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Staatssekretär Prof. Dr. Ingolf V. Hertel
Rede zum Jahresempfang für die neuberufenen Professoren in Berlin am 20. Oktober 1999

Liebe Kollegen und Kolleginnen,
sehr geehrte Präsidenten, Rektorinnen und Rektoren,
meine Damen und Herren,

im Namen des Senats von Berlin begrüße ich Sie herzlich zu unserem heutigen Empfang. Mein besonderer Gruß gilt all denen unter Ihnen, die seit Oktober letzten Jahres einem Ruf an eine Berliner Hochschule gefolgt sind - weshalb ich Sie auch in Umkehrung der sonst üblichen Reihenfolge zuerst angesprochen habe.

Senator Radunski bedauert es sehr, hier heute nicht persönlich anwesend sein zu können. So müssen Sie also mit mir als dem für Wissenschaft und Forschung zuständigen Staatsekretär vorlieb nehmen. Einer guten Tradition folgend wollen wir Ihnen mit dem heutigen Abend die Gelegenheit geben, Kontakte zu anderen Neuberufenen Ihrer und anderer Hochschulen, aber auch zu Mitarbeitern meiner Verwaltung aufzunehmen oder auszubauen. Ich kann Sie nur ermutigen, das breite Spektrum an Gesprächspartnern zu nutzen.

Ihr zahlreiches Erscheinen heute Abend dokumentiert recht anschaulich, dass Berlin auch in finanziell schwierigen Zeiten Wert auf die Regenerationsfähigkeit seiner Hochschulen legt. Konnten 1997/98 77 Berufungen mit Erfolg abgeschlossen werden, so sind es im gleichen Zeitraum ein Jahr später, 92, jeweils zur Hälfte an Universitäten und Kunsthochschulen einerseits und an Fachhochschulen und Berufsakademie andererseits. Nehmen Sie dies auch als Ausdruck der politischen Zielsetzung des Senats von Berlin, die Fachhochschulen und die Berufsakademie zu stärken.

Der Erfolg zeigt sich aber nicht nur darin, dass 92 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für Berlin gewonnen werden konnten, der eigentliche Erfolg liegt darin, dass es gelungen ist, den Hochschulstandort Berlin weiter zu stärken. Für Ihre Bereitschaft, hier in Berlin wissenschaftlich und künstlerisch in den Hochschulen zu wirken, möchte ich Ihnen meinen Dank aussprechen. Sie werden es gewiss nicht bereuen, denn - lassen Sie es mich einmal etwas salopp sagen: man kommt wieder nach Berlin!

Nicht die Bundesregierung, es kommen die Botschaften und die Staatsbesuche, die großen Verbände, die Prominenz aus Film, Funk und Fernsehen - der "Bericht aus Bonn" ist zum "Bericht aus Berlin" mutiert, es kommen die Kunstschaffenden, es kommen ganz normale, neugierige Besucher aus aller Welt. Ein wahres Berlin Fiber scheint mancherorts ausgebrochen. Man hat mir berichtet, eigene Erfahrungen bestätigen das und vielleicht haben Sie es auch gelegentlich schon selbst erlebt:

Sie sind bei einem Kongress in Washington DC oder in Tel Aviv, plaudern mit einem Kollegen von dort und erzählen ihm, sie kämen aus Berlin. Da leuchtet auf einmal Interesse auf im Gesicht Ihres Gegenübers, ja Berlin, das sei ein großartige Stadt, und die Forschungslandschaft so vielfältig und interessant, und wann man denn mal vorbeikommen könne? Oder jener Kollege Staatsekretär aus, sagen wir einem durchaus wohl betuchten südlichen deutschen Bundesland, der mich am Rande eines Gesprächs in Bonn oder Düsseldorf vertrauensvoll zur Seite nimmt und mich mit vorwurfsvollem Blick befragt, was wir in Berlin denn nun wieder getan hätten, um diesen exzellenten Wissenschaftler/in, den man doch eigentlich so gerne in dieses südliche Land berufen hätte, statt dessen nach Berlin zu holen? Mein Hinweis, dass die Berliner Finanzlage nur eher moderate Zulagen und bescheidene Ausstattung erlaubten, wohl aber das wissenschaftliche Umfeld in Berlin und gewiss auch unser Neues Berlin (wie wir es gerne nennen), insgesamt so attraktiv seien, dass exzellente Leute auch ohne übertriebene Ausstattung gerne einen Ruf nach Berlin annähmen, erregt - je nach individueller Betroffenheit - entweder ungläubiges Kopfschütteln oder einen nachdenklichen Seitenblick. Ja, man kann wohl sagen, die Elite aus Wissenschaft, Forschung und Kultur zieht es wieder nach Berlin.

