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Staatssekretär Prof. Dr. Ingolf V. Hertel : Grußwort zur Gründungsveranstaltung zum Forschungsnetzwerk Verkehr und Mobilität beim Forschungs- und Anwendungsverbund Verkehrssystemtechnik (FAV) am 5. Mai 1999

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
meine Damen und Herren,

ich möchte mich für die Einladung zu Ihrer heutigen Gründungsversammlung bedanken und Ihnen zunächst einmal versichern, dass ich die Bildung eines "Forschungs-netzes Verkehr und Mobilität" nachdrücklich unterstütze. Die auf vielen Gebieten tatsächlich oder potenziell höchst leistungsfähige Berliner Forschungslandschaft bedarf, ich habe dies bei vielen Gelegenheiten betont, vor allem der weiteren Profilierung und Strukturierung, der Bildung von kritischen Massen, welche im Vorfeld künftiger Schlüsseltechnologien national und international an vorderster Front wettbewerbsfähig sind und der Netzwerkbildung, welche es gestattet, dieses Potenzial möglichst effizient für die technologische und wirtschaftliche Entwicklung der Region zu nutzen.
Sinnhaftigkeit, Kohärenz und Leistung der Berliner Forschungslandschaft muss sich auch dem Außenstehenden Beobachter und dem wissenschaftlich interessierte Laien problemlos erschließen.

Die Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur fördert den Forschungs- und Anwendungsverbund Verkehrssystemtechnik seit Januar 1998. Wir wollen so dem großen Berliner Forschungspotenzial auf dem Gebiet von Verkehr und Mobilität eine Chance zur Selbstorganisation und Bündelung geben. Diese interdisziplinären Forschungsverbunde haben sich als Instrument der wissenschaftlichen Selbstorganisation und der Vernetzung mit der Industrie auf zukunftsträchtigen Forschungsfeldern bewährt. Die heute als herausragende Technologiepotenziale der Region Berlin/Brandenburg von Politik und Wirtschaft anerkannten Forschungs- und Entwicklungsschwerpunkte haben allesamt ihre Wurzeln in solchen interdisziplinären Verbünden.

Als Belege für die Leistungsfähigkeit der derzeit laufenden IFV's sehen wir dabei u.a.:

- die eingeworbenen großen, vom Bund (BMBF) geförderten Projekte, wie z. B. die "Proteinstrukturfabrik", die vom IFV Strukturbiologie initiiert wurde;
- die Vorbereitung und Nachbereitung von Forschungspolitischen Dialogen, welche eine große Resonanz auch in der Wirtschaft gefunden haben;
- die Ausarbeitung eines Konzepts für den Aufbau eines Zentrums für Mikrotechnik und Mikrosystemtechnik bei BESSY in Adlershof durch den IFV Mikrosystemtechnik. In diesem Zentrum soll das Know-how von fünf außeruniversitären Forschungsinstituten und mehreren Instituten der TUB gebündelt werden. Ziel ist die Bereitstellung von mikrosystemtechnischen Lösungen für KMU´s;
- die gelungene Einbindung des IFV Bahntechnik in den Forschungsverbund "Leiser Verkehr", der auf Initiative des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt gegründet wurde.

Um es deutlich zu sagen: Ich denke, der Zeitpunkt für diese Veranstaltung ist überreif. In Berlin besteht Einvernehmen darin, dass Verkehr und Mobilität ein entscheidender Forschungsschwerpunkt und ein zukunftsträchtiges Technologiefeld sind - ganz besonders für die Metropole Berlin und die umliegende Region. Gegenüber anderen Forschungs- und Technologiefeldern besteht hier der ganz große Vorteil, dass in der Region wichtige Exponenten der verkehrstechnischen Industrie und große Betreibergesellschaften angesiedelt sind, dass wir uns in einem geradezu einzigartigen Anwendungsfeld für "Freilandversuche" befinden und dass politische Unterstützung auf höchster Ebene durch den vom Regierenden Bürgermeister und den Brandenburgischen Ministerpräsidenten geleiteten Strategiekreis Verkehr und Mobilität gesichert ist.

