Grußwort zur Jahrestagung der Helmholtz Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren am 5.11.1998

Sehr geehrter Herr Staatssekretär Thomas,
Lieber Kollege Ganten,
lieber Kollege Meyer,
hochverehrte Festversammlung,

im Namen des Senats von Berlin möchte ich Sie in Berlin ganz herzlich begrüßen. Senator Radunski, dessen Namen Sie noch im gedruckten Programm finden, ist heute leider verhindert. Er lässt Sie aber ebenfalls sehr herzlich grüßen und bedauert, dass er nicht selbst zu Ihnen kommen kann.

Ich darf Ihnen aber versichern, dass es mir auch ganz persönlich eine besondere Freude ist, hier ein Grußwort zu Ihnen zu sprechen, zumal ich ja - in anderer Funktion - Ihren Weg in den letzten Jahren ein Stück begleiten durfte. Ich habe für eben jene Funktion viel von der HGF und ihren wichtigsten Repräsentanten gelernt und viel Unterstützung erfahren. Ich möchte die heutige Gelegenheit wahrnehmen, um Ihnen dafür sehr herzlich zu danken.

Natürlich freue ich mich auch, dass Sie wieder einmal Berlin als Ort für Ihre Jahrestagung gewählt haben. Es ist ja erst sehr wenige Jahre her, dass Sie sich hier in Berlin einen neuen Namen und eine neue Organisationsform gegeben haben. Ihr Namenspatron, Hermann von Helmholtz, verbindet durch sein wissenschaftliches Werk die HGF fest mit Berlin.

Die Region Berlin-Brandenburg ist aber vor allem auch mit vielen Einrichtungen der Hermann von Helmholtz-Gemeinschaft gesegnet. Ich verhehle nicht, dass angesichts der gegenwärtigen, problematischen Finanzlage des Landes Berlin dabei auch der Finanzierungsschlüssel für uns besonders attraktiv ist, finanziert doch der Bund bei den HGF-Zentren 90% der Grundausstattung, während das Sitzland nur 10% beizusteuern hat. Berlin kann und will sich dabei aber nicht auf bloße Mitnahmeeffekte beschränken. Die HGF-Zentren und ihre Aussenstellen sind auch ganz wesentliche, profilgebende Bezugspunkte für unsere vielfältige Berliner Wissenschaftslandschaft. Sie werden bei der weiteren Schärfung unserer Forschungsprofile, bei der Bildung regionaler Kompetenzzentren eine zunehmend wichtigere Rolle spielen. Die HGF Zentren werden für die Ausgestaltung von Berlin als einer "Global City des Wissens" (ich greife ein Wort Ihres Vorsitzenden Ganten auf) unverzichtbar sein. Nicht durch Zufall decken sich die forschungspolitischen Schwerpunkte des Landes Berlin mit den Themen in den HGF Zentren der Region. Lassen Sie mich, beispielhaft und - um Ihre Geduld bei einem Grußwort nicht zu strapazieren - nur unvollständig drei wichtige Themenfelder nennen:

1. Die Bio-Medizinischen Forschung. Sie hat im Campus-Buch ihren wichtigsten Standort. Herzstück ist das Max-Delbrück-Zentrum. Weiterhin angesiedelt sind dort das Forschungsinstitut für Molekulare Pharmakologie (ein Leibnizinstitut), sowie eine Campus-GmbH als Schnittstelle zur Wirtschaft, kleine innovative Unternehmen und mehrere Kliniken. Alle arbeiten synergetisch zusammen und nutzen somit die Chance, die sich aus dem Potential eines HGF-Zentrums ergibt. In diesen Wochen wird der Senat auch die Weichen stellen für ein zukunftsweisendes, wissenschaftsorientiertes und zuggleich effizientes Klinikkonzept auf dem Forschungscampus Buch. Schließlich ist mit dem BioTop Büro ein Instrument geschaffen worden, welches für diese Schlüsseltechnologie in der Region Berlin-Brandenburg zukunftsweisende Netzwerke knüpft, die wir für die Innovation unserer Wirtschaft brauchen.