Nur die arbeitsplatzschaffende Wirtschaft lässt (derzeit noch) auf sich warten und man muss wohl davon ausgehen, dass auch die Zentralen der großen Konzerne sich nur in Ausnahmefällen nach Berlin werden locken lassen. Und ich brauche Ihnen nicht zu sagen, was dies dann wiederum für die Steuerkraft des Landes bedeutet, ohne die wir keine wohl ausgestattete Wissenschaft erwarten dürfen. Wir müssen also auf die endogenen Kräfte dieser Stadt setzen, die sich nur aus dem wichtigsten Zukunftskapital dieser Stadt rekrutieren können, aus Wissenschaft, Forschung und Bildung - diese Gleichung haben in der einen oder anderen Form praktisch alle Parteien dieser Stadt aufgemacht. Wir müssen also auf die jungen High-tech Gründer-Unternehmen in den wichtigen Technologiefeldern, in der Biotechnologie, in der Medizintechnik, Materialwissenschaft setzen, auf die innovativen Dienstleister, auf modernste Verkehrstechnik und intelligente Logistik, auf attraktive Kulturangebote. - You name it. Vor allem aber müssen wir dabei bauen auf eine exzellente Vermarktung all des Wissens, das in unseren Hochschulen und Forschungseinrichtungen, also von Ihnen meine Damen und Herren erarbeitet wird. Berlin will ja eine Global City des Wissens werden. Dazu gehört nicht nur eine stets aktuelle, gut gegliederte und leicht zugängliche Datenbank, die im Internet unseres Wissens, das heißt letztlich Ihrer Forschungs- und Arbeitsergebnisse sondern auch exzellente Lehre.

Ich hatte einleitend auf die Tradition dieses Neuberufenenempfangs hingewiesen; nicht unkommentiert lassen möchte ich das heutige Datum: Am 20. Oktober 1946 fanden in Berlin die ersten freien Wahlen nach der nationalsozialistischen Diktatur zur Stadtverordnetenversammlung und zu den Bezirksverordnetensammlungen statt (zugleich mit den Landtagswahlen in den fünf Ländern der damaligen sowjetisch besetzten Zone; das damalige Ergebnis in Berlin: SPD - 48,7 %. CDU - 22,1 %, SED - 19,8 %, LDPD - 9,4 %; die Wahlbeteiligung betrug 92,3 Prozent;ich überlasse den Vergleich mit der Wahl zum Abgeordnetenhaus am 10. Oktober 1999 Ihnen, ebenso wie die entsprechende Kommentierung).

Erst nach dem Fall der Mauer vor ziemlich genau 10 Jahren konnten wieder freie Wahlen in ganz Berlin stattfinden, und das traditionelle Berliner Rathaus, das Gebäude, in dem wir uns hier versammelt haben, konnte wieder die Gesamtberliner Landesregierung aufnehmen, genauer gesagt: es ist heute der Amtssitz des Regierenden Bürgermeisters und das Dienstgebäude der Senatskanzlei.

