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Staatssekretär Prof. Dr. Ingolf V. Hertel : Grußwort
Verleihung des Otto-Klung-Preises für Chemie 1998, 6. Nov. 1998, Freie Universität Berlin

Sehr geehrter Dr. Famulok,
Spektabilität,
liebe Kollegen,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich möchte mich zunächst herzlich für Ihre Einladung zur diesjährigen Otto-Klung-Preis Verleihung bedanken. Ich bin dieser Einladung nicht zuletzt auch deswegen gerne gefolgt, da ich ja - wie Sie wissen - dem Otto-Klung-Preis seit langem als Mitglied der Ständigen Vergabekommission im Bereich Physik unmittelbar verbunden bin.

An meinem Hiersein mögen Sie gleichzeitig erkennen, daß ich auch in meiner neuen Funktion als für Wissenschaft und Forschung zuständiger Staatssekretär des Landes Berlin nach wie vor den direkten, persönlichen Kontakt nicht abreißen lassen möchte zu denen, die Wissenschaft noch selber machen und tagtäglich mit Leben füllen.

Erlauben Sie mir, den Anlass zu nutzen, um mit ein paar Pinselstrichen die Befindlichkeiten einer Berliner Wissenschaftspolitik für das letzte Jahr im ausgehenden Jahrhundert zu skizzieren und mögliche Handlungsspielräume aufzuzeigen, so es sie denn gibt. Lassen Sie mich zum Motto Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) zitieren: "Man muß gleich anfangs dass Werk der Wissenschaft auf Nutzen richten, sonst wird die Regierung ihre Hand zurückziehen; denn reale Ministri werden unnützer Curiositäten bald überdrüssig und rathen keinem großen Fürsten, viel Staat damit zu machen". Unser großer Fürst, das Staatsvolk von Berlin, will in Zeiten knapper Kassen möglichst genau wissen, warum - oder genauer wofür - es seine Wissenschaft und Forschung trotz aller schmerzlichen Kürzungen, mit jährlich noch immer ca. 3,3 Mrd. DM fördert. Es möchte Universitäten als - ich zitiere - "Wissenschafts-unternehmen am Bildungs- und Forschungsmarkt" und Forschungsinstitute als "kundenorientierte Forschungsbetriebe" erleben. Um nicht missverstanden zu werden: ich finde solche Begrifflichkeiten erschreckend und rede gewiss nicht einem rein utilitaristischen Verständnis von Wissenschaft, Forschung und Bildung das Wort. Wir können uns aber in dieser Zeit solchen Forderungen nicht einfach mit dem Hinweis entziehen, dass Wissenschaft ein Kulturgut sei. Es ist vielmehr unsere Pflicht und Notwendigkeit sehr deutlich zu machen, wo und wie die Berliner Wissenschaft - wie wir immer sagen: wichtigstes Zukunftspotential der Region - ihren Beitrag für die dringend notwendige Innovation dieser Stadt und ihrer Wirtschaft leisten will. Berlin hat alle Chancen in, sagen wir 10 bis 20 Jahren, eine wirkliche Metropole des Wissen, eine "Global City" zu werden und wieder an seine große Gründer- und Wissenschaftstradition anzuknüpfen - wenn wir jetzt die Weichen richtig stellen und den Anschluß an die globale Entwicklung nicht versäumen. In diesem Sinne sehr ich folgende Prioritäten:

  1. Die finanzielle Absicherung von mindestens 85 000 Studienplätzen in Berlin über das Jahr 2000 hinaus, wie wir dies jetzt durch die Verlängerung der Hochschulverträge anstreben. Dies wird extremer Anstrengungen bedürfen. Im Gegenzug zur finanziellen Sicherheit verpflichten sich die Hochschulen ja zu organisatorischen Reformen, haben sie teilweise auch schon eingeleitet: mit Hilfe der Berliner Erprobungsklausel, welche 60§§ des BerlHG freigibt (ggf. sind noch ein paar kleine Anpassungen an das neue Hochschulrahmengesetz notwendig) müssen sie sich befreien von - ich zitiere den TU-Präsidenten Ewers - der "organisierten Verantwortungslosigkeit", welche gerade die Berliner Hochschulen über viele Jahre - ja gelähmt - zumindest aber einen subobtimalen Mitteleinsatz bewirkt hat.