Berlin steht freilich im harten Wettbewerb mit anderen Regionen. Die Zeit drängt. Die Wissenschaft braucht jetzt ein leistungsfähiges Netzwerk von Partnerschaften, die sich in kohärentem Wirken und in interdisziplinärer Zusammenarbeit üben. Sie ist herausgefordert, große innovative Projektideen zu entwickeln, die gegenüber anderen Regionen Leuchttürme darstellen. Das Erarbeiten und Umsetzen von Demonstrationsprojekten macht das Zusammenwirken von Naturwissenschaftlern, Ingenieuren, Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlern und z. T. auch Juristen erforderlich. Wir müssen die Chancen des noch laufenden Aufbaus unseres "Neuen Berlin" dazu nutzen, innovative Verkehrstechnologie wirklich auch in der Anwendung zu zeigen. Wo, wenn nicht hier in Berlin, wäre beispielhafter und wirkungsvoller zu demonstrieren wie dabei die Einbindung eines reichen Potenzials an benachbarten oder komplementären Kompetenzfeldern in Forschung und Technologie es gestattet, effizient Systemlösungen zu schaffen und zu nutzen.

Lassen Sie mich dabei auf vier Aspekte hinweisen, die es - spezielle Gunst der Stunde - gerade jetzt für eine solche disziplinübergreifende Zusammenarbeit in der Verkehrsforschung zu nutzen gilt:

1. Aufbau eines Schwerpunktes Verkehrsforschung und -technik im DLR

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat eine wesentliche Stärkung der deutschen Verkehrsforschung und -technik angekündigt. Der Senat des DLR hat unter Vorsitz von Staatssekretär Thomas Ende November 1998 folgenden Beschluss gefasst: "Der Senat stimmt der Einrichtung eines Programmschwerpunktes Verkehrsforschung und -technik im DLR grundsätzlich zu und beauftragt den Vorstand, die Umsetzung gemeinsam mit dem BMBF in Abstimmung mit dem Bundesverkehrsministerium, den anderen Zuwendungsgebern sowie Partnern aus Industrie und Forschung vorzubereiten. Ein Sachstandsbericht und ein Konzept zur Ausgestaltung des neuen Schwerpunktes wird vom Vorstand in der Senatssitzung im Juni 1999 vorgelegt." Soweit das Zitat.

Die Begründung des Beschlusses enthält bereits erste Aussagen zu Organisation und Ressourcenbedarf: Der auszubauende Programmschwerpunkt Verkehr soll als Knoten in einem arbeitsteiligen Netzwerk mit leistungsfähigen Partnern aus Wirtschaft und Wissenschaft etabliert werden. Dabei sollen Leitthemen bearbeitet werden. Es liegt also auf der Hand, dass der FAV rasch handeln muss, um in das laufende Geschehen die Berliner Interessen wirkungsvoll einzubringen. Auf meine Unterstützung, auch auf der Ebene des DLR Senats, dürfen Sie dabei rechnen. Berlin muss hierfür rasch ein attraktives Konzept vorlegen und dieses möglichst materiell hinterlegen - ich schaue dabei insbesondere auf die Technische Universität. Baldmöglichst müssen konkrete Gespräche mit dem DLR-Vorstand geführt werden. Diese zügig aufzunehmen, hat Herr Kollege Ewers bereits zugesagt - so hat man mir wenigstens berichtet. Ich weiß andererseits, dass der Vorstand der DLR schon auf diese Kontaktaufnahme wartet und dass auch der Bund einem entschlossenen Berliner Handeln mit Spannung entgegensieht.


2. Ausarbeitung einer Verkehrssystem- und Technologiestrategie für die Region Berlin/Brandenburg - Vision 2020

Der Strategiekreis Verkehr und Mobilität hat sich in seiner Sitzung am 11. Januar 99 darauf verständigt, hierzu kurzfristig eine Machbarkeitsstudie auszuarbeiten und hat mit der Ausarbeitung das Technologiezentrum für Verkehrstechnik Hennigsdorf beauftragt. Bisherige Workshops haben zu dem Ergebnis geführt, dass die schnelle Ausarbeitung von Visionen für die Verkehrssystementwicklung in der Region und daraus abgeleitete Handlungsstrategien dringend erforderlich sind. Diese Erkenntnis allein hat freilich nur begrenzten Neuigkeitswert. Der FAV ist also aufgefordert, sich in die konkrete Ausarbeitung einzubringen. Es ist eine gemeinsame fachgebietsübergreifende Meinungsbildung erforderlich, weil Ziele, Visionen und Maßnahmen für die Entwicklung von Verkehr und Mobilität für die Region Berlin und Brandenburg erarbeitet werden sollen.

