Magnifizenz, lieber Herr Mühlhaupt, liebe Kollegen, hochverehrte Festversammlung.

 

Zehn Jahre Freiburger-Material-Forschungs-Zentrum sind wahrhaftig Grund zum Feiern, und ich freue mich, aktiv dabei sein zu dürfen. Lassen Sie mich also zunächst den Kollegen vom FMF herzlich Dank für die Einladung sagen - zumal es ja durchaus ein gutes Selbstbewusstsein und eine gewisse Risikofreudigkeit der Initiatoren belegt, wenn man so ganz ohne Vorabsprache einem der Gründer, seit über 8 Jahren in der Fremde, im fernen "preußischen Norden" tätig - dazu auffordert "zur Historie" zu sprechen, wie es so schön im Programm angekündigt ist. - Keine Sorge, ich will dies gleich vorab feststellen: das Selbstbewusstsein ist berechtigt, und Risikofreudigkeit ist allemal Grundvoraussetzung für die Führung eines Forschungsunternehmens mit dem Anspruch und Erfolg, den das FMF bisher vorgelegt hat. Herr Kollege Cantow hat dies ja soeben eindrucksvoll bilanziert. Bleibt mir eigentlich nur ein eher persönlicher Rückblick, Impressionen und Erinnerungen zusammengetragen aus den Jahren 1987 - 1992, die ich selbst mitgestalten, miterleben durfte.

Am Anfang, im Jahre 1987, steht zunächst einmal eine nüchterne Situationsanalyse

  1. Die Materialwissenschaft erlebt weltweit eine Renaissance als Grundvoraussetzung für entscheidende Zukunftsechnologien der modernen High-tech Welt. Interdisziplinarität wird dabei zu einem Schlüsselbegriff - sechs Jahre vor den einschlägigen Empfehlungen des Wissenschaftsrats. An mehreren Fakultäten der Uni-Freiburg gibt es ein großes Potenzial und Interesse für Arbeiten auf diesem Forschungsfeld. Dieses reicht von den Grundlagen atomarer und molekularer Modellprozesse bis hin zur Entwicklungstätigkeit im Vorfeld neuer Herstellungsverfahren für technische Werkstoffe. Es gibt ein Fülle von Einzelaktivitäten auf hohem Qualitätsniveau.
  2. Es fehlt aber praktisch jegliche Struktur, um die notwendige transdiszpliniere Kooperation zu unterstützen. Es gibt kaum finanzielle oder personelle Spielräume für neue Ansätze. Die apperative Ausstattung ist z.T. zwar exzellent, es gibt aber nu
  3. unzureichende ausgeprägte Mechanismen für ein effizientes Ressourcencharing. Besonders hemmend ist die katastrophale räumliche Enge, die an ein synergetisches Zusammengehen verschiedener Disziplinen gar nicht denken lassen. Seit über 20 Jahren gab es keine bauliche Erweiterung, trotz massiv gestiegener Studentenzahlen und Aufgaben.
  4. Der Aufbau Baden-Würtembergs als High-tech Land ist in vollem Gange (Hochgeschwindigkeitsdatennetz, Supercomputer, Großinvestitionen in Stuttgart & Karlsruhe). Es scheint aber so, als ginge diese Entwicklung an Südbaden weitgehend vorbei.

Ich glaube es ist fair zu konstatieren, dass das FMF damals so etwas war, wie ein Brückenkopf, ein Katalysator zur Überwindung dieser Schieflage, die inzwischen längst beseitigt ist, (soweit ich das aus der Distanz wahrgenommen habe). Ich nenne die Stichworte 15. Fakultät , Verfügungsbauten, verstärkte Industrieansiedlung etc.

Für mich persönlich weckt dieser Tag, 13 Jahre nach den ersten Ansätzen, 10 Jahre nach der Gründung und 8 Jahre nach meinem Weggang aus Freiburg, viele Erinnerungen und Assoziationen. Ein wenig fühle ich mich - als einer der Gründungsväter - an das schöne Gedicht von Erich Kästner "Der Synthetische Mensch" erinnert, wo ein moderner Vater - in der Genfabrik (würden wir heute sagen) einen - 40-jährigen Sohn bestellt und sich dabei über die Vorzüge solch raschen Aufwuchses informiert, den die neue Technik ermögliche. Ich zitiere aus von Erich Kästner:

Man brauche nun nicht mehr 20 Jahre zu warten
bis das Produkt einer unausgeschlafenen Nacht
auf dem Umweg über Wiege und Kindergarten
das Abitur und die übrigen Prüfungen macht.

