Grußworte zum 60. Geburtstages von Prof. Dr. Günter Kaindl
anlässlich des Festsymposiums am Fachbereich Physik der Freien Universität Berlin am 14. Januar 2000

Sehr verehrter, lieber Kollege Kaindl, liebe Frau Kaindl,

liebe Kolleginnen und Kollegen,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

ein 60. Geburtstag ist heutzutage - erfreulicherweise - nicht der Zeitpunkt, an dem man zur großen, allumfassenden Rückschau auf ein Lebenswerk anhebt. Dazu stehen Sie, lieber Kollege Kaindl, noch viel zu sehr mitten drin in diesem Leben, in dieser Gesellschaft, dieser Universität, in der Berliner und weltweiten Forschung. Und das ist es, was uns auch am meisten freut an Ihrem "60.", denn wir haben so noch einiges zu erwarten...

Auf der anderen Seite markiert ein solcher 60. Geburtstag aber doch einen besonderen Höhepunkt eines erfüllten Wissenschaftlerlebens - ich versuche mich ein wenig in Sie hineinzuversetzen, denn so weit ist es bei mir ja auch nicht mehr hin. Der Tag gibt Anlass innezuhalten und das stets drängende Arbeitsprogamm für einen Augenblick loszulassen, um die bisherige Wegstrecke mit ihren "Leuchttürmen" und Stolpersteinen zu resümieren. Dies bringt uns das heutige Festsymposium nahe.

Wir kennen uns nun seit über 20 Jahren und haben so manche Schlacht gemeinsam geschlagen - auch wenn wir manchmal auf durchaus unterschiedlichen Wegen marschiert sind. Gewiss waren wir auch nicht immer einer Meinung - aber fruchtbar oder zumindestens anregend war unser Zusammentreffen stets und ich habe in all diesen Jahren so manches von Ihnen gelernt und Ihre Energie, Zielstrebigkeit und Schärfe des Arguments nicht selten bewundert. Demgegenüber wiegt wenig, dass ich mich gelegentlich - auch das will ich nicht verhehlen - schon wohl mal über Sie geärgert habe. Sie haben dabei aber stets eine faire und kollegiale Ebene bewahrt nie verlassen und dafür möchte ich Ihnen danken.

Ich freue mich umso mehr, heute hier an Ihrem Ehrentage ein Grußwort sprechen zu dürfen, als dies wohl mein letzter öffentlicher Auftritt als Vertreter des Senats von Berlin ist. In dieser Rolle darf ich Ihnen, lieber Herr Kaindl, aus Anlass Ihres 60. Geburtstages nun auch ganz offiziell herzliche Glückwünsche und Grüße überbringen. Darin eingeschlossen sind, lassen Sie mich dies besonders hervorheben, die Glückwünsche und Grüße meiner Wissenschaftsverwaltung, die Sie in den Jahren Ihres Berliner Wirkens in besonderer Weise kennen- und schätzengelernt hat. Wir verbinden diese Glückwünsche mit unserem Dank für Ihr vielfach beispielgebendes, weit über die Grenzen Ihres Fachbereiches, unserer Freien Universität und die Landesgrenzen hinaus reichendes Engagement für eine attraktive und leistungsfähige Berliner Forschung.

Im Fokus stand dabei die Nutzung der Synchrotronstrahlung als eine häufig einzigartige Sonde moderner Grundlagen- und angewandter Forschung insbesondere im Bereich der Material- und Lebenswissenschaften. Ihr Wirken hat massgeblich dazu beigetragen, den Auf- und Ausbau leistungsstarker Elektronenspeicherringe für Synchrotronstrahlung in Berlin voranzubringen. Auch für BESSY II, das heutige Schmuckstück der Berliner naturwissenschaftlichen und technologieorientieren Forschung, war und ist Ihr Engagement, Ihre wissenschaftliche Kompetenz und Ihre Durchseztungsfähigkeit von unschätzbarem Wert.

Das heutige Festsymposium ist ganz sicher der geeignete Ort, daran zu erinnern, dass Sie, lieber Herr Kaindl, zu den federführenden Initiatoren der Berliner hochbrillanten Synchrotronstrahlungsquelle der dritten Generation, BESSY II, gehörten. Zusammen mit dem Kollegen Menzel von der Technischen Universität München unterbreiteten Sie dem damaligen Bundesminister für Forschung und Technologie Riesenhuber in einem Schreiben vom 21. August 1985 im Namen einer Initiativgruppe hochkarätiger Wissenschaftler den Vorschlag, ich zitiere, "einen ... Wiggler/Underlator-Speicherring für den VuV-Bereich ... in die Liste der ... Großprojekte in der Grundlagenforschung aufzunehmen". Ich erinnere mich noch sehr gut an diese spannende Zeit.

