Prof. Dr. Ingolf Hertel - Reden |
Jahresempfang Adlershof 2003
der BAAG Berlin Adlershof Aufbaugesellschaft mbH, der Humboldt-Universität zu Berlin, der Initiativgemeinschaft außeruniversitärer Forschungseinrichtungen in Adlershof e. V. (IGAFA) und der WISTA-MANAGEMENT GMBH

 

Sehr geehrter Frau Vizepräsidentin des Abgeordnetenhauses Michels,
sehr geehrte Frau Staatssekretärin Junge-Reyer,
sehr geehrter Herr Staatssekretär Härtel
sehr geehrter Herr Bürgermeister Ulbricht, sehr geehrter Herr Kollege Einhäupl,

liebe Adlershofer, liebe Kolleginnen und Kollegen,

meine Damen und Herren,

bevor ich zu erfreulichen Nachrichten aus den außeruniversitären Adlershofer Forschungsinstituten komme, die Sie mit Recht anlässlich eines Jahresempfangs zu hören begehren, möchte ich Sie bitten, gemeinsam mit mir eines sehr traurigen Anlasses zu gedenken:

Ulrich Busch, langjähriger Geschäftsführer der WISTA Management GmbH, ist nicht mehr. Sein plötzlicher Tod am 6. Dezember vorigen Jahres war für alle, die am Aufbau von Adlershof aktiv beteiligt waren, ein schwerer Schlag, den wir nicht erwartet hatten. Natürlich wussten viele, dass er schwer krank war. Aber sein stetes und umsichtiges Wirken wurde schon sehr vermisst und - seinem eigenem Optimismus vertrauend - wurde die baldige Genesung und Rückkehr an die ihm zum Lebenszentrum gewordene Wirkungsstätte ungeduldig erwartet. Über zehn Jahre harmonischer, äußerst kreativer und konstruktiver Zusammenarbeit verbinden uns mit ihm. Er war ein verlässliche Partner, Ideengeber und Lösungsfinder, ein profunder Kenner der Hintergrundprobleme und verborgenen Potenziale, aber auch der Fußfallen, die uns auf dem gemeinsamen Weg nur allzu oft begleiteten. Zu plötzlich musste er uns für immer verlassen!

Es fällt schwer, sich das Leben in Adlershof in Zukunft so ganz ohne Ulrich Busch vorzustellen. Und nur im Gedenken können wir ihm all den Dank noch abstatten, der kaum je in öffentlicher Anerkennung dokumentiert wurde, und den er doch so sehr verdient hätte. Aber das hätte er wohl selbst gar nicht gewollt. Denn für ihn sollte immer nur die gemeinsame große Sache Adlershof im Vordergrund stehen und glänzen, nie seine eigene Person.

So will ich auch diese Worte des Dankes und des Gedenkens kurz halten, ganz in seinem Sinne. Ich spreche diese Worte aber, da bin ich gewiss, auch im Namen all derer, die Ulrich Busch gekannt und geschätzt haben: als einen, der Adlershof ganz maßgeblich mitkonzipiert und mitgestaltet hat. Ulrich Busch hat sein ganzes Engagement, seine ganze persönliche Kraft, seinen Ideenreichtum und seine umfassenden Kenntnisse und Erfahrungen für Adlershof gegeben. Er hat viele persönliche Opfer gebracht, zu viele vielleicht. Aber ohne ihn und dieses Engagement wäre Adlershof nicht das geworden, was es heute ist: eine Erfolgsgeschichte. Gerade in den schwierigen Anfangsjahren, als nur Wenige an ein Gelingen dieses großen Projekts glaubten, hat er mit hohem persönlichen Risiko und unermüdlichem Einsatz dafür gekämpft, hat Meilensteine gesetzt, tragfähige Ideen entwickelt, hat Konzepte entworfen und umgesetzt und Menschen in schwieriger politischer Landschaft dafür gewonnen. Er hat dieses Haus Adlershof gut bestellt und seine Erfahrungen bestens weitergegeben, an diejenigen, die heute Verantwortung tragen. Dafür sei ihm unser aller aufrichtiger und herzlicher Dank gesagt!

Ulrich Busch wird uns als Vorbild unvergessen bleiben. Die Erinnerung an unsere gemeinsamen Jahre und an unsere Freundschaft wird uns begleiten.

