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Staatssekretär Prof. Dr. Ingolf V. Hertel: Zur Inbetriebnahme des Gigabit-Testbed Berlin-Potsdam-Erlangen-München
Potsdam-Babelsberg am 25. März 1999

Magnifizenz,
sehr geehrter Herr Minister Reiche,
sehr geehrter Herr Kollege Dr. Thomas,
meine Damen und Herren,

viele von uns, die heute aus Berlin hierher gekommen sind und auch schon vor 10 oder 15 Jahren in Berlin lebten (genauer gesagt, im damaligen West-Berlin), haben sich beim Weg von der Stadt über Wannsee in Richtung Steinstücken sicherlich an jene Zeit erinnert. Die stets zu West-Berlin gehörende aber mitten im Stadtgebiet von Potsdam-Babelsberg, also in der DDR gelegene Exklave Steinstücken war jahrzehntelang politischer Zankapfel zwischen Ost und West. Über den Straßenzugang durften nur die Ortsbewohner fahren, Besuch von außen, selbst z.B. der Bürgermeister von Zehlendorf, musste von den Amerikanern per Hubschrauber eingeflogen werden. Verlief damals die Mauer längs der Stahndorfer-Straße und trennte hier die beiden weltweiten Machtblöcke, so ist es heute nur noch für die Anwohner von Interesse, ob etwa die Berliner oder die Potsdamer Müllabfuhr für sie zuständig ist. Wenn wir auf der anderen Seite aus diesem Gebäude blicken, dann sehen wir den Bahnhof Griebnitzsee - heute ein normaler S-Bahnhof, damals der zentrale Grenzbahnhof der DDR für den Eisen-bahn-Transit-Verkehr zwischen West-Berlin und Westdeutschland. Und wir erinnern uns an das beklemmende Gefühl, welches jedes mal aufkam, sobald man sich den Grenzpolizisten gegenüber sah. War man ihnen doch fast hilflos ausgeliefert und jedenfalls froh, wenn der Zug in Richtung Wannsee weiterfuhr.

Um so mehr freuen wir uns, dass wir heute an diesem geschichtsträchtigen Ort einen weitere Brücke zwischen Berlin und Brandenburg schlagen können - Minister Reiche hat ja schon auf die im exzellenten Verbindungen zwischen unseren beiden Ländern hingewiesen. Wir vollziehen also heute die längst überfällige Verbindung der Wissenschaftsdatennetze von Berlin und Potsdam. Und wir tun dies gleich mit einem richtigen Paukenschlag, mit drei mal 2,4 Gbit pro Sekunde in modernster optischer Technologie. Es handle sich - so hat man mir aufgeschrieben - um den Einstieg in photonische Netze, um wavelength division multiplexing, um edfa / add-drop-mux (ich hoffe Sie sind hinreichend beeindruckt).

Also im Keller dieses Gebäudes, so haben mir meine Fachleute versichert, endet auf der einen Seite die von Berlin kommende Glasfaserleitung des Berliner Wissenschaftsnetzes BRAIN, auf der anderen Seite die aus der Innenstadt von Potsdam kommende Glasfaserleitung des Potsdamer Wissenschaftsnetzes. Die Verbindung dieser beiden Netze ist einer der beiden Gründe für die heutige Feier.

Gleichzeitig verbinden wir heute auch die Region Berlin-Brandenburg mit der Region München-Erlangen durch die gleiche Höchstgeschwindigkeitstechnologie - wir eröffnen also die erste Datenfernautobahn für die deutsche Wissenschaft, eine echte Super-Highway der aufblühenden Informationsgesellschaft. Sie, sehr geehrter Herr Thomas, haben die daraus erwachsenden Potentiale und Chancen ja schon sehr eindrucksvoll geschildert - auch für internationale Position und für die wirtschaftliche Entwicklung unseres Landes, die aus einer engen Kooperation zwischen Wissenschaft und Wirtschaft gerade im IT Bereich erwächst.