2. Struktur- und Materialforschung. - Hier erweist sich das "Hahn-Meitner-Institut" als eine zentrale Drehscheibe, von welcher die Berliner Natur- und Technikwissenschaften insgesamt profitieren: mit BER II für die Neutronenstreuung aber auch im Bereich Synchrotronstrahlung. Das HMI wird seine Kompetenz gemeinsam mit BESSY (einem künftigen Leibniz-Institut) am Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Adlershof ausbauen. In diese Partnerschaft werden weitere HGF-Zentren zu beidseitigem Gewinn eingebunden, ich nenne nur die Stichworte "Freier Elektronenlaser" und DESY-Hamburg sowie Planungen für eine Europäische Spallationsquelle und das Forschungszentrum-Jülich. Mit ihrem Strategiefonds hat die HGF brauchbare Instrumente geschaffen, die es ermöglichen, solche Kooperationen zu fördern und somit Kompetenz-Netzwerke aufzubauen (unsere Berliner Zentren waren dabei durchweg erfolgreich).

3. Ich erwähne als einen dritten Berliner Forschungs- und Innovations-Schwerpunkt die Informations- und Kommunikationstechnik, die in den Instituten FOKUS und FIRST der GMD im Verbund mit anderen Berliner Einrichtungen, so etwa dem Zuse Institut gewichtige Schwungmasse hat. Mit ihren Standorten auf dem Campus der technischen Universität bzw. wiederum in Adlershof überbrücken diese Außenstellen von HGF-Zentren nicht nur beachtliche räumlichen Distanzen sondern tragen gleichzeitig dazu bei, dass ggf. vorhandene geistigen Distanzen zwischen universitärer und außeruniversitärer Forschung abgebaut werden. Gerade heute haben wir die Informatik der Humboldt-Universität mit ihren Professoren und Studenten in Adlershof begrüßt - Sie wissen ja dass alle Naturwissenschaften der HU in den nächsten Jahren an den Ort dieses wichtigsten Berliner Innovationsprojekts verlagert werden. Die HU-Informatik residiert jetzt direkt auf der Straßenseite gegenüber dem GMD Institut FIRST. Und um die Ecke herum wird in den nächsten Wochen das Innovationszentrum für Informatik eingeweiht, eine preiswert vermietbare, architektonisch hoch elegante Herberge für kleine Firmen der Branche: die immer wieder geforderten Synergieeffekte zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, zwischen universitärer und ausseruniversitärer Forschung können sich angesichts solch günstiger Konstellation gar nicht vermeiden lassen!

Ich könnte so fortfahren und jede Berliner HGF Einrichtung mit einem unserer Schwerpunkte in Verbindung bringen. Statt einer solchen Aufzählung greife ich aber aus aktuellem Anlass das eben genannte Stichwort auf, welches den Zeitungsleser einmal wieder verschreckt: die den vermeintlichen Antagonismus zwischen universitärer und außeruniversitärer Forschung. Mir scheint dies ein Ausfluss des immer heftiger werdenden Verteilungskampfes angesichts schwindender Finanzmittel bei gleichzeitig steigenden Kosten für die Forschung zu sein. Hier in Berlin begann diese Kontroverse schon vor einigen Jahren, die massiven Sparzwänge gaben den Anstoß. Die Debatte ist in letzter Zeit etwas ruhiger und sachlicher geworden. Es hat sich hier wohl die Einsicht durchgesetzt, dass in dem grotesken Streit um die vermeintlich schlechteste Ausstattung keiner der Kontrahenten gewinnt, sondern allenfalls die Finanzministerien, wenn ich das einmal etwas salopp ausdrücken darf. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Universität und ausser-universitäre Forschungsinstitute müssen echte Partner werden - wo sie das nicht schon sind - und die jeweils anderen Potentiale und Ressourcen nach Kräften nutzen. Vielleicht sind hier in Berlin die Chancen für solches kreative Miteinander besonders gut: nicht nur weil die Potentiale so vielfältig sind, sondern auch weil der Leidensdruck gar keine andere Wahl lässt. Die Selbstverständlichkeit dieser Partnerschaft spiegelt sich ja auch in der Tatsache, dass Sie Ihre diesjährige Jahrestagung in den Räumen der Humboldt-Universität abhalten, eine Universität, die sich - wie derzeit fast alle Berliner Hochschulen - in einem intensiven Strukturwandel und Reformprozess befindet: wir haben ja 60§§ des Berliner Hochschulgesetzes zur Erprobung freigegeben.