Adlershof, meine Damen und Herren, heute die Stadt für Wissenschaft, Wirtschaft und Medien, deren Erfolg auch die ärgsten Zweifler von damals nicht mehr bestreiten können, befindet sich nun im Jahr 13 nach der deutschen Vereinigung. Und die zwölf außeruniversitären Forschungsinstitute der IGAFA, für die ich hier spreche, arbeiten inzwischen in ihrer Mehrzahl seit elf Jahren an diesem Standort. Sie finden nationale und internationale Beachtung. Unsere Forschungsergebnisse werden weltweit hoch geschätzt. Unsere Anstrengungen, Forschung, wo immer möglich und sinnvoll auch in praktische Erträge und Produkte umzusetzen, beginnen zu greifen, wobei, wohlgemerkt, gerade die gesunde Mischung aus Grundlagenforschung und Anwendungsoffenheit, wie wir sie in Adlershof kultiviert haben, der besondere Garant für eine langfristige, nachhaltige Entwicklung ist.

Es ist sicher nicht vermessen zu sagen, dass die außeruniversitäre Forschung in der Vergangenheit die stabilisierende Basis war, der fruchtbare Boden, auf dem eine wirklich erfolgreiche Wirtschaftsentwicklung bei den kleinen und mittleren, innovativen Unternehmen an diesem Standort wachsen konnte. Dieser Prozess wird jetzt mit der zunehmenden Präsenz der Humboldt Universität, auf die wir ja schon sehr gewartet haben, noch einmal massiv intensiviert.

Die Forschungsinstitute wie die Unternehmen des Standorts erwarten aus diesem Prozess eine ganz neue Dynamik mit vielfältigen Synergien. Erste Schritte sind getan: Zahlreiche Kooperationen zwischen Firmen, Universität und IGAFA-Instituten wurden geknüpft. Mit Netzwerken wie dem Kompetenznetz Optische Technologien für Berlin und Brandenburg (OpTecBB) oder dem Zentrum für Mikrosystemtechnik (ZEMI), die ihren Schwerpunkt in Adlershof haben und zugleich überregional agieren, strahlt der Standort weit über seine Grenzen hinaus. Und viele Aktivitäten am Rande zeigen, dass wir auf dem gutem, gemeinsamen Wege sind. Ich erwähne in diesem Kontext auch die zahlreichen Adlershofer Kolloquien und das erfolgreich abgeschlossenen Kunstprojekt "Phasen", vor allem aber unseren gemeinsamen Adlershofer Dissertationspreis, der im Dezember 2002 von der WISTA-MANAGEMENT GMBH, der Humboldt-Universität zu Berlin und der IGAFA erstmals vergeben wurde. Ich weise aber auch einmal auf das erfreuliche Engagement unserer Kollegen von der Freien Universität hin, die z.B. das Kolloquium ihres wichtigen Sonderforschungbereichs 450 inzwischen im vierzehntägigen Turnus einmal in Dahlem und einmal in Adlershof stattfinden lassen. Und auch die Kollegen von der Technischen Universität Berlin sind in vielfältigen Zusammenhängen inzwischen regelmäßig am Standort Adlershof aktiv.

Eine ganze Reihe von Ihnen sehe ich hier heute unter uns. So sind wir zuversichtlich, dass Zug um Zug auch soziales Leben in Adlershof wächst und zur Selbstverständlichkeit wird - damit schließlich auch der berühmte Technologietransfer über die Köpfe gedeihen kann.

Dass wir in diesem Sinne auch international sehr attraktiv sind, zeigt schon allein die Belegung unserer beiden internationalen Begegnungszentren: 150 Gäste aus 38 Ländern haben dort im vergangen Jahr gewohnt - was schon eine beeindruckende Zahl ist, wenn man bedenkt, dass es sich hierbei ja überwiegend um längerfristige Gastwissenschaftler handelt.

Die Zahl der Mitarbeiter in der außeruniversitären Forschung in Adlershof stabilisiert sich: etwa 1500 Mitarbeiter arbeiten in den IGAFA Instituten, davon knapp die Hälfte Wissenschaftler, unter ihnen ca. 90 Diplomanden und Doktoranden. Auch als Berufsausbilder betätigen sich die Institute. Wir betreuen insgesamt 24 Auszubildende.

