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Staatssekretär Prof. Dr. Ingolf V. Hertel : Grußwort zur Deutsch Russische Hochschulbörse
"Hochschulen an der Schwelle des 21. Jahrhunderts: Perspektiven der Zusammenarbeit" Konferenz, Podiumsdiskussion, Workshops und eine Ausstellung: "Russische Hochschulen und ihr Angebot heute"am 3. Mai 1999

Frau Bundesministerin Bulmahn,
Herr Minister Filippow,
Frau Senatorin Kahrs,
Präsidenten Prof. Sadownitschi (Russ. Rektorenunion)
und Prof. Landfried (HRK),
Magnifizenzen,
Damen und Herren,


ich freue mich, Sie heute hier im Namen des Senats von Berlin begrüßen zu können und heiße Sie zum Auftakt der "Deutsch-Russischen-Hochschulbörse" unter dem Thema "Hochschulen an der Schwelle des 21 Jahrhunderts: Perspektiven der Zusammenarbeit" sehr herzlich in Berlin willkommen.

Hochschulpolitik sieht sich heute weltweit vor neue Herausforderungen gestellt, die ihr aus ihrer zentralen Bedeutung für die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung der Nationen erwachsen. Hochschulen sind nicht nur die wichtigsten Orte für Forschung und Lehre, sie sind auch die Stätten technologischer und geistiger Innovation der Industrienationen. Ohne ein ausreichendes Angebot an Hochschulausbildung für gut ausgebildete und beruflich qualifizierte Arbeitskräfte und ohne breit angelegte Forschung auf allen Gebieten der modernen Wissenschaft kann heute kein Staat eine nachhaltige Wirtschaftsentwicklung mehr gewährleisten.

Dabei müssen wir uns gleichzeitig vor Augen halten, dass eine unverzichtbare Grundvoraussetzung für hervorragende Wissenschaft Freiheit ist. Freiheit, die Fragen zu bearbeiten, die im jeweiligen wissenschaftlichen Kontext den höchsten Erkenntniswert, den interessantesten Einblick und Ausblick auf bisher Unbekanntes versprechen oder die größte Herausforderung für den forschenden Geist darstellen. Es macht mich stets zutiefst mißtrauisch, wenn jemand meint - und dies geschieht heutzutage nur all zu oft - er wüßte, in welche Richtung Wissenschaft sich zu entwickeln habe, um größtmöglichen Nutzwert zu erbringen und so den Anforderungen des Staates zu entsprechen. Daher muss es ein zentrales Anliegen staatlicher Wissenschaftspolitik sein, ein ausgewogenes Gleichgewicht zu gewährleisten zwischen freier, erkenntnisorientierter Grundlagenforschung einerseits und zielgerichteter Programmforschung andererseits, welche auf dem so geschaffenen Humus überhaupt erst gedeihen kann.

In Deutschland haben wir ein ausgeprägtes System der institutionellen Forschungsförderung - sowohl in den Hochschulen als auch in einer differenzierten außeruniversitären Forschungslandschaft, deren Entwicklung weitgehend von der wissenschaftlichen Selbstverwaltung der Scientific Community verantwortet wird, und für welche der Staat lediglich einen rechtlichen und natürlich den finanziellen Rahmen stellt. Dieses System sichert einen hohen Grad an Freiheit in Forschung und Lehre. Andererseits hat es aber unzweifelhaft auch Tendenzen in sich, welche zu Inflexibilität führen und einmal eingeschlagene Richtungen nur schwer zu ändern gestatten.

Staatliches Handeln muss daher möglichen negativen Entwicklungen entgegenwirken, indem ein System des Wettbewerbs und der strikten Qualitätskontrolle geschaffen und gepflegt wird. Das Wie und Wo der Ausgestaltung bzw. Weiterentwicklung dieses Wechselspiels zwischen freier wissenschaftlicher Entwicklung und staatlichem Handlungsrahmen bestimmt derzeit eine lebhafte wissenschafts- und hochschulpolitische Debatte in Deutschland. Die Stich- und Reizworte lauten Hochschulautonomie, Wettbewerb, Netzwerkbildung, Hochschule als Dienstleistungsunternehmen, effiziente Leitungsstrukturen, Evaluierung, Budgetierung, Studienreform, Studiengebühren, formelgebundene Mittelzuweisung, leistungsgerechte Besoldung, Akkreditierung von Studienangeboten etc. etc.

In der Russischen Föderation wurde im Zuge der Perestroika eine gemäßigte Hochschulautonomie (1988-1990) durchgesetzt: Erste wirksame Impulse in Richtung Demokratisierung, Flexibilisierung und Öffnung des Hochschulwesens gingen von einer Plenarsitzung des ZK der KpdSU aus, die eigens zur Erörterung des stockenden Reformprozesses im Bildungsbereich einberufen worden war.

