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Staatssekretär Prof. Dr. Ingolf Hertel: Grußworts zur Einweihung des Synchrotronstrahlungslaboratoriums der PTB bei BESSY II
100 Jahre Radiometrie PTR 1899 - PTB 1999, 30.3.1999

Sehr geehrter Herr Präsident, lieber Herr Göbel,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
meine Damen und Herren,

gerne bin ich der Einladung zur Teilnahme an der heutigen Einweihung des Synchrotronstrahlungs-Labors der PTB bei BESSY II gefolgt. Wir feiern einen weiteren wichtigen Schritt auf dem Weg zur allmählichen Komplettierung der Mess- und Versuchseinrichtungen für BESSY II. Dass wir alle gemeinsam auf unsere Höchstbrillianz Synchrotronstrahlungsquelle BESSY II als ein Glanzstück der Berliner Forschungslandschaft stolz sein dürfen, brauche ich in diesem Kreis nicht besonders hervorzuheben. Der heutige Tag unterstreicht einmal mehr das große Engagement der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (und damit des Bundes) für den Forschungsstandort Berlin. Dies knüpft an eine schon bewährte Tradition zur Unterstützung der Forschung mit Synchrotronstrahlung in Berlin an, die schon weit im Vorfeld der Gründung von BESSY I im Jahre 1979 begann. Die PTB hat für BESSY stets weit mehr als nur eine willkommene materielle und ideelle Unterstützung geleistet. Sie hat ganz wesentlich dazu beigetragen, dass BESSY überhaupt entstehen konnte. Ohne die tatkräftige Hilfe der PTB und ohne deren selbstlosen Verzicht auf eine damals bereits sehr konkret geplante eigene Speicher-ringanlage gäbe es heute weder BESSY I noch BESSY II in Berlin.

Was die damalige Entscheidung für den Forschungsstandort Berlin bedeutete, kann man erst dann richtig ermessen, wenn man einmal versucht sich vorzustellen, wie die heutige Berliner Forschungslandschaft ohne BESSY I und BESSY II aussähe - ohne das, was im unmittelbaren und mittelbaren Forschungsumfeld seit 1979 in Berlin entstanden ist. Ein Forschungsgebiet, dessen Leuchtkraft ja weit über Berlin hinaus strahlt und das Jahr um Jahr hunderte von exzellenten nationalen und internationalen Forscherguppen nach Berlin bringt.

Ohne Übertreibung muss man feststellen, dass BESSY die Entwicklung der Berliner Forschungslandschaft im Bereich der Physik, der Physikalischen Chemie, der Materialforschung und der Biologie seit Ende der 70 iger Jahre ganz entscheidend mit geprägt hat - und die PTB war dabei stets ein ganz wesentlicher strategischer Faktor. Ich habe diese Entwicklung ja seit den Anfängen persönlich miterleben können: anläßlich meiner ersten Berufung nach Berlin im Jahre 1978 wurde ich natürlich gefragt, wie ich BESSY in meine künftigen Forschungsarbeiten einbinden wolle und - wie viele andere Forscher vor und nach mir - habe ich damals nach einem ersten Erstaunen die damit verbundene Herausforderung gerne, und wohl auch nicht ganz ohne Erfolg angenommen. Neben der PTB haben inzwischen alle Berliner Universitäten und zahlreiche Institute aus dem außeruniversitären Bereich erhebliche personelle, konsumptive und investive Mittel für die Forschung mit Synchrotronstrahlung aufgebracht und sind damit insgesamt so erfolgreich, dass sich Deutschland in diesem Arbeitsgebiet hinter den Amerikanern, Franzosen oder Japanern gewiss nicht zu verstecken braucht. Bei BESSY II entstehen inzwischen zahlreiche, von mehreren Forschergruppen gemeinsam zu nutzende Strahlrohre. Beteiligt sind u.a. alle Berliner Universitäten. Natürlich ist auch das Fritz-Haber-Institut und das Hahn-Meitner-Institut dabei, das Max-Delbrück Zentrum, die BAM und das Max-Born-Institut und - dabei bin ich sehr zuversichtlich - es wird wohl auch ein deutsch-russisches Strahlrohr entstehen.

Die Aktivitäten der PTB werden - im wörtlichen wie inhaltlichen Sinne - einen erheblichen Raum bei BESSY II einnehmen. Wir können uns ja nachher vor Ort davon selbst überzeugen. Für die PTB ist BESSY I und BESSY II natürlich vor allem eine hervorragend kontrollierbare und berechenbare Standardlichtquelle. Dabei verdient ein Name besondere Erwähnung. Sie, lieber Herr Wende, waren als "Mann der ersten Stunde" von Anfang an dabei. Die erste "urkundliche Erwähnung" - so hat man mir aufgeschrieben - findet sich im Protokoll des Lenkungsausschusses vom 22.03.1978. Sie haben die Entscheidungen damals wesentlich mit vorbereitet und durchgesetzt. Und sie haben danach durch Ihren unermüdlichen Einsatz für kontinuierliche Unterstützung gesorgt, ohne die auf Dauer Erfolge weder in der Wissenschaft noch sonst im Leben möglich sind.

BESSY II profitiert von der Unterstützung durch die PTB nicht nur durch die Errichtung und den Betrieb des heute einzuweihenden Synchrotronstrahlungs-Labors, sondern auch - wir wollen es gar nicht verschweigen - durch die Zahlung von Nutzungsgebühren, die wesentlich zur Finanzierung des BESSY-Haushalts beitragen. Wir wissen ja, dass die Grundfinanzierung von BESSY II ab 2000 im Rahmen des Plafonds für die Leibnizinstitute erfolgen wird, dass darüber hinaus aber möglichst viele weitere zahlende Nutzer benötigt werden. Die PTB ist dabei ein ganz wesentlicher Partner, aber auch die Max-Planck Gesellschaft.

Nun will ich gar nicht verhehlen, dass BESSY II nicht ausschließlich nach den Bedürfnissen der PTB konzipiert wurde. Ich bin aber überzeugt, dass die hohe Brillianz von BESSY II und der neu sich erschließende Spektralbereich auch für Ihre Arbeiten eine große Bedeutung bekommen wird. Ich will aber auch nicht verheimlichen, dass für Sie wie für viele andere Nutzer - trotz der Freude über die Aufnahme des Messbetriebs bei BESSY II - die Einstellung des Strahlzeitbetriebs in Wilmersdorf auch einen schmerzlichen Verlust an nutzbarer Strahlung im niederenergetischen Bereich bedeutet. Wir haben uns dafür angesichts knapper Ressourcen, die es optimal zu nutzen gilt bewusst entschieden.

Nun haben Sie, lieber Herr Wende, offenbar aber schon wieder eine ganz konkrete Planung zur Schließung dieser Lücke in der Schublade: den Bau eines sehr viel kleineren, und hoffentlich auch preiswerten Speicherrings - oval soll er sein, eine maximale Länge von ca.15 m haben. Ein solches Gerät könnte hier vor Ort speziell die Bedürfnisse der PTB im niederenergetischen Bereich befriedigen.

Die Entscheidungen für BESSY I wie auch für BESSY II waren sehr stark politisch und nicht nur wissenschaftlich begründet. Ich brauche das nicht zu erläutern: die besonderen Lage der Stadt im Spannungsfeld zwischen Ost- und Westeuropa und später der Aufbau- und Opferwille für die Neuen Länder nach der Wiedervereinigung. Inzwischen hat sich die Lage grundlegend geändert: aus der sympatischen Frontstadt ist die von vielen beneidete Hauptstadt geworden, deren Fähigkeit zum kohärenten Handeln und zur effizienten Nutzung der verfügbaren Ressourcen freilich von Außenstehenden noch oft bezweifelt wird. Wir werden also in Berlin künftig sehr viel mehr als bisher auf unsere eigenen Möglichkeiten, unsere Ideen und unsere Kreativität angewiesen sein. Wir dürfen uns nicht auf Mitnahmeeffekte und die Sicherung des Bestehenden beschränken, sondern müssen konsequent Perspektiven für die Zukunft entwickeln. Da die finanziellen Spielräume gering sind, wird es vor allem darum gehen, die vorhandenen Potentiale zu bündeln, zu profilieren und mit Phantasie und Kreativität zu erweitern.

Die finanziellen Kürzungen, welche seit 1993 über die Berliner Wissenschaftslandschaft hereingebrochen sind - besonders spektakulär im universitären Bereich, weniger öffentlich wahr genommen aber durchaus kontinuierlich und massiv auch bei der außeruniversitären Forschung - haben dazu geführt, dass kaum noch steuerbare Finanzmittel verfügbar sind, aus welchen innovative Ansätze und eine zukunftsweisende Strategie gespeist werden könnten. Dabei ist der Wissenschaftsstandort Berlin ja im institutionellen Bereich durchaus nicht schlecht ausgestattet: mit ca. 3,4 Mrd. DM pro Jahr gibt Berlin noch immer, gemessen an seinem Bevölkerungsanteil, im Vergleich zu anderen Bundesländern überdurchschnittlich viel für Wissenschaft und Forschung aus. Zu recht muss ich betonen, denn dies ist ja unser wichtigstes Zukunftskapital, unser einziges möchte man wohl sagen. Es fehlt uns aber derzeit ein Anreizsystem für eine kohärente, längerfristig orientierte Forschungspolitik, die gleichzeitig auch das ausgeprägte Defizit bei der Industrieforschung durch thematischen Fokussierung und durch die Bildung strategischer Allianzen im Wissenschaftsbereich kompensieren könnte. Wenn dies so bliebe, wäre der Forschungsstandort Berlin hochgradig gefährdet - und damit auch Berlin als Standort für innovative Wirtschaftsunternehmen.

Es muss also unser Ziel sein, selbst wieder initiativ zu werden, zukunftsweisend handlungsfähig. Neben den Bereichen Biotechnologie/Biomedizin, die sich nicht nur wissenschaftlich gut entwickeln sonder auch zu konkreten Anwendungen und zu marktfähigen Produkten führen, müssen wir z.B. im Bereich der Strukturforschung unsere Potentiale gut bündeln, stärken und mit Zukunftsperspektiven versehen.

Mit dem jetzt ins Leben gerufenen Strukturforschungsverbund Hahn-Meitner-Institut - BESSY sind wir, so meine ich, auf gutem Wege. Hier sind die Berliner Potentiale in ihrer Gesamtheit von kaum einer anderen deutschen Region zu übertreffen. Aber, so müssen wir fragen, wie etwa geht es nach BESSY II weiter? Nun mag diese Frage verwundern angesichts des heutigen Tages, an dem wir doch gerade die Einweihung für ein schönes neues Labor am schönen neuen BESSY II feiern. Dennoch bin ich überzeugt, dass es höchste Zeit wird, sich über die nächste Generation von Strahlungsquellen Gedanken zu machen. Daher freue ich mich besonders, dass bei BESSY und am HMI im Verbund mit DESY in Hamburg bereits intensiv an der Planung der Zukunft gearbeitet wird. Meine Verwaltung wird dies ideell nachdrücklich und soweit möglich auch finanziell unterstützen. Berlin muss auf diesem Gebiet ein unübertreffliches Kompetenzzentrum werden. Ich gehe davon aus, dass auch dabei die PTB wieder eine wesentliche Rolle spielen wird.

Meine Damen und Herren,

ein Grußwort kann nicht der Anlass sein, grundlegende Positionen Berliner Wissenschaftspolitik zu formulieren, so sehr es mich auch reizen würde, dies zu tun. Gewiss ist, dass wir trotz begrenzter finanzieller Ressourcen wieder Handlungsspielraum gewinnen müssen. Die Berliner Forschungslandschaft hat alle Chancen, ein von außen erkennbares, überzeugendes Profil zu gewinnen. Wir können den Egoismus der Institutionen überwinden und uns auf gemeinsame Handlungsziele aller für die Berliner Wissenschaft verantwortlichen Akteure einigen. Dazu habe ich das Strategieforum Wissenschaft, Forschung, Innovation eingesetzt. Die ersten Diskussionsrunden sind erfolgversprechend. Wir müssen jetzt u.a. erfolgsorientiert vermitteln, dass Berlin wegen seiner Forschungslandschaft für innovative Wirtschaftsunternehmen ein hoch attraktiver Standort ist, der zu privaten Investitionen herausfordert und die Schaffung neuer Arbeitsplätze attraktiv macht.

Erlauben Sie mir, an dieser Stelle einmal mehr an den Geist dieses Standorts zu appellieren: Wo, wenn nicht in Adlershof kann vorbildliche Zusammenarbeit zwischen Forschung, Lehre und Entwicklung - zwischen Universität, außeruniversitärer Forschung und Wirtschaftsunternehmen exemplarisch praktiziert werden? Die volle Arbeitsfähigkeit der Forschungseinrichtungen am WISTA wird zunehmend realisiert: einen Meilenstein auf diesem Wege feiern wir ja heute. Die Ansiedlung der Humboldt-Universität wird zielführend (wie man heute sagt) betrieben: die Informatik ist ja schon hier, die Mathematik wird in Kürze folgen. Ein umfassendes Beschleunigungskonzept, welches der Berliner Senat in Kürze beschließen wird, wird es ermöglichen, dass bis auf die Biologie alle naturwissenschaftlichen Institute der HU zum Jahre 2003 hier ihren Betrieb aufnehmen können. Schon zuvor wollen wir gemeinsam eine International Graduate School Adlershof schaffen, wo Lehre sich mit Praxis und Internationalität in einem internationalen, interdisziplinären Kontext vereint.

Hoch sind die Erwartungen an den Erfolg dieses Standorts. Packen wir es also an! Der heutige Tag zeigt, dass die Weichen auf Zusammenarbeit gestellt sind. Ich wünsche der PTB und BESSY alles Gute für gemeinsame künftige Vorhaben und den Mitarbeitern der Physikalisch-Technischen-Bundesanstalt eine produktive, weithin wahrgenommene wissenschaftliche Arbeit in ihrem neuen Synchrotronstrahlungslabor. Auf weitere 100 Jahre! Uns allen wünsche ich einen lehrreichen Verlauf der heutigen Veranstaltung und gute Gespräche im Anschluss.

Prof. Dr. Ingolf Hertel, email: hertel@mbi-berlin.de

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