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Staatssekretärs Professor Hertel: Grußwort
Enthüllung einer Gedenktafel am ARD-Hauptstadtstudio am 16. April 1999, um 12.00 Uhr

Sehr geehrter Herr Direktor Engert,
sehr geehrte Herren Präsidenten,
lieber Herr Bradshaw,
lieber Herr Meyer,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

in gut vier Wochen eröffnet die ARD ihr Hauptstadtstudio. Hier auf wahrhaft geschichtsträchtigem Grund: Es ist dies, Herr Engert, um im Bilde einer Ihrer beliebtesten Sendereihen zu bleiben, ein "Tatort Wissenschaft". Das Ge-schehen liegt nun zwar schon einige Jahrzehnte zurück, dennoch sind die "Täter" und ihr wissenschaftlich revolutionäres, weltveränderndes Werk un-vergessen und haben bis heute nicht an Strahlkraft verloren. Um so mehr freue ich mich, dass die Initiative der Deutschen Physikalischen Gesell-schaft, einem der bedeutendsten und nachhaltigsten Kapitel Berliner Phy-sikgeschichte eine Gedenktafel zu widmen, beim Bauherren ARD auf so entgegenkommen Resonanz gestoßen ist. So ist mir hier und heute die Ehre zuteil geworden, an der Enthüllung dieser Gedenktafel im Namen des Senats von Berlin mitzuwirken.

Lassen Sie mich an die Geschichte dieses "Tatortes" anknüpfen, etwa in dem Lessing'schen Sinne: "Die Geschichte soll nicht das Gedächtnis be-schweren, sondern den Verstand erleuchten." Sie wissen, alles fing im Jahre 1871 mit der Berufung Herrmann von Helmholtz zum Ordinarius für Physik und als Nachfolger von Gustav Magnus an die Berliner Universität an. Helmholtz wollte nur dann nach Berlin kommen, wenn ihm der Neubau eines eigenen Institutsgebäudes für Physik zugesagt würde.

Man versuche sich Berufungsverhandlungen solcher Dimension einmal in heutiger Zeit vorzustellen! Auch damals war das offenbar nicht ganz so unproblematisch: Der Neubau kam erst, als Helmholtz drohte, Berlin wieder zu verlassen. Insgesamt dauerte es 8 Jahre - wir würden heute von zügiger Umsetzung sprechen! Mit dem Umzug der Physik vom Hauptgebäude "Un-ter den Linden" in das zum Wintersemester 1877/78 genau an diesem Standort hier fertiggestellte Physikalische Institut der Berliner Universität be-gann eine Glanzperiode der Berliner Physik. Bis in die späten zwanziger Jahre des nun zu Ende gehenden Jahrhunderts reichend, hat sie, sicher unwiederholbar, die Geschichte der Physik nachhaltig geprägt. Dominiert durch die drei herausragenden Gelehrten Hermann von Helmholtz, Max Planck und Albert Einstein, vollzog sich in dieser Zeit eine Revolution des physikalischen Weltbildes, die in ihrer Radikalität und grundsätzlichen Neu-orientierung nur noch mit der Zeit von Galilei bis Newton vergleichbar ist. Ich bin sicher, dass Sie Herr Renn in ihrem nachfolgenden Beitrag darauf ausführlicher eingehen werden. Lassen Sie mich hier lediglich einige wissen-schaftspolitische Anmerkungen machen.

