Begrüßung des Deutschen Luft- und Raumfahrtkongresses am 27. September 1999

Sehr geehrter Herr Vorsitzender,
lieber Herr Kollege Rath,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
meine Damen und Herren,

Sie haben sich für Ihre Tagung im "Neuen Berlin", wie wir es gerne nennen, einen sehr spannenden Zeitpunkt gewählt: seit die Deutsche Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt das letzte mal hier getagt hat - 1991, wenn ich richtig unterrichtet bin - hat sich hier ungeheuer viel verändert. Umbruch, Aufbruch und erste Anzeichen von Konsolidierung sehen Sie nicht nur an den vielen Großbaustellen, die allmählich einem guten, erfolgreichen Abschluss zustreben, die Stichworte Umzug der Bundesregierung und Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus am 10. Oktober brauche ich wohl nicht ausdrücklich zu erwähnen, und die Zahl der Aktivitäten und Veranstaltungen in Berlin nimmt, so scheint es manchmal, geradezu exponentiell zu. Mit zwei Worten: Berlin wird!

Dies macht es freilich auch zu einem sehr komplexen Geschäft, die Terminpläne der Spitzenpolitiker des Landes auf die vielen wichtigen Veranstaltungen abstimmen, die zu Recht besondere Aufmerksamkeit in dieser Stadt erwarten.

Mit anderen Worten: der Regierende Bürgermeister von Berlin Herr Eberhardt Diepgen bedauert es ganz außerordentlich, Sie heute nicht persönlich begrüßen zu können. Er hat mir noch einmal ausdrücklich aufgetragen, Ihnen dies zu vermitteln, denn gerade Wissenschaft, Forschung und moderne Technologien liegen ihm ganz besonders am Herzen. Er engagiert sich immer wieder persönlich, wenn es darum geht, Berlin als Wissenschaftsstadt auf den Weg zur "Global City des Wissens" voranzubringen. So moderiert er z.B. gemeinsam mit dem Brandenburger Ministerpräsidenten den Strategiekreis Verkehrstechnik, ein Arbeitskreis aus Forschern, Technikern, Herstellern und Anwendern moderner Verkehrstechnik, der diese Stadt in Richtung eines wirklichen Kompetenzzentrums im gesamten Bereich des Verkehrs entwickeln will. Die Luftfahrt spielt dabei natürlich eine ganz wesentliche Rolle.

Da aber auch die Bürgermeisterin und Finanzsenatorin (für heute Abend angekündigt) verhindert ist müssen Sie mit mir als dem für Wissenschaft und Forschung im Land Berlin zuständigen Staatsekretär vorlieb nehmen. Ich begrüße Sie also im Namen des Berliner Senats sehr herzlich in Berlin, in der Stadt, die einmal so etwas wie die Wiege der deutschen Luftfahrt war und ich beglückwünsche Sie zugleich auch zur Wahl Ihres Treffpunkts für die heutige Abendveranstaltung: wir sind stolz auf dieses Museum. Hier gibt es Wissenschaft und Technik zum Anfassen, und ich brauche Ihnen gewiss nicht zu erläutern, wie wichtig in dieser Zeit ein echtes Public Understanding of Science and Technology. Ihre Tagung in der deutschen Hauptstadt, davon gehe ich aus, wird gewiss auch zu diesem Thema wichtiges beitragen. Sie wird die einen Teil der technologischen Grundlagen unserer modernen Gesellschaft ins Gedächtnis rufen, die - wie es scheint - gelegentlich angesichts vielerlei irrationaler Ängste gelegentlich vergessen werden.

Das Ende unseres Jahrhunderts und Ihr Kongress in der deutschen Hauptstadt reizt zum Rückblick. Berlin ist für die deutsche Luft- und Raumfahrt geschichtlicher Boden, hier erreichte sie historische Höhen, besonders in der ersten Jahrhunderthälfte. Was mit Otto Lilienthals fulminantem 25-Meter-Gleitflug in Berlin-Lichterfelde begann, fand seinen ersten Höhepunkt im Transatlantik-Luftverkehr des Grafen Zeppelin.

Die Begeisterung von der Fliegerei kannte damals kaum Grenzen. Was schwebte, flog oder in den Himmel schoss, brachte die Berliner auf die Straßen. Die sonst so abgebrühten, mit der Moderne auf Nachbarschaft lebenden Großstädter, waren fasziniert von dem, was sich über ihren Köpfen abspielte.