    Evaluierung von Forschungsleistungen, wie sie sich in den Naturwissenschaften ja schon durchgesetzt hat, muss zum allgemeinen Selbstverständnis aller Disziplinen werden. Wir brauchen mehr Kostentransparenz und Effizienz bei den Infrastruktur- und Dienstleistungen. Ich nenne hier auch das Stichwort Private-Public-Partnership. Ein schönes Beispiel, welches in den nächsten Wochen der Öffentlichkeit vorgestellt wird ist das Berliner Stadt-informationssystem (sehen Sie sich die Vorankündigung unter http/www.anmeldung.berlin.de mal an). Hierin sollten nicht nur die Berliner Verwaltung sondern, in der einen oder anderen Form, auch die Hochschulen integriert werden.
    Auf breiter Front muss eine Reform des Studiums und der Studiengänge eingeleitet werden, die zu nachprüfbaren Qualtitätsstandards und zu mehr Internationalität in der Lehre führt. Wo immer möglich und sinnvoll, sollten die neuen Medien intensiv genutzt werden -gerade in den Naturwissenschaften sehe ich hier ein reiches Betätigungsfeld. Ich erwähne BerlinUnivers und den vom FIZ-Chemie koordinierten Modellversuch für das Chemiestudium.
  2. Wir müssen die reiche Berliner Forschungslandschaft strukturieren und fokussieren. Wir müssen Kompetenzzentrum im Vorfeld wichtiger Schlüsseltechnologien des 21. Jahrhunderts werden. Dazu müssen die Leistungsprofile der Berliner Forschungslandschaft noch viel deutlicher herausgearbeitet, sichtbar gemacht und viel intensiver aufeinander abgestimmt werden. Wir brauchen eine gemeinsame Innovationsinitiative der Berliner Wissenschaft und Wirtschaft. Um dies aus unserem Verantwortungsbereich heraus einzuleiten, werde einen Berliner "Runden Tisch Wissenschaft, Forschung und Innovation", auch unter Beteiligung der Wirtschaft, ins Leben rufen. Ein erstes Treffen wird im Januar 199 stattfinden. Ich glaube auch, dass der viel diskutierte Berliner Zukunftsfonds auf gutem Wege ist. Er soll sich aus den berühmten Verkäufen des "Tafelsilbers" speisen und ich bin optimistisch, dass er Anfang 1999 realisiert wird. Der Regierende Bürgermeister setzt sich sehr engagiert und ganz persönlich dafür ein. Wir versuchen ihn dabei sachgerecht aus der Perspektive von Wissenschaft und Forschung zu beraten.

  3. Wir müssen die Kooperation von Wissenschaft und Wirtschaft einerseits, und von universitärer und ausseruniversitärer Forschung andererseits stärken - neuer Gründergeist und effiziente Nutzung knapper Ressourcen lauten die Stichworte.
    Dies macht sich räumlich nicht nur aber insbesondere am Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Berlin Adlershof und am Bio-Medizinischen Forschungscampus Buch fest. Dort gibt es organisatorisch und inhaltlich noch eine Menge zu tun, um die verfolgten Ziele auch wirklich zu erreichen.

    Lassen Sie mich hier noch einmal betonen, dass gerade der Standort Adlershof ein Ort sein soll, an dem sich alle Berliner Hochschulen engagieren und die Potentiale zum gemeinsamen Wohle von Wissenschaft und Wirtschaft nutzen - so hat es auch der Wissenschaftsrat gesehen. Die HU ist schon dort, die Professoren und Studenten der HU-Informatik haben gestern den offiziellen Studienbeginn in Adlershof mit einem "Tag der Informatik" gefeiert. Die Mathematik wird, davon bin ich überzeugt, in 1999 folgen. Die wichtigsten Hochbaumaßnahmen für die übrigen Fachbereiche sind eingeleitet. Es gilt jetzt den Standort richtig mit Leben zu füllen. - Auch die TU ist stark interessiert, sich dort zu engagieren, wir werden in der nächsten Woche vor Ort Gespräche mit Präsident Ewers und einer Reihe von Kollegen führen. Die FU, das weiß ich ja aus direktem Kontakt ist in Forschungskollaborationen ohnedies schon dort, wird vielleicht ein eigenes Strahlrohr an BESSY II errichten, wie mir Kollege Kaindl gestern mitteilte, vielleicht können wir aber auch drüber hinaus zu einer intensiveren Zusammenarbeit kommen. Insgesamt müssen wir die Verzahnung der Universitäten mit dem außerordentlich leistungsfähigen Potential der außeruniversitären Forschung der Region Berlin-Brandenburg gezielt weiter fördern und nutzen.

