich inhaltliche Evaluierung der Qualitiät von Forschung und Lehre - insbesondere im geisteswissenschaftlichen Bereich, wo - im Gegensatz etwa zu den Naturwissenschaften - bislang praktisch keine belastbaren, umfassenden Erkenntnisse hierzu vorliegen. Sie, liebe Kollegen, die Sie an diesem Sonderforschungsbereich mitarbeiten, brauchen sich vor einer solchen Evaluierung nicht zu fürchten, Sie haben ja bereits eine Vorreiterrolle übernommen. Ich möchte Sie ausdrücklich ermutigen, auch weiterhin Schrittmacher auf diesem Wege zu sein.

Ebenfalls ermuntern möchte ich Sie, in Zukunft verstärkt auch junge Nachwuchswissenschaftler als Teilprojektleiter in die Mitverantwortung für die Entwicklung Ihres Sonderforschungsbereichs einzubinden. Fassen Sie dies bitte nicht als unbillige Kritik eines Aussenstehenden auf, sondern als wohlmeinende Ermunterung eines Kollegen, der eine gewisse Erfahrung mit dem Innenleben von Sonderforschungsbereichen und mit der wohltuenden Durchlüftung tradierter Hochschulstrukturen durch quirlige Jungforscher hat. Dies hat, Sie wissen es, auch Wissenschaftsrat anläßlich der Einrichtung des Sonderforschungsbereiches nachdrücklich empfohlen.

Sie werden es mir, verehrte Frau Fischer-Lichte, liebe Kollegen, nachsehen, wenn ich hier auf eine auch nur ansatzweise inhaltliche Würdigung Ihres Sonderforschungsbereichs verzichte. Ich habe - schlichter Naturwissenschaftler der ich bin - versucht, aus den mir vorliegenden schriftlichen Materialien, aus dem Internet und auch aus den vorgefertigten Texten kluger Mitarbeiter, schnell mal zu verstehen, was es denn sei, das Sie da genau vorhaben. Leider ohne Erfolg muss ich gestehen, und auf die Rezitation von Texten Dritter wollte ich dann doch lieber nicht zurückgreifen. Aufgefallen sind mir aber - sozusagen von Amts wegen - Themen wie
- die Veränderung unseres Gedächtnisses durch die Arbeit am Computer oder
- die Inszenierung von Museen als zentrale Institutionen der Wissensvermittlung.

Womit ich fast zu meinem Ausgangspunkt zurück gekommen wäre: Die Welt der Informationstechnik, die globale Welt des Wissens. Ich bin also heute abend hierher gekommen auch in der Hoffnung etwas neues zu lernen und zu erfahren. Ich möchte mir wünschen, am Ende dieses Abends etwas besser zu verstehen, was es mit den Kulturen des Perfomativen denn auf sich hat.

Und dem neuen Sonderforschungsbereich 447 wünsche ich einen glücklichen Beginn, eine fruchtbare Arbeits- und Kooperationskultur, exzellente Performance und schließlich reiche Ernte. - Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Prof. Dr. Ingolf Hertel, e-Mail: Hertel@mbi-berlin.de

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