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Staatssekretär Prof. Dr. Ingolf V. Hertel : Grußwort
84. Esperanto-Weltkongress am 5. August 1999 um 19.00 Uhr (Berliner Rathaus)

Sehr geehrter Herr Präsident Enderby,
meine Damen und Herren,

im Namen des Senats von Berlin begrüße ich Sie sehr herzlich in Berlin anlässlich Ihres 84. Esperanto-Weltkongresses und wünsche Ihnen auch für die letzten zwei Tage eine anregende Tagung und zugleich einen angenehmen Aufenthalt in der deutschen Hauptstadt. Als Mitglied des Ehrenkomitees Ihres Kongresses hat der Regierende Bürgermeister von Berlin, Herr Eberhard Diepgen, mich gebeten, Ihnen seine ganz besonders herzlichen Grüße zu übermitteln. Er bedauert es sehr, heute verhindert zu sein. Ich persönlich bedauere es, Sie nicht in der Sie alle verbindenden Sprache, in Esperanto, begrüßen zu können. Es ist ja schon sehr beeindruckend zu erfahren, dass sich hier etwa 3000 Teilnehmer aus aller Welt offenbar mühelos in einer jetzt seit über 100 Jahren gewachsenen Plansprache verständigen können, die keine Nation bevorzugt oder benachteiligt. Sie haben in den letzten Tagen ja schon ein umfangreiches, intensives und - davon gehe ich aus - für alle Beteiligten ertragreiches Programm absolviert. Ich hoffe, dass Sie trotzdem am Rande Ihrer Tagung auch noch etwas Zeit gefunden haben (oder in der noch verbleibenden Zeit finden werden), um unsere Stadt, die neu erstehende deutsche Hauptstadt im Um- und Aufbruch, ein wenig kennen zu lernen und das vielfältige kulturelle Leben zu genießen oder sich von der intensiven Bautätigkeit in unserem Neuen Berlin beeindrucken zu lassen. Ich hoffe auch, dass Sie unsere Stadt als tolerant, weltoffen und im besten Sinne international orientiert erleben konnten, so ganz im Sinne des Geistes, den Sie mit Ihrem Kongress pflegen.

Ihre diesjährige Tagung steht unter einem bemerkenswerten Motto. "Globalisierung eine Chance für den Frieden", das lässt aufhorchen und nachdenken. Gewiss bleiben Sie damit dem Anliegen der "Weltsprachenidee" treu, die in der Möglichkeit einer einheitlichen Verständigung durch eine Plansprache zugleich die Chance friedlicher Konfliktlösung zwischen den Völkern sieht. Bemerkenswert an Ihrer Fragestellung scheint mir aber, dass Sie ausdrücklich die möglichen positiven Folgen der Globalisierung in den Vordergrund Ihrer Überlegungen stellen, während gerade hier in Deutschland der Begriff Globalisierung oft genug eher negativ besetzt ist, ja z. T. als Bedrohung empfunden wird. Ich pflichte Ihnen gerne bei, dass die weltweite Vernetzung der Wirtschaft und die zunehmende Verdichtung der weltweiten Kommunikation unter Nutzung der modernen Medien, der schnellen Datenautobahnen und des Internets nicht zuletzt eine großartige Chance für eine besseres Verständnis zwischen den Völkern bedeutet. Und gewiss nimmt durch diesen technischen, sozialen und wirtschaftlichen Fortschritt und durch das zunehmende Aufeinander-Angewie-sen-Sein der Nationen auch die Fähigkeit totalitärer Systeme ab, ihre Bevölkerung zu indoktrinieren und von jeder freien Information abzuschneiden. Die Zeit arbeitet insoweit also für die Grundidee des Esperanto: alle Menschen werden zunehmend dazu in die Lage versetzt, sich jederzeit frei untereinander verständigen zu können.

Für Wissenschaft und Forschung, für die ich in Berlin als Staatssekretär zuständig bin, ist diese Herausforderungen, sind die großartigen Möglichkeiten moderner Kommunikation seit vielen Jahren eine Selbstverständlichkeit. Berlin besitzt, dies ist Ihnen gewiss bekannt, eine umfassende und vielfältige Wissenschafts- und Forschungslandschaft mit drei Universitäten, 8 Fachhochschulen und 4 künstlerischen Hochschulen und einer Vielzahl außeruniversitären Forschungseinrichtungen, die voll in den weltweiten - ebenso stimulierenden wie in aller Regel friedlichen - Wettbewerb der Gelehrten, Forscher und Erfinder eingebunden sind - und die sich in zunehmendem Masse auch einem immer heftiger werdenden Wettbewerb auf einem globalen "Bildungsmarkt" stellen müssen.

Dabei durchläuft das deutsche Hochschul- und Wissenschaftssystem derzeit einen dramatischen Wandlungsprozess, welcher an den Grundfesten seiner Tradition rüttelt: Als 1810 in Berlin die Friedrich-Wilhelms-Universität, also die heutige Humboldt-Universität gegründet wurde, ging von ihrer neuartigen Organisation und einem neuen Wissenschaftsverständnis ein ungeheurer Innovationsschub aus, der weltweit einen kaum zu überschätzenden Einfluß auf die allgemeine Idee der Universität nehmen sollte. "Globalisierung" - im Bereich der Wissenschaft zumindest - ist also keineswegs eine gänzlich neue Erscheinung. In Deutschland hat sich damals ein Verständnis der Universität entwickelt, welches sie als staatliche Aufgabe von höchstem Rang mit gleichzeitig hoher Autonomie in den akademischen Angelegenheiten zu großer Blüte und Fruchtbarkeit gedeihen ließ. Die Idee der Universitas Literarum, die Einheit von Forschung und Lehre Humboldt'scher Prägung, und die im heutigen Deutschen Grundgesetz garantierte Freiheit von Forschung und Lehre bildeten und bilden nach wie vor die Grundfesten unseres Universitätssystems.