Die großartige Universalität von Helmholtz, der bis 1888 das Physikalische Institut leitete, beförderte eine enge Wechselwirkung zwischen der Physik und anderen klassischen Naturwissenschaften, aber auch mit der Medizin und der Technik. Die damals praktizierte Interdisziplinarität der Berliner Physik in ihrer Blütezeit kann auch heute noch als vorbildlich gelten, wo inzwi-schen jeder von Interdisziplinarität spricht. Sie trug entscheidend zur Her-ausbildung von neuen, fruchtbaren Disziplinen in den Grenzbereichen von Physik und anderen Wissenschaften bei - ich nenne die Physikalische Chemie, die Astrophysik und Geophysik - und war Voraussetzung für die damals einzigartige technologische Innovation, (wie wir heute sagen wür-den). Das Thema ist heute so aktuell wie damals: Das größte innovative Potential moderner Wissenschaften liegt in den Grenzbereichen zwischen den klassischen Wissenschaftsdisziplinen. Das ist ein Grund, warum die Wissenschaftspolitik des Berliner Senats der Netzwerkbildung durch, ar-beitsteilig organisierte, disziplin- und einrichtungsübergreifende Verbund-strukturen so große Bedeutung beimißt. Dieser Prozeß muß zu einer über-zeugenden, von allen beteiligten Akteuren getragenen Schwerpunktbildung und Profilierung des auch heute noch - bzw. heute wieder - hoch potenten Wissenschaftspotentials Berlins führen, das von außen jedoch zumeist noch als unstrukturiert und inkohärent wahrgenommen wird. Dies ist auch der einzige Weg, die immer noch vorhandenen Barrieren und wechselseitig kul-tivierten Verdächtigungen einseitiger Bevorzugungen von universitärer und außeruniversitärer Forschung zu überwinden. Zur Blütezeit der Berliner Physik und ihres Physikalischen Instituts hier am Reichstagsufer gab es sol-cherart wechselseitige Beargwöhnung nicht. Bezeichnenderweise kam die Mehrzahl der in Berlin wirkenden Nobelpreisträger James Franck, Gustav Hertz, Walther Nernst, Wilhelm Wien, Max von Laue, Albert Einstein, Max Planck, Otto Hahn, um nur einige zu nennen, aus dem, in heutiger Sprech-weise, außeruniversitären Bereich ! Kein Mensch hätte dies damals kritisch vermerkt!!

Ältere Kollegen in den USA oder in Israel bekommen noch heute leuchtende Augen, wenn man Ihnen erzählt, daß man in Berlin wissenschaftlich arbeitet. Wissenschaftshistoriker charakterisieren das Physikalische Institut der Berli-ner Universität als den "virtuellen Ort mit der höchsten Nobelpreisträgerdichte". Ja, Berlin und Deutschland waren einmal führend in der Nobelpreis-statistik: Von den insgesamt 100 Nobelpreisen für Physik, Chemie und Me-dizin der Jahre 1901 bis 1932 gingen 31 Nobelpreise an deutsche Wissen-schaftler. Die USA rangierte mit 5 Nobelpreisen noch im Mittelfeld. Ganz anders die Statistik der Nobelpreisvergabe in den gleichen Disziplinen für die Jahre 1965 bis 1996. Von den insgesamt 201 vergebenen Nobelpreisen gingen allein 117 an die USA. Deutschland durfte auf 16 Nobelpreise stolz sein, 5 davon auf dem Gebiet der Physik.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, wenn das keine Herausforderung für die deutsche wie die Berliner Wissenschaftspolitik ist ! Man mag ja zu Nobelpreisen stehen wie man will: Letztlich gelten Sie in der Öffentlichkeit als Maß für Leistungsfähigkeit und Innovationskraft einer Forschungslandschaft. Und wenn sich Berlin zu dem herausfordernden strategischen Leit-bild einer "Global City des Wissens" bekennt, also dazu, zu den wenigen weltweit vernetzten Wissensmetropolen zu gehören, die als Schaltstellen und Drehscheiben der Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts agieren, dann muß es auch erlaubt sein, wieder einmal mit einem Berliner Nobel-preisträger zu rechnen. Natürlich kommt der nicht von alleine, und ob er ü-berhaupt kommt, hängt nicht zuletzt auch davon ab, ob es der For schungspolitik dieser Stadt gelingt, gemeinsam mit den kreativen und ver-änderungswilligen Akteuren der Wissenschaft die erforderlichen adäquaten Rahmenbedingungen zu schaffen.