Trotz der äußerst schwierigen Haushaltslage des Landes Berlin konnte die Zukunftsfähigkeit der Berliner Hochschulen weiter gesichert werden. Die mit den Hochschulen abgeschlossenen Hochschulverträge im Jahr 1997 und die Verlängerungen im Jahr 1999 bieten den Hochschulen Planungssicherheit bis zum Jahr 2001; dies ist die Voraussetzung dafür, dass die Hochschulen die vereinbarte Studienplatzzahl auch vorhalten können und über diesen quantitativen Aspekt hinaus Reformen durchführen, um ihre Leistungsfähigkeit in Lehre und Forschung sowie die Wirtschaftlichkeit zu steigern.

In den Verträgen von 1997 war u.a. vereinbart worden, dass die Hochschulen Strukturpläne erarbeiten und beschließen sollten. Dies ist geschehen, und die Pläne liegen jetzt dem Wissenschaftsrat zur Begutachtung vor, der sich dieser Aufgabe dankenswerterweise angenommen hat. Wir gehen davon aus, dass der Wissenschaftsrat seine Stellungnahme spätestens Anfang des nächsten Jahres vorlegen wird. Diese Empfehlungen werden eine wesentliche Grundlage der Berliner Wissenschaftspolitik für die kommenden Jahre sein.

Durch die Verlängerung der Hochschulverträge sind 85.000 Studienplätze definitiv abgesichert. Aber die Zahl der ausfinanzierten Studienplätze ist nicht identisch mit der Studierendenzahl. Wir werden in Berlin auch weiterhin davon ausgehen müssen, dass auf diesen 85.000 Studienplätzen ca. 130.000 Studierende ausgebildet werden. Berlin bleibt somit die Stadt mit den meisten Studierenden in Deutschland. Im Vergleich: In München studieren 80.000 junge Menschen.

Durch die Hochschulverträge, die inzwischen zu einem Exportmodell für andere Bundesländer avanciert sind, und die zeitgleiche Einführung der "Erprobungsklausel" haben wir in Berlin das Verhältnis von Staat und Hochschulen neu bestimmt. Herkömmlicherweise besteht staatliche Hochschulpolitik in Deutschland in gesetzlichen Reformaufträgen, Strukturvorgaben, mehr oder weniger detaillierter Mittelzuweisung und mehr oder weniger zahlreichen Interventionen. Hier in Berlin ist anstelle der staatlichen Regulierung ein Vertragssystem getreten, das auf Qualitätskontrolle und Selbstorganisation der Hochschulen setzt. Anstelle der staatlichen Kontrolle tritt das Controlling. In den Verträgen wurde vereinbart, dass die Hochschulen bis Ende 2000 über das Erreichte berichten. Dabei ist stets ein Ziel zentral: die Verbesserung der Studienbedingungen.


Auf zwei Maßnahmen zur Studienreform, wie sie in den Verträgen vereinbart wurden, möchte ich hinweisen:

1. Die Hochschulen sollen - und werden - von der im Hochschulrahmengesetz neu geschaffenen Möglichkeit Gebrauch machen, neue Studiengänge mit Bachelor- und Masterabschlüssen zu erproben. Ca. zwei Dutzend Bachelor- und Masterstudiengänge werden derzeit in Berlin angeboten. Internationalität war und ist ein Markenzeichen der Wissenschaftsstadt Berlin, und ich bin zuversichtlich, dass es gelingen wird, auf diesem Weg ein gutes Stück weiter voranzukommen.

2. Künftig wird nicht nur die Forschung, sondern auch die Lehre überprüft. In verschiedenen Hochschulen ist dies bereits der Fall, in den anderen wird konzentriert an Evaluationssystemen gearbeitet. Die Festlegung von Qualitätsparametern ist dabei eine Hauptaufgabe. Wie wichtig diese Aufgabe ist, zeigt die Vorbereitung einer auch leistungsabhängigen Professorenbesoldung durch die Bundesregierung und die Länder, bei der es auf solche Qualitätsparameter ankommen wird.