Nach nunmehr 180 Jahren im Zeitalter der neuen Welle von Globalisierung, welche ja das Thema Ihrer Konferenz ist, zeigt sich dennoch, dass die alten Vorstellungen und Konzepte nicht mehr in allen Facetten durchgängig stimmig sind und vor allem, dass das System Hochschule, das Regelwerk aber auch das inhaltliche Selbstverständnis, wie es sich heute bei uns darstellt, grundsätzlich neu überdacht werden muss. Und ich will dies nicht nur auf die aktuelle Organisationsform beschränken - wiewohl diese fast unbestritten am reformbedürftigsten ist. Wir erleben ja nicht nur das Zusammenwachsen Europas durch einen gemeinsamen Binnenmarkt, sondern vor allem auch die rasant zunehmenden weltweiten Verflechtungen und die praktisch instantane und ubiquitäre Verfügbarkeit allen Wissens Tag für Tag in der Praxis. Und damit verbunden eine implizite auch ein unglaubliches Angebot an Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten und innovativen Ideen, mit welchem unsere Hochschulen zu konkurrieren haben! Wenn wir also den Anschluss nicht verlieren wollen, müssen wir uns diesem globalen Wandel mit höchster Flexibilität und größter Leistungsbereitschaft stellen. Die entsprechenden Reformdiskussion wird in Deutschland seit einer Reihe von Jahren mit zunehmender Dringlichkeit auf allen relevanten Ebenen von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft geführt, und die notwendigen Schritte zur praktischen Umsetzung werden mit zunehmender Intensität realisiert.

Die Wissenschaft und die Wissenschaftspolitik in Berlin verstehen sich dabei als in der ersten Reihe stehend. Die Stichworte lauten mehr "Wettbewerb" der Hochschulen (untereinander aber auch innerhalb der einzelnen Hochschulen) und "Profilierung" - also eine inhaltliche Neuorientierung - und als Voraussetzung dafür "leistungsgerechte Finanzierung" und "Planungssicherheit". Auf der anderen Seite geht es um "Stärkung der Hochschulautonomie" und "Deregulierung" - wovon vor allem auch effizientere Organisationsformen erwartet werden. Über diese Grundlinien herrscht in Deutschland inzwischen weitgehender Konsens und Berlin gibt seinen Hochschulen eine große Freiheit, verschiedene Modelle zu erproben. Es würde den Rahmen bei weitem sprengen, wenn ich Ihnen darüber ausführlich berichten wollte. Gewissermaßen als Querschnittsthema liegt über all diesen Reformbemühungen aber die Herausforderung einer konsequenten "Internatio-nalisierung unserer Hochschulen" - was uns wieder zum Anliegen Ihres Kongresses zurückbringt. Auch hierzu kann ich nur ganz kurz drei Aspekte anreißen: Erstens haben wir den gesetzlichen Rahmen geschaffen und uns mit den Hochschulen über die Eckpunkte zur Umsetzung verständigt, wie wir neben den klassischen deutschen Diplom- und Magistergraden auch internationale Grade wie Master und Bachelor einführen können.

Dies wird zwanglos zu einer tiefgreifenden Umstrukturierung der Studieninhalte und der Studienorganisation führen. Zweitens achten wir, damit eng verbunden, auf eine flexible Modularisierung des Studienaufbaus, die durch ein in Europa verbindliches Leistungspunktesystems (das ECTS) dokumentiert wird, um so eine internationale Vergleichbarkeit und Anrechenbarkeit von Studienleistungen herzustellen. Dies wird die Mobilität der Studierenden massiv fördern und vor allem auch mehr Studierende aus allen Ländern der Welt in unsere Stadt führen - das ist, ich betone dies hier in aller Form - ganz ausdrücklich politisch so gewollt. Berlin wünscht sich einen hohen Anteil an ausländischen Studierenden an seinen Hochschulen! Dies bedingt drittens verstärkte Anstrengungen, fremdsprachlichen Unterricht einzuführen, die Lebensbedingungen für ausländische Studierende in unserer Stadt noch attraktiver zu gestalten und umgekehrt auch die soziale Kompetenz deutscher Studierender für andere Kulturkreise zu erhöhen. Ich bin sicher, dass diese politische Zielsetzung ganz dem Geiste Ihrer Bewegung und Ihrem Kongressmotto "Globalisierung - eine Chance für den Frieden" entspricht.

Wir erleben also heute eine tiefgreifende Veränderung unserer Wissenschafts- und Hochschullandschaft, die sich vor dem Hintergrund der ökonomischen, sozialen und - so meine ich - auch politischen Globalisierung vollzieht. Unser gesamtes Bildungssystem wird zunehmend in den Dienst einer Stärkung der internationalen Kooperations- und Wettbewerbsfähigkeit treten müssen - und dies gilt gewiss nicht nur für Deutschland sondern weltweit. Wenn heute auf der ganzen Welt die verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen und Wissenschaftlergruppen über die gleichen Probleme der Menschheit forschen und sich auf Weltkongressen - wie dem Ihrem - über Lösungswege
verständigen, so ist dies ganz ohne Zweifel zugleich einem Beitrag zur Förderung des Friedens in der Welt und der Verständigung der Völker.

Meine Damen und Herren,

ich habe auf Ihrem Weltkongress, dessen offizielle Sprache ja das Esperanto ist, Ihre Aufmerksamkeit mit einem Grußwort auf Deutsch schon viel zu lange in Anspruch genommen. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen noch einen angenehmen Abend.

Prof. Dr. Ingolf Hertel, e-Mail: Hertel@mbi-berlin.de

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