Dass Sie gerade Berlin als Veranstaltungsort für die Erarbeitung neuer Perspektiven für die Hochschulen gewählt haben und hier über die deutsch-russische Zusammenarbeit im Hochschulbereich diskutieren wollen, wird dieser Stadt nur gerecht; weist sie doch vielfältige Anknüpfungspunkte zum russischen Nachbarn auf. Dies belegen sowohl die Historie als auch die vielen guten Erfahrungen bilateraler Zusammenarbeit in eindrucksvoller Weise.

Gerade in Berlin sind nach dem Zerfall der Sowjetunion viele Zuwanderer angekommen, die das Bild der Stadt in nachhaltiger Weise mit prägen und gesellschaftspolitisch von großer Bedeutung sind. Seit der Prestroika stiegen die Zahlen der Zuwanderer rasant an; nach offiziellen Angaben sind etwa 150 000 pro Jahr im Bundesgebiet zu verzeichnen. Diese große Zuwanderungswelle läßt Erinnerungen an die 20er Jahre wach werden, als Berlin eines der wichtigsten Zentren der russischen Emigration war und bis lange über die Mitte der 20er Jahre hinaus auch blieb.

Viele bedeutende russische Persönlichkeiten haben an der Spree gewirkt, wie Vladimir Nabokow, dessen 100. Geburtstag in diesen Tagen gefeiert wird, Ilja Ehrenburg und Tatjana Gsovsky, um nur einige bekannte Namen zu nennen. Sie haben das gesellschaftliche Leben in Berlin nachhaltig beeinflußt und mitgestaltet. Eine nicht zu übersehende Gemeinde russischer Mitbürger ist in dieser Stadt entstanden, die ihre heimatlichen Traditionen haben einfließen lassen und bis in die heutige Zeit hinein pflegen.

Wichtige Impulse zur "Wiederbelebung der Stadt" gingen nach dem 2. Weltkrieg gerade auch von den Russen aus. Maßgeblich trugen sie dazu bei, das Kulturleben in dieser Stadt wieder aufleben zu lassen. Gleich nach der Eroberung Berlins wurden die Künstlerinnen und Künstler animiert aufzutreten; das kulturelle Leben kam wieder in Gang. 1947 wurde das "Haus der Kultur der Sowjetunion" im Gebäude der alten Singakademie - Am Festungsgraben - eröffnet.

Die Russen in Berlin haben aufgrund der besonderen Geschichte dieser Stadt - nicht zuletzt ihrer Teilung in eine West- und in eine Osthälfte - im Laufe dieses Jahrhunderts ganz unterschiedliche Emotionen in der Berliner Bevölkerung geweckt. Nach den leidvollen Erfahrungen, welche die Völker durch das NS-Regime im Krieg und in der Nachkriegszeit machen mußten, überwog ursprünglich das Mißtrauen und die Skepsis gegenüber den Besatzern. Heute ist in der Bevölkerung dieser Stadt die Gewissheit gewachsen, daß die Russen Berlin nach der deutschen Wiedervereinigung als Freunde verlassen haben. Nach den großen politischen Veränderungen - dem Fall der Mauer und dem Ende der deutschen Teilung - machte sich ab Herbst 1989 allmählich Neugier auf das Leben der in Berlin ansässigen Russen hinter den Mauern der Standorte und Offizierswohnungen in Karlshorst, Potsdam, Wünsdorf und anderswo breit.

Damals wie heute erhält Berlin wichtige Impulse durch die Neubürger aus der ehemaligen Sowjetunion - sowohl in wissenschaftlicher/wirtschaftlicher als auch in kultureller Hinsicht. Umgekehrt leben auch heute noch etwa 1,5 Mio. Deutschstämmige in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion.

Allein diese Fakten verdeutlichen bereits, dass beide Staaten bzw. Staatengemeinschaften aufs engste miteinander verflochten sind. Schon allein dies ist Grund genug, so meine ich, die bilateralen Beziehungen in verstärktem Maße zu pflegen.

Seit langer Zeit besteht eine Städtepartnerschaft Berlin/Moskau, die der Berliner Senat nach der deutschen Widervereinigung vom Magistrat von Berlin der ehemaligen DDR übernommen hat. Die erste Vereinbarung über eine Zusammenarbeit der beiden Hauptstädte wurde 1967 geschlossen. Diese Partnerschaft brachte viele Moskauer Delegationen nach Berlin - wie auch umgekehrt, viele Berliner in das russische Zentrum. Es gab und gibt auch nach der Wende zahlreiche Programme und informelle Initiativen zum Erfahrungsaustausch auf vielen Gebieten, wie vor allem Austauschprogramme zwischen Berliner und Moskauer Schulen und zwischen diversen kulturellen Einrichtungen, die über die Jahre die guten Beziehungen verfestigen konnten.