Das Land Berlin sieht in der modernen Informationstechnologie (einschließlich Multi-Media) einen seiner drei wichtigsten Technologie- und Forschungsschwerpunkte (neben Biotechnologie/Biomedizin einerseits und der Verkehrstechnologie/Verkehrsmanagement andererseits). Der sogenannte "Berliner Weg in die Informationsgesellschaft" definiert dabei wichtige strategische Projekte, welche dazu beitragen sollen, Berlin zu einer künftigen Global City des Wissens zu machen. Das Ereignis, das wir heute feiern, ist ein wichtiger Meilenstein auf diesem Weg.

Eine Voraussetzung hierfür haben wir in den letzten Jahren bereits geschaffen, das Wissenschaftsnetz BRAIN. Natürlich spielt diese Abkürzung auf "HIRN" an, habe damit aber - so hat man mir aufgeschrieben - nur indirekt zu tun. BRAIN steht für "Berlin Research Area Information Network", also das Berliner Wissenschafts-Datennetz. Vor etwa 10 Jahren überlegten Fachleute aus den Rechenzentren der (West-) Berliner Universitäten und einiger Wissenschaftseinrichtungen, wie die Datenleitungen zwischen diesen Einrichtungen verbessert werden konnten. Standard für diese großen Einrichtungen waren zu dieser Zeit Verbindungen der (damaligen) Deutschen Bundespost mit einer Übertragungsrate von 64 Kilobit pro Sekunde, also etwas, was jeder Bürger heute mit ISDN-Verbindungen nach Hause bekommen kann. Seinerzeit tat sich das Monopolunternehmen Bundespost schwer, den Wissenschaftseinrichtungen breitbandige Netzverbindungen zu akzeptablen Preisen anzubieten. Zur selben Zeit suchte das Landesamt für Informationstechnik (LIT), damals eine Behörde, heute schon fast ein Unternehmen, im Verantwortungsbereich des Innensenators von Berlin, nach einer Lösung für ähnlichen Anforderungen aus der Verwaltung. Das LIT bearbeitet - im Prinzip wenigstens - sämtliche EDV-Anforderungen der verschiedenen Senatsverwaltungen und der Bezirke. Um leistungsfähige Netzverbindungen zwischen den Standorten dieser Behörden herzustellen, kamen pfiffige Köpfe darauf, dass Berlin mit seinen im Straßenland liegenden Rohrleitungen für das Kabelnetz der Berliner Feuerwehr und für die Steuerung der Verkehrsampeln über eine hervorragende Infrastruktur verfügt. Diese Rohre eigneten sich bestens dafür, die Glasfaserkabel für den Datenverkehr aufzunehmen ohne teure Tiefbauarbeiten durchführen zu müssen.

Dabei gelang dann auch der gar nicht so selbstverständliche Schulterschluss zwischen Behörden-Netz und Wissenschafts-Netz. Mitte 1993 kam man überein, die Planung beider Netze zu koordinieren und das vom LIT zu errichtende Netz gemeinsam zu nutzen. Von den 50 Glasfasern stehen 10 ausschließlich der Wissenschaft zur Verfügung. Mittlerweile sind im Stadtgebiet von Berlin 500 km Glasfaserkabel verlegt, rund 200 Standorte von Behörden und 50 Standorte von Wissenschaftseinrichtungen sind angeschlossen. Obwohl das Kabelnetz zwischen LIT und BRAIN gemeinsam geplant und realisiert worden ist, sind aus Sicherheitsgründen die einzelnen Glasfasern unterschiedlichen Anforderungen und damit unterschiedlichen Netzen zugeordnet. Damit ist ein unberechtigter Zugriff auf sensible Daten des Behördennetzes ausgeschlossen.

