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Staatssekretär Prof. Dr. Ingolf V. Hertel - Grußwort
Fachkongress des Deutschen Städtetages "Ausländische Studierende - willkommene Gäste" Donnerstag, dem 4. November 1999, 14.00 Uhr; Ernst-Reuter-Haus, Straße des 17. Juni 112

Liebe ausländische und deutsche Studierende,
sehr geehrte Präsidenten,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Kleinschmidt,
meine Damen und Herren,

"Es gibt Ressourcen in der Welt, die der ganzen Menschheit gehören und die allen Menschen auf unserem Planeten dienen sollten. Eine dieser Ressourcen ist Wissen. Die gesamte Menschheit hat über Generationen hin sich an der Entwicklung dieses Schatzes beteiligt, und deswegen gehört er auch allen Menschen."

Dieses Zitat eines DAAD-Stipendiaten aus dem Iran, abgedruckt in dem kleinen Büchlein "Mein Deutschlandbild", das Ihnen vorliegt, fasst treffend zusammen, warum Internationalität zum Wesen von Hochschulen und Forschungsinstituten gehört. Internationalität ist eine Haltung, eine innere Verfassung, die alle Aufgaben der Hochschule, Forschung ebenso wie Lehre, und alle Angehörigen der Hochschule vom Studierenden bis zum Hochschullehrer bestimmen sollte.

Meine Damen und Herren,

ich begrüße Sie sehr herzlich hier in Berlin, im Neuen Berlin.

1995 wurden zum ersten Mal Zweifel an der "Attraktivität des Studienstandorts Deutsch-land für ausländische Studienbewerber" laut und alle Autoritäten bis hinauf zu den Ministerpräsidenten der Länder und dem Bundeskanzler erkannten dies als "Alarmzeichen" - denn ausländische Absolventen des deutschen Studiensystems sind später die besten "Botschafter" für unser Land. Seither hat sich in und außerhalb der Hochschulen sehr viel zum Positiven verändert. Die Pflege der internationalen Beziehungen in Forschung und Lehre ist als zentrale Aufgabe der Hochschule als Institution allenthalben anerkannt. Internationale Orientierung, gerade auch in der Lehre, ist zu einem wichtigen Gradmesser für die Leistungsfähigkeit einer Hochschule geworden. Dabei ist der wohl erstaunlichste und zugleich erfreulichste Aspekt der öffentlichen Diskussion, dass gerade die Internationalisierung zugleich eine wesentliche Triebfeder für die so lange angemahnte Studienreform in Deutschland geworden ist. Die deutschen Hochschulen können sich heutzutage einem Vergleich mit den Ausbildungsstrukturen und -erfolgen anderer Länder nicht mehr entziehen und stehen vor der Aufgabe, die Konsequenzen aus diesem Vergleich zu ziehen. Alle mit dem Ausländerstudium befassten Instanzen, die Wissenschaftsminister in Bund und Ländern, die Kultusministerkonferenz, die Hochschulrektoren-konferenz, der Deutsche Akademische Austauschdienst, aber auch die Hochschulen selbst haben daher in den letzten Jahren die Voraussetzungen dafür geschaffen und die notwendigen Schritte getan, um ausländischen Interessenten ein Studium in Deutschland wieder attraktiver zu machen.

Die Erprobung von Bachelor- und Master-Studiengängen, die Modularisierung der Curricula, Einführung des Leistungspunktsystems (ECTS) und englischsprachige Studienangebote sind die Maßnahmen, die an nahezu allen Hochschulen wenn auch mit unterschiedlicher Intensität in Angriff genommen wurden. Erste Erfolge zeichnen sich bereits ab. Seit der Novellierung des Hochschulrahmengesetzes im August 1998, das jetzt Bachelor- und Masterstudiengänge erprobungsweise zulässt, sind bis zur Mitte dieses Jahres bereits 371 Anträge auf Einrichtung solcher Studiengänge in den Ländern gestellt worden; für rd. 250 liegt die Genehmigung vor, davon etwa 10% in Berlin. Dies erleichtert es ausländischen Studierenden erheblich, aus ihrem Studiensystem für einige Zeit an eine deutsche Hochschule zu wechseln. Umgekehrt können deutschen Studierenden so leichter einen Teil ihres Studiums im Ausland verbringen oder nach dem Studienabschluss im Ausland einen Beruf ausüben.