Auch die Finanzlage ist bislang stabil: 125 Millionen Euro setzen die IGAFA Institute jährlich um. Davon zahlt das Land Berlin weniger als ein Viertel, nämlich 29 Millionen Euro. An Drittmitteln werden 30 Millionen Euro eingeworben, darunter auch beachtliche 6,7 Millionen Euro an Industriemitteln.

Zwei Punkte nehmen wir daraus mit:

Erstens: Die Forschung in Adlershof im Vorfeld der Schlüsseltechnologien von morgen ist kompetitiv, effizient und attraktiv. In ihrem Personalbestand und im Finanzvolumen ist sie stabil - noch muss man wohl sagen, da wir alle ja die düstere finanzielle Großwetterlage nur zur Genüge kennen.

Zweitens: Adlershof ist für Berlin ein gutes Geschäft - das sollten unsere Politiker nicht vergessen - auch unter fiskalischen Gesichtspunkten: Inzwischen dürfte das Steueraufkommen der Firmen am Standort die laufenden Berliner Haushaltsausgaben für die Forschungs- und Hochschuleinrichtungen in Adlershof deutlich übersteigen.

Von zentraler Bedeutung für die Zukunft sind natürlich die Kooperationen mit der Industrie. Daher unser Appell an die Politik: Halten Sie diesen Standort stabil! Erliegen Sie nicht der Versuchung, einfach mit dem Rasenmäher manches noch schutzbedürftige Pflänzchen zu verstümmeln. Lassen Sie auch nicht den Zufall walten! Der ist ein schlechter Ratgeber beim Versuch, die Finanzen des Landes nachhaltig zu sanieren. Wir sehen einem unkoordiniertem Handeln mit eben solcher Sorge entgegen, wie den immer noch unaufgelösten und verantwortungslosen Einsparungsdrohungen an die Berliner Universitäten in dreistelliger Millionenhöhe. Berlin würde in jedem Falle massiven Schaden durch solche Torheiten erleiden. Der volkswirtschaftliche Spareffekt bliebe gleichwohl aus.

Meine Damen und Herren! Ich sprach von produktiver Normalität. Auch im vor uns liegenden Jahr 2003 sind wieder eine Fülle von Highlights bei Forschung, Kooperation und Innovation zu erwarten. Die wissenschaftliche Gesamtleistung der Adlershofer Institute für 2002 ist in ca. 900 Publikationen, über 400 auswärtigen Vorträgen und zahlreichen Patenten pro Jahr dokumentiert. Einige dieser Leistungen möchte ich an dieser Stelle stichwortartig nennen: Da ist z. B. der Innovationspreis Berlin-Brandenburg, den das Ferdinand-Braun-Institut für seine Hochleistungs-Schottkydioden und die Überführung dieser Technologie an die Firma IXYS verliehen bekam - ein für die Elektronikindustrie äußerst wichtiges Produkt, das ganz kompakte neue Hochtemperatur-Anwendungen solcher Elektronik ermöglicht.

Bei Hochtemperatur fällt mir natürlich gleich das Institut für Kristallzüchtung (IKZ) ein, das inzwischen Siliziumkarbid hochrein und präzise auf 2"-Wafern kristallisieren kann - ein wichtiges, und bisher nur sehr schlecht verfügbares Basismaterial für Hochtemperaturanwendungen überhaupt. Das Stichwort ist ausbaufähig: Hochtemperatursupraleiter können mit ganz neuer Qualität können jetzt untersucht werden: in Berkeley und bei BESSY in Adlershof durch die Anwendung von Tera-Hertz-Strahlung in bisher nie da gewesener Qualität.