Das liegt nun eineinhalb Jahrzehnte zurück und führt noch einmal drastisch vor Augen, in welchen Zeiträumen derartige Forschungsgroßprojekte vorausgedacht, geplant und "durchgestanden" werden müssen. Ihr Schreiben ist noch unter einem weiteren Gesichtspunkt aufschlussreich und, ja, hochaktuell. Sie regen nämlich auch die Prüfung der Möglichkeiten an, im Umfeld des avisierten neuen Speicherrings ein "Free-Electron-Laser-Projekt" anzusiedeln. Sie wissen, dass wir uns gerade in diesen Monaten darum bemühen, die erforderlichen, vorausschauenden Planungs- und Entwicklungsarbeiten für einen solchen Free-Electron-Laser in Adlershof zu starten und finanziell abzusichern. Ich bin überzeugt, dass der Berliner Senat trotz einer sich laufend dramatischer gestaltenden Finanzsituation, solche - für Berlin als Stadt des Wissens und der Wissenschaft - zentralen Projekte auch weiterhin nachhaltig unterstützen wird.

Als engagierter Nutzer der Synchrotronstrahlung und mit wichtigen Publikationen sehr präsent, haben Sie sich stets auch für eine möglichst effiziente, arbeitsteilige Nutzung der Berliner Synchrotronstrahlungsquelle BESSY eingesetzt. Der von Ihnen initiierte und erfolgreich auf den Weg gebrachte Berliner Universitätsverbund Synchrotronstrahlung zielt genau auf dieses Anliegen. Die gilt ebenfalls auch für das Russisch-Deutsche Strahlrohr bei BESSY II, das darüber hinaus einen ganz wichtigen, neuen Akzent der wissenschaftlich-technischen Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Russland setzt. Unser Haus hat diesen Ansatz nachdrücklich unterstützt, auch wenn finanzielle Hilfe durch eine Verwaltung ohne beweglichen Steuerungsmittel kaum geleistet werden kann. Dabei wissen wir um die inzwischen fünfjährige kräftezehrende wie herausfordernde Arbeit, manchmal auch Sisyphusarbeit, die Sie in dieses anspruchsvolle Projekt gesteckt haben. Das verdient unser aller Anerkennung.

Anerkennung und Respekt haben Sie sich insbesondere auch als Mitinitiator und Sprecher des Interdisziplinären Forschungsverbundes Materialforschung erworben. Die von Ihnen mit großem persönlichen Einsatz koordinierte Arbeit dieses Verbundes hat wesentlich mit dazu beigetragen, die Materialforschung in Berlin als eine für zahlreiche Hochtechnologien ganz entscheidende Querschnitts- bzw. Schlüsselwissenschaft stärker in das Blickfeld der Landespolitik zu rücken. Zugleich entstanden eine Reihe noch heute aktiver und die Forschungslandschaft Berlins mitprägender Verbundstrukturen von Material- und Werkstoffwissenschaftlern sowie industriellen Anwendern. Wenn es dabei gelungen ist, die Brücke zwischen universitärer und außeruniversitärer Forschung weiter auszubauen, so verbessert das nicht nur den Nutzungsgrad ebenso wertvoller wie kostspieliger Ressourcen, sondern erhöht letztlich die Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit der Berliner Forschung insgesamt. Dass Sie gelegentlich ein eher kritisches Verhältnis zur außeruniversitären Forschung haben, hat diesen Prozess wohl eher befördert als gebremst. Denn, lieber Herr Kollege Kaindl, zuallervorderst kam und kommt es Ihnen stets auf Qualität und Exzellenz an. Daran haben Sie Ihr Handeln stets orientiert, dafür danke ich Ihnen auch im Namen unseres Hauses, darin möchten wir Sie auch für die Zukunft nachdrücklich unterstützen.

Sehr verehrter, lieber Kollege Kaindl, meine sehr verehrten Damen und Herren. Einiges haben meine Vorredner schon gesagt, manches werden wir noch hören aber vieles wäre noch zu sagen zur Würdigung des Jubilars. Ich denke etwa an den mit glücklicher Hand geführten Vorsitz des Otto-Klung-Preiskomitees, an sein Mandat als Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Magnus-Hauses der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, an die Arbeit als Vizepräsident seiner, unserer Freien Universität, und, und...

Ehe ich schließe, will ich Ihnen noch ganz persönlich Dank sagen für Ihre hilfreiche und kontruktive Begleitung meiner Russlandreise im Frühjahr letzten Jahres. Sie haben viel zum Erfolg dieser Reise beigetragen - sofern man in einem so schwierigen Umfeld überhaupt von Erfolg sprechen kann. Und Dank natürlich vor allem für viele Jahre anregender und ertragreicher Zusammenarbeit als Kollege am Fachbereich Physik der Freien Universität Berlin.

Doch ich bin gehalten und gewillt, mich kurz zu fassen. So lasse ich es dabei bewenden und wünsche Ihnen, lieber Herr Kaindl, noch lange Jahre erfolgreichen wissenschaftlichen Arbeitens bei bester Gesundheit und freue mich auf unsere weitere Zusammenarbeit....