Auch die äußeren Rahmenbedingungen für den Aufenthalt ausländischer Studierender wurden verbessert. Dies gilt vor allem für die Ausländergesetzgebung und ihre Handhabung. Hochschulen, der DAAD sowie Wissenschaftsministerien in Bund und Ländern haben nachdrücklich auf die bestehenden Probleme hingewiesen. So ist im Juni 1998 schließlich eine Verständigung mit den Innenministern über eine Neuregelung der Verwaltungsvorschriften, die den Aufenthalt ausländischer Studierender regeln, erzielt worden. Dadurch sind gravierende, ein Studium in Deutschland vielfach behindernde ausländerrechtliche und arbeitsgenehmigungsrechtliche Hemmnisse für ausländische Studierende und Wissenschaftler beseitigt worden.

Übrigens darf ich an dieser Stelle eine Lanze für die so oft gescholtenen Ausländerbehörden brechen: Wenigstens diejenige in Berlin hat die meisten der nun festgelegten Verbesserungen auch vorher schon ihrem Verwaltungshandeln zu Grunde gelegt. Voraussetzung dafür ist eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Hochschule und Ausländerbehörde. Die Hochschulen müssen den Eindruck vermitteln, dass sie mit dem ihnen eingeräumten Ermessen verantwortlich umgehen und dürfen nicht jeden Dauerstudenten als wissenschaftliches Genie darstellen.

Noch ist viel zu tun. Die Länder bemühen sich um weitere Erleichterungen, insbesondere bei den Arbeitserlaubnissen. Wichtiger ist, dass auch in der Verwaltungspraxis, und zwar bei allen Stellen innerhalb und außerhalb der Hochschulen, ausländische Studierende und Wissenschaftler als "willkommene Gäste" gesehen werden - wie es der Titel Ihrer Veranstaltung fordert. Diejenigen, die Entscheidungen zu treffen haben, müssen bereit sein, ihren Handlungsspielraum verantwortlich zu nutzen und negative Erfahrungen nicht zu tabuisieren, sondern anzusprechen.

Eine Fülle weiterer Maßnahmen wurden in Aussicht genommen oder sind schon realisiert worden, um das Studium an deutschen Hochschulen für Ausländer attraktiver zu machen. Hier nur einige Stichworte:

  • Erleichterungen beim Hochschulzugang und Flexibilisierung in der Studieneingangsphase
  • Verbesserungen beim Spracherwerb bzw. verstärktes fremdsprachiges Lehrangebot
  • vermehrter Einsatz ausländischer Gastdozenten
  • Verbesserungen der Information über das deutsche Hochschulsystem, Marketing-Maßnahmen etc.

Und doch können wir uns noch nicht befriedigt zurücklehnen in dem Gefühl, alles Notwendige getan zu haben. Was helfen alle Regelungen, wenn der Umgang der Menschen miteinander nicht stimmt. Das vom DAAD veröffentlichte Bändchen, aus dem ich bereits eingangs zitiert habe, macht deutlich, wie wichtig das ist, was wir die "Atmosphäre" nennen. Wie ein roter Faden zieht sich durch fast alle Berichte ausländischer Studierender in unserem Lande die Erfahrung, dass die Deutschen überwiegend mit ihren eigenen Problemen beschäftigt sind, "keine Zeit haben", Unzufriedenheit ausstrahlen und gegenüber Fremden verschlossen sind. Die größten Defizite bestehen offenbar im Bereich der zwischenmenschlichen Kommunikation. Wir können auf diesem Feld sehr viel z.B. von den angelsächsischen Ländern lernen.

Ihre Tagung stellt beispielhaft Projekte und Initiativen in den Vordergrund, die zur Herstellung eines ausländerfreundlichen Klimas beitragen. Wir neigen in Deutschland oft dazu, Dinge formal zu regeln und unterschätzen die Bedeutung derjenigen Aspekte, welche die zwischenmenschliche Atmosphäre bestimmen. So ist auch ein englischsprachiges Studienangebot gewiss sehr wichtig, aber kein Allheilmittel, um das Studium in Deutschland besonders attraktiv zu machen. Abgesehen von der Tatsache, dass auch gute Englischkenntnisse von vielen Ausländern erst erworben werden müssen, bleibt immer noch die Notwendigkeit, Deutsch wenigstens soweit zu erlernen, dass man sich auch außerhalb des Hörsaals und des Labors gut verständigen kann. Wie schwierig das täglichen Leben ohne Kenntnis der deutschen Sprache ist, hat ein ägyptischer Student eindringlich beschrieben:

"Die Zeitspanne, bis ich die deutsche Sprache einigermaßen beherrschte, war wie ein Aufenthalt im Gefängnis. Nie konnte man sich problemlos verständlich ausdrücken. Im Bus versteht man nicht, worüber die Fahrgäste lachen oder warum sie sich beschweren."