Strahlungsquellen aller Art sind ja ein besonderes Merkmal Adlershofer Kompetenz, insbesondere im UV und Röntgenbereich: das Max-Born-Institut hat inzwischen demonstriert, dass man bei 13,9 nm einen Röntgenlaser stabil und mit vergleichsweise gutem Wirkungsgrad betreiben kann, also bei einer Wellenlänge, die für die künftige Lithographie der Halbleiterindustrie von zentraler Bedeutung sein wird. Auf diesem Feld arbeitet auch die Physikalisch Technische Bundesanstalt (PTB) und hat gemeinsam mit BESSY ganz neue Techniken entwickelt, um die Beleuchtungs- und Projektionsoptiken für die künftige Subminiaturtechnologie zu qualifizieren - im Adlershofer 13nm Labor natürlich. Viel spannende, neue Messtechnik wurde entwickelt: Neuartige Flugzeitmassenspektrometer beim Institut für Spektrochemie und Angewandte Spektroskopie (ISAS), eine Rundumcharakterisierung von Katalysatoren beim Institut für Angewandte Chemie (ACA). Gleich drei verschiedene Messverfahren werden simultan angewandt, um wirklich in Windeseile die besten Katalysatoren zu erkennen, die nachwachsende Rohstoffe in Chemikalien umwandeln. Beim Hahn-Meitner-Institut in Adlershof werden "Rekombinationsechos" an Photozellen gemessen - auf diese Weise will man den Defekten in Materialien auf die Spur kommen, um Sonnenlicht effizienter in Strom umwandeln zu können. Und die kleine aber feine Luftchemiegruppe der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus in Adlershof hat ein Verfahren entwickelt, wie man den Schadstoff salpetrige Säure auch am Tage in der Luft empfindlich messen kann.

Empfindlich messen kann man auch mit Röntgenfluoreszenz. Der UV- und Röntgenbereich ist, wie schon erwähnt, eine echte Adlershofer Spezialität: so analyisiert auch die Bundesanstalt für Materialforschung und -Prüfung (BAM) - z.T. gemeinsam mit der TU-Berlin, auf diese Weise alte Kupferstiche von Dürer und anderen Meistern und kann so Falsches vom Echtem sehr verlässlich trennen: mit Licht von BESSY II natürlich. Und während das Fraunhoferinstitut FIRST seine Kompetenz bei der Erprobung neuer Methoden zum Medientransport über Funk nutzt und damit z.B. Fußballfans im öffentlichen Nahverkehr mit der Übertragung von Weltmeisterschaftsspielen beglückt - was viel Geld einbringen soll -, will man beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) ganz hoch hinaus: "New Views of the Moon" heißt das neue Raumprogramm, an dessen Planung das Institut für Planetenerkundung wesentlich beteiligt ist. Und natürlich wird über Verkehr geforscht: modernste optische Technologien werden mobil vom DLR Verkehrsforschungsinstitut zur Verkehrsdatenerfassung genutzt.

Nun habe ich Sie vor lauter Begeisterung doch mit etwas viel Wissenschaft bedacht. Meine Hoffnung: der eine oder andere von Ihnen möge dadurch angeregt werden, sich in den Instituten, wo diese Highlights angerichtet wurden, etwas genauer zu erkundigen, sei es um eine Produktidee zu entwickeln, sei es, um einen schönen Zeitungsartikel zu schreiben, oder sei es auch nur aus wissenschaftsgetriebener, persönlicher Neugierde.

Ich glaube, Sie werden mit mir übereinstimmen, wenn ich uns allen wünsche, dass die steile Aufwärtsentwicklung, die Adlershof in den letzten Jahren erlebt hat, verstetigt werden möge - zum Wohle und Nutzen von und für Berlin und Deutschland.

Ich habe mit einer Abschiedsnachricht begonnen, ich ende mit einer frohen Nachricht aus dem Leben: die Leiterin des Wissenschaftsbüros der IGAFA, Frau Dr. Westphal hat am 20.1.2003 ihre erste Tochter zur Welt gebracht. Dazu gratulieren wir ihr sehr, sehr herzlich und wünschen Mutter wie Tochter beste Gesundheit viel Freude aneinander und Frau Westphal wünschen wir weiterhin Erfolg bei Ihrer Arbeit und einen hohen Wirkungsgrad. Ihr erfolgreiches und hoch effizientes Wirken für die IGAFA, für Adlershof, aber auch für die rechte Präsentation und Einflussnahme der Wissenschaft im Berliner öffentlichen Raum insgesamt hat sie zu einer unverzichtbaren Mitarbeiterin gemacht und wir wünschen ihr und uns sehr, dass es ihr gelingt in Zukunft Mutterschaft und erfolgreiche berufliche Tätigkeit harmonisch zu verbinden. Alles Gute, liebe Frau Westphal, vielen Dank für Ihre Arbeit und auf weiterhin gute Zusammenarbeit.

 

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