Sehr geehrte Damen und Herren,

seit einigen Monaten arbeiten Bundesregierung und Bundestag hier in Berlin, der "Bericht aus Bonn" ist zum "Bericht aus Berlin" mutiert, kurzum: Berlin ist nicht nur nominell, sondern wirklich Hauptstadt Deutschlands. Auch wenn das öffentliche Interesse in erster Linie auf die hohe Politik ausgerichtet ist, gilt es, dieses Interesse auch und insbesondere auf das wissenschaftliche Potenzial der Stadt zu lenken. Berlin ist eine Stadt des Wissens. Über 45.000 Menschen arbeiten in Berlin für die Wissenschaft, und aufgrund der hervorragenden Forschungs- und Wissenschaftslandschaft verfügt Berlin eigentlich über die Voraussetzungen, eine im internationalen Wettbewerb erfolgreiche Stadt des Wissens und der Wissensproduktion zu sein. Berlin verfügt bereits heute über herausragende wissenschaftliche Potenziale, aber es wird geklagt, dass diese bislang noch unzureichend genutzt würden. Die Stadt wisse nicht, was sie wisse. Deshalb sollten wir nicht nur vereint darum bemüht sein, die Kenntnis über die vorhandenen Leistungspotenziale in der Stadt zu verbessern, sondern auch den Prozess des Informationsaustausches über das in der Stadt verfügbare Wissen zu optimieren. Denn eine Stadt des Wissens zeichnet sich auch dadurch aus, dass sie den Prozess der Identifizierung, Erschließung und Nutzung des regional und international verfügbaren Wissens und die Generierung neuen Wissens hervorragend organisiert hat. Deshalb müssen wir die Kenntnisse über die vorhandenen Leistungspotenziale in der Stadt verbessern und den Informationsaustausch über das in der Stadt verfügbare Wissen optimieren.

Sehr geehrte Damen und Herren,

es liegen große Aufgaben vor uns, in der Wissenschaft wie in der Politik. Berlin bietet aber auch mehr: Verschiedentlich habe ich darauf hingewiesen, dass Berlin mehr Museen hat als Regentage, auf das äußerst facettenreiche kulturelle Angebot muss ich nicht aufmerksam machen. Es hat sich also einiges geändert, seitdem Madame de Staël im Jahr 1804 Berlin besuchte. Trotz ihrer herben Kritik am gesellschaftlichen Leben in der preußischen Hauptstadt schreibt sie an Goethe:

"Bei alledem erkennt man in der literarischen Welt, was für Deutschland charakteristisch ist, Gelehrsamkeit, Philosophie, Rechtschaffenheit, doch besteht nicht die geringste Ähnlichkeit zwischen dem, was wir in Frankreich Gesellschaft nennen, und dieser hier. Und mich wundert nicht, dass die Gelehrten in Deutschland mehr Zeit für ihr Studium haben als sonst wo, denn eine Verführung durch die Gesellschaft gibt es nicht".

Meine Damen und Herren,

auch wenn die Vorstellungen über das, was man zu Beginn des 19. Jahrhunderts "Gesellschaft" oder "gute Gesellschaft" nannte, und dem, was heute darunter verstanden werden kann, weit auseinandergehen, so hat Berlin doch hinsichtlich der Möglichkeiten, Gelehrte vom Studium abzulenken, erheblich aufgeholt. Ich möchte Sie nun nicht dazu auffordern, weniger Zeit für die Wissenschaft aufzubringen, ich erlaube mir nur die Bitte, dass Sie neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit auch der Neigung erliegen, sich dem Gedeihen der Berliner Kultur in der einen oder anderen Weise verpflichtet zu fühlen und regen Anteil an ihrer Entwicklung zu nehmen.

In diesem Sinne heiße ich Sie nochmals willkommen und wünsche Ihnen einen schönen Abend. In diesem Sinne heiße ich Sie nochmals in Berlin herzlich willkommen und wünsche Ihnen einen angenehmen Abend und einen weiterhin guten Start für die vor Ihnen liegenden Aufgaben.

Prof. Dr. Ingolf Hertel, e-Mail: Hertel@mbi-berlin.de

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