Als im Jahr 1909 der erste deutsche Motorflugplatz Johannisthal-Adlershof eröffnet wurde, kamen in einer Woche 200 000 Menschen um 36 Maschinen, davon 24 Zweidecker zu erleben. Zwei Jahre später waren es an einem einzigen Tage sogar 600 000, die schon ab 2h in der Nacht begannen ein für damalige Verhältnisse unglaubliches Verkehrschaos zu erzeugen, um sich an einer Luftfahrschau zu begeistern.

Wie bei der heutigen Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung in Berlin-Schönefeld, wurden bereits damals Eintrittsgelder erhoben. Mit ihnen finanzierten die Himmelsstürmer zum Teil Experimente und Flugmaschinen. Auch auf dem Raketenversuchsgelände in Berlin-Reinickendorf, wo der junge Wernher von Braun seine Testprojektile - im Grunde genommen größere Feuerwerksraketen - nach oben schickte, musste das Publikum seine Groschen entrichten. Damit will ich der gegenwärtigen Luft- und Raumfahrt in Deutschland keineswegs eine alternative Finanzierungsidee nahe legen oder neue Modelle zur Public-Private Partnerschaft insinuieren. Ich möchte viel mehr auf die Faszination hinweisen, die das Fliegen und die Sphären für uns am Ausgang des 20. Jahrhunderts noch immer besitzen.

Das dies auch heute noch so ist, führte uns gerade jüngst der 11. August dieses Jahres eindrucksvoll vor Augen. Es ist schon erstaunlich, welche magische Anziehungskraft in einer angeblich naturwissenschaftlich- technisch entzauberten Welt, von den Himmeln über uns auf uns ausgehen. Die totale Sonnenfinsternis im Sommer brachte von der Kanalküste bis in die Karpaten Millionen von Menschen auf die Straßen.

Das Spektakel um die verdeckte Sonne zeigte einmal mehr, dass dem Wissens- und Forschungsdrang des Menschen vor allem Neugierde und Begeisterung zugrunde liegen. So auch im Jahr 1912, als in Berlin die "Wissenschaftliche Gesellschaft für Flugtechnik", die Vorgängerin Ihrer "Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt" entstand. Im selben Jahr wurde übrigens auch der Verein "Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt" gegründet. Das Flugfeld Johannisthal-Adlershof wurde zu seinem Testgelände und beheimatete seit 1911 die erste Luftfahrtschule in Deutschland. Hier entstand dann, wenn man so will, der erste deutsche Technologiepark, vielleicht einer der weltweit ersten überhaupt: eine Mischung aus öffentlich finanzierter Forschung, Wirtschaftsunternehmen und Anwendern der Luftfahrt.

In den zwanziger Jahren stieg Berlin vor allem mit dem zentraler gelegenen Flughafen Tempelhof zum internationalen Luftkreuz auf. Krieg und Spaltung nahmen uns diesen Rang. Doch blieb die besondere Affinität der Berliner zum Fliegen. Die ganz besondere, existenzielle Bedeutung der Luftfahrt wurde der Stadt wie keiner zweiten zur Zeit der Blockade 1948/49 deutlich. Die damalige Luftbrücke, noch heute das wohl aufwendigste und komplizierteste Logistikunternehmen der Fluggeschichte, versorgte eine Millionenstadt mit dem Notwendigsten.

Die Geschichte Berlins spiegelt sich überhaupt auf eigentümliche Weise in seinen Flughäfen wider - insgesamt fünf an der Zahl. Auf den ersten, oberflächlichen Blick würde man dies heute nicht unbedingt vermuten. Das inmitten der Stadt gelegene Tempelhof verfügt zwar noch immer über eines der größten zusammenhängenden Flughafengebäude der Welt - ist aber ein Regionalflughafen. Tegel ist modern und für seine Größe ungemein leistungsfähig, aber entschieden zu klein für das beständig steigende Fahrgastaufkommen. Das noch kleinere Flugfeld in Gatow versinkt in Vergessenheit und wird sich voraussichtlich vom Luftverkehr ganz verabschieden.