Es sei ja auch denkbar, das Kind werde krank
und sei für die Welt und die Eltern nicht recht zu verwenden.
Oder es sei musikalisch! Das gäbe Zank
falls seine Eltern nicht von Musik verständen.

Nicht wahr, wer könne denn wirklich wissen,
was später aus einem anfangs ganz reizendem Kinde wird
.... und dann reimt es sich noch auf Väter und
... niemals geirrt.

Nun, das reizende Kind hat sich inzwischen prächtig entwickelt und welch großer Zuneigung es sich heute erfreut, dokumentiert diese stattliche Festversammlung eindrucksvoll.

Was den Vater betrifft: Für die Väter - ich weiß nicht mehr so ganz genau, wieviel es denn wirklich waren, am Anfang ganz wenige, später wurden es immer mehr, die dabei gewesen sein wollten - für die Väter gab es 1987 weit mehr als nur eine schlaflose Nacht. Da war zunächst viel konzeptionelle Arbeit zu leisten, eine breite Palette möglicher Themen galt es auf langfristige Tragfähigkeit abzuklopfen. Projekte und Akteure waren dem erforderlichen Verträglichkeitstest zu unterwerfen, organisatorische Konzepte waren in das bisweilen recht enge Korsett universitärer Strukturen anzupassen. Und über allen stand natürlich immer die Frage nach Finanzierbarkeit und politischer Realisierbarkeit des Projektes. So entstand dann das Gründungsmemorandum vom Dezember 1987. Wenn man es heute noch einmal durchliest, so spürt man über weite Strecken noch die ganze Komplexität der Vorhaben aus damaliger Sicht. Manches ist heute, wo der Erfolg so eindrucksvoll sichtbar ist, kaum noch zu verstehen.

Die Mütter des Unternehmens, wenn ich in diesem Bilde einmal bleiben darf, also die daran beteiligten Fakultäten, die Universiät mit all ihren Gremien und schließlich die Landesregierung, verhielten sich freilich zunächst noch eher keusch und zurückhaltend. Um es deutlicher zu sagen: ehe das Projekt verwirklicht werden konnte, galt es so manchen Widerstand zu überwinden, Zweifeler und Skeptiker zu überzeugen, erklärte Gegner, Kollegen, Politiker und Administratoren zu begeistern, als Mitstreiter zu gewinnen.

Sie können diesen Prozess - in der Perspektive durchaus ein fruchtbarer, ertragreicher Klärungsprozess - gut an der Zeittafel abzulesen: über zwei Jahre dauerte es, bis das Konzept vom akademischen Senat der Universität Freiburg beschlossen und schließlich von der Landesregierung genehmigt wurde.

Dazwischen lag eine bisweilen frustrierende, sehr bewegte aber auch hoch spannende und stimulierende Zeit, die ich persönlich auch mit dem Beginn einer ganz neuen Art der wissenschaftlichen Arbeit zwischen den Disziplinen verbinde. Auch eine Zeit guter menschlicher Kontakte, die letztlich die Basis für jede ertragreiche Forschungsarbeit sind. Ich erinnere mich an so manchen erschöpfenden Arbeitstag, an dessen Ende wir mit einem guten Glas Elsässer Riesling im Büro des Kollegen Cantow den Ärger heruntergespült oder einen kleinen Erfolg begossen haben. Ich erinnere mich an so manches nahezu konspirative Treffen mit Kollegen, Abgeordneten oder gar Staatssekretären, an Wanderungen ins Wilhelmer Tal oder an viele tollkühne Stadt- und Landfahrten in Cantows rotem Sportauto auf der Suche nach vermeintlichen Mietobjekten oder zu potenziellen Partnern aus der Industrie. Die merkwürdigste Irrfahrt dabei wohl war die Suche nach dem "Weinbauinstitut", welches der Uni-Kanzler als denkbaren Baugrund für den Neubau genannt hatte, und das sich schließlich als jener Parkplatz in Uni-Nähe entpuppte, auf dem heute tatsächlich das FMF steht.