Die guten Erfahrungen mit dem Berliner Wissenschaftsnetz motivierten die Potsdamer Wissenschaftseinrichtungen, in ihrem Stadtgebiet analog vorzugehen. Das Potsdamer Wissenschaftsnetz ging 1997 in Betrieb. Von Anfang an planten die Beteiligten, voran die Universität Potsdam und das Konrad-Zuse-Zentrum (ZIB) eine Verbindung der beiden Netze. Die gute Zusammenarbeit der beiden Landesregierungen hat dafür den Weg geebnet. Und so können wir heute das große Ereignis feiern. Als Repräsentant einer der beteiligten Landesregierungen, die beide ja erhebliche finanzielle Probleme haben, habe ich mich besonders gefreut, dass die Realisierung dieser Strecke ohne direkte Finanzzuwendungen der Länder erfolgen konnte. Insbesondere die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften und die Max-Planck-Gesellschaft haben sich an der Finanzierung der Arbeiten beteiligt. Im Gegenzug profitieren beide von dieser Verbindung für ihren lokalen Datenverkehr ganz direkt. Und da Berlin wie auch Brandenburg beide Organisationen finanzieren bzw. mitfinanzieren sind wir freilich mittelbar doch wieder auch finanziell beteiligt. Unser ganz besonderer Dank gilt natürlich dem Bund und dem DFN Verein, welche die überregionale Einbindung absichern ebenso wie dem LIT, welches die lokale Netzstruktur bereitstellt.

Für die Zusammenarbeit in Forschung und Lehre, meine Damen und Herren, gibt es ohnedies praktisch keine Landesgrenzen. Der heutige Tag führt aber dazu, dass die Kommunikation nicht nur grenzenlos ist, sondern auch nahezu mit Lichtgeschwindigkeit vollzogen werden kann. Wir werden nachher Beispiele für solche landesübergreifende Kooperationen vorgestellt bekommen und ich brauche daher hier gar nicht auf die vielfältigen neuen Möglichkeiten solcher Netze und der neuen Medien weiter einzugehen. Die Möglichkeit, sie etwa auch im Bereich der Lehre angesichts einer sich differenzierenden und profilierten Wissenschaftslandschaft gezielt einzusetzen zu können, sind gerade in unserer so dichten Hochschul- und Wissenschaftsregion extrem wichtig. In den jetzt mit unseren Berliner Hochschulen ausgehandelten Verträgen wird diesem Aspekt daher ein eigener Absatz gewidmet. So könnte die Region eine Pionierrolle für den Einsatz moderner Medien in der Lehre spielen, denn das Testbed soll ja nur einen Vorgeschmack des künftigen flächendeckenden G-Win werden. Beispielhaft sei auch auf den Kooperativen Bibliotheksverbund Berlin-Brandenburg hingewiesen, welcher in Zukunft alle Bibliotheksbestände der Region Online verbindet und dem Nutzer zugänglich macht. Mit diesem innovativen Bibliothekskonzept wird zwar nicht das Ideal der Bibliothekare von einer 100%igen, einheitlichen Erfassung aller Bestände erreicht - dies wäre in endlicher Zeit und mit endlichem Aufwand überhaupt nicht darstellbar. Erreicht wird aber eine 70 oder 80%ige Zugriffsdichte, die für den "normalen" Nutzer aus unseren Hochschulen und Forschungseinrichtungen mehr darstellt, als er jemals ausschöpfen könnte. Ich möchte dem ZIB und insbesondere Ihnen Herr Grötschel sehr herzlich für das intensive Engagement an der Vollendung dieses Projekts danken.

Natürlich ist auch der Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Adlershof in das heute eröffnete Gigabit-Testbed eingebunden - das wichtigste Projekt der Berliner Wissenschaft - neben der Sicherung von 85 000 Studienplätzen und der Reform unserer Universitäten. Ich betone diese Ergänzung bzw. Einschränkung immer wieder: ich meine die drei Universitäten und Adlershof und Buch einschließlich der notwendigen Infrastruktur, deren Ergänzung wir heute hier feiern. Ich hoffe, dass dieser Hinweis heute einmal nicht überhört wird.