So ging es auch früh dem Flugfeld Johannisthal-Adlershof. Der erste Motorflughafen Deutschlands besteht schon seit Ende des II. Weltkriegs nicht mehr. Zu DDR-Zeiten diente das Areal dem Staatsrundfunk und -fernsehen, dem berüchtigten Wachregiment sowie der Akademie der Wissenschaften. Seit dem Fall der Mauer erfährt Adlershof einen steilen Aufstieg bei Forschung, Entwicklung und Anwendung. Auf 460 Hektar, auf und rund um das einstige Flugfeld, entsteht heute eine Stadt für Wissenschaft und Wirtschaft, in dessen Herz am Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Adlershof (WISTA) ein High-Tech-Zentrum entsteht, dass sich in seiner Dichte und Intensität weltweit sehen lassen kann: 12 große außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, über 200 kleine Firmen, die Naturwissenschaften der HU auf dem Wege (bis 2003 werden sie zum überwiegenden Teile dort ihren Lehrbetrieb aufgenommen haben). Und, was besonders wichtig ist: Adlershof ist eine Erfolgsstory: heute arbeiten dort wieder fast 4500 Mensche und selbst der sonst doch eher kritische Spiegel bestätigte dem Standort: "Die Adlershofer Mischung beherbergt eine für Berlin ganz ungewöhnlich hohe Dichte von guter Laune, Pioniergeist und Erfolg". Adlershof-Johannistal also auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts ein Ort eines neuen Aufbruch mit Leuchtturmcharakter? Ich glaube ganz fest daran! Sie haben ja am Freitag Gelegenheit, sich das selbst vor Ort anzuschauen. Der Berliner Senat jedenfalls sieht Adlershof als wichtigstes Berliner Innovationsprojekt an.

Der WISTA schließt vor allem auch die Luft- und Raumfahrttechnik ein. War bis zur deutschen Wende das gleichnamige Institut der Technischen Universität Berlin die gewichtige, aber einzige Einrichtung in diesem Bereich, so leistet dem renommierten Institut das "Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt" in Adlershof mit über 250 Mitarbeitern prominente Gesellschaft .

Mehr als achtzig Jahre nach der Einrichtung von Prüfständen der "Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt" (der DVL aus der dann später die DVLR wurde und schließlich das DLR) im Jahr 1992 Adlershof erneut zu einem seiner Forschungsstandorte. Die Arbeiten auf dem Gebiet der Weltraumsensorik des einstigen DDR-Instituts für Kosmosforschung wurden mit den DLR-Aktivitäten zur Planetenerkundung zusammengelegt. Seit Ende 1998 sind beide Einrichtungen zum Institut für Weltraumsensorik und Planetenerkundung vereint. Es entwickelt Schlüsseltechnologien auf dem Gebiet der Optik, insbesondere der optischen und Infrarotsensorik sowie der dazugehörigen Datentechnik und Informationsverarbeitung. Bei der Pathfinder Mission auf dem Mars waren das Zentrum maßgeblich beteiligt.

Wie Adlershof verändert sich auch der Standort Schönefeld gleich um die Ecke. Der Flughafen löst sich von seiner überkommenen Funktion, die er für eine gespaltene Stadt in einem geteilten Kontinent besaß. Dabei ist die Neuorientierung des Flughafens auf den europäischen und transkontinentalen Flugverkehr nicht nur historisch, sondern auch logisch begründet. Berlin war in der Vergangenheit mit gutem Grund eines der europäischen, ja internationalen Luftkreuze. Wegen seiner Lage und Bedeutung wird es diese Rolle im kommenden Jahrzehnt wieder wahrnehmen.

Wer den Blick über die Grenzen Berlins hinaus ins Brandenburgische richtet, wird sehen, dass es dazu auch an der nötigen "Hardware" nicht fehlt. Neben einer Vielzahl von kleinen, hochspezialisierten Unternehmen, ist die Luftfahrtindustrie mit klangvollen Namen und wichtigen Produktionsstandorten vertreten. BWM Rolls-Royce entwickelt und fertigt in Dahlewitz die neueste Triebwerkfamilie BR700. MTU testet die jüngst von Pratt & Whitney entwickelte Serie PW206. Die Lufthansa hat mit ihrem Flugsimulationszentrum Europas modernste Pilotenschule nach Berlin gebracht.

Kurz: Wir sehen Berlin beim "take-off" in sämtlichen Bereichen der Luft- und Raumfahrt und allgemeiner der Verkehrsforschung, aber auch bei einer Reihe weiterer Schlüsseltechnologien wie der Biotechnologie und der Informations- und Kommunikationstechnik. Die Stadt ist also auf dem Weg in eine High-Tech Zukunft. Berlin will und wird Drehkreuz in vielerlei Sinne werden. Die überragende Bedeutung der Region Berlin-Brandenburg für die deutsche Luft- und Raumfahrt ist so sicher Zukunft, wie sie Vergangenheit war.

Ich wünsche Ihrer Tagung ertragreiche Höhenflüge und Ihnen allen gute Gespräche am heutigen Abend und einen stimulierenden, angenehmen Aufenthalt im "Neuen Berlin".