3. Quervernetzung mit anderen Forschungsschwerpunkten als Chance für innovative Projekte

Am 30. April hat der 8. Forschungspolitische Dialog zum Thema "Angewandte Mathematik - die verborgene Schlüsseltechnologie" stattgefunden. Dieser Dialog hat deutlich gemacht, wie durch die Nutzung der Angewandten Mathematik u. a. auf dem Anwendungsfeld der Verkehrsplanung innovative Projektideen entwickelt wurden. Berlin verfügt über ein ausgezeichnetes Forschungspotenzial auf dem Gebiet der Angewandten Mathematik. Diesen Standortvorteil gilt es auf wichtigen Technologiefeldern, hier also im Bereich der Verkehrstechnik, noch besser zu nutzen. Die beteiligten Akteure müssen sich von der leider noch allzu verbreiteten, irrigen Annahme lösen, sie könnten alle anstehenden Probleme nach tradierten Verfahren jeweils allein am besten lösen - weil ungestört von alternativen Ideen und unerwünschten Kostgängern.

Ich möchte auch auf die notwendigen Querverbindungen zur Materialforschung hinweisen. Ansprechpartner könnte auch hier wieder ein von unserem Hause geförderte Verbund, der IFV "Technische Materialien" sein.

Auch das in Berlin gut ausgebildete wissenschaftliches Potenzial auf dem Gebiet der Informationstechnik sollte für die Verkehrstechnologie ein Bedürfnis sein. Die Einbeziehung von Heinrich-Hertz-Institut, den Instituten des GMD wie auch der Fraunhofer-Institute halte ich für erforderlich.

4. Nutzung des vom BMBF gestarteten Wettbewerbs zur Mobilisierung regionaler Initiativen in den neuen Bundesländern

Bundesministerin Bulmahn hat ein neues Förderprogramm "Innovative Impulse für die Regionen - InnoRegio" für die Regionen in Ostdeutschland aufgelegt (http://www.bmbf.de/deutsch/aktuell/i_042199.htm). Ziel ist die Stärkung der Innovationskraft in den Regionen durch die Bündelung der bestehenden Potenziale von Bildungs- und Forschungseinrichtungen sowie Wirtschaft und Verwaltung. Das Programm wird als Wettbewerb ausgeschrieben; es ist eine themenoffene Förderinitiative. Geplant ist die Bereitstellung von 500 Mio DM bis zum Jahr 2005. Die Richtlinien stehen inzwischen zur Verfügung - sie lassen einen großen Spielraum für innovative Kreativität zur Nutzung der Forschungs- und Entwicklungspotenziale in den neuen Bundesländern.

Anträge und Bewerbungsunterlagen sind bis 15. August 1999 einzureichen. Diese Chance sollte der FAV nutzten. Vielleicht sind die Entwicklung eines innovativen Verkehrskonzepts in der "Stadt für Wissenschaft und Wirtschaft Berlin Adlershof" oder der Bau eines Eisenbahnfestrings im Land Brandenburg oder die Nutzung modernster optischer Messtechniken für die Verkehrssteuerung unter Einbeziehung von satellitenbasierten Systemen (lokalisiert am DLR in Adlershof) mögliche Projektideen. Ihrer aller Kreativität ist jetzt gefragt.

Ich möchte anregen, die heutige Veranstaltung zu nutzen, um eine Verständigung über die nächsten Aufgaben und Arbeitsschritte herbeizuführen. Für wichtig halte ich auch den Aufbau einer effizienten Substruktur des Netzwerkes. Dabei würde ich mir wünschen, noch weit stärker als dies schon jetzt erkennbar ist, auch über die TU hinaus ein Berlin-Brandenburger Forschungsnetzwerk Verkehr und Mobilität entstehen zu sehen.

Ich hoffe, dass die Diskussion hierzu wertvolle Anregungen liefert und wünsche in diesem Sinne der Veranstaltung einen erfolgreichen Verlauf.

Prof. Dr. Ingolf Hertel, e-Mail: Hertel@mbi-berlin.de

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