Unsere jüngste Initiative zu einem Strategieforum Wissenschaft, Forschung und Innovation als einem von Expertenwissen getragenen ständigen kriti-schen wie selbstkritischen Wegbegleiter Berliner Wissenschafts- und For-schungspolitik will einen Beitrag dazu leisten, diese Rahmenbedingungen zu schaffen.

Unsere Strategie muß zugleich die enge Wechselbeziehung von wissen-schaftlicher und technologischer Innovation kultivieren. Zu Zeiten des Di-rektors Helmholtz übrigens noch in seiner Person verkörpert! Die heutige Forschungspolitik versucht sich diesem Ideal mit sehr verschiedener Instru-mentarien und mehr oder weniger ausgeklügelter Praktiken zu nähern.

In dieser Helmholtzschen Absolutheit ist dies sicher unwiederholbar. Doch möchten wir wünschen, dass es, zumindest in Ansätzen oder Teilen, heute jeden Wissenschaftler beflügelt. Dabei ging es Helmholtz ,daran sollten wie uns heute erinnern, keineswegs um die vordergründige oder alleinige Su-che nach irgendwelchen Anwendungen. Helmholtz ermahnte im Gegenteil seine Wissenschaftlerkollegen, zunächst nur nach reiner Erkenntnis zu stre-ben: Anwendungen kämen gewöhnlich "bei Gelegenheiten zum Vorschein, wo man es am wenigsten vermutet hatte; ihnen nachzujagen führe gewöhn-lich nicht zu einem Ziele".

Dies gilt auch heute unvermindert fort. Die Grundlagenforschung ist der Humus, auf dem längerfristig industrieller und gesellschaftlicher Fortschritt überhaupt erst gedeihen können. Wir brauchen also beides, eine starke Grundlagenforschung sowie eine zielführende Anwendungsorientierung der Forschung in enger, vertrauensvoller Wechselwirkung mit der Industrie. Dafür setze ich mich ein.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, wenn wir heute zu Ehren großer Physikerpersönlichkeiten und ihres fortwirkenden Werkes unter den Augen von Wissenschaftlern und Medienvertretern eine Gedenktafel am Gemäuer des Hauptstadtstudios der Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten Deutschlands enthüllen, so muß ich zum Schluß ein wichtiges gemeinsames Thema anzusprechen: Den Wissenschaftsjournalismus und die Darstellung von Physik, von moderner Wissenschaft schlechthin in den Medien. Im Be-reich des "Public Understandig of Science" ist Deutschland im Vergleich zu den USA, aber auch zu unseren europäischen Nachbarn noch hochgradig defiziter! Angesichts der rasant zunehmender Komplexität und Kompliziert-heit unserer hoch technisierten Welt müssen wir Wissenschaft für eine breite Bevölkerungsschicht verständlich und vertraut machen. Wir müssen den um sich greifenden Vorbehalten, ja dumpfen, rational nicht nachvollziehbaren Ängsten gegenüber Wissenschaft und ihren Anwendungen seriöse und zugleich griffige Aufklärung entgegensetzen. Wir müssen wirren esoteri-schen, ja astrologischen oder mystifizierenden Irrlehren, die um sich greifen, Einhalt gebieten.

Wenn ich richtig informiert bin, schätzt ein Großteil der Medienbranche den "Unterhaltungswert" wissenschaftlicher Themen als gering ein. Er liegt si-cher auch nicht immer und sofort ablesbar auf der Hand. Und dennoch müs-sen wir gemeinsam, Wissenschaft und Medien, mit Sachverstand, Fingerspitzengefühl und medialem Geschick, wesentlich mehr gemeinsam tun. Vielleicht kann dieser Tag an diesem Ort, lieber Herr Engert, der Beginn ei-ner wunderschönen Freundschaft zwischen der Physik, der Wissenschaft allgemein und der ARD sein.

Prof. Dr. Ingolf Hertel, e-Mail: Hertel@mbi-berlin.de

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