Bis dieses 1994 bezogen werden konnte galt es freilich noch eine ganze Reihe von "übrigen Prüfungen" zu absolvieren - um bei Kästners Gedicht zu bleiben. Nicht unerwähnt bleiben darf dabei das denkwürdige Provisorium im Hof der Makromolekularen Chemie. Wir mußten damals heilige Eide schwören das Ding baldmöglichst wieder aus den Augen der Städteplaner und Architekten zu entfernen - wenn es nicht mehr benötigt würde. Ich sehe, es erfreut sich weiter hoher Beliebtheit bei den Nachnutzern.Das "Provisorium" wurde damals in Rekordzeit erstellt und bot ab November 1990 für uns damals traumhafte Arbeitsbedingungen, die auch bald zu ersten, viel beachteten wissenschaftlichen Ergebnissen führten - und erhebliche Drittmitteleinwerbungen möglich machten. Diesen Weg, hat das FMF ja inzwischen mit vorzüglichem Erfolg fortgesetzt. Hatten wir damals 50% Drittmittelfinanzierung als erstrebenswert avisiert, so erreicht das FMF heute 70% mit 38% echten Industriemitteln - das ist eine sehr beachtliche Leistung. Dabei scheint es nach wie vor zu gelingen, die Brücke von der reinen Grundlagenforschung zur Anwendung in idealer Weise zu schlagen. Ich kann Sie hier nur nachdrücklich darin ermutigen, diese Balance, die sich ja aus der engen Verbindung der Arbeit am FMF einerseits und der Forschung in den Fakultäten ergibt, weiter zu verfolgen. Denn die größten Erträge werden immer dort geerntet, wo man sie am wenigsten erwartet. Daher ist eine solide "erkenntnisorientierte" Grundlagenforschung unverzichtbare Voraussetzung für wirkliche Innovation, für bahnbrechende neue Technologien. John Polanyi, Nobelpreisträger Chemie, formulierte es einmal so: "Es ist eine sehr respektable Beschäftigung, nach Öl in der Nähe von schon bestehenden Bohrlöchern zu suchen - aber keine, die neue Milliardäre gebiert". Ich denke das FMF hat es bisher verstanden, die rechte Mischung aus grundsätzlicher wissenschaftlicher Neugierde und Anwendungsoffenheit zu einem Erfolgsrezept zu kombinieren.

Meine Damen und Herren, ich komme zum Schluss meiner kurzen Anmerkung zur Historie des FMF. Mag diese Ihnen zeigen, dass es sich auch in der Forschung lohnt, für richtig erkannte, wenn auch anfänglich kontroverse neue Wege zu kämpfen. Das FMF belegt eindrucksvoll, wie der so oft befürchteten "Auswanderung von Spitzenforschung aus den Universitäten" wirkungsvoll begegnet werden kann. Die Stichworte lauten: Bündelung und gemeinsame Nutzung von Ressourcen, interdisziplinäre Kooperation, Flexibilität, Wettbewerb und leistungsorientierte Mittelzuweisung für den Spitzenbedarf, Konzentration und Bildung kritischer Massen. Dabei gilt es auch, die weiteren Potenziale zu erschließen, welche sich aus einem konzertierten Miteinander auch mit der außeruniversitären Forschung ergeben. Hier in Freiburg bietet sich dies ja mit drei FhG-Instituten in besonderer Weise an, und das FMF hat diese Chance genutzt.

Erlauben Sie mir mit ein paar Worten des persönlichen Dankes zu schließen: Dank zunächst an den Kollegen Cantow. Ich habe es stets als Privileg empfunden, für fast fünf Jahre mit Ihnen, Herr Cantow, diesen Weg gemeinsam gehen zu dürfen, der inhaltlich spannend und ertragreich, und menschlich stimulierend und herausfordernd war. Wir waren gewiss nicht immer einer Meinung, aber wir haben uns stets zusammengerauft und so ein Optimum geschaffen. Mein besonderer Dank gilt auch Herrn Dr. Krieger, einem stets verläßlichen, ungeheuer engagierter Technischer Leiter in den Anlaufjahren, dem das FMF viel verdankt. Ich danke meinen Kollegen Gerd Strobl, Josef Honerkamp und John Briggs für viel guten Zuspruch und Unterstützung in schwieriger Zeit und last but not least, Gundolf Fleischer, der als Abgeordneter und Staatssekretär Erstaunliches für das FMF bewirkt hat. Ich weiss dies um so mehr zu schätzen, seit ich selbst die Gelegenheit hatte, in entsprechender Funktion in Berlin die relative Machtlosigkeit auch hoher politischer Ämter zu erfahren.

Mein Abschied 1992 vom FMF und der Uni-Freiburg ist mir damals nicht leicht gefallen, gerade als das Unternehmen so richtig anfing zu gedeihen, zu wachsen und zu blühen. Den Herausforderungen und Chancen beim Aufbau der Wissenschaftslandschaft im Neuen Berlin mitwirken zu können, konnte ich schließlich aber nicht widerstehen und habe den Schritt nie bereut. Gerne komme ich aber stets wieder als Gast nach Freiburg zurück, um zu sehen und mitzuerleben wie das FMF, wie die Universität und die Stadt sich kräftig weiterentwickeln. Vivat, crescat floreat und ad multos annos!

 

 

 

 

 

 

 

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