  4. Alle der o.g. Aspekte sollen in ein weiteres Projekt einfließen, welches hier nur kurz mit dem Stichwort "International Graduate-School Adlershof" erwähnen möchte. Internationalität, Interdisziplinarität und die Vermittlung eines neuen Gründergeistes soll in dieser Graduate-School zu einer sehr anspruchsvolle Nachwuchsausbildung führen, die sich gezielt an den Forschungsschwerpunkten und am inhaltlichen Konzept des Wissenschafts- und Wirtschaftsstandorts Berlin-Adlershof ausrichtet. In einer ersten Phase ist zunächst an eine wohl geordnete Ausbildung von Doktoranden gedacht, insbesondere aus dem Ausland aber sehr wohl auch für deutsche Studenten. Zunächst wird sich dies auf wenige Themenfelder, z.B. die Informations- und Kommunikationstechnik, evtl. auch auf den Bereich Struktur- und Materialforschung konzentrieren. Später sollen natürlich Masterstudiengänge hinzukommen. An diesem Konzept, welches sich derzeit noch in einer Brainstroming Phase befindet, sollen sich, ich wünsche mir dies sehr und die Präsidenten haben es mir auch zugesagt, alle Berliner Universitäten beteiligen.

    Ich hoffe sehr, für die Trägerschaft, aber auch für die Finanzierung dieser Graduate-School eine sehr breite Basis schaffen zu können, und zwar über die öffentliche Hand und die unterschiedlichen öffentlichen und privaten Förderorganisationen hinaus bis hin zur direkten Beteiligung und Unterstützung durch die Wirtschaft. Demgemäß werden wir trotz der schwerpunktmäßigen Ausrichtung auf den Standort Berlin-Adlershof offen sein für Verbindungen und Bindungen weit über den Standort hinaus und insbesondere in den angrenzenden Raum Brandenburg hinein.

    Ein Erfolg - ähnlich dem der Berufsakademie - könnte Vorbild und Ansporn sein, in dem Bemühen fortzufahren, erstarrte Strukturen in der Förderung von Wissenschaft und Forschung aufzubrechen. Neue Ansätze in der Trägerschaft und Finanzierung bisher nur staatlich getragener Forschung müssen weiterentwickelt werden.

  5. Die nachwachsende Wissenschaftlergeneration zu ermutigen und zu fördern, das war auch das Anliegen von Otto Klung, des Stifters des heute zu verleihenden Preises, eine Aufgabe, der wir uns alle besonders verpflichtet fühlen. Die Notwendigkeit der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses ist für ein hochentwickeltes Industrieland wie Deutschland so selbstverständlich, daß jede Begründung hierfür entbehrlich erscheint. Und es gibt in unserem Lande eine ganze Reihe von Programmen und Preisen für diesen Zweck. Gleichwohl ist der Otto-Klung Preis etwas ganz besonderes. Nicht nur dürfte er zu den wohl bestdotierten Preisen für junge Wissenschaftler (Physiker und Chemiker in diesem Falle) in Deutschland zählen, er ist inzwischen auch schon fast so etwas wie ein Frühwarnsystem für künftige Nobelpreisträger geworden. Die diesjährige Entscheidung des norwegischen Komitees hat dies ja wieder einmal gezeigt und die Weitsicht der Ständigen Kommission zur Vergabe des Otto-Klung-Preises erneut bestätigt, indem der Preisträger des Jahres 1985, Herr Horst Ludwig Störmer, mit dem Nobelpreis für Physik geehrt wurde. Wenn ich mich nicht verzählt habe, sind inzwischen bereits vier Otto-Klung Preisträger anschließend mit dieser höchste wissenschaftlichen Würde ausgezeichnet worden. Dies ist eine stolze Bilanz, und zugleich Anspruch für die Preisvergabekommissionen.

In diesem Sinne möchte ich dem heutigen Preisträger, Herrn Priv.-Doz. Dr. Michael Famulok vom Institut für Biochemie/Genzentrum der LMU München, aber auch meiner Alma Mater, der Freien Universität und natürlich Berlin insgesamt weiterhin gutes Gelingen wünschen und Ihnen allen noch einen interessanten, stimulierenden Tag.

Prof. Dr. Ingolf Hertel, e-Mail: Hertel@mbi-berlin.de

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