Besonderen Anklang fand die in Berlin 1995/96 im Martin-Gropius-Bau gezeigte Ausstellung "Moskau-Berlin/Berlin-Moskau", die neben den Kooperationen unterschiedlichster Art, vor allem die Übereinstimmungen und Gegensätze aufzeigte und über die von Euphorie und Tragik gezeichneten Beziehungen beider Städte Aufschluss gab.

In der Zeit nach dem November 1990 wurden zahlreiche neue Abkommen auf unterschiedlichsten Gebieten mit der russischen Seite geschlossen, wobei heute die Unterstützung der demokratischen und wirtschaftlichen Reformen in Rußland und soziale Fragen im Vordergrund der Zusammenarbeit stehen. Als ein Beispiel möchte ich hier das OST-WEST Kooperationszentrum für die Ansiedlung osteuropäischer Unternehmen, das auf dem wichtigsten Berliner Technologiepark, dem Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Berlin-Adlershof (WISTA) lokalisiert ist.

Innerhalb der kooperativen Zusammenarbeit im Hochschulbereich ist die über 30-jährige Partnerschaft der Freien Universität Berlin mit der Universität St. Petersburg besonders bemerkenswert - auch diese wieder nur beispielhaft. Diese seit 1968 bestehende Partnerschaft verdient hier deshalb einer ausdrücklichen Erwähnung, da die FU als erste westdeutsche Universität umfassende Kooperationen zu einer sowjetischen wissenschaftlichen Einrichtung unterhielt. Selbst in den Zeiten des Kalten Krieges konnte diese Partnerschaft, insbesondere in den Naturwissenschaften und dort maßgeblich im Fachbereich Physik, aufrechterhalten und über die Jahre sogar ausgebaut werden. Dabei gestaltet sich diese Kooperation zum beidseitigen Nutzen in einem bemerkenswert ausgewogenen Verhältnis. Keine der beiden Seiten ist nur "Geber" oder "nehmender Teil".

Besonders erwähnen als Beispiel guter Zusammenarbeit aus jüngerer Zeit möchte ich die Experimentiereinrichtung beim Berliner Elektronenspeicherring für Synchrotronstrahlung (BESSY II). Hier wird derzeit ein russisch-deutsches Strahlrohr für die physikalische Forschung aufgebaut, das in der ersten Hälfte des Jahres 2000 den Betrieb aufnehmen wird. Ziel dieser russisch-deutschen Einrichtung ist es, an einer der weltweit modernsten Synchrotronstrahlungsquellen eine optimale Grundlage für die wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen russischen und deutschen Wissenschaftlern zu schaffen und den russischen Kollegen hier vor Ort einen festen Platz an diesem wichtigen Großgerät zu sichern.

Selbstverständlich unterhalten auch die anderen Berliner Hochschulen intensive Kontakte mit diversen Hochschulen in der Russischen Föderation, denen keinesfalls eine geringere Bedeutung auf wissenschaftlichem Gebiet beizumessen sind. Sowohl die Humboldt-Universität, die Technische Universität als auch die Fach- und Kunsthochschulen pflegen ständige Partnerschaften mit Einrichtungen der Russischen Föderation in Form von Forschungskooperationen, Studenten- und Gastdozentenaustausch.

Berlin als Drehscheibe zwischen Ost und West: viel wird davon geredet, viel zu wenig Konkretes ist darüber bekannt. Bei der Zusammenarbeit im Wissenschaftsbereich kann aber auf den Erfolg einer großen Anzahl existierender Kooperationen Berliner Universitäten, Hochschulen und Forschungseinrichtugnen mit den neuen Demokratien in Osteuropa verwiesen werden. Die Wissenschaft könnte also eine Schrittmacherfunktion für die Ost-West Kompetenz Berlins entwickeln. Wir stehen zwar im Wettbewerb mit anderen östlich ausgerichteten Metropolen, wie Wien, Prag oder Budapest, haben aber hervorragende Startbedingungen, die diese Stadt Berlin - wir sagen gerne "das Neue Berlin" - nur verstehen muss, richtig zu nutzen.

Ich hoffe daher sehr, dass auch diese vielversprechende Veranstaltung dazu beitragen wird, diese Verbindung zu stärken und neue Wege für die Zusammenarbeit aufzuzeigen, so dass die guten Erfahrungen aus der bilateralen Zusammenarbeit der Hochschulen in der Vergangenheit auch in Zukunft fortgeführt und genutzt werden. Ich wünsche Ihnen jedenfalls viel Erfolg und gute Ergebnisse und natürlich wünsche ich Ihnen, dass Ihnen das Tagungsprogramm auch noch Zeit läßt, dieses "Neue Berlin", seine vielfältigen Kultureinrichtungen, seine spannende Wissenschaft und seine aufregende Bautätigkeit ein wenig genauer kennen und lieben zu lernen.

Prof. Dr. Ingolf Hertel, e-Mail: Hertel@mbi-berlin.de

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