Wie auch bislang schon die Benutzer des BRAIN können nach diesem "Brückenschlag der Netze" die vielen Wissenschaftler in Potsdam die Hochleistungsrechner des ZIB auf dem direkten Weg mit hoher Bandbreite ebenso erreichen wie das Leibniz-Rechenzentrum in München. Wir haben mit großem Interesse, ja ich kann schon sagen mit gewisser Freude, gehört was Sie, Herr Kollege Thomas, vorhin zur Perspektive für den norddeutschen Höchstleistungsrechnerverbund gesagt haben. Wir sind nach wie vor der Meinung, dass das ZIB hier ein besonders zukunftsweisendes Konzept vorgelegt hat, welches von vorn herein auf massiv paralleles Rechnen mit Teraflop Leistung setzt. Ich bin gerade nach Ihren Ausführungen sehr zuversichtlich, dass es uns im zweiten Anlauf gelingt, die Rechnerexperten des Wissenschaftsrats von der Validität des norddeutschen Konzepts zu überzeugen - zumal ja der Doppelstandort Berlin-Hannover durch die bevorstehende Erweiterung des Giggabit-Netzes und Metacomputing einen gewaltigen Technologiesprung gewinnen kann. Dabei darf man freilich nicht nur auf den reinen Bedarf an Rechenkapazität achten, Sie hatten dies, Herr Thomas, wenn ich es richtig verstanden habe, ja schon impliziert. Wenn es allein um den Rechenbedarf ginge: der wird sich - das ist eine alte Erfahrung - immer einstellen. Vielmehr geht es bei dieser neuen Stufe der Rech-nerentwicklung um einen Innovationssprung, den wir gezwungen sind mitzumachen, wenn wir den Anschluss nicht für immer verlieren wollen. Und für die Experten: dabei gilt es ganz besonders auch die nicht numerischen Anwendungen im Auge zu haben.
Anwendungen die z.B. für unserem zweiten regionalen Technologieschwerpunkt Verkehrstechnik von ganz herausragender Bedeutung sein werden.

Und das bringt mich zu einem letzten Punkt: Natürlich kann man sich fragen, ob es angesichts dieser gigantischen Verbesserung der Datennetze überhaupt noch von Bedeutung ist, wo ein Höchstleistungsrechner physikalisch realisiert wird, wo ein Wissenschaftler sein Büro hat, wo eine Firma ihre Produkte herstellt. Die modernen Netze machen die Welt mehr und mehr zum globalen Dorf: Die virtuelle Universität, das räumlich verteilte Kompetenzzentrum, die bundesweit verfügbare Rechenkapazität, der multimediale Hörsaal. All dies wird zur unkalkulierbaren Bestimmungsgröße wissenschaftspolitischer Planung. Dennoch: ich bin fest davon überzeugt, dass - zumindest beim gegenwärtigen Stand der Technik - doch noch sehr vieles dafür spricht, wenn man sich gelegentlich in lebendiger Form trifft, wenn man den wichtigen Experten im Nachbarinstitut oder doch zumindest nur durch ein paar Bahn Stationen getrennt rasch persönlich kontaktieren kann und ihn dazu bewegt mal ins Keyboard zu greifen. Nicht umsonst feiern wir die heutige Veranstaltung nicht am Bildschirm sondern sind von nah und fern hier angereist um uns von Auge zu Auge, von Händedruck zu Händedruck - und ich vermute nachher auch von Glas zu Glas erleben zu können. In diesem Sinne freuen wir uns darauf, dass auch Brandenburg nach einer Reihe von inoffiziellen Gesprächen und Planungen hoffentlich in Kürze auch offiziell zum "Norddeutschen Verbund" stoßen wird. Dieser Verbund wird, davon bin ich überzeugt, die Unterstützung finden, die seinem guten Konzept und der Kompetenz der dieses tragenden Wissenschaftler entspricht.

Mit der Verbindung der Hochgeschwindigkeitsnetze von Potsdam und Berlin ist dazu auf technischer Ebene eine wichtige Etappe erreicht. In Zukunft wird es also auch darum gehen, nicht nur das HIRN, sondern auch das BRAIN in seiner modernsten, heute eröffneten Form zu nutzen.

Prof. Dr. Ingolf Hertel, e-Mail: Hertel@mbi-berlin.de

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