Vielleicht können in diesem Prozess die ausseruniversitären Forschungseinrichtungen sogar katalytisch wirken. Diese haben jedenfalls den Zustand - ich zitiere den TU-Präsidenten Ewers - "der organisierten Verantwortungslosigkeit", mit welchem die Universitäten derzeit ringen, fast durchweg schon lange überwunden. Auch die Themen Rechenschaftslegung, Kostentransparenz und Evaluierung gehören hier zur flächendeckenden Normalität, sind aber im Hochschulbereich derzeit noch Gegenstand intensiver Diskussion und derzeit eher die Ausnahme.

Auch an mehr oder weniger weisen Ratschlägen, wie die deutsche Forschungslandschaft insgesamt neu zu organisieren sei, fehlt es derzeit ja nicht. Da wird öffentlich darüber nachgedacht, wie man HGF und WGL auflösen und ihre Bestandteile in Max-Planck- bzw. Fraunhofer-Institute überführen könnte. Ich warne nachdrücklich vor einer solchen Gedankenspielerei! Ich will hier gar nicht auf die Einzelheiten der vorgetragenen Argumentation eingehen - sie geht an vielen Stellen einfach von falschen Grundannahmen aus und lässt eine gründlichere Beschäftigung mit der inhaltlichen Entwicklung der genannten Organisationen in den letzten Jahren vermissen. Ich möchte vielmehr ganz pragmatisch auf die existierenden wissenschafts- und finanzpolitischen Realitäten hinweisen:

  1. Bund und Länder und die Forschungsorganisationen haben sich in den letzten Jahren in einem schwierigen und aufwendigen Konsensprozess auf eine Neuordnung der Finanzströme, auf Massnahmen zur Qualitätssicherung und zur Förderung von mehr Wettbewerb, auf mehr Flexibilität beim Haushaltsvollzug und in den Stellenplänen, auf Schritte in Richtung eines effizienten For-schungs-controlling, auf Evaluierungsverfahren und auf Konsequenzen daraus geeinigt. Man kann eine Uhr aber nicht fortwährend aufziehen, man muss sie auch mal laufen lassen. Es macht also wenig Sinn, alles erneut zu hinterfragen, ehe auch nur die ersten Früchte aus den genannten großen Anstrengungen sichtbar werden.
  2. Wir haben ein vielfältiges und leistungsfähiges Forschungssystem in Deutschland, um welches uns viele andere Länder beneiden. Wir sollten es nicht ohne Not immer wieder in Frage stellen, sondern vielmehr aus dem Wettbewerb der Systeme Gewinn ziehen. Die unterschiedlichen Interessen der Akteure eines föderal geordneten, bundesstaatlichen Systems finden darin ihre jeweils spezifischen Entsprechungen.
  3. Wettbewerb der Systeme schließt eine fach- und themenspezifische Kooperation zwischen den Organisationen überhaupt nicht aus sondern bedingt diese geradezu. Die aktuellen Erfahrungen im Umgang mit dem HGF-Strategiefonds oder mit der DFG - Öffnung für die WGL Institute scheinen dies geradezu zu belegen, stimmen jedenfalls optimistisch.

In diesem Sinne, meine Damen und Herren, liebe Kollegen, wünsche ich der HGF weiterhin eine gute Entwicklung und viele konstruktive Partnerschaften in und ausserhalb der Hochschulen ebenso wie in und außerhalb Europas.