Zum Schluss ein paar Worte zur Situation in Berlin. Die geographische Lage und die Geschichte der Stadt Berlin, insbesondere die der Nachkriegszeit im geteilten Berlin, haben dazu beigetragen, dass sich die Berliner Hochschulen als international verstanden und international orientieren mussten. Berlin hat unter allen deutschen Städten die meisten Studierenden. Derzeit sind es über 130 000, das sind etwa 7,4 % aller Studierenden in Deutschland - und dies haben wir mit einem Bevölkerungsanteil von 4,3 % zu vergleichen. Sie sehen daraus, welch hohe Priorität das Land Berlin seinen wichtigsten Ressourcen Wissenschaft, Forschung und Bildung zumisst. Internationalität ist in Berlin nicht nur ein Programm geblieben, sondern Realität: über 16 000 oder etwa 12.5 % ausländische Studierende in Berlin, weit über dem Durchschnitt der übrigen Bundesländer. Berlin pflegt 440 Kooperationen mit vertraglichen Vereinbarungen von Berliner Universitäten mit Hochschulen und Forschungseinrichtungen in aller Welt. Das Spektrum der Fächer, welche die Sprache und Kultur anderer Länder zum Gegenstand haben, ist an den Berliner Universitäten besonders reich vertreten.

Wir haben in Berlin gleich 3 Universitäten, die alle auf dem internationalen Parkett operieren: Die Freie Universität ist von ihrer Gründung her eng mit den USA verbunden und engagiert sich vornehmlich im Austausch mit Studierenden, die für eine begrenzte Zeit ihres Studiums an die FU wechseln. Die Humboldt-Universität baut auf ihren Ruf als die Berliner Universität, der aus der glanzvollen Vergangenheit vor 1933 resultiert. Sie ist ein begehrter Partner für Kooperationsvereinbarungen mit Partnern in aller Welt. Die Technische Universität - gerade heute Abend werden wir dort, schräg gegenüber von Ihrem Tagungsort, die "Queens Lecture" hören, welche die enge Verbindung der TU und Berlins mit Großbritannien dokumentiert. Die TU hat das ausgeprägteste internationale Profil: ein Ausländeranteil von rd. 19 %, ist einzigartig unter den deuschen Universitäten. Auch ein in der Kooperation mit dem Ausland engagierter Lehrkörper sowie einer Fülle von zusätzlichen Aktivitäten, die auf die spezifischen Bedürfnisse ausländischer Partner ausgerichtet sind müssen weiter unterstützt werden - bis hin zu einem ausgedehnten Nachkontaktprogramm. Besonders erfreulich ist es, dass in den letzten Jahren auch die Berliner Fachhochschulen (wir haben 8 davon und zusätzlich noch 4 Kunsthochschulen) ein dichtes Netz der Zusammenarbeit mit ausländischen Partnern aufgebaut haben, das nicht unwesentlich zu ihrer internationalen Anerkennung und Aufwertung beiträgt. Auf diese Weise haben unsere Fachhochschulen z.B. schon sehr frühzeitig die Möglichkeit eröffnet, die akademischen Grade Bachelor und Master in Zusammenarbeit mit internationalen Partnerhochschulen zu vergeben.

Mit der Rolle einer Hauptstadt verbinden sich besondere Erwartungen an die Aufgeschlossenheit, Toleranz und Mobilität der Bürger sowie an die Weltoffenheit und Weltläufigkeit von Kultur und Wissenschaft. Die Voraussetzungen sind gut; nun kommt es darauf an, dass wir sie nutzen und weiterentwickeln, und in der Begegnung mit dem Fremden eine Chance zum besseren Verständnis des Eigenen erkennen. Es gilt für Berlin und für Deutschland ganz allgemein, dass Wissenschaft und Forschung die besten Verbindungsglieder zur globalen Welt sind, und dass die ausländischen Studierenden, die in Deutschland gut ausgebildet wurden und die sich hier wohlgefühlt haben, gewiss unsere besten Botschafter in aller Welt sind.

Möge Ihre Tagung hierzu einen Beitrag leisten. Ich wünsche Ihnen anregende und erfolgreiche Tage in Berlin.

Prof. Dr. Ingolf Hertel, e-Mail: Hertel